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Mythos Intelligenz "Gehirnjogging ist Humbug"

Es kommt nicht nur auf die Größe an - Hirnmasse will geschult werden. Zur Großansicht
Corbis

Es kommt nicht nur auf die Größe an - Hirnmasse will geschult werden.

Männer sind schlauer als Frauen, Schule macht dumm und Hitler war hochbegabt - Intelligenzmythen gibt es viele. Doch welche halten wissenschaftlicher Betrachtung stand? KarriereSPIEGEL enttarnt die größten Schlauberger und die dümmsten Klischees.

Wenn es um Intelligenz geht, reden leider viele Dummköpfe mit: Es sei unverständlich, "dass vielfach statt Faktenkenntnis ideologisch verbrämte Meinungen, Mutmaßungen und Mythen vorherrschen". Sagt ein Mann, der es wissen muss: Über tausend Studien zur Intelligenzforschung hat der Marburger Professor Detlef H. Rost durchgeackert. Man darf also davon ausgehen, dass der Psychologe weiß, wovon er redet. KarriereSPIEGEL hat ihn mit einigen verbreiteten Ansichten konfrontiert.

  • Mythos 1: Intelligenz kann man trainieren

Rost: "Gehirnjogging und ähnliche Trainings sind ja in Mode. Aber das ist alles verbesserter Humbug. Wir wissen durch viele Untersuchungen, dass man sich durch solche Trainings allenfalls bei bestimmten Aufgabentypen verbessern kann. Man erzielt dann vielleicht einen um fünf Punkte höheren IQ-Wert, doch nur in Tests, die aus sehr ähnlichen Aufgaben bestehen. Aber dadurch wird die Intelligenz nicht größer. In anderen Zusammenhängen stellt man sich genauso dumm oder schlau an wie vorher."

  • Mythos 2: Die Schule macht die Kinder dumm

Rost: "Das einzige Intelligenzförderprogramm, das intensiv und nachhaltig wirkt, ist die Schule: fünf Tage pro Woche, sechs oder acht oder zehn Stunden am Tag, unterschiedliche Inhalte von Erdkunde bis Mathematik, unterrichtet von verschiedenen Lehrern - ein Monat Schule bringt ungefähr 0,3 bis 0,4 Punkte auf der IQ-Skala. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre macht unsere Jugend dementsprechend um geschätzt vier bis fünf IQ-Punkte dümmer. Neun Jahre guter Unterricht bringen nun mal mehr als acht Jahre guter Unterricht."

  • Mythos 3: Jedes Kind ist hochbegabt

Rost: "Aus Sicht der Intelligenzforschung ist eine solche Ansicht dummes Zeug. Hochbegabung ist ja definiert als überdurchschnittliche Begabung. Egal ob man die Grenze nun bei einem IQ-Wert von 120, 130 oder 140 ansetzt - es kann nicht jeder überdurchschnittlich sein."

  • Mythos 4: Die Menschheit verblödet

Rost: "Von Generation zu Generation wurden die Menschen im 20. Jahrhundert intelligenter, die jüngere Generation löst in IQ-Tests mehr Aufgaben als die ältere. Das ist als Flynn-Effekt bekannt. Die Folge müsste sein, dass IQ-Tests regelmäßig neu normiert werden. Leider verwenden manche Forscher aber Tests, die 30 Jahre alt sind. Da kommen dann Werte raus, die locker 15 IQ-Punkte zu hoch liegen. So inflationiert man Hochbegabung."

  • Mythos 5: Intelligenz kann man nicht messen

Rost: "Intelligenz kann man natürlich nicht so gut messen wie die Körpergröße. Aber: Intelligenztests sind wirklich gut und die beste diagnostischen Instrumente, welche die Psychologie jemals entwickelt hat, und der Messfehler ist bekannt. Es ist wie bei den Wahlprognosen: Eine Partei liegt bei 14 Prozent, plus minus einen Prozentpunkt. Bei IQ-Tests sollte man sich an keinen punktgenauen Wert klammern, sondern eine Spanne angeben, innerhalb derer sich der IQ mit hoher Wahrscheinlichkeit bewegt. Das ist dann seriös."

  • Mythos 6: Männer und Frauen können das Gleiche

Rost: "Feministinnen und viele Sozialwissenschaftler hören es nicht gerne, aber zahlreiche Studien belegen: Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der kognitiven Leistungsfähigkeit - und bei einigen Subfacetten der Intelligenz sogar dramatische Unterschiede. Das gilt insbesondere für die räumliche Orientierung, also für die Fähigkeit, sich gedanklich in zwei- oder dreidimensionalen Räumen zu bewegen. Das ist unter anderem in vielen naturwissenschaftlichen Berufen gefragt. Da sind Männer deutlich besser als Frauen. Diese Unterschiede haben vermutlich auch nicht nur etwas mit der Sozialisation zu tun, lassen sich also nicht einfach wegtrainieren. Umgekehrt schneiden Frauen bei anderen Subfacetten besser ab, etwa bei der Wahrnehmunsgeschwindigkeit oder dem verbalen Fähigkeiten. Die meisten Intelligenztests sind aus ideologischen Gründen - Political Correctness - so konstruiert, dass die Geschlechterunterschiede minimiert werden."

