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Insolvenzverwalter Der Letzte macht das Licht aus

Bruchlandungen: Wenn der Insolvenzverwalter kommt Fotos
Corbis

Legt ein Betrieb eine Bruchlandung hin, rücken Spezialisten mit Pleitegeier-Image aus: Insolvenzverwalter beerdigen überschuldete Unternehmen und verteilen die Reste unter Gläubigern. Im Interview erklärt Kanzleigründer Hanns Pöllmann, was Insolvenzverwalter können und wissen müssen.

KarriereSPIEGEL: Insolvenzverwalter kommen, wenn's brennt - und machen sich beim Löschen oft unbeliebt, indem sie Unternehmen zerschlagen und Stellen streichen. Was für Menschen sind das, für wen eignet sich dieser Beruf?

Pöllmann: Insolvenzverwalter sind in der Regel starke Persönlichkeiten. Sie müssen es aushalten, in ihrem Berufsleben permanent im Mittelpunkt zu stehen, Entscheidungen zu treffen und Kommandos zu geben. Das ist nicht einfach. Ein Insolvenzverwalter ist wie ein Kapitän. Er steht auf der Brücke, trägt die Verantwortung für hohe Sachwerte, aber auch für das Leben vieler Menschen. In schwierigen Situationen ist ein kühler Kopf gefragt, und vor allem Mut.

KarriereSPIEGEL: Welche Stationen durchlaufen Insolvenzverwalter, bevor sie mit einem spektakulären Mandat betraut werden?

Pöllmann: Den Beruf des Insolvenzverwalters lernt man in der Praxis. Natürlich sollte ein Bewerber möglichst viel juristisches und betriebswirtschaftliches Wissen mitbringen. Aber das eigentliche Rüstzeug lässt sich akademisch nicht vermitteln. Deshalb ist die Tätigkeit bei einem erfahrenen Insolvenzverwalter obligatorisch. Junge Insolvenzverwalter werden zuerst bei kleineren Fällen eingesetzt und müssen Urteilsvermögen, soziale Kompetenz und Eigenverantwortlichkeit beweisen. Im zweiten Schritt erfolgt die Beauftragung mit größeren, komplexeren Verfahren. Nicht ganz unwichtig ist da ein bestimmtes Lebensalter, denn für den Erfolg einer Insolvenzabwicklung ist innere Ruhe von Vorteil. Generell ist Ende 20 ein gutes Alter für den Einstieg.

