Unternehmen Irrsinn Der Diener Gottes, ein Leiharbeiter
Billig, willig und leicht loszuwerden: Was früher Sklaven waren, sind heute Zeitarbeiter. Sogar kirchliche Organisationen schmeißen feste Mitarbeiter raus, um sie danach günstig zu leihen. Die Zeitarbeit ist zu einem juristischen Schlupfloch verkommen, klagt Karriereberater Martin Wehrle.
Wo soll die Nächstenliebe wohnen, wenn nicht in der Caritas, dem Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche? Wer, wenn nicht ein kirchlicher Arbeitgeber, könnte der profitgierigen Wirtschaft, die nur den Namen des schnellen Gewinns heiligt, als moralisches Vorbild dienen?
In der Tat beherzigt die Caritas das Gebot "Liebe deinen nächsten wie dich selbst" - mit Betonung auf "selbst". Mit der Raffinesse eines Schmugglers ging der kirchliche Arbeitgeber beim Anheuern zum Beispiel im niedersächsischen Altenoythe vor. Eine eigene Leiharbeitsfirma, die Caritas Verein Altenoythe Dienstleistungsgewerkschaft, schleuste die Arbeiter zu Schnäppchenpreisen in den Weinberg des Herrn. Diese Geliehenen verrichteten für den Caritas-Verein Altenoythe die gleiche Arbeit wie ihre stammbeschäftigen Kollegen, waren aber in höherem Maß auf den "Lohn Gottes" angewiesen. Das irdische Gehalt ließ zu wünschen übrig. Erst im Dezember 2010 kündigte der Verein an, auf Leiharbeit zu verzichten.
Wie sah das Modell in der Praxis aus? Die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtete damals von dem Diplom-Psychologen Uwe Bening. Er hatte als Stammmitarbeiter bei der Caritas 3600 Euro brutto im Monat verdient, dieses Gehalt entsprach seiner Ausbildung. Später wurde ihm dieselbe Tätigkeit erneut angeboten - diesmal jedoch über einen Vertrag als Leiharbeitskraft. Zu 800 Euro weniger Gehalt.
Ein Drittel der rund 750 Mitarbeiter stand nicht mehr direkt bei dem Caritas-Verein unter Vertrag, sondern legte sich als Zeitarbeiter ins Zeug. Über diesen Hintereingang wurden bis 2011 die meisten neuen Mitarbeiter ins Unternehmen gelotst. Das senkt die Personalkosten und sorgt dafür, dass der Anteil der Stammbelegschaft immer mehr abnimmt.
Ursprünglich sollten Zeitarbeiter Auftragsspitzen abfangen. Wenn eine Fabrik einen Sonderauftrag bekam, benötigte sie vorübergehend zusätzliches Personal. Die Zeitarbeiter kamen und gingen mit der Arbeitsflut. Solche Einsätze unterstützten die Stammbelegschaft.
Bis 1985 trug die Leiharbeit ein enges gesetzliches Korsett: Maximal drei Monate durften Zeitarbeiter beschäftigt werden. Dieses Korsett franste in den nächsten beiden Jahrzehnten durch geschickte Lobbyarbeit der Firmen aus: auf 6, 9, 12 und 24 Monate - bis es 2003 komplett gesprengt wurde, auf Veranlassung des "Superministers" Wolfgang Clement. Der machte drei Jahre später als Lobbyist den Sack zu: Für Adecco, einen der Global Player der Zeitarbeit, trat er als Vorsitzender des Adecco-Instituts zur Erforschung der Arbeit an. Als Ziel gab Clement an, er wolle den Anteil der Zeitarbeiter in Deutschland verdreifachen. Ob er seine Einkünfte als Lobbyist wohl auch verdreifacht hat?
Mitarbeiter zum Spottpreis
Heute ist die Zeitarbeit zu einem juristischen Schlupfloch verkommen, durch das sich qualifiziertes Personal dauerhaft zum Spottpreis heuern lässt. Die Leihmitarbeiter sind von der Stammbelegschaft nicht zu unterscheiden: Sie machen dieselben Jobs. Sie bleiben über Jahre in der Firma. Nur sind sie billig, williger, leichter loszuwerden. Moderne Irrenhaus-Sklaven.
