• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Berufspendler Mobilität macht krank

Mobilität: Wenn Pendeln krank macht Fotos
DPA

Lange Strecken pendeln und ständig für den Job reisen: Flexibilität gehört für viele Menschen längst zum Berufsalltag. Galten Dienstreisen früher als Auszeichnung, sind sie heute oft eine Mindestanforderung. Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter der zwangsverordneten Mobilität.

"Die Mobilität hat deutlich zugenommen. Man muss nur einmal den Blick in einen ICE werfen", sagt Enzo Weber, Wissenschaftler am Nürnberger Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB). "Das liegt aber nicht nur an den Anforderungen der Arbeitgeber, sondern auch an den Möglichkeiten und Wünschen der Arbeitnehmer." Dabei geht es den Menschen mit den fahlen Gesichtern im übervollen Großraumwagen vor allem um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So nehmen viele lieber einen langen Weg in Kauf, als etwa auf ein Eigenheim zu verzichten.

Doch immer größere Mobilität bietet nicht nur Vorteile für Unternehmen und ihre Mitarbeiter. So machten AOK und Techniker Krankenkasse im vergangenen Jahr darauf aufmerksam, dass die Dauerpendelei auch auf Kosten der Gesundheit gehen kann.

Fotostrecke

4  Bilder
Irgendwas mit Spanisch: Bilder eines Berufspendlers
In seinem Fehlzeitenreport 2012 stellte etwa das Wissenschaftliche Institut der AOK einen Zusammenhang von Fehltagen, der Zahl psychischer Erkrankungen und der Länge des Arbeitswegs fest. Eine Erkenntnis: Pendler mit großen Strecken unterliegen einem um 20 Prozent höheren Risiko, an psychischen Leiden zu erkranken.

Um so erschreckender, dass die Zahl der Pendler seit Mitte der neunziger Jahre stetig gestiegen ist. Das gilt laut IAB auch für Fernpendler, die mehr als 50 Kilometer zur Arbeit fahren. Laut Statistischem Bundesamt sind Fernpendler pro Strecke im Schnitt 74 Minuten unterwegs, fünf Tage die Woche. Über die Hälfte der Fernpendler fährt dabei mit dem Auto. Etwas weniger (43 Prozent) nutzen öffentliche Verkehrsmittel.

Konzepte der Personaler fehlen

"Im Vergleich zu früher werden immer mehr Berufsgruppen mobil. Das hat mit der Erschließung neuer wirtschaftlicher Räume zu tun. Außerdem erstreckt sich die Mobilität auf immer unterschiedlichere Qualifikationsebenen", sagt die Soziologin Gerlinde Vogl, die ein von der Hans-Böckler-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt zum Thema Mobilität und Arbeit leitet. Etwa 45 Prozent der Beschäftigten in Deutschland zählen zu den Berufspendlern. "Beispielsweise ist es heutzutage normal, dass ein Buchhalter zu den ausländischen Tochterunternehmen reist, um die Anwendung einer neuen Software zu erläutern", so Vogl.

Die Veränderungen der vergangenen etwa 10 bis 15 Jahre fasst sie so zusammen: "Früher war es eine Auszeichnung, für das Unternehmen zu reisen. Die Bereitschaft dazu war karriereförderlich. Heute ist Mobilität eine Anforderung. Und wer nicht mobil ist, muss schon triftige Gründe dafür haben." Nicht zuletzt ist in vielen Arbeitsverträgen kein expliziter Dienstort mehr aufgeführt.

Während Mitarbeiter schon längst ein Höchstmaß an Flexibilität an den Tag legten, sieht das nach Vogls Beobachtung bei der Personalpolitik vieler Unternehmen ganz anders aus: Es gebe häufig überhaupt keine Konzepte für die veränderten Anforderungen. Ein Beispiel: Ein Ingenieur, der mehrere Jahre für einen Anlagenbauer durch die Welt reist und wertvolle Erfahrungen und Qualifikationen erwirbt, muss ihrer Ansicht nach später - etwa nach der Familiengründung - die Möglichkeit haben, weniger zu reisen. Er könnte dann etwa seine Kenntnisse im Innendienst an jüngere Kollegen weitergeben. "Das ist aber bislang in den meisten Fällen nicht möglich. Vielmehr bleibt ihm derzeit häufig nichts anderes übrig, als das Unternehmen zu verlassen - und das obwohl gerade diese Branche so über Nachwuchsprobleme klagt", kritisiert die Expertin.

