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Ingenieure Helden im Karohemd

Ingenieure: Helden des Aufschwungs Fotos
Nico Schaerer

Sie sind die MacGyvers der Industrie: Tüftler, die die Wirtschaft retten. Ingenieure können ihre Arbeitgeber frei wählen und erhalten nach oben offene Gehälter, sie gelten als die Glückskinder des Arbeitsmarktes. Warum gibt es dann immer zu wenige von ihnen?

Noch einmal fragt die Moderatorin, ob sich Bauleiter und Projektplaner auch wirklich freuen über diesen großen Tag. Eifriges Nicken unter gelben Helmen. Nur: Die Lage wird dadurch nicht besser. Der Durchbruch des Weinbergtunnels, der künftig den Bahnhof Oerlikon mit dem Züricher Hauptbahnhof verbindet, lässt auf sich warten. Wo längst ein dickes Loch sein sollte, prangt höhnisch eine makellose Betonwand, und das Bündnerfleisch auf den Kanapees biegt sich langsam nach oben.

Nur Oliver Boiger, 47, ist ganz ruhig. Erstens kann er jetzt eh nichts tun, er hat schon seine Leute nach unten zu "Heidi" geschickt, der Tunnelbohrmaschine. Ein stählernes Monstrum, fast zwölf Meter im Durchmesser, bewaffnet mit einem knapp 200 Tonnen schweren Schneiderad aus streng geheimen Metalllegierungen, das sich mit bis zu 20 Metern pro Tag selbst durch härtesten Fels mampft wie Pacman durchs Labyrinth.

Zweitens ist das Ruhebewahren Teil von Boigers Berufsethos, vielleicht der wichtigste. Der Ingenieur arbeitet als Bereichsleiter Field Services beim Tunnelbauer Herrenknecht, direkt unter der Geschäftsleitung. Personal, Ersatzteile, Budgetkalkulation, Überwachung der Arbeiten vor Ort - alles, was nach dem eigentlichen Bau der Bohrmaschinen in Schwanau passiert, ist Boigers Job.

"Karohemd und Samenstau"

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60 Millionen Euro Umsatz macht sein Bereich, die Fäden von mehr als zwei Dutzend Projekten rund um den Globus laufen bei ihm zusammen. Schon klingelt wieder sein Blackberry, es gibt Probleme in der Türkei. "Wenn ich mich bei jeder Schwierigkeit aufregen würde, wäre ich in der Position falsch", sagt Boiger im gemütlichen Badener Zungenschlag, ruckelt an der kantigen Brille und steckt das Handy zurück ins karierte Jackett.

Effizient, pragmatisch, zurückhaltend - Ingenieure wie Boiger sind die stillen Helden der Moderne. Ob es um die Wirtschafts- und Innovationskraft des Standorts D geht oder um die großen Herausforderungen der Menschheit wie Mobilität, Ressourcen und Klimawandel: Ohne die anwendungsorientierten Herren und Damen, die für einen guten Bohnenkaffee jeden Latte macchiato stehen lassen und bevorzugt im Casual Look, mit Kuli in der Hemdtasche, auftreten, läuft gar nichts.

In ihrem Drang, Neugier und Unzufriedenheit mit dem Status quo zu verbinden, sind sie "die Motoren des menschlichen Miteinanders", schreibt der ehemalige ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz in seinem Buch "55 Gründe, Ingenieur zu werden". Daniel Düsentrieb, MacGyver, Montgomery "Beam me up" Scotty - Ingenieure lösen anderer Leute Probleme, und sie haben Spaß dabei.

"Ingenieur ist ein klassischer Aufsteigerberuf"

Es haftet den Problemlösern nur ein kleines Problem an: Es gibt zu wenige. 76.400 Ingenieurstellen im Land seien derzeit unbesetzt, sagt die Interessenvertretung, der Verein Deutscher Ingenieure (VDI); nur 20.400 Ingenieure seien demnach arbeitslos. Jede nicht besetzte Stelle kostet die Volkswirtschaft rund 200.000 Euro im Jahr - macht in Summe 14 Milliarden Euro. "Wenn wir jetzt stehen bleiben, holen wir nie wieder auf", warnt VDI-Direktor Willi Fuchs.

