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Multitasking Zwanzig Finger und vier Augen

Multitasking: 20 Finger und vier Ohren könnten helfen Fotos
Corbis

Telefonieren, lesen, mailen - und bitte alles zugleich: Manche sehen Multitasking als Basisfähigkeit im Berufsalltag, andere als Tortur. Im Interview erklärt Medienwissenschaftler Stefan Rieger, wie alles im Variété begann und warum es sinnvoll sein kann, auch mal Zeit zu verdaddeln.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rieger, in welcher Multitasking-Situation dachten Sie: Ich muss dieses Phänomen mal untersuchen?

Rieger: Da gab es mehrere. Man muss doch nur ins Fitnessstudio gehen und schauen, was die da treiben: Sie machen Sport und schauen dabei TV. Oder wie wir mit unseren schnurlosen Telefonen in der Wohnung rumlaufen, beim Telefonieren die Geschirrspülmaschine ausräumen und uns am Ende des Gesprächs freuen, wenn auch noch die Wäsche hängt.

KarriereSPIEGEL: Sind Sie auch anfällig dafür?

Rieger: Das sind wir wohl alle, es ist unser technologischer Alltag. Das fängt beim Autofahren an, und auch am Computer sind wir daran gewöhnt, immer mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

KarriereSPIEGEL: Was ist das Wesen des Multitasking?

Rieger: Es ist eine Arbeitskultur, definitiv keine Charaktereigenschaft. Es hat nichts zu tun mit der Figur des Renommisten und seiner gesteigerten Geltungssucht - Multitasking ist keine Angeberei, sondern eine ökonomische Technik, eine Form der Selbstbewirtschaftung. Nur definiert jeder den Begriff anders: Die einen meinen damit, Dinge parallel zu machen, die anderen, sich mit geringer Zeitverschiebung unterschiedlichen Dingen zu widmen, in kurzen Intervallen also.

KarriereSPIEGEL: Sie haben die Anfänge untersucht. Wann tauchte Multitasking zuerst auf?

Rieger: Den Gedanken "Ich bin mehrere" gibt es schon lange. Bereits Cäsar oder Mohammed sollen in der Lage gewesen sein, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. In den zwanziger und dreißiger Jahren tingelten solche Figuren in den USA über die Varieté-Bühnen. Der Unterhaltungskünstler Harry Kahne etwa gilt als Prototyp des Multitaskers: Er hat mit mehreren Gliedmaßen gleichzeitig geschrieben, während er auf dem Kopf stand und sich mit dem Publikum unterhielt - eine Varieté-Performance mit enormer Faszinationskraft, eben weil es eine Ausnahme war. Heute ist es Teil des Arbeitsalltags.

KarriereSPIEGEL: Und wann wurde aus der Varieté-Unterhaltung ein erstrebenswertes Businessverhalten?

Rieger: Ob und wie Gedächtnisleistungen verdoppelt werden können, überlegte man schon Ende des 18. Jahrhunderts. Damals gab es ein gesteigertes Interesse an Monstrositäten - etwa Kühe mit zwei Köpfen und andere Lebewesen mit Organvervielfältigungen. Und man fing an, zunehmend über die Schnittstelle von Natur und Kultur nachzudenken und die Leistungsfähigkeit solcher Lebewesen zu kalkulieren. Im Umfeld der Mnemotechnik diskutierte man etwa, ob man sein Gedächtnis so aufrüsten kann, dass man in der Lage ist, mehrere Briefe gleichzeitig zu diktieren, mehrere Prozesse gleichzeitig zu führen. In der klassischen Moderne wurden dann auf Steigerung abzielende Betriebswirtschaftslehren flächendeckend in der Arbeitskultur eingeführt.

KarriereSPIEGEL: Wollte man im Zuge der Mechanisierung der Arbeitswelt einfach den Maschinen nacheifern, die so vieles zugleich bearbeiten konnten?

Rieger: Von den Maschinen ging natürlich ein Kompatibilitätsdruck auf die Menschen aus. Nehmen Sie die Schreibmaschine: Mit ihrer Erfindung entstand der Berufstypus der Schreibmaschinenschreiber. Sie mussten lernen, die Tätigkeit des Tippens zu entkoppeln von ihrem Bewusstsein, sie mussten in Gedanken immer schon weiter sein als ihre Hände.

KarriereSPIEGEL: Multitasking formt also auch Berufsprofile: Was früher der Schreiber oder die Sekretärin war, ist heute die persönliche Assistentin...

Rieger: Genau. Und die muss mehr machen, als sich etwas diktieren zu lassen und es danach einfach nur abzutippen.

KarriereSPIEGEL: Sind Frauen, besonders Mütter, wirklich die besseren Multitasker?

Rieger: Das wird zwar immer wieder thematisiert, aber es ist schwer zu sagen, ob die Frauen nur aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive befähigter für Multitasking sind oder ob es antrainiert ist, eben dank ihrer Beschäftigung als Mütter.

KarriereSPIEGEL: In Stellenausschreibungen steht als Anforderung häufig "multitaskingfähig". Würden Sie das auch reinschreiben?

Rieger: Nein, das würde ich voraussetzen. Ich finde viel wichtiger zu wissen: Wie geht einer mit Stress um, wie belastbar ist er? Wenn ich Multitasking höre, habe ich sofort Bilder von Leuten im Kopf, die gleichzeitig so sehr unterschiedliche Dinge bewältigen, dass man die realen Einsatzorte im Berufsleben bezweifeln darf.