Insolvenz - nicht immer das Aus
Wann kommt es zu einer Insolvenz?
Zur Insolvenz kommt es, wenn die Zahlungsunfähigkeit droht oder eingetreten ist oder das Unternehmen überschuldet ist. Wenn kein Geld mehr in der Kasse ist, sagt man umgangssprachlich auch, dass eine Firma pleite ist. Das Unternehmen oder ein Gläubiger stellen dann nach der Insolvenzordnung beim Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Umgangssprachlich: Sie melden Insolvenz an.
Welche Ziele werden mit dem Insolvenzverfahren verfolgt?
Zweck des Verfahrens ist in erster Linie, die Gläubiger zu befriedigen, indem das noch bestehende Vermögen des Unternehmens verwertet und der Erlös verteilt wird. Werden alle Gläubiger entsprechend der errechneten Insolvenzquote ausgezahlt, wird das Verfahren beendet und die Firma gelöscht. In den meisten Fällen, bei vielen kleineren Unternehmen, ist aber nur noch so wenig Vermögen ("Masse") vorhanden, dass gar kein Verfahren eröffnet werden kann. Dann wird das Unternehmen liquidiert, das heißt gelöscht.
Warum muss Insolvenz nicht das Aus bedeuten?
Mit der Reform des Insolvenzrechts 1999 kam ein weiteres Ziel dazu, nach dem Vorbild des US-Insolvenzrechts, das mit seinem "Chapter 11" Pate stand. Die bis dahin gängigen Begriffe Konkurs, Vergleich bzw. Gesamtvollstreckung (in den neuen Bundesländern) wurden durch den einheitlichen Begriff Insolvenz ersetzt. Wenn das Unternehmen grundsätzlich als lebensfähig erachtet wird, wird in einem Insolvenzplan dafür eine Regelung getroffen. Das bedeutet, die Insolvenz markiert nicht das Ende - sondern steht am Anfang eines Sanierungsprozesses, bei dem so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten bleiben sollen. Das Unternehmen produziert oder arbeitet weiter, und es wird nach Investoren gesucht, die die Firma dauerhaft übernehmen wollen.
Wie läuft das Insolvenzverfahren praktisch ab?
Weil oft Eile geboten ist, ernennt das Gericht sofort einen vorläufigen Insolvenzverwalter. Er macht sich unverzüglich an die Arbeit, noch bevor das Insolvenzverfahren förmlich eröffnet wird. Er erhält besondere Vollmachten und ist quasi Chef im Haus. Er spricht mit potentiellen Investoren und versucht, mit Sparplänen die Kosten zu drücken. Der Geschäftsbetrieb läuft - soweit möglich - währenddessen weiter. Zugleich muss der Insolvenzverwalter versuchen, die Gläubiger von seinen Plänen zu überzeugen; dazu gibt es eigens einberufene Gläubigerversammlungen.
Wer kommt als Insolvenzverwalter in Betracht?
Der Insolvenzverwalter ist in der Regel ein erfahrener Jurist und Betriebswirt. Es gibt nicht viele Fachleute, die mit dieser heiklen Aufgabe betraut werden: Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) hat nach eigenen Angaben auf seiner Internet-Seite lediglich 435 Mitglieder. Große Insolvenzen sind bisher nur von einem kleinen Kreis von Insolvenzverwaltern bearbeitet worden.
KarriereSPIEGEL: Welche Voraussetzungen muss man in diesem Beruf erfüllen?

Pöllmann: Das Gesetz sieht einzig vor, dass der Insolvenzverwalter ein "hinreichend Geschäftskundiger" ist - was immer das heißt. Die Praxis schaut allerdings anders aus: Rund 98 Prozent aller bestellten Insolvenzverwalter sind Rechtsanwälte. Ein Jurastudium ist somit Pflicht. Darüber hinaus muss der Insolvenzverwalter über eine sehr gute Einschätzung quer durch alle Rechtsgebiete verfügen. Wir suchen Generalisten. Ein großes Plus ist, wenn Einsteiger schon mal unternehmerisch tätig waren. Denn ein Insolvenzverfahren ist eine "umgekehrte" Unternehmensgründung - mit all ihren Schwierigkeiten. Dazu gehören die Beendigung von Verträgen, die Beurteilung rechtlicher Verhältnisse, von Eigentumsverhältnissen, Sicherheiten und vieles mehr. Dafür ist ein breites juristisches Problembewusstsein gefragt.

KarriereSPIEGEL: Bei größeren Mandaten arbeiten Insolvenzverwalter in Teams, zu denen auch Nachwuchskräfte gehören. Ist das der Pool, aus dem sich die Insolvenzverwalter von morgen rekrutieren?

Pöllmann: Die Nachwuchskräfte arbeiten zuerst neben dem Insolvenzverwalter bei kleineren Projekten mit. Dann dürfen sie bei der ersten kleineren Insolvenz mit dabei sein und später auch selbst akquirieren. Sie bekommen somit eine Plattform, um sich selbst zu verwirklichen. Der Aufstieg ist etwas Individuelles und kann nicht vorausgesagt werden. Die Teams aber bieten den Nachwuchskräften ein perfektes Umfeld. Diejenigen, die das richtig nutzen können - das sind die Insolvenzverwalter von morgen.

KarriereSPIEGEL: Welche Karrierechancen eröffnet dieser Beruf?

Pöllmann: Der Beruf des Insolvenzverwalters ist Karrierechance an sich. Ein Insolvenzverwalter arbeitet eigenständiger als angestellte Kollegen in anderen Bereichen des Rechts und hat damit auch mehr Möglichkeiten. Der junge Insolvenzverwalter kann sich hocharbeiten und ist selber für seinen Erfolg verantwortlich. Wenn er Talent hat, wird er auch ein großes Verfahren an Land ziehen.