Doch was Wirtschaftsstrategen und Industriekapitäne lamentieren lässt, zaubert am anderen Ende künftigen Ingenieuren ein gelassenes Lächeln ins Gesicht: Für Einsteiger und Young Professionals sind die Berufsaussichten günstig wie lange nicht. Die Arbeitslosenquote von Ingenieuren dümpelt bei vernachlässigbaren 2,4 Prozent; besonders die Fachkräfte für Maschinenbau, Elektrotechnik und Fahrzeugbau sind extrem knapp. "Aus Bewerbern sind Umworbene geworden, und das quer durch die Branchen und in allen Regionen", sagt VDI-Mann Fuchs.

Neben ordentlichen Einstiegsgehältern, abwechslungsreichen Projekten und Auslandseinsätzen winken den Tüftlern hervorragende Entwicklungschancen: Zahlreiche Vorstände und Dax-CEOs wie Martin Winterkorn (VW), Dieter Zetsche (Daimler) und Wolfgang Reitzle (Linde) sind Ingenieure; ebenso jeder fünfte Unternehmensberater im Land. "Ingenieur ist ein klassischer Aufsteigerberuf", sagt Jens Hohensee von der Personalberatung Kienbaum.

"Wenn ich etwas falsch mache, sagt's mir bitte"

Doch wo wird am besten gezahlt, wo am effizientesten gefördert? Welche Branchen bieten die spannendsten Aufgaben? Und vor allem: Warum greifen so wenige nach dem Traumjob, dessen Mythos gerade eine Renaissance erlebt?

Um 12.20 Uhr ist es in Zürich schließlich geschafft, an diesem großen Tag Ende 2010. Während die geladenen Gäste enttäuscht am Mittagstisch sitzen, stürzt die Mauer mit standesgemäßem Rrruummms ein. "Ein bewachter Topf kocht eben nicht über", sagt Boiger lapidar. Der gelernte Kfz-Mechaniker, zweiter Bildungsweg, FH Offenburg, stieg 1992 als Projektingenieur bei Herrenknecht ein, damals ein Bonsai-Betrieb mit 300 Mitarbeitern.

Heute sind es zehnmal so viele, und mit dem Wachstum stieg Boiger auf. Wie viele Ingenieure grübelt er aber lieber über der Technik als über Karrierepfaden. "Ich geb' mein Bestes, alles andere ergibt sich." Für das Kaufmännische hat er Kurse besucht, Führen schaute er sich von seinen Chefs ab, und ansonsten setzt er auf Offenheit. "Wenn ich etwas falsch mache, sagt's mir bitte", lautet die wichtigste Anweisung an seine Leute.

