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Insektenzüchter Showdown im Gewächshaus

Herr der Insekten: Showdown im Gewächshaus Fotos
Helmut Haardt

Rund um Helmut Haardt ist das große Krabbeln. Er züchtet Insekten aller Art, von Raubwanzen bis Marienkäfer. Haardt füllt sie in Röhrchen und verschickt sie mit der Post - 100 Schlupfwespen kosten 10,59 Euro. Oder wenn's etwas mehr sein darf: 50 Millionen Würmer für 17,73 Euro.

Nur wenige Millimeter groß, ein blassgelber Körper mit winzigen Flügelchen, dazu ein nicht sehr beeindruckender Mini-Stachel. Schlupfwespen heißen sie und gehören der Gruppe der Hautflügler an, 100 Stück für 10,59 Euro. Aber wer, bitteschön, kauft solche Insekten?

Hunderte Bestellungen gehen jeden Tag bei Helmut Haardt und seinen Mitarbeitern der Firma re-natur ein. Denn seine Schlupfwespen haben eine besondere Eigenschaft: Sie haben es auf Blattläuse abgesehen. Dabei geht die Schlupfwespe vor wie in einem Horrorfilm: Mit einem Stachel legt sie ein Ei im Körper der Blattlaus ab. Wenn daraus eine Larve schlüpft, frisst sie die Blattlaus von innen auf, verpuppt sich in ihrem toten Körper und schlüpft schließlich als erwachsene Schlupfwespe aus ihm heraus. Dann beginnt das Spiel von vorn.

"Eine Schlupfwespe schafft bis zu 1000 Blattläuse", sagt Haardt, 52. "Eigentlich ganz schön grausam." Aber so richtig Mitleid hat er nicht, diese Eigenschaft der Schlupfwespe sichert nun einmal seinen Lebensunterhalt.

Der Kassenschlager sind Winzling-Würmer

Helmut Haardt ist ein sympathischer Mann. Lichtes Haar, rundliches Gesicht, unter dem Schnurrbart lugt ein Lächeln hervor - wer ihn sieht, ist sicher: Dieser Mann könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber sein Beruf ist der Tod in der Insektenwelt. Haardt zählt zu den wenigen Züchtern für Schlupfwespen in Deutschland - aber die Nachfrage nach den kleinen Monstern steigt rasant.

Jeder, der etwas gegen Blattläuse hat (und das sind viele, vom Hobbygärtner bis zum Gewächshausbetreiber), hat die Wahl: Entweder beseitigt man die Schädlinge auf herkömmliche Weise, mit Insektiziden - aber immer weniger Menschen möchten das, Chemie auf ihre Pflanzen kippen. Oder man setzt auf die Alternative, und dabei hilft Haardt. "Biologischer Pflanzenschutz" besteht im Wesentlichen aus Nützlingen: nützlichen Insekten, die Jagd auf die Schädlinge machen. Gut gegen Böse, Showdown im Gewächshaus.

Für fast jeden Schädling kann man bei Helmut Haardt und seinen Kollegen einen Gegenspieler erstehen: Raubwanzen erledigen Weiße Fliegen, die besonders gern Tomaten fressen; Marienkäfer machen Jagd auf Schmierläuse; Raubmilben töten Spinnmilben. Sein Kassenschlager aber sind die sogenannten Nematoden, mikroskopisch kleine Würmer, die es auf Käferlarven abgesehen haben. Ein Paket mit 50 Millionen Stück kostet 17,73 Euro.

"Die Leute rennen mir die Bude ein"

Entdeckt hat der Agrarwissenschaftler die Nützlinge schon im Studium in Kiel. "Ich habe mich damals sehr für Pflanzenschutz interessiert", erzählt er. "Allerdings hat mich die ganze Chemie damals sehr gestört." An eine ökologische Variante habe Anfang der achtziger Jahre noch kaum jemand gedacht. Ein paar Ökogärtnereien experimentierten mit den kleinen Killern, aber kaufen konnte man sie nirgendwo.

Nachdem Helmut Haardt seine Doktorarbeit - natürlich über Schlupfwespen - fertiggestellt hatte, machte er sich selbständig. Zuerst wollten nur wenige etwas von seiner Idee wissen. Gemüsegärtner wollten schließlich weniger, nicht mehr Insekten im Gewächshaus haben. "Möglichst steril sollte alles sein", sagt Helmut Haardt. "Dabei hat chemischer Pflanzenschutz eine lange Tradition."

Mittlerweile hat sich das geändert. "Die Leute rennen mir die Bude ein", so Haardt. Schon morgens um acht klingelt das Telefon, die Leute bestellen oder wollen erst einmal nur beraten werden. Haardt ist ein Meister im Erklären. Gerne ahmt er seine Schlupfwespen nach, wie sie die armen Blattläuse anpieksen, oder imitiert die gefräßigen Spinnmilben. Die Leute verstehen schnell: Das, was er macht, ist sinnvoll.

Mittlerweile hat Haardt sein Angebot erweitert. Jetzt können Kunden auch die Bösen bestellen: Blattläuse, Getreideläuse, Haferblattläuse, die er in einem kleinen Raum bei Kunstlicht züchtet. Millionen kleine schwarze Punkte krabbeln über die dünnen Blätter von Weizenpflanzen, über die Regale, an der Tür. "Falls jemand zuhause seine eigene Schlupfwespenzucht aufmachen will", sagt Haardt ganz selbstverständlich. "Dann braucht man doch Läuse als Futter."

  • Miriam Olbrisch (Jahrgang 1986) ist Redakteurin des Kinder-Nachrichtenmagazins "Dein SPIEGEL".

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1. Hauptsache die Art stimmt
magicmat 22.08.2011
Solange die von ihm gezüchtete und verkaufte Art nicht auch an Schmetterlingsraupen geht...
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