KarriereSPIEGEL: Können Sie Hausnummern für das Einkommen nennen?

Pöllmann: Insolvenzverwalter ist ein Risikojob. Die Einstiegshürden sind hoch - von der Ausbildung über die Lehrjahre in einer großen Sozietät bis zur Gründung der eigenen Kanzlei. Andererseits zählen Insolvenzverwalter zu den Juristen mit den besten Verdienstchancen. Als angestellter Anwalt steigen Sie in einer Insolvenzkanzlei der Insolgroup in der Regel mit einem Anfangsgehalt von rund 40.000 bis 50.000 Euro jährlich ein. Dazu kommen die Kosten für die Weiterbildung und eine qualifizierte Ausbildung zum Insolvenzverwalter, die meist der Arbeitgeber trägt. Nach fünf Jahren als Insolvenzverwalter sind 120.000 Euro und mehr drin - je nach Qualität der Verfahren und Engagement des Verwalters.

KarriereSPIEGEL: Insolvenzverwalter tragen große Verantwortung. Können sie für Fehler persönlich haftbar gemacht werden?

Dumm gelaufen, klug gesprochen

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Pöllmann: Natürlich. Der Insolvenzverwalter haftet für all seine Fehler höchstpersönlich. Dabei steht auch immer Geld auf dem Spiel. Es ist eben ein riskanter Beruf, für Misserfolge ist in dieser Branche kein Platz. Sollte einem Insolvenzverwalter ein schwerwiegender Fehler unterlaufen, ist er seinen guten Ruf für immer los und wird mit großer Wahrscheinlichkeit danach von keinem Gericht mehr bestellt. Deshalb muss jeder Insolvenzfall bestmöglich abgeschlossen werden. Das Problem ist: Dafür gibt es keine klar definierten Richtlinien. Das Ziel ist, einen Fall so schnell wie möglich und so genau wie nötig abzuschließen. Oberste Priorität hat die bestmögliche Befriedigung für die Gläubiger.

KarriereSPIEGEL: Ist Insolvenzverwalter auch eine berufliche Option für Quereinsteiger?

Pöllmann: Quereinsteiger sind in der Branche eher unüblich, ihnen fehlt das notwendige Know-how und das Gefühl für die alltägliche Arbeit des Insolvenzverwalters. Allein akademisches Wissen reicht hier nicht aus. Es ist essentiell, von Anfang an dabei zu sein.

KarriereSPIEGEL: Wie verändert sich das Berufsbild in der Zukunft?

Pöllmann: Unsere Gesellschaft verändert sich von einer Produktionsgesellschaft zu einer Wissensgesellschaft. Das hat gravierende Auswirkungen für die Insolvenzverwaltung. Den Wert eines Unternehmens bestimmen nicht mehr die Sachwerte, sondern Wissen und Know-how von Mitarbeitern und funktionierenden Einheiten. Ihre Erhaltung hat daher oberste Priorität, nicht etwa die Zerschlagung und Verwertung von Produktionsstätten. Eine Fortführung verlangt vom Insolvenzverwalter aber wesentlich mehr Know-how als eine Abwicklung. Von uns wird also immer mehr unternehmerisches Geschick erwartet. Das macht den Beruf aus meiner Sicht noch interessanter.

