ThemaNach Diktat verreistRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Nach Diktat verreist Mach was, mein Macherchen!

Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Einfach Anweisungen bellen, das geht nicht mehr. Chefs müssen heute durch ihr intellektuelles Format überzeugen. Ein paar Zitate im Meeting von Hegel oder Heidegger einstreuen - das reicht aber auch noch nicht, wie Mittelmanager Achtenmeyer schmerzlich bemerkt.

Eigentlich neigt Achtenmeyer nicht zum Grübeln. An einem trüben Herbsttag stundenlang aus dem Fenster auf graue Felder im Nieselregen zu starren und dabei über das Sein nachzudenken, ist seine Sache nicht.

Reflektieren, ja, das schon. Zwar begreift sich Achtenmeyer seit der vierten Klasse, als er seine Clique überredete, gestoßene Chilischoten ins Pausenbrot von Frau Jäckle zu streuen, als Macher. Doch wenn er ehrlich ist, ist er unter den Machern immer der Nachdenkliche gewesen. Und unter den Nachdenklichen der Macher. Das ist eine Zwickmühle und schlecht für eine Führungskraft, die mit sich selbst im Reinen sein sollte.

Sein Personal Coach sagt, dies spiegele die komplexe und widersprüchliche Zeit wider, in der wir alle leben und mit der ein Mann gerade in der Position Achtenmeyers besonders heftig konfrontiert werde. Seine Frau sagt, er solle sich nicht so haben und endlich mal was machen, anstatt nur darüber nachzudenken, ob er eigentlich ein Macher sei.

Das Hineingeworfen sein ins Unternehmen

Sehr schön, bilanziert Achtenmeyer bitter, nun habe ich neben der eigentlichen Zwickmühle auch noch einen Loyalitätskonflikt: Zwar ist er sicher, dass ihm sein Coach wohlgesonnener ist als seine Gattin - andererseits hat seine Frau, wie immer ihre Gefühle für ihn privat aussehen mögen, zumindest an seinem beruflichen Erfolg ein massives Eigeninteresse. Etwa in Form von Schuhen, Handtaschen und Wellness-Wochenenden.

Achtenmeyer beschließt, dieses eine Mal nicht auf die Gemahlin zu hören, und sich stattdessen konzernintern neu zu positionieren. Als jemand, der nicht nur Excel-Tabellen vorlesen, sondern auch das big picture in den Blick nehmen kann. Jemand, der eine Vision davon hat, was Führung heute bedeutet. Und der die gesellschaftlichen Veränderungen nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern antizipiert und im Sinne des großen Ganzen (a.k.a. the company) zu nutzen weiß.

Die Arbeit an seinem neuen, reflektierteren Ich beginnt mit einem mauvefarbenen Seidenschal, den Achtenmeyer nun regelmäßig statt einer gestreiften Krawatte morgens umlegt. Als der Schal etabliert ist, beginnt er, in Meetings das ein oder andere Zitat von Herodot, Hegel und Heidegger fallen zu lassen.

Teambesprechungen leitet er nun gerne mit der ketzerischen Bemerkung ein, dass er die Besprechung heute gerne mit einer ketzerischen Bemerkung einleiten möchte. Der vorläufige Höhepunkt seines Privat-Kreuzzugs für mehr Intellektualität im Business ist ein Gespräch mit der Lead-Agentur seiner Abteilung, in dem er sich lautstark beschwert, warum der Spot für das neue fruchtige Eisgetränk nicht tiefer gehende Fragen aufgreife als nur urban feeling, lifestyle und taste. Zum Beispiel das Hineingeworfensein in die Welt, um noch einmal auf Heidegger zurückzukommen.

"Wieviele Divisionen hat der Papst?"

An diesem Punkt allerdings wird es Dr. Karl zu bunt. Endlich, freut sich Achtenmeyer, als sein Vorgesetzter in seinem Büro "für ein kurzes face to face" auftaucht, denn bislang hatte Dr. Karl seine neuen Marotten stoisch ertragen. Da war sie endlich, die lang ersehnte Gelegenheit zum Showdown zwischen simpel gestricktem Macher (Dr. Karl) und klug reflektierendem Manager des Wandels (Achtenmeyer).

