KarriereSPIEGEL: Insolvenzverwalter kommen, wenn's brennt - und machen sich beim Löschen oft unbeliebt, indem sie Unternehmen zerschlagen und Stellen streichen. Was für Menschen sind das, für wen eignet sich dieser Beruf?
Pöllmann: Insolvenzverwalter sind in der Regel starke Persönlichkeiten. Sie müssen es aushalten, in ihrem Berufsleben permanent im Mittelpunkt zu stehen, Entscheidungen zu treffen und Kommandos zu geben. Das ist nicht einfach. Ein Insolvenzverwalter ist wie ein Kapitän. Er steht auf der Brücke, trägt die Verantwortung für hohe Sachwerte, aber auch für das Leben vieler Menschen. In schwierigen Situationen ist ein kühler Kopf gefragt, und vor allem Mut.
KarriereSPIEGEL: Welche Stationen durchlaufen Insolvenzverwalter, bevor sie mit einem spektakulären Mandat betraut werden?
Pöllmann: Den Beruf des Insolvenzverwalters lernt man in der Praxis. Natürlich sollte ein Bewerber möglichst viel juristisches und betriebswirtschaftliches Wissen mitbringen. Aber das eigentliche Rüstzeug lässt sich akademisch nicht vermitteln. Deshalb ist die Tätigkeit bei einem erfahrenen Insolvenzverwalter obligatorisch. Junge Insolvenzverwalter werden zuerst bei kleineren Fällen eingesetzt und müssen Urteilsvermögen, soziale Kompetenz und Eigenverantwortlichkeit beweisen. Im zweiten Schritt erfolgt die Beauftragung mit größeren, komplexeren Verfahren. Nicht ganz unwichtig ist da ein bestimmtes Lebensalter, denn für den Erfolg einer Insolvenzabwicklung ist innere Ruhe von Vorteil. Generell ist Ende 20 ein gutes Alter für den Einstieg.

Pöllmann: Das Gesetz sieht einzig vor, dass der Insolvenzverwalter ein "hinreichend Geschäftskundiger" ist - was immer das heißt. Die Praxis schaut allerdings anders aus: Rund 98 Prozent aller bestellten Insolvenzverwalter sind Rechtsanwälte. Ein Jurastudium ist somit Pflicht. Darüber hinaus muss der Insolvenzverwalter über eine sehr gute Einschätzung quer durch alle Rechtsgebiete verfügen. Wir suchen Generalisten. Ein großes Plus ist, wenn Einsteiger schon mal unternehmerisch tätig waren. Denn ein Insolvenzverfahren ist eine "umgekehrte" Unternehmensgründung - mit all ihren Schwierigkeiten. Dazu gehören die Beendigung von Verträgen, die Beurteilung rechtlicher Verhältnisse, von Eigentumsverhältnissen, Sicherheiten und vieles mehr. Dafür ist ein breites juristisches Problembewusstsein gefragt.
KarriereSPIEGEL: Bei größeren Mandaten arbeiten Insolvenzverwalter in Teams, zu denen auch Nachwuchskräfte gehören. Ist das der Pool, aus dem sich die Insolvenzverwalter von morgen rekrutieren?
Pöllmann: Die Nachwuchskräfte arbeiten zuerst neben dem Insolvenzverwalter bei kleineren Projekten mit. Dann dürfen sie bei der ersten kleineren Insolvenz mit dabei sein und später auch selbst akquirieren. Sie bekommen somit eine Plattform, um sich selbst zu verwirklichen. Der Aufstieg ist etwas Individuelles und kann nicht vorausgesagt werden. Die Teams aber bieten den Nachwuchskräften ein perfektes Umfeld. Diejenigen, die das richtig nutzen können - das sind die Insolvenzverwalter von morgen.
KarriereSPIEGEL: Welche Karrierechancen eröffnet dieser Beruf?
Pöllmann: Der Beruf des Insolvenzverwalters ist Karrierechance an sich. Ein Insolvenzverwalter arbeitet eigenständiger als angestellte Kollegen in anderen Bereichen des Rechts und hat damit auch mehr Möglichkeiten. Der junge Insolvenzverwalter kann sich hocharbeiten und ist selber für seinen Erfolg verantwortlich. Wenn er Talent hat, wird er auch ein großes Verfahren an Land ziehen.
KarriereSPIEGEL: Können Sie Hausnummern für das Einkommen nennen?
Pöllmann: Insolvenzverwalter ist ein Risikojob. Die Einstiegshürden sind hoch - von der Ausbildung über die Lehrjahre in einer großen Sozietät bis zur Gründung der eigenen Kanzlei. Andererseits zählen Insolvenzverwalter zu den Juristen mit den besten Verdienstchancen. Als angestellter Anwalt steigen Sie in einer Insolvenzkanzlei der Insolgroup in der Regel mit einem Anfangsgehalt von rund 40.000 bis 50.000 Euro jährlich ein. Dazu kommen die Kosten für die Weiterbildung und eine qualifizierte Ausbildung zum Insolvenzverwalter, die meist der Arbeitgeber trägt. Nach fünf Jahren als Insolvenzverwalter sind 120.000 Euro und mehr drin - je nach Qualität der Verfahren und Engagement des Verwalters.
KarriereSPIEGEL: Insolvenzverwalter tragen große Verantwortung. Können sie für Fehler persönlich haftbar gemacht werden?
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KarriereSPIEGEL: Ist Insolvenzverwalter auch eine berufliche Option für Quereinsteiger?
Pöllmann: Quereinsteiger sind in der Branche eher unüblich, ihnen fehlt das notwendige Know-how und das Gefühl für die alltägliche Arbeit des Insolvenzverwalters. Allein akademisches Wissen reicht hier nicht aus. Es ist essentiell, von Anfang an dabei zu sein.
KarriereSPIEGEL: Wie verändert sich das Berufsbild in der Zukunft?
Pöllmann: Unsere Gesellschaft verändert sich von einer Produktionsgesellschaft zu einer Wissensgesellschaft. Das hat gravierende Auswirkungen für die Insolvenzverwaltung. Den Wert eines Unternehmens bestimmen nicht mehr die Sachwerte, sondern Wissen und Know-how von Mitarbeitern und funktionierenden Einheiten. Ihre Erhaltung hat daher oberste Priorität, nicht etwa die Zerschlagung und Verwertung von Produktionsstätten. Eine Fortführung verlangt vom Insolvenzverwalter aber wesentlich mehr Know-how als eine Abwicklung. Von uns wird also immer mehr unternehmerisches Geschick erwartet. Das macht den Beruf aus meiner Sicht noch interessanter.
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