Von Stefan Schultz
SPIEGEL ONLINE: Stromberg rutschen ständig rassistische oder sexistische Sprüche heraus. Merkt er insgeheim, dass er seine Mitarbeiter verletzt? Oder ist er ein Verdrängungskünstler, der die eigenen Fehler sofort wieder vergisst?
Husmann: Öffentlich würde er nie sagen: "Da habe ich wohl danebengehauen." Da ist er der Bundeskanzlerin sehr ähnlich. Angela Merkel sagt ja auch nicht: "Da habe ich einen Fehler gemacht", sondern sie sagt: "Ich habe neue Erkenntnisse gewonnen und meine Entscheidung auf deren Basis weiterentwickelt." Innerlich machen Stromberg die eigenen Fehler aber schon zu schaffen, und so kommt es in der Serie immer mal wieder zu Übersprungshandlungen. Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der er eine Mitarbeiterin erst beleidigt und ihr danach bei einem Spendenaufruf einen Hunderter in den Topf wirft.
SPIEGEL ONLINE: Was denkt Stromberg über seine Mitarbeiter? Nimmt er sie als Menschen wahr?
Husmann: Es gibt in seinem Kopf nur schlecht ausgearbeitete Skizzen von seinen Angestellten. Weil er sich nicht wirklich mit ihnen beschäftigt und sie recht schnell in ein Klischeenetz einordnet. Einem türkischen Abteilungsleiter-Kollegen misstraut er, seine weibliche Vorgesetzte ist ihm oft unbequem.
Husmann: Stärker, als wir denken. Zwar ist es inzwischen nicht mehr politisch korrekt, Dinge zu sagen wie: "Mein PC ist kaputt. Hol mal den Inder." Unterschwellig aber ist unser Denken noch sehr stark von Vorurteilen geprägt. Viele behelfen sich mit Formulierungen wie: "Ich bin prinzipiell sehr für Frauen in Chefetagen, nur mit dieser einen, die zufällig meine Vorgesetzte ist, habe ich ein menschliches Problem."
SPIEGEL ONLINE: Es gibt Hunderte Ratgeber über die Kunst der Führung. Hat Stromberg so etwas schon mal gelesen?
Husmann: Er ist genau der Typ, der so ein Buch einmal halb durchliest und denkt, er wisse alles über Führung. Ich denke, dass viele Chefs in kleinen und mittelgroßen Unternehmen genauso ticken.
SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Grundmanko? Manager mit Ratgeberwissen, die sich selbst nicht eingestehen, wie sehr ihre sozialen Aufgaben sie überfordern?
Husmann: Die Führungskünste vieler Chefs entsprechen den Sprachkünsten von Menschen in einem Volkshochschulkurs "Italienisch für Anfänger". Sie glauben, sie können eine Sprache in 30 Tagen lernen. Dabei wissen sie noch nicht einmal die einfachsten Vokabeln.
SPIEGEL ONLINE: In der Serie wird nicht erklärt, wie Stromberg es auf den Chefposten geschafft hat. Haben Sie dazu je theoretische Überlegungen angestellt?
Husmann: Nein, ich mache grundsätzlich keine Hintergrund-Entwürfe zu Charakteren. Generell aber steht Strombergs Beförderung für die Beförderungspraxis in vielen Läden. Karriere machen ja oft diejenigen, die ihren Vorgesetzten am ähnlichsten sind. Es werden oft die größten Arschlöcher befördert - das ist der Grund dafür.
SPIEGEL ONLINE: Ist es realistisch, dass jemand, der so viel Mist baut wie Stromberg, nicht irgendwann fliegt?
Husmann: Ich glaube, dass große Firmen genau so funktionieren. Gefeuert wird man nicht wegen fachlicher oder sozialer Inkompetenz. Weil es für die Firma viel zu aufwendig wäre, einen neuen Chef zu suchen. Ich denke, dass man sich als Subalterner ganz schön viel erlauben darf. Man muss schon die Bilanz frisieren und dabei erwischt werden, wenn man gefeuert werden will. Solange man das Minimumsoll erfüllt, hat man kaum was zu befürchten - auch wenn man noch so ein schlechter Chef ist.
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Husmann: Weil ich es selbst erlebt habe. Zum Beispiel beim WDR. Ich war damals noch sehr jung, habe mich aber dennoch gefragt: "Warum ist jetzt ausgerechnet der befördert worden? Der arbeitet doch seit fünf Jahren so gut wie gar nicht." Später habe ich erfahren, dass gewisse Menschen gerade befördert werden, damit man sie loswird.
SPIEGEL ONLINE: Verdirbt Chefsein den Charakter?
Husmann: Zumindest geht es mit gewissen Verhaltensveränderungen und mit Veränderungen des eigenen Umfelds einher - die langfristig oft auch den Charakter verändern. Ich habe kürzlich in einem TV-Porträt gehört, dass der Noch-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann angeblich noch immer ins Grübeln gerät, wenn er an einem Penner vorbeiläuft. Das kann ich einfach nicht glauben. Weil Josef Ackermann vermutlich nie an einem Penner vorbeiläuft. Schließlich wird er überall hingefahren.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Chefs, die wie Stromberg sind, Ihre Serie gucken - und sich in dem Charakter wiedererkennen?
Husmann: Nein. Da wird viel verdrängt. Ich habe mit zahlreichen Chefs über die Serie gesprochen - vom Big Boss bis zum Abteilungsleiter. Aber es hat noch nie jemand gesagt: "Großer Gott, ich bin manchmal auch so. Danke, dass du mir die Augen geöffnet hast." Stattdessen höre ich oft: "Du, ich kenn da einen, der ist genau wie Stromberg."
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