Wie sich herausstellt, hat Dr. Karl seine Strategie den neuen Zeiten bereits angepasst. Statt plump mit Abmahnung zu drohen oder auf verfehlten Absatzzielen herumzureiten, räkelt sich sein Chef auf dem Besuchersessel und zeigt, dass auch er sich geisteswissenschaftlich aufgepimpt hat. Dr. Karl, der in der Auswahl seiner Zitatgeber offensichtlich andere Schwerpunkte gewählt hat, zitiert Stalin: "Wieviele Divisionen hat der Papst?" Und fügt hinzu: "Oder anders ausgedrückt: Wieviel erfolgreiche Produktlaunches kann Heidegger vorweisen?"

Achtenmeyer will zur Replik ansetzen, doch dann überlegt er es sich anders und zieht den Seidenschal aus. Man muss auch wissen, wann man verloren hat. Hätte er mal auf seine Gattin gehört. Schließlich steht hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau. Das sagt zwar nur der Volksmund - dafür ist es leichter zu befolgen als Heidegger.


+++ Lessons learned +++

  • Wandel gestalten: Führung muss heute anders definiert werden als noch vor einigen Jahren. Die Geschäftswelt ist komplexer, dynamischer und unvorhersehbarer als vielleicht je zuvor. Wer als Manager an alten Rezepten festhält, wird scheitern.

  • Das berühmte "big picture": Deshalb hat Achtenmeyer durchaus Recht, wenn er mehr gedanklichen Tiefgang ins Business bringen will. Um im Unvorhersehbaren erfolgreich zu sein, braucht man geistige Flexibilität und erweiterte Horizonte.

  • Echtheitszertifikat: Zeigt nur dann Wirkung, wenn Führungskräfte es wirklich wollen und nicht nur eine Rolle spielen. Führung wird künftig noch stärker von Authentizität, Glaubwürdigkeit und Überzeugungen leben. Wer sich über sich selbst unklar ist, kann schlecht anderen sagen, wo es langgeht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
BlakesWort 06.08.2012
Pseudointellektuelle geben geschwurbelte Ratschläge an Dritte, die erstmal das geschwurbelte Pseudogeplapper enträtseln müssen. Na, die Richtung hat man bereits geahnt, als aus dem "Hausmeister" der "Facility Manager" wurde. All dieses Getue dient aber schlußendlich nur einem Zweck: Der "kleine Mann" soll denken, dass die "da oben" so gut bezahlt werden, weil sie so viel mehr von ihrem Job verstehen. Wenn der kleine Mann aber ahnen würde, wieviel Unsinn eigentlich geredet wird, wäre er vielleicht nicht mehr so leicht ruhig zu stellen.
2. .
person012 07.08.2012
Zitat von BlakesWortPseudointellektuelle geben geschwurbelte Ratschläge an Dritte, die erstmal das geschwurbelte Pseudogeplapper enträtseln müssen. Na, die Richtung hat man bereits geahnt, als aus dem "Hausmeister" der "Facility Manager" wurde. All dieses Getue dient aber schlußendlich nur einem Zweck: Der "kleine Mann" soll denken, dass die "da oben" so gut bezahlt werden, weil sie so viel mehr von ihrem Job verstehen. Wenn der kleine Mann aber ahnen würde, wieviel Unsinn eigentlich geredet wird, wäre er vielleicht nicht mehr so leicht ruhig zu stellen.
Das hab ich mir auch gleich gedacht. Leider verdienen heute die, die heiße Luft absondern, das dicke Geld, während die, die die Arbeit machen, oft nur Hungerlöhne kassieren.
3. Autobiographisches?
catcargerry 07.08.2012
Stichprobenweise habe ich wieder einmal in einen Artikel von Werle geschaut, es wird wieder für eine ganze Weile reichen: immer noch Gemeinplätze zu Cases "aufgepimpt" und auf unterhaltsam gequält. Malik ist mehrere Klassen besser.
4. Der kleine Mann ...
adissu 07.08.2012
Das Prinzip ist doch ganz einfach. "Die da oben" bekommen soviel Geld, weil sie damit kein Problem haben, bei dem was sie tun und wie sie es tun, sich trotzdem morgens noch überzeugt im Spiegel anzuschauen. Der kleine Mann kann das nicht. Deshalb wird er auch nie dort hinkommen. Er scheitert an seiner eigenen Loyalität.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Nach Diktat verreist
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
Fotostrecke
Die üblichen Verdächtigen: Die beliebtesten Arbeitgeber der High Potentials

Die schlimmsten Chef-Sprüche (7)

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Verwandte Themen


Social Networks