Synchronsprecherin Diese Stimme kennt jeder
Ingrid Metz-Neun kann man kaum entkommen. In Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main oder Düsseldorf sagt sie die Haltestellen an, im Hotel weckt sie, am Flughafen ruft sie zum Gate. Sie tönt auch aus dem Fernseher, aus Telefon und Navi. Und findet Ansagensprechen stinklangweilig.
Ein Satz, drei unschuldige Wörter - und manche Männer sind so elektrisiert, dass sie sich gar nicht rühren wollen. "Fahrtende, bitte aussteigen." Dass sich von dieser Ansage jemand angetörnt fühlen könnte, hätte Ingrid Metz-Neun nicht gedacht, als sie 1976 die Haltestellen für die Frankfurter Verkehrsbetriebe auf Band sprach. Aber dann kamen die Briefe und Telefonanrufe. Und Jobangebote. Viele Jobangebote.
Mittlerweile dürfte es kaum einen Deutschen geben, der ihre Stimme noch nie gehört hat. Sie spricht die U-Bahn-Ansagen in Frankfurt am Main, Berlin, Düsseldorf oder Hamburg. Man hört sie in Bussen, Bahnhöfen, Ausflugsdampfern, Straßenbahnen und Flughäfen im ganzen Land. Im Fernsehen preist sie Lenor an, Raffaello, Campari oder Jacobs-Kaffee, im Hotel spricht sie den Weckruf, im Navigationsgerät weist sie den Weg.
Die meisten Ansagen nimmt sie nachts auf. Tagsüber hat sie keine Zeit, da kümmert Ingrid Metz-Neun sich um ihren eigentlichen Job: Sie synchronisiert Filme. 120 Produktionen aus mehr als einem Dutzend Ländern hat sie zusammen mit ihrem Team in diesem Jahr schon übersetzt: Zeichentrickfilme aus Japan, Komödien aus Bollywood, Thriller aus Schweden.
Die Stimme der inzwischen 62-jährigen Ingrid Metz-Neun klingt so schön und jung, wie ein Topmodel aussieht. Sinnlich, weich, wandelbar. In die Kleidung eines Topmodels hat die Synchronsprecherin aber noch nie gepasst.
Ein Vierteljahr lang mühte sich einer ihrer Verehrer, der sich bei einer U-Bahnfahrt in ihre Stimme verliebt hatte, um ein Treffen mit ihr. Jeden Abend rief er an. Er war witzig und hatte eine angenehme Stimme, aber kennenlernen wollte Metz-Neun ihn nicht. "Ich dachte, er ist bestimmt furchtbar enttäuscht, wenn er mich sieht", sagt sie. Er war es nicht. Die beiden hätten fast geheiratet.
Als junge Frau hat sich Metz-Neun ihre Kleider und Blusen selbst genäht - und zwei Boutiquen für Übergroßenmode gegründet. "Das lief super, die Nachfrage war riesig", erzählt sie. Irgendwann habe sie sich aber entscheiden müssen: Modedesignerin oder Synchronstudiochefin?
Mittlerweile besitzt sie vier Tonstudios, beschäftigt acht Mitarbeiter, arbeitet mit Dutzenden freien Übersetzern, Sprechern und Regisseuren zusammen. Der Anstoß zur Gründung des eigenen Tonstudios kam 1987 von ihrer Bank. Einem Bankberater war aufgefallen, dass Metz-Neun zwar einen riesigen Umsatz machte, aber kaum Gewinn: "Ich musste mich für die Sprachaufnahmen immer bei anderen einmieten, und das war richtig teuer."
Mit dem eigenen Studio kamen noch mehr Anfragen, schnell wurden die Räume zu klein. "Wie Akquise geht, weiß ich gar nicht, das hat sich immer alles so ergeben", so Metz-Neun. 1997 ließ sie sich in Offenbach eine ehemalige Lederfabrik umbauen, dort hat nun auch ihr Sohn Gunnar sein Büro. Er ist auf digitale Bildbearbeitung spezialisiert, als Jugendlicher hat er die "Power Rangers" synchronisiert. "Ich habe ihn schon als Kleinkind immer mit zur Arbeit genommen, das ging ganz problemlos", sagt seine Mutter. In der Branche sei man generell sehr tolerant.
Wie als Beleg fegt ein Hund um die Ecke, "unser Studiohund", sagt Metz-Neun. Sie ist eine quirlige Frau, lacht viel, ihren Mitarbeitern gibt sie Küsschen zur Begrüßung und zum Abschied, sie nennt sie "Schatzi" oder "mein Schöner". In den achtziger Jahren hat sie die Kinderserie "Glücksbärchis" synchronisiert. Die Tonlage hat sie immer noch drauf. Eigentlich wolle sie bald mal in Pension gehen, sagt Metz-Neun, "aber es gibt einfach so viel zu tun".
Wenn sie nicht gerade selbst im Tonstudio spricht oder Regie führt, koordiniert sie neue Aufnahmen, unterrichtet Nachwuchssprecher oder sucht geeignete Filmstimmen. Mit den bekannten Hollywoodstar-Synchronsprechern hat Ingrid Metz-Neun aber selten zu tun. Die meisten ihrer Filme kommen auf DVD heraus, laufen auf Privatsendern oder in Spartenkinos. Oft weiß sie noch nicht einmal, unter welchen Titeln.
Zubrot für Theaterleute
Metz-Neun bekommt die Streifen von Firmen, die sich auf Rechteverwertung spezialisiert haben. Sie kaufen die Filme auf großen Messen, lassen sie von Leuten wie ihr synchronisieren und verkaufen sie dann weiter. "Dieser Markt ist viel größer als der traditionelle Kinomarkt", sagt die Sprecherin. Allerdings ist er auch deutlich unorganisierter.
Manchmal bekommt Metz-Neun auch Filme ohne Drehbuch - auf Japanisch, Norwegisch oder Chinesisch. "Dann muss man erst mal herausfinden, worum es eigentlich geht und was das im Film für Personen sind." Nur so könne sie die passenden Stimmen finden: "Wenn jemand etwas Arrogantes in der Stimme hat, wird man ihm nie die Rolle eines Junkies abnehmen."
Ein Übersetzer geht den Film Satz für Satz durch und schreibt ein neues Drehbuch. Es wird dann vom Regisseur während der Tonaufnahme so geändert, dass es zu den Lippenbewegungen passt. "Ein Sprecher soll sich auf die Figur drauflegen. Es muss absolut authentisch klingen", sagt Metz-Neun. "Dann achtet man auch gar nicht so genau auf die Lippen. Das macht man erst, wenn man das Gefühl hat: Mit der Stimme stimmt was nicht."
150 Euro bekommt ein Sprecher bei Metz-Neun im Schnitt für eine Stunde, für jede weitere sind es 100 Euro. "Das ist vor allem für viele Theaterleute ein festes Zubrot", sagt sie. Auch sie wollte ursprünglich Schauspielerin werden. An der Frankfurter Schauspielschule hatte sie sich mit 16 Jahren ohne Wissen der Eltern und mit falschem Alter angemeldet. Sie brach ihre Banklehre ab, zog von zu Hause aus, finanzierte ihren Lebensunterhalt mit Schreibarbeiten.
Dann kam der erste Sprecherjob: ein Kino-Werbespot. "Wir sprachen das in einer Garage ein. Immer wenn ein Auto vorbeifuhr, mussten wir von vorne anfangen", sagt Metz-Neun und lacht. Ihre Schauspiellehrerin sei damals furchtbar wütend auf sie gewesen. Werbespots sprechen, das sei doch unter ihrer Würde. Metz-Neun kann das nicht nachvollziehen: "Im Theater ist doch nur die Probe interessant und die ersten zehn Aufführungen, dann wird es langweilig." In 45 Jahren habe sie bisher nur einmal an ihrer Arbeit gezweifelt: als sie im Hotel morgens von ihrer eigenen Stimme geweckt wurde.
Wie klingt Ingrid Metz-Neun im Film? Hören und sehen Sie selbst - in drei Ausschnitten aus "Die Zeit, die uns noch bleibt", "Die Mumins auf Kometenjagd" und "Tortour d'amour".
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