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  • Mythos 7: Es gibt genau so viele hochbegabte Frauen wie Männer

Rost: "Die Verteilung der Intelligenz ist in beiden Geschlechter etwas unterschiedlich, die Varianz bei den Männer größer. Das führt dazu, dass in den Extrembereichen die Männer stärker vertreten sind: Unter den besonderes dummen Menschen finden sich mehr Männer als Frauen - und unter den besonders intelligenten auch."

  • Mythos 8: Auf Intelligenz kommt's nicht an

Rost: "Nichts sagt den Erfolg in Schule, Beruf oder Leben so gut voraus wie die Intelligenz eines Menschen. Intelligenz ist relevant! Das ist so eindeutig erwiesen, dass kein vernünftiger Mensch daran zweifelt. Im Alltag kann natürlich auch Expertise sehr wichtig sein, aber das ist etwas anderes. Wer 15 Jahre lang jeden Tag mehrere Stunden Schach spielt, wird den Bezirksmeistertitel kaum vermeiden können; seine Expertise ist freilich nicht auf einen anderen Bereich übertragbar, ein Schachgroßmeister scheitert vielleicht schon beim Halma. Intelligenz hingegen ist omnipotent und eben nicht auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt."

  • Mythos 9: Hitler war hochbegabt

Rost: "Ferndiagnosen sind sehr beliebt: Goethe soll diesen IQ-Wert gehabt haben, Einstein jenen, aber das ist Kaffeesatzleserei. Ich glaube gern, dass Goethe hochbegabt war, aber es kann nicht gelingen, aus seinen Werken einen bestimmten IQ herauszulesen. Gleiches gilt natürlich für Hitler, der angeblich einen hohen IQ gehabt haben soll, wie immer mal wieder kolportiert wird; auch wenn man konstatieren muss, dass führende Nazis bei ihren schrecklichen Taten so planvoll und systematisch vorgegangen sind, dass vieles für einen überdurchschnittlichen IQ spricht. Aber einen bestimmten Wert im Nachhinein zu bestimmen, ist schlicht Quatsch."

  • Mythos 10: Bei Fragen der Intelligenz gibt es keine Tabus

Rost: "Ob es Unterschiede zwischen Ethnien gibt, ist ein weithin erforschtes Feld. Aber ich werde hier nicht einmal fremde Ergebnisse wiedergeben, geschweige denn meine Meinung sagen. Sonst müsste ich fürchten, dass ich in der Vorlesung mit Eiern beworfen werde. Leider ist es nicht möglich, darüber vernünftig zu diskutieren."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 425 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. schade
partey 06.05.2013
Rost: "Ob es Unterschiede zwischen Ethnien gibt, ist ein weithin erforschtes Feld. Aber ich werde hier nicht einmal fremde Ergebnisse wiedergeben, geschweige denn meine Meinung sagen. Sonst müsste ich fürchten, dass ich in der Vorlesung mit Eiern beworfen werde. Leider ist es nicht möglich, darüber vernünftig zu diskutieren." Schade Herr Rost, dass hätte mich interessiert. Wo bekommt man wissenschaftlich harte, unideologische Fakten über dieses Thema.?
2. rassisst und sexist...
spon-facebook-1408180938 06.05.2013
... ein gutes bespiel dafür, dass lesen und studieren persönliche Defizite nicht aufarbeiten kann. Es wird lediglich versucht jene Defizite "wissenschaftlich" zu beweisen...
3. optional
hansmaus 06.05.2013
In Deutschland vermutlich garnicht, die plotische Korrektheit verlangt es ja schon ab das man sich dafür rechtfertigen muss wenn man bemerkt das Frauen und Männer unterschiedlich sind. Ich vermute mal das es zwischen Etnien auch Unterschiede gibt aber der der das hier Offen sagt und wissenschaftlich untermauert kann einpacken in seinem Beruf. Stramm auf Linie muss man sein und da passt das nun wirklich nicht hinein. Die Menschen haben ja mittlerweile auch Angst vor massiven Repressalien und auch körperlicher Gewalt sonst bräuchte Sarazin keinen Bodyguard....Demokratie und Freie Meinungsäußerung nennt man das dann in Deutschland des Jahres 2013 :D
4. @partey
diplodocus 06.05.2013
Zitat von parteyWo bekommt man wissenschaftlich harte, unideologische Fakten über dieses Thema.?
Vielleicht in einer Bibliothek?
5.
LouisWu 06.05.2013
Zitat von parteyRost: "Ob es Unterschiede zwischen Ethnien gibt, ist ein weithin erforschtes Feld. Aber ich werde hier nicht einmal fremde Ergebnisse wiedergeben, geschweige denn meine Meinung sagen. Sonst müsste ich fürchten, dass ich in der Vorlesung mit Eiern beworfen werde. Leider ist es nicht möglich, darüber vernünftig zu diskutieren." Schade Herr Rost, dass hätte mich interessiert. Wo bekommt man wissenschaftlich harte, unideologische Fakten über dieses Thema.?
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    Dr. Detlef H. Rost hat Pädagogik, Psychologie, Erziehungswissenschaft und Psychopathologie in Göttingen und Hamburg studiert. Seit den neunziger Jahren ist Rost Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Philipps-Universität Marburg. 1999 gründete er die Begabungsdiagnostische Beratungsstelle Brain, die er seither leitet.



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