Daniel Rademacher/dpa/end

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Möglichkeiten für Europas Jugend
jackass 25.07.2013
Schöner Artikel zum Thema Pendeln. Wenn man sich in diesem Zusammenhang die "schönen" Worte unserer Kanzlerin zum Thema Jugenarbeitslosigkeit und Möglichkeiten anhört, könnte man nur noch kotzen. Pendeln hat immer den Abbau von Sozialen Kontakten, Geborgenheit und Familie zur Folge. Und unsere Politiker wollen diesen Wahnsinn auch noch fördern und nennen es Chance. Das ganze hat so perfide Ausmaße angenommen, das es einem nur noch schlecht wird. Ich sage die Menschen brauchen Ihr Zuhause, Ihre Familie und Ihre Freunde und Pendeln macht das alles kaputt. Diese Gesellschaft wird immer kranker.
2. Wissenschaftlich
rennflosse 25.07.2013
Zitat von sysopLange Strecken pendeln und ständig für den Job reisen: Flexibilität gehört für viele Menschen längst zum Berufsalltag. Galten Dienstreisen früher als Auszeichnung, sind sie heute oft eine Mindestanforderung. Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter der zwangsverordneten Mobilität. Immer mehr Menschen pendeln - und riskieren Krankheiten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/immer-mehr-menschen-pendeln-und-riskieren-krankheiten-a-912894.html)
"Einen Blick in den ICE zu werfen" ist neuerdings eine wissenschaftliche Methode?? Da wundert man sich über die Qualität wissenschaftlicher Arbeit nicht mehr. War es nicht so, dass auch früher Arbeiter aus den Randgebieten und Dörfern in die Stadt pendelten um zu arbeiten? Es soll nicht bestritten werden, dass heute vermehrt Leute aus der Stadt in Eigenheime am Stadtrand streben und dass dadurch vielleicht sogar mehr gependelt wird als früher. Grund dafür ist aber nicht unbedingt der Wunsch nach mehr Natur, menschenfreundlicherer Umgebung und einem Häuschen. Ursache sind vor allem die explodierenden Großstadtmieten. In Berlin können wir ein Lied davon singen, obwohl wir die Entwicklung anderer Städte erst aufholen. Viele Menschen können sich geeigneten Wohnraum in Stadtlage einfach nicht leisten. Weder als Mieter, noch als Eigentümer.
3. Pendeln wird gefördert
ColoradoAvalanche 25.07.2013
Die Pendelei zwischen Wohn- und Arbeitsort wird ist auch noch staatlich subventioniert durch die unsinnige Pendlerpauschale. Würde man die Abschaffen würden weniger Menschen pendeln, aber das ist mit der SPD und den Grünen nicht zu machen.
4. Fakten?
ra_lf 25.07.2013
"..., dass die Zahl der Pendler seit Mitte der 1990er Jahre stetig gestiegen ist." Von ? auf ? (Fern-)Pendler? Mehr als 12 Stunden pro Woche Pendeln? Da sind wir wieder bei der 6-7 Tage-Arbeitswoche.
5. Realitätsverlust
Skarrin 25.07.2013
Zitat von ColoradoAvalancheDie Pendelei zwischen Wohn- und Arbeitsort wird ist auch noch staatlich subventioniert durch die unsinnige Pendlerpauschale. Würde man die Abschaffen würden weniger Menschen pendeln, aber das ist mit der SPD und den Grünen nicht zu machen.
Typisch wertloskonservative Realitätsverzerrung: die CSDUFDP will die Pendlerpauschale sogar erhöhen, SPD und Grüne sind dagegen: Steigende Benzinpreise: Höhere Pendlerpauschale für CDU kein Tabu mehr | STERN.DE (http://www.stern.de/politik/deutschland/hoehere-pendlerpauschale-fuer-cdu-kein-tabu-mehr-1808299.html) Schuld sind sie natürlich trotzdem an allem, die Bösenlinken und Bösengrünen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Pendelverkehr - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Verwandte Themen
Fotostrecke
Lockruf der Heimat: Jobchancen auf dem Land