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insgesamt 235 Beiträge
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    Seite 1    
1. -
No_Name 05.09.2011
Zitat von sysopSie sind die MacGyvers der Industrie: Tüfttler, die die Wirtschaft retten. Ingenieure können ihre Arbeitgeber frei wählen*und erhalten nach oben offene Gehälter, sie gelten als die Glückskinder des Arbeitsmarktes. Warum gibt es dann immer zu wenige von ihnen? http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,752513,00.html
Aha. Bin selber Ingenieur. Arbeitssuche ist ne aufwändige Sache, so man sich nicht bei einem Zeitarbeitsvermittler auf eine unsichere Zukunft einlassen will. Das Gehalt liegt bei 50-60% eines Medizieners. Glückskind? - Schön wär's.
2. Glückhinder?
Micha_R3 05.09.2011
---Zitat--- ... sie gelten als die Glückskinder des Arbeitsmarktes. Warum gibt es dann immer zu wenige von ihnen? ---Zitatende--- Glückskinder? Wenn die BWLer der Verwaltung nach Hause fahren, ist für viele Ingenieure noch lange nicht Feierabend! Besser Bezahlt als die Bürostuhlpiloten werden sie meist auch nicht.
3. Pressemitteilung des INSM?
treczoks 05.09.2011
Soso, erstens hätten wir einen Ingenieursmangel und zweitens seien Ingenieure sowieso überbezahlt. Na, wenn diese Märchen nicht von der Arbeitgeberlobby INSM stammt, von wem dann?
4. Das...
zickezackehoihoihoi 05.09.2011
Zitat von sysopSie sind die MacGyvers der Industrie: Tüfttler, die die Wirtschaft retten. Ingenieure können ihre Arbeitgeber frei wählen*und erhalten nach oben offene Gehälter, sie gelten als die Glückskinder des Arbeitsmarktes. Warum gibt es dann immer zu wenige von ihnen? http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,752513,00.html
...klingt ja so ziemlich nach Schlaraffenland. Ich bin selbst zwar kein Inschenjör, aber wenn ich mich mit Freunden aus dem Bereich unterhalte (inklusive Leuten, die bei Herrenknecht beschäftigt sind) klingt das leider ganz anders. Nach oben hin offene Gehälter? Von wegen. Unbezahlte Überstunden? Sehr wohl. Willkürlich agierende Vorgesetzte? Nicht gerade die Ausnahme. Abwechslungsreiche Tätigkeiten? Gerade in den ersten Jahren eher stupdides Werte-Messen und Ausfüllen von Ecel-Tabellen. Na Prost Mahlzeit. Technik ist sicherlich was faszinierendes, aber die Unternehmen machen wirklich alles, um es langweilig erscheinen zu lassen.
5. Glückskinder? Ein Ingenieur überlässt nichts dem Glück!
Meerkönig 05.09.2011
Zitat von sysopSie sind die MacGyvers der Industrie: Tüfttler, die die Wirtschaft retten. Ingenieure können ihre Arbeitgeber frei wählen*und erhalten nach oben offene Gehälter, sie gelten als die Glückskinder des Arbeitsmarktes. Warum gibt es dann immer zu wenige von ihnen? http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,752513,00.html
Ein Ingenieur braucht Gehirn, davon haben die meisten Zeitgenossen allerdings zu wenig! Siehe Merkel, Schäuble und Konsorten!
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Trotzdem viele arbeitslose Ingenieure
Techniker sind am stärksten gefragt. "Ein Abschluss als Ingenieur ist derzeit nahezu eine Jobgarantie", so Willi Fuchs vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Den vielen offenen Ingenieursstellen - laut VDI 76.400 - standen im August knapp 20.400 Arbeitslose gegenüber. Viele seien schwer zu vermitteln, weil sie nicht die geforderte Qualifikation mitbrächten (im Fachjargon "Mismatching"), meist wegen längerer Erwerbslosigkeit - so sehen es zumindest die Arbeitgeber.
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Dauerstreit um Zuwanderer
Hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland könnten um Fachkräfte barmenden Unternehmen helfen, doch das ist ein notorisch heikles Thema. Nach langen Debatten hat die Bundesregierung Ende Juni die Vorrangprüfung für ausländische Ärzte und Ingenieure der Fachrichtung Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Elektrotechnik abgeschafft. Danach mussten Arbeitgeber bisher bei der Anstellung von Einwanderern immer erst nachweisen, dass der Arbeitsplatz nicht auch mit einem vergleichbar qualifizierten Deutschen besetzt werden kann.

Außerdem wurde angekündigt, ausländische Berufsabschlüsse schneller und unbürokratischer anzuerkennen als bisher - auch als Willkommenssignal. Gabriele Sons von Gesamtmetall plädierte dafür, die Gehaltsgrenze für die uneingeschränkte Anwerbung qualifizierter Ausländer zu senken: von derzeit 66.000 auf rund 40.000 Euro im Jahr. Den Vorschlag unterstützt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und die FDP-Fraktion im Bundestag. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) kritisiert den Status quo: Es könne nicht sein, "dass ein Zuwanderer mehr verdienen muss als ein Hochschulprofessor, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen".
Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?
In den Hörsälen und Labors des klassischen Ingenieurstudiums: eher nicht. In allen MINT-Fächern war 2009 ein Drittel aller Absolventen weiblich, in den technischen Disziplinen aber nur gut ein Fünftel, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Bisher gelingt es den Ingenieurwissenschaften kaum, junge Frauen für ein Technikstudium zu begeistern. (mamk/jol)


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