Immer mehr Firmen gründen Zwillingsunternehmen in der Zeitarbeitsbranche. Bereits 2007 fand eine Verdi-Studie heraus: Nahezu jeder fünfte Leiharbeiter war über eine Tochterfirma im eigenen Betrieb tätig. Das Prinzip ist einfach: Die linke Hand reicht der rechten Hand das Personal kostengünstig rüber, am eigentlichen Tarif vorbei.
Ein Busfahrer aus Schleswig-Holstein schilderte mir, wie sein Verkehrsbetrieb neue Fahrer nur noch über eine hauseigene Personalagentur anheuert. Diese Agentur - nennen wir sie "Transport-Personal KG" - verfügt über einen eigenen Firmensitz, einen eigenen Briefbogen und einen eigenen Geschäftsführer. Allerdings ist ihr einziges Büro, ein 20-Quadratmeter-Raum, direkt gegenüber dem des Busbetriebs.
Und der Mann, der als Geschäftsführer eingetragen ist, war davor Personaler der Busfirma. Noch heute hat er sein Büro im Hauptgebäude. Doch immer, wenn er Einstellungsgespräche für die "Transport-Personal KG" führt, spaziert er mal eben über die Straße. Nur ein paar Meter für ihn - aber Zehntausende Euro, die sein Irrenhaus durch dort abgeschlossene Verträge spart.
Leiharbeitsfirma für Bundestagsabgeordnete
Wer als Busfahrer über die Agentur eingestellt wird, bekommt ein gutes Drittel weniger Gehalt, hat nur 25 statt 30 Urlaubstage und kann, sobald es der Geschäftsführung passt, wieder vor die Tür gesetzt und durch billige Nachrücker ersetzt werden. Die Stammbusfahrer sehen diese Entwicklung mit größter Skepsis. Früher konnten sie ihre vertraglichen Arbeitszeiten einhalten. "Doch heute", erzählt mein Informant, "muss ich öfter mal zehn oder elf Stunden am Tag machen - ohne finanziellen Ausgleich. Wie sollte ich meinem Arbeitgeber erklären, dass ich 40 Prozent mehr als der junge Zeitarbeits-Kollege verdiene, aber nicht mal dieselben Arbeitszeiten wie er leisten will?"
Je mehr Stammmitarbeiter rausgeekelt werden, desto mehr Geld bleibt hängen. Und was tut der Gesetzgeber? Er hat mittlerweile verboten, dass Mitarbeiter vom Stammbetrieb entlassen und über eine Zeitarbeitsfirma wieder eingeschleust werden. Und es wurde ein Mindestlohn für die Zeitarbeitsbranche eingeführt, von 7,79 Euro im Westen und 6,89 Euro im Osten.
Aber das eigentliche Problem fasst die Politik nicht an: dass für dieselbe Tätigkeit bei selber Qualifikation im selben Betrieb unterschiedliche Löhne gezahlt werden dürfen. Was hilft ein Mindestlohn von 7,79, wenn eine qualifizierte Arbeitskraft eigentlich 15 Euro bekommen müsste?
Hier ein Vorschlag, wie sich das Problem schnell lösen lässt: Wir sollten alle Bundestagsabgeordneten, die in den nächsten Jahren nachrücken, über eine "Volks-Personal AG" zu halben Diäten anheuern. Natürlich bekommen diese Leih-Abgeordneten, im Gegensatz zu ihren Stamm-Kollegen, keine Freikarte für die Bahn, keine Mitarbeiter für ihr Abgeordnetenbüro und einen reduzierten Urlaubsanspruch. Wie lange würde es wohl dauern, bis ein Gesetz über gleiche Löhne für Leiharbeiter erlassen wäre?
Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Wehrles Buch "Ich arbeite noch immer in einem Irrenhaus". Mehr davon nächste Woche auf KarriereSPIEGEL.
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Martin Wehrle:
Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus
Neue Geschichten aus dem Büroalltag.Illustriert von Dirk Meissner; Econ Verlag; September 2012; gebunden; 320 Seiten; 14,99 Euro
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AFP/ Taronga Zoo
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