Fotostrecke
Lockangebote für Nachwuchskräfte: Karriere in der Provinz


Die wunderbare Welt der flexiblen Arbeit
Wir sind hier bei "Wünsch dir was"
Corbis
Für flexible Arbeitszeiten gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Modellen. Manche werden in vielen Unternehmen, andere nur ausnahmsweise praktiziert. Insgesamt arbeiten gut 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit einem solchen Stundenplan. Ein kleines Glossar der modernen Welt der Arbeitszeiten.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
Gleitzeit
Auch "gleitende Arbeitszeit" genannt, bedeutet, dass Beginn, Ende und Dauer der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit nicht festgelegt sind, sondern zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verabredet werden. Man unterscheidet "einfache" und "qualifizierte" Gleitzeit. Bei der "einfachen" Gleitzeit wird eine feste "Kernarbeitszeit" und ein "Gleitzeitrahmen" festgelegt, z.B. 7-20 Uhr Gleitzeitrahmen / 10-17 Uhr Kernarbeitszeit. Bei der "qualifizierten" Gleitzeit wird die "Kernarbeitszeit" noch einmal reduziert oder ganz abgeschafft. Vereinbart wird meist eine bestimmte Stundenzahl in der Woche, im Monat oder im Jahr. Die weitere Planung der Arbeitszeit übernimmt der Arbeitnehmer in eigener Verantwortung.
Arbeitszeitkonten
Viele Unternehmen haben mittlerweile Konten eingeführt, auf welchen die Arbeitszeit laut Vertrag, Tarif oder Vereinbarung mit der tatsächlich geleisteten Arbeit verrechnet wird. Besonders bei Modellen wie Gleitzeit oder bei Schichtarbeit werden sie eingesetzt; zudem gibt es meist Vereinbarungen, wie viel "Guthaben" oder "Schulden" auf einem solchen Konto angesammelt werden dürfen.
Sabbatical
Im Sabbatjahr ließen die Bauern Israels, so erzählt das Alte Testament, die Felder ruhen und alle Schulden wurden erlassen. In der Arbeitswelt können Beschäftigte in regelmäßigen Zeiträumen ein bezahltes Sabbatjahr nehmen, wenn sie zum Beispiel Arbeitszeit angespart oder eine Zeitlang Vollzeit für das halbe Gehalt gearbeitet haben.
Jahresarbeitszeit
Streng genommen eine Variante der Gleizeit: Arbeitgeber und Angestellte verteilen in Absprache das Arbeitszeitvolumen eines Betriebs nicht gleichmäßig, sondern flexibel über ein Jahr. Dieses Modell bietet sich dann an, wenn es vorhersehbare saisonale Schwankungen im Arbeitsaufkommen gibt.
Job-Sharing
Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich. Eine weitere Variante ist das "Job-Pairing", bei dem mehrere Kollegen ein Team bilden, das die Verantwortung, meist für ein weit gestecktes Arbeitsziel oder Projekt, gemeinsam trägt.
Vertrauensarbeitszeit
Dieses Arbeitszeitmodell hat kaum noch mit dem genauen Zeitraum zu tun, der für Arbeit aufgewandt werden muss. Es orientiert sich eher an einem bestimmten Arbeitsziel, einem Produkt zum Beispiel, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein soll. Bei der Vertrauensarbeitszeit liegt es weitgehend in der Verantwortung des Arbeitnehmers, seine Zeit und seine Arbeit zu organisieren. Überstunden gibt es bei diesem Modell nicht, dafür auch kein Zuspätkommen. Eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit aber sehr wohl, sie wird jedoch meist nicht kontrolliert.

Social Networks