KarriereSPIEGEL: Sie haben für Ihr Buch Bilder unter dem Stichwort "Multitasking" gegoogelt und bizarre Krakenwesen gefunden.

Rieger: Ja, es ist eine Ikonographie der Mehrgliedrigkeit, auf allen Darstellungen geht es um die eigene Vervielfältigung. Interessant ist: Normalerweise ist die Vervielfältigung der Identität negativ belegt, so etwas gilt als krank, psychopathologisch. Aber im Zusammenhang mit Arbeit ist es positiv besetzt. Wir stehen alle unter einem ungeheuren Individualisierungsdruck. Selbstoptimierung ist eine Reaktion darauf.

KarriereSPIEGEL: Ist Multitasking jetzt also gut oder schlecht?

Rieger: In den vergangenen 20 Jahren gab es einen Riesenhype ums Multitasking, es galt, mit der Parallelverarbeitung die Arbeitswelt zu revolutionieren. Aber jetzt melden sich zunehmend kritische Stimmen. Arbeitspsychologen warnen vor Multitasking und sagen: Das funktioniert nicht. Sogar in der Titelgeschichte des Mitgliederheftes meiner Versicherung stand neulich, Multitasking sei des Teufels, und die Leute könnten sich inzwischen überhaupt nicht mehr konzentrieren.

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KarriereSPIEGEL: Warum diese Wende?

Rieger: Das schlagende Argument ist: In Untersuchungen aus den USA wird durchgerechnet, was Multitasking die Volkswirtschaft und Unternehmen kostet. Man weiß, wie oft unser Arbeitsprozess von Maschinen unterbrochen wird, vom Pling des E-Mail-Programms etwa. Es gibt dafür inzwischen sogar einen eigenen wissenschaftlichen Zweig: die sogenannte Unterbrechungsforschung.

KarriereSPIEGEL: Man kann auch Programme wie Inboxpause installieren, um nur in bestimmten Intervallen neue E-Mails zu bekommen. Arbeiten Sie seit Ihrer Recherche anders?

Rieger: Ob man sich dem entziehen kann oder soll, ist eine müßige Frage. Man kann sich ja schlecht in eine Hütte im Wald zurückziehen, um von den Anforderungen nicht berührt zu werden. Ich würde sagen, ich bin ganz diszipliniert, aber jeder daddelt auch rum, ich bin eben ein Kind meiner Zeit. Vielleicht bin ich dabei als Wissenschaftler einfach nicht den normalen ökonomischen Regeln unterworfen und kann mit einiger Gelassenheit gut finden, was Leute in ihrem Arbeitsalltag ständig ertragen müssen. Außerdem: Dem Impuls einfach mal nachzugeben und sich ablenken zu lassen, kann sinnvoll sein - ständige Selbstdisziplin kostet ja schließlich auf ihre Weise auch Kraft.

KarriereSPIEGEL: Was kann man denn besser machen?

Rieger: Weniger gleichzeitig, mehr nacheinander abarbeiten. Das jedenfalls raten Kritiker. Im Zuge dieser Gegenbewegung gibt es in Amerika auch eine Gruppe, die dazu aufruft, nicht nur weniger, sondern dieses Wenige auch noch langsam zu tun. Für die ist Multitasking sogar eine moralische Schwäche.

KarriereSPIEGEL: Ist es das denn?

Rieger: Ach nein. Dann dürfte ja keiner mehr als zwei Fenster parallel aufhaben am Computer. Wir müssen akzeptieren, dass wir uns symbiotisch mit unseren Medien weiterentwickeln. Den Druck, so viel zugleich zu erledigen, wie es die Geräte technisch erlauben, legen wir uns in der Regel meistens selbst auf.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
grana 19.11.2012
Zitat von sysopTelefonieren, lesen, mailen - und bitte alles zugleich: Manche sehen Multitasking als Basisfähigkeit im Berufsalltag, andere als Tortur. Im Interview erklärt Medienwissenschaftler Stefan Rieger, wie alles im Variété begann und warum es sinnvoll sein kann, auch mal Zeit zu verdaddeln. Interview: Wie Multitasking herkommt und die Berufswelt prägt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/interview-wie-multitasking-herkommt-und-die-berufswelt-praegt-a-864333.html)
Multitasking? Das ist die Fehlerquelle des 21. Jahrhunderts.
2. Zu echtem Multitasking ist der Mensch gar nicht fähig
mwinter 20.11.2012
Was wir tatsächlich machen wird in der Computerwelt als "präämptives Multitasking" bezeichnet. Das heißt, wir unterbrechen beim Wechsel von einer zur anderen Aktivität die vorhergegangene und legen sie kurzzeitig auf Eis. Wenn das hinreichend schnell passiert, gibt das eben die Illusion der Gleichzeitigkeit. Aber der Stress rührt aus der Leistung her, die vielen "Aktivitätsscheibchen" in schneller Abfolge schlafen zu schicken und wieder aufzuwecken und dabei nicht den Faden zu verlieren (Stichwort: "falsches Fenster"). Die Aufmerksamkeit selbst kann eben immer nur auf einer Sache gleichzeitig liegen.
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Zur Person
  • Jürgen Bauer
    Stefan Rieger ist Professor für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Promotion schrieb er einst passenderweise über barocke Datenverarbeitung und Mnemotechnik (Gedächtnistraining).
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