SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. Dezember 2012, 11:12 Uhr

Karriere und Konkurrenz

"Ostdeutsche Untertanen, westdeutsche Dominanz"

Ossis spielen die zweite Geige in der Berufswelt der vereinten Bundesrepublik - dafür finden sie die Wessis arrogant. Im Interview erklärt Psychologe Hans-Joachim Maaz, weshalb sich die Vorurteile aus dem Kalten Krieg halten und warum das Duo Gauck/Merkel dennoch erfolgreich ist.

Am vergangenen Wochenende veröffentlichte das Allensbach-Institut eine repräsentative Erhebung dazu, was beide Seiten voneinander denken. Das Ergebnis der Umfrage: Über 40 Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern halten Wessis für arrogant, gierig und oberflächlich; 25 Prozent der Westdeutschen finden Ossis misstrauisch, unzufrieden, ängstlich. Gegenseitige Vorurteile sind demnach noch immer weit verbreitet.

Auch in der Arbeitswelt sind die Unterschiede groß. Die Führungsetagen werden überwiegend von Westdeutschen bevölkert, die ostdeutsche Mentalität vertrage sich damit kaum, meint Buchautor Hans-Joachim Maaz. Mit "Die narzisstische Gesellschaft" hat Maaz 2012 ein Psychogramm der Bundesrepublik verfasst.

KarriereSPIEGEL: Herr Maaz, von den 180 Vorstandsmitgliedern der Dax-Unternehmen ist bloß einer in der DDR aufgewachsen. Warum spielen Ostdeutsche in der Wirtschaft immer nur die zweite Geige?

Maaz: Karriere- und Profilierungsstreben gehörten eben nicht zu den typischen Sozialisationsformen in der DDR - außer bei den Parteikadern. Der Geltungsdrang war nicht so ausgeprägt wie in der westdeutschen Konkurrenzgesellschaft. Den braucht man aber, um in den Vorstand eines Dax-Konzerns zu kommen.

KarriereSPIEGEL: Daran hat sich in knapp 23 Jahren deutscher Einheit nichts geändert?

Maaz: Mentalitäten verlieren sich nicht so schnell. Die nächste Generation könnte eine Änderung bringen. Aber die 30- bis 50-Jährigen, die im karrierefähigen Alter sind, wurden noch DDR-mäßig sozialisiert.

KarriereSPIEGEL: Was bedeutet DDR-mäßig?

Maaz: Das bedeutet durch Einschüchterung und Unterordnung. In der westlichen Konsumgesellschaft, wo überzeichnete Selbstdarstellung gefragt ist, führt Unterordnung allerdings kaum zum großen Erfolg im Job. Meine ostdeutschen Patienten bekamen etwa Probleme in westdeutschen Unternehmen, weil sie in ihrer gewohnten Weise über persönliche Schwächen gesprochen haben. Das darf man nicht in einer Gesellschaft, die nur Wert auf Stärken legt. Jedenfalls reichte es nicht, die Karriereleiter hochzusteigen.

KarriereSPIEGEL: Sie hatten in ihrer aktiven Zeit als Psychotherapeut auch westdeutsche Patienten. Wie haben diese sich typischerweise von den Ostdeutschen unterschieden?

Maaz: Meine westdeutschen Patienten fragten sich eher: Wie kann ich im Job meinen persönlichen Status erhöhen? Mit so einer Denke wird der Kollege zu jemandem, den man ausstechen muss. Das Konkurrenzverhalten war bei meinen ostdeutschen Patienten nie so ausgeprägt.

KarriereSPIEGEL: "Konkurrenz belebt das Geschäft" - so funktioniert Kapitalismus.

Maaz: Mag sein, aber diese Art von Konkurrenz bringt Menschen in eine ungesunde Zwangslage. Und sie ist antihuman. Genau genommen heißt es nämlich: Der Stärkste ist der Beste.

KarriereSPIEGEL: Westdeutsche sind doch nicht ununterbrochen mit spitzen Ellenbogen unterwegs.

Maaz: Natürlich nicht. Aber der Konkurrenzdruck in der Arbeitswelt herrscht fast überall. Und er richtet Schäden an, die sich kaum länger ignorieren lassen: Burnout ist ein typisches Ergebnis. Weil vom Menschen verlangt wird, sich über Wert zu verkaufen, werden die meisten zu falscher Selbstdarstellung verführt. Hinzu kommt die Angst, von einem Konkurrenten ersetzt zu werden.

KarriereSPIEGEL: Ist Ihr Bild von den Westdeutschen nicht sehr klischeehaft?

Maaz: Es ist doch so: Die Westdeutschen wurden schon in ihrer frühen Kindheit darauf konditioniert, immer stark, souverän und dominant tun zu müssen - Unsicherheiten und Schwächen sind kaum erlaubt. Ostdeutsche haben sich in der DDR eingeübt in das Klagsame, was der Westdeutsche nicht darf und was ihn oft nervt. Dieser Untertanengeist auf der einen Seite und das Dominanzstreben auf der anderen lassen sich überspitzen: Dann landen wir bei den Schimpfwörtern "Besserwessi" und "Jammerossi".

KarriereSPIEGEL: Sie sprechen von Untertanen und Herrschern - aber die höchsten politischen Ämter der Bundesrepublik haben Ostdeutsche inne. Sind Angela Merkel und Joachim Gauck denn so untypische Ostler?

Maaz: Merkel hatte Erfolg, weil sie Helmut Kohl auf eine unbedarfte ostdeutsche Art abgesägt hat. Sie hat sich dem Übervater nicht gebeugt. Bei Gauck ist es das Pastorale, das die Menschen fasziniert. Er kann den Menschen in einer schwierigen Situation Trost spenden. Deutschland könnte keinen Präsidenten gebrauchen, der klar sagt, wie verfahren die Lage mit dem Euro ist.

KarriereSPIEGEL: Der Ostler Gauck ist deshalb Präsident, weil der deutsche Michel Trost braucht?

Maaz: Damit hat es schon zu tun. Gauck hat typische Ost-Eigenschaften, wie etwa das Konfliktdämpfende, Versöhnende und Harmoniegeleitete. Es ist auch typisch ostdeutsch zu fragen: Was können wir gemeinsam machen, damit sich unsere Lebensweise verändert? Was heißen würde: weniger Konsum, mehr zwischenmenschliche Beziehungen. So ein Denken kann äußerst hilfreich sein, um Krisen zu bewältigen.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH