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Implantate von Toten Der Knochensäger

Knochenpräparator: Vom Gebein zum Implantat Fotos
Verena Töpper

Morgens taut Uwe Hesselbarth gefrorene Knochen auf, um sie zu zersägen. Aus einem Toten werden bis zu 400 Implantate, denn die Knochen, Knorpel, und Sehnen helfen kranken Menschen. Für diese Arbeit braucht der Berliner Präparator Fingerspitzengefühl - und Metzgerhandschuhe.

Die Knochen von Dicken sind schwer zu reinigen. Das Fett verklebt die feinen Blättchen in ihrem Inneren, die Spongiosa. Immer wieder richtet Uwe Hesselbarth, 48, den Wasserstrahl auf die Knochenscheibe vor ihm. "Früher ging die Arbeit schneller, da hatten die Leute weniger Fett in den Knochen", sagt er. Seit 17 Jahren arbeitet Hesselbarth als Präparator für das Deutsche Institut für Zell- und Gewebeersatz (DIZG) in Berlin. Er stellt aus den Knochen von Toten Implantate für Lebende her.

Der Bedarf ist hoch: 2010 wurden in Deutschland mehr als 30.000 Knochen, Knorpel und Muskelgewebe von Verstorbenen verpflanzt. Oberschenkelknochen füllen als Granulat gebrochene Kiefer; Schienbeinreste stabilisieren Wirbelsäulen und Hüftprothesen; Sehnen fixieren Kniegelenke.

Anders als Metallimplantate sind Gewebeimplantate elastisch und können im Körper bleiben. "Die knochenabbauenden Zellen, die Osteoklasten, bauen das Transplantat in Wechselwirkung mit den knochenbildenden Zellen, den Osteoblasten, in eigenen Knochen um", erklärt DIZG-Chef Hans-Joachim Mönig. "Etwa ein Jahr nach dem Eingriff kann man das Transplantat im Röntgenbild gar nicht mehr erkennen."

20.000 Transplantate in 250 Formen

Es gibt in Deutschland drei überregionale Gewebebanken, die eine Zulassung für die Bearbeitung menschlicher Knochen, Bänder und Sehnen haben. Die DIZG ist die größte. Im vergangenen Jahr haben Hesselbarth und seine drei Kollegen 20.000 Transplantate in 250 Formen hergestellt.

Jeden Morgen holt sich Hesselbarth einen mit breitem Klebeband verschnürten Plastiksack aus der Tiefkühltruhe vor seinem Labor. An den meisten Tagen wickelt er zwei Ober- und zwei Unterschenkelknochen und acht Sehnen aus der Tüte.

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Hesselbarth kennt die Namen der Toten nicht, aber ihr Alter und Geschlecht und das Krankenhaus, in dem sie gestorben sind. "Wir sind uns schon bewusst, mit was wir hier arbeiten", sagt er. Er denke aber lieber an die Lebenden, die vielen Menschen, denen er mit seiner Arbeit helfe: "Im Krankenhaus auf der Krebsstation zu arbeiten, das ist ein viel härterer Job als meiner."

Wenn Hesselbarth die gefrorenen Knochen mit warmem Wasser auftaut, um sie in Stücke zu sägen, haben sie schon mehrere Untersuchungen überstanden. Ein Implantat, das eine Infektion überträgt - das wäre der schlimmste Fehler.

Hesselbarth arbeitet immer im Team. Einer reinigt, einer sägt - am nächsten Tag wird gewechselt, "so wird es nie langweilig", sagt er. Bei der Arbeit tragen die Präparatoren Kittel, Schutzbrille und Mundschutz, dazu Kettenhandschuhe, wie sie sonst zur Berufskleidung von Metzgern gehören: "Beim Sägen kommt man bis auf Millimeter an das Sägeblatt ran, das geht nicht ohne."

Knochen gelten als Arzneimittel

Die Maße der Implantate müssen genau stimmen. Sind sie nur einen Millimeter zu klein, können sie nicht mehr verwendet werden. "In der Packung muss ja drin sein, was draufsteht", so Hesselbarth.

Menschliche Knochen gelten in Deutschland juristisch als Arzneimittel. Eine zentrale Vermittlungsstelle, wie bei der Organspende, gibt es für Gewebetransplantate nicht. Bei der Versandapotheke DocMorris kann man Dübel aus menschlichen Knochen im Internet ordern: Ein 16 Millimeter langer Spongiosa-Dübel kostet 622,07 Euro. Er stammt von der Tutogen Medical GmbH, der einzigen kommerziellen deutschen Knochenbank.

Die Implantate, die Hesselbarth herstellt, kann man nicht im Internet kaufen. Es sind Maßanfertigungen für die 800 Krankenhäuser, die mit der DIZG kooperieren.

"Menschliches Gewebe ist an sich wertfrei, eine Spende des Verstorbenen an andere Menschen, denen damit geholfen werden kann", sagt DIZG-Chef Mönig. In Rechnung gestellt würden nur die Kosten der Bearbeitung, von der Entnahme der Knochen in der Pathologie bis zur Abgabe des Transplantats in der Klinik. Manchmal ist es winzig: Wenn ein Riss im Kiefer aufgefüllt werden soll, reichen oft wenige Gramm Knochengranulat.

Ein Verstorbener kann so Hunderte Patienten mit Körperersatz versorgen. Hesselbarth und sein Kollege schaffen einen Spender pro Tag. Die fertigen Implantate werden wieder eingefroren und an die nächste Abteilung übergeben.

"Bei uns kann auch ein Fleischer oder Elektriker anfangen"

Für die Kollegen dort gelten noch strengere Vorschriften. Sie arbeiten in Reinräumen, jede Pipette, die sie in die Hand nehmen, müssen sie einzeln desinfizieren. Die Implantate werden mit Salpetersäure sterilisiert, dann wird die Säure wieder ausgewaschen, manche Knochenstücke werden gefriergetrocknet. Sie sind dann bis zu fünf Jahre lang haltbar.

Eigentlich wollte Hesselbarth einmal Skelette für Medizinstudenten bauen. Nach dem Abitur jobbte er zunächst im Krankenhaus und in der Pathologie, dann erzählte ihm ein Freund von der Ausbildung zum Ingenieur für medizinisch-morphologische Präparationstechnik, ein Beruf, den es so nur in der DDR gab. Drei Jahre lang studierte Hesselbarth Kreislauf- und Nervensystem, Knochen und Organe.

Eine vergleichbare Ausbildung gibt es heute nur in Bochum, an der Berufsfachschule für Präparationstechnische Assistenten. Hesselbarth sagt, das Wissen von damals helfe ihm bei seiner Arbeit, sei aber nicht unbedingt nötig: "Bei uns kann auch ein Fleischer oder Elektriker anfangen. Hauptsache, er ist handwerklich geschickt und hat nicht zwei linke Hände."

Die Chancen für Berufseinsteiger stehen gut: Im Gegensatz zur Organspende steigt die Zahl der Gewebespender. 2010 haben in Deutschland 1451 Menschen nach ihrem Tod Gewebe gespendet, ermittelte die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation. Das sind 315 Menschen mehr als im Jahr zuvor.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Krisensicherer Job
mischpot 26.10.2011
wenn nur der Geruch nicht wär. Rohstoff gibts genug. Und Verwendung auch.
2. Knochensaeger-
Magnolie5 26.10.2011
Ich bewundere ja schon Pathologen die Leichen sezieren, da werden Organe herausgeschnitten, gemessen und gewogen, nur um eine Todesursache herauszufinden. Aber dieser Job ist die "Kroenung"! Das kann man doch nur jahrelang durchstehen, wenn man morgens aufsteht, in den Spiegel schaut uns zu sich selbst sagt: Heute rette ich Menschenleben! Danke das es Menschen gibt, die diesen Job jahrelang durchstehen.
3. -
franksterling 26.10.2011
ohne den artikel ganz gelsen zu haben muss ich schon bei der headline die stirn runzeln. es ist richtig, dass knochen und knorpel von leichen (allogen) ein segen für die medizin sind. im bereich zahnmedizin (besonders in den usa) sind die produkte nicht mehr weg zu denken. was mich stört ist dass das bild "die spender helfen und retten leben" vermittelt wird. wie beim blutspenden auch ist es so dass damit in erster linie geld gemacht wird. allogene präparate sind nämlich teuer. für einen kubikcentimeter knochen kann man ca 120 Euro rechnen, für 2,5 quadratzentimeter haut ca 150 euro. wenn man die materialien günstiger bekäme könnten auch wesentlich mehr menschen davon in genuss kommen denn die behandlungen bei denen man diese präparate benutzt sind zumindest im bereich zahnmedizin keine kassenleistung und müssen komplett vom patienten getragen werden.
4. Hallo franksterling
Magnolie5 26.10.2011
[QUOTE=franksterling;9000000]ohne den artikel ganz gelsen zu haben muss ich schon bei der headline die stirn runzeln. es ist richtig, dass knochen und knorpel von leichen (allogen) ein segen für die medizin sind. im bereich zahnmedizin (besonders in den usa) sind die produkte nicht mehr weg zu denken. was mich stört ist dass das bild "die spender helfen und retten leben" vermittelt wird. Ihre Bedenken kann ich verstehen, es gibt Pat. die jahrelang starke Schmerzen hatten und sich resigniert das Leben nahmen. Neue Operations- oder Behandlungsmethoden geben diesen Menschen wieder Hoffnung.
5. ...
St.McK. 27.10.2011
Nunja. Da ich in einem Klinikum arbeite, kann ich dazu wohl meinen Senf abgeben, sofern es sich um die nicht namentlich genannten Ganzkörperspenden handelt. Das steigen der zahlen dürfte in der Armutsrepublik wohl daran liegen das es viel Geld gibt für Ganzkörperspenden, inklusive Kostenerstattung für das "Begräbnis"(falls man das dann noch so nennen will - nen schwarzen Eimer...). Ich will die zahlen jetzt nicht nennen, da ich diese praktiken für grundsätzlich unethisch halte. Vierstellig. Zudem drehen Ganzkörperspenden sogar gestandene Ärzte um. Und eingestellt wird in deutschen Krankenhäusern und Kliniken mittlerweile nur nich was billig ist, qualifikation braucht man nur noch im akademisch-medizinschen Teil. Das ist ja alles ehr nett, das der gute Mann uns seinen Job vorstellt. Allerdings hätte er ruhig mal auf seine arbeitsbedingungen eingehen können, wie wäre es wenn er die Dienstzeiten, Ruhezeiten, Materialbedingungen und nicht vorhandene Vergütung für Mitternachtseinsätze dem geneigten Publikum preis gibt und ob dann immer noch alle sagen "och, was ein toller Service vom Institut".....
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