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11. Januar 2013, 13:31 Uhr

Frisurenpsychologie

Kahlkopf als Karriereturbo

Albert E. Mannes ist US-Wissenschaftler - und Glatzkopf. In einer Studie will er nun belegt haben, dass Kahlgeschorene bessere Chancen im Job haben: Sie werden für größer und stärker gehalten, als sie sind. Im Interview sagt er, weshalb trotzdem nicht jeder Karrierist zum Rasierer greifen sollte.

KarriereSPIEGEL: Mister Mannes, haben Sie Ihrer Glatze nachgeholfen?

Mannes: Ja, ich habe mir die Haare abrasiert.

KarriereSPIEGEL: Und, hat es Ihre Karriere vorangebracht?

Mannes: Ich habe meine Haare nicht aus Karrieregründen abrasiert, sondern weil sie mir mit Anfang 30 ausfielen. Ich vollendete mit dem Rasierer einfach das, was Mutter Natur begonnen hatte. Mir gefiel die Glatze, deshalb trage ich sie bis heute. Ich merkte aber auch, dass mein Umfeld anders auf mich reagierte als vorher.

KarriereSPIEGEL: Was war anders?

Mannes: Ich hatte das Gefühl, dass Fremde plötzlich distanzierter zu mir waren, teilweise sogar ängstlicher wirkten als vorher. Das fand ich merkwürdig, weil ich mit meinen 1,75 Metern nicht im Geringsten furchterregend aussehe. Die Reaktionen waren der Auslöser für meine Studie.

KarriereSPIEGEL: Was kam bei Ihrer Studie heraus?

Mannes: Dass ich mich nicht getäuscht hatte: Männer mit Glatze werden als dominanter, maskuliner und als Personen mit besserem Führungspotential eingeschätzt. Aber was ich am spannendsten fand: Kahlköpfige werden auf Fotos größer und stärker eingestuft, als sie wirklich sind.

KarriereSPIEGEL: Wie haben Sie das herausgefunden?

Mannes: Wir haben insgesamt drei Experimente mit 59 Probanden durchgeführt. Im ersten zeigten wir ihnen Fotos von Männern mit ihrer natürlichen Haarpracht, einige mit und einige ohne Haare. Im zweiten Experiment bekamen die Teilnehmer ebenfalls Fotos zu sehen, diesmal aber teilweise manipuliert. Als Drittes wurde das Aussehen - unter anderem die Frisur - der Männer beschrieben, ohne dass sie auf Fotos zu sehen waren. Bei allen Versuchen kam das Gleiche heraus: Die Teilnehmer assoziierten einen kahlen Kopf mit Dominanz und Männlichkeit.

KarriereSPIEGEL: Sollten demnach alle Männer zum Rasierer greifen?

Mannes: So einfach ist das leider nicht. Glatzen haben auch Kehrseiten: Männer mit rasierten Köpfen wurden in unserer Studie zwar als dominanter eingestuft, aber durchweg auch als weniger attraktiv. Wenn Sie eine Haarpracht haben wie George Clooney oder David Beckham und damit zufrieden sind, sollten sie sie tunlichst behalten.

KarriereSPIEGEL: George Clooney und David Beckham haben bereits Karriere gemacht. Was ist mit Männern, denen ihre Frisur egal ist, die aber unbedingt beruflich vorankommen wollen?

Mannes: Wenn man im Job besonders männlich und mächtig rüberkommen möchte, kann man es mit einer Glatze versuchen. Das ist keine Garantie aufzusteigen. Aber wenn eine Glatze jemanden selbstbewusster macht, wird sie ihm in jedem Fall weiterhelfen - sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben. Und das Schöne am Kahlkopf ist ja: Er kostet nichts und er ist nicht unumkehrbar. Man kann es also einfach mal ausprobieren. Ich glaube, viele Männer wären über die positiven Reaktionen überrascht.

KarriereSPIEGEL: Wie wurden Männer mit schütterem Haar in Ihrer Studie eingeschätzt?

Mannes: Männer mit dünnem Haar schnitten am schlechtesten ab: Sie wurden als schwächer und unattraktiver eingestuft als Männer mit voller Haarpracht. Nur diejenigen, die sich die Haare erkennbar selbst abrasiert hatten, wirkten dominanter.

KarriereSPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Mannes: In den USA legen wir großen Wert auf Äußerlichkeiten. Haare spielen dabei eine große Rolle. Niemand möchte seine Haare verlieren, mit Methoden gegen den Haarausfall werden Milliarden verdient. Wenn jemand freiwillig seinen Kopf rasiert, erfordert das einen gewissen Mut. Ich glaube, dass Menschen daraus Rückschlüsse auf das Selbstbewusstsein der Glatzenträger ziehen. Zudem gelten Glatzen bei uns als maskulin, weil viele bekannte Wirtschaftsgrößen, Sportler und Schauspieler sich die Haare abrasieren.

KarriereSPIEGEL: Ist Ihre Studie auf andere Länder übertragbar?

Mannes: Das glaube ich nicht. Nicht überall rufen kahlgeschorene Köpfe positive Bilder hervor. In Großbritannien zum Beispiel verbindet man Glatzen vielleicht eher mit Skinheads.

KarriereSPIEGEL: Sie haben sich in der Studie nur mit männlichen Kahlköpfen beschäftigt. Was ist mit Frauen?

Mannes: Ich habe das Phänomen nur für Männer untersucht, weil ich glaube, dass es für Frauen nicht zutrifft. Einige Studien besagen, dass es generell den Status verbessert, wenn man unkonventionelle Dinge tut, durch das man hervorsticht und in den Augen der anderen selbstbewusster wirkt. Das könnte man bei Männern auf die Glatze beziehen. Bei Frauen sind das vielleicht andere Dinge, zum Beispiel wenn sie bunte Brillen oder ungewöhnlichen Schmuck tragen oder ihr Haar sehr kurz schneiden. Das zu erforschen, wäre sicher interessant.

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