  • Kerstin Krüger
    Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr, freier Journalist in Hilden.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Interessant,
burninghands 30.09.2011
daß ausgerechnet dieser Beruf zu diesem Zeitpunkt in den Medien auftaucht - wird da in nächster Zeit mit Bedarf gerechnet, EWU und so? Es ist doch wohl noch so wie vor 40 Jahren, als die Berater der Arbeitsämter in den Schulen seltsamerweise bei vielen Schülern "Eignung" für Berufe feststellten, für die auf dem Arbeitsmarkt jeweils gerade nicht genug Anwärter zur Verfügung standen.
2. Ausbluten mit Verstand
abryx 30.09.2011
Der Insolvenzverwalter an sich ist in erster Linie möglichst daran interessiert, ausreichend aus dem Restvermögen der Firma bezahlt zu werden ;-) http://www.focus.de/finanzen/news/insolvenzverwalter-wie-viel-gehalt-ist-unmoralisch_aid_448779.html
3. ...vergessenes Kreuz
keoki 01.10.2011
Als ich im Jahre 2007 mit meinem Spielwarenladen Insolvenz anmelden musste, hat mein Insolvenzberater auf der ganzen Linie versagt. Beim Antrag wurde das Kreuzchen beim Wort "Restschuldbefreiung" vergessen. Nach einem Jahr meldete sich das Amtsgericht Fürth und teilte mir lapidar mit, daß ich wohl Privatinsolvent wäre aber ich keinen Anspruch auf Restschuldbefreiung hätte. Nach über einem Jahr, einem "Auftritt" bei ARD Ratgeber Recht, konnte ich die ganze Prozedur noch einmal wiederholen. Deswegen zahle ich nun 8 Jahre statt der üblichen 6 Jahre. Insolvenzberater und auch der Verwalter waren keine grosse Hilfe. Nicht einmal ein Entschuldigung des Beraters, der im Auftrag der Caritas immer noch viel Geld einsackt und weiter sein "Unwesen" treiben darf.
4. .
dwg 02.10.2011
Ach, was für ein nettes Interview mit dazu noch einer fast heroischen Note "Kapitän auf der Brücke",... Sicher gibt es die Insolvenzverwalter, die sich bei großen Insolvenzen ehrenvoll um Fortführung und Rettung bemühen. Die Regel ist aber doch der Typus, der zunächst seine Ein- nahmen sichert und den Rest mit Chuzpe abbügelt. Die berufliche Wirklichkeit des Insolvenzverwalters appelliert in der Regel an die eher nicht wünschenswerten menschlichen Eigenschaften.
5. So ein A.........
bananenrep 03.10.2011
Das Wirken und Streben eines Insolvenzverwalters geht nur darum selbst das Meiste aus der Firma an Restvermögen zu ziehen. Irgendwovon muss man doch gut leben. Dann noch die Rückzahlung der Löhne und Gehälter der Angestellten und Arbeiter zurückholen. Mein I-Verwalter kam nach 6 Wochen und begrüßte mich mit den Worten, diesen betrieb hat er in einem 1/2 Jahr platt. Kein Blick in die Bücher. Nach 10,5 Jahren, richtig 10,5, ist die Firma abgewickelt und er um 60.000 Euro reicher. Da er sich mit den Debitoren verglichen hat, sind somit mind. 140000 Euro offen gewesen, zzgl. der wegfall aus einer Bietergemeinschaft. So sind mal eben 200.000 Euro eigentlich verfügbar gewesen. Eintreiben des verwalters. Nein. Fortführen nein. Offen waren 12.000 Soziallasten und 25.000 Löhne. Ich hatte den staatsanwalt an den Backen und der Verwalter hat kassiert. Drecksbande allesamt. Ach ja das geld schuldeten mir ausschließlich öffentliche Aufraggeber. Aber bei den Worten: Sie können klagen solange und soviel sie wollen, wir haben mehr Zeit und Geld als sie. Da weiß man was man hat. Und Griechenland hat auch nix mehr.
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Zur Person
  • Matthias Tunger / Insolgroup
    Hanns Pöllmann (Jahrgang 1962) ist Mitbegründer und Partner der bundesweiten Insolvenzverwalter-Allianz Insolgroup. Der Verbund aus fünf Kanzleien wurde 2008 gegründet und hat Standorte in Rostock, Hamburg, Gera, Köln, Bad Homburg, Wiesbaden, Mainz und München. Pöllmanns Kanzlei in München besteht seit 1997.
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    Wer arbeitet, macht auch Fehler. Kleine und größere Fehlschläge sind immer drin - aber man kann das Risiko senken oder wenigstens klug damit umgehen. Ob Ihre Ziele realistisch sind, wann Ehrgeiz in Verbissenheit umschlägt:
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