Job-Aussteiger Irgendwas, nur bitte nicht mit Medien
Sie wollten irgendwas mit Medien machen. Auf After-Show-Partys tanzen. Porsche fahren. Designerkleider tragen. Der Traum ging in Erfüllung - und wurde zum Alptraum. Drei Aussteiger erzählen von Aufstieg und Abschied aus der Welt von Film, Journalismus, PR und Werbung.
Für Heiko Beck-Kos, 38, ging sein Traum früh in Erfüllung. Als Grafikdesigner, Werber und Eventmanager war er schon mit 28 Jahren so erfolgreich, dass er sich alles leisten konnte, was er wollte: maßgeschneiderte Anzüge aus Italien, einen Porsche. "Ich habe mich von klein auf nur für materielle Werte interessiert", sagt Heiko heute über den Heiko von früher. "Deswegen habe ich mein Geld immer nur in Sachen investiert, die nach außen zeigen, was ich bin."
Dann kam der Bruch. Er konnte nicht mehr schlafen, sich nicht mehr konzentrieren, verlor seine Kreativität. "Wenn du keine Idee hast, kriegen wir den Zehn-Millionen-Auftrag nicht, dann müssen wieder drei Kollegen gehen, hieß es. Mich hat das alles fertiggemacht, die Branche, der Kreativdruck", sagt Heiko. "Ständig musste ich mir Dinge ausdenken, die Konsum auslösen und Gewinne optimieren. Ich stand da einfach nicht dahinter."
Heute steht er in Köln auf der Straße und hält ein Plakat hoch, "Düsseldorf ist eh schöner!" steht darauf. Wenn er keine Plakate hochhält, malt er Bilder. Oder organisiert ein Kunstfestival in Slowenien. Oder macht irgendwas anderes, worauf er gerade Lust hat: "Ich nenne mich einfach Künstler, weil ich unter diesem Deckmantel alles machen kann."
Eine Südseeinsel namens Medienwelt
1000 Euro. Mehr braucht Heiko Beck-Kos im Monat nicht. Früher war Geld kein Problem, heute spielt es keine Rolle mehr. "Ich schlängele mich so durchs Leben", sagt er. Arbeitslosenhilfe habe er allerdings noch nie in Anspruch genommen. Schon allein, weil er die Formulare nicht ausfüllen will. Früher musste er sich deshalb Geld bei Freunden leihen. Heute lebt er von seinen Bildern, seinen Aktionen oder von kleinen Gimmicks, die er in seinem Laden "Dies ist keine Übung" verkauft. Das reiche zum Überleben, sagt er.
Ob Film, Journalismus, PR oder Marketing - nie war die Medienbranche als Berufswunsch so populär wie heute. Für viele junge Leute scheint sie wie eine verheißungsvolle Südseeinsel, an der sie anlegen wollen: Dort wird man berühmt, verdient viel Geld und rauscht von einer Party zur nächsten.
Der Chef sitzt oben
"Früher hat man eine Burg gebaut, heute arbeitet man in den Medien", sagt Frank Schwab, Organisations- und Medienpsychologe aus Würzburg. Das "Irgendwas mit Medien"-Phänomen lasse sich soziologisch leicht erklären: Medien befriedigten das narzisstische Bedürfnis, das jedem Menschen inne wohne: "In unserer Gesellschaft suchen alle so ein bisschen die Bühne."
Denn wir sind, was wir sind. Bessere Affen, ein Resultat der Evolution. "Auch in den Medien geht es darum: Wer ist der Chef der Gruppe?", so Schwab. Bei Pavianen sei das leicht zu erkennen: Der Chef ist der, der auf dem Steinhaufen sitzt und den alle anschauen. Ein uralter Wirkkreis zur Funktion einer sozialen Gruppe - und noch heute gültig. "Bei den Menschen und den Medien ist das ähnlich. Die Medien potenzieren quasi den Steinhaufen und damit das Ansehen derer, die darauf sitzen", sagt Schwab.
Spaßverderber Dauerstress
Claudia Leidigkeit und Kristina Schmidt saßen lange oben. Heute, zehn Jahre später, sind sie heruntergestiegen. Nicht wegen Erfolglosigkeit. Leidigkeit arbeitete als Aufnahmeleiterin, Schmidt als Assistentin der Geschäftsführung einer Schauspielagentur. Sie hatten die Jobs, die sie sich während des Studiums erträumt hatten.
"Wir wollten nicht wie Lieschen Müller im Büro versauern", sagt Claudia Leidigkeit, 36, über sich und ihre Studienfreundin. "Wir wollten zwar im Büro arbeiten, aber nicht ausschließlich, wollten Termine außerhalb on top, Kinopremieren und so weiter."
Sie bekamen, was sie wollten - und waren doch unzufrieden. Stress war es, der ihnen den Spaß vermieste. "Während der Projekte hast du Stress und danach auch, dann musst du dich ja um neue kümmern. Das macht auf Dauer krank", sagt Leidigkeit.
Früher hat sie für Tom Tykwer oder Nina Hoss Filmdrehs organisiert, heute kocht sie Kaffee. Für viele wäre das ein Abstieg. Für sie nicht. Denn jetzt ist sie ihre eigene Chefin. Zusammen mit Kristina Schmidt leitet sie den Geschenkartikelladen "Wilhelmina" mit kleinem Café in Berlin-Friedrichshain.
Früher hat sich Claudia Leidigkeit bei Projekten immer für die nächsten drei Monate bei ihren Freunden abgemeldet. Schon beim Drehplanschreiben wusste sie, dass ihr Arbeitstag länger als zehn Stunden wird: "Sozial verträglich war das nicht." Jetzt entscheiden die beiden Frauen selbst, wann sie arbeiten, von 10 bis 19 Uhr ist ihr Maximum. "Zwei gestresste Gesichter weniger in der S-Bahn", sagt Schmidt.
Flucht in die Personalberatung
Macht Arbeiten glücklich? Nicht jeden. Laut dem Psychologen Frank Schwab gibt es zwei Arbeitstypen. Jene, die ihre Lebensfreude aus dem Job ziehen und den Job als Teil ihrer Identität betrachten. Und jene, die arbeiten, um sich ihre eigentliche Lebensfreude, ihr Hobby, ihre Familie, zu finanzieren. In eine Tretmühle geraten, das wollen beide Typen nicht.
Thorsten Alsleben war Politikredakteur beim ZDF, neun Jahre lang. Spardruck, Konkurrenz durchs Internet und Arbeitsverdichtung - die Medienwelt legt an Tempo zu, und Alsleben trat doch auf der Stelle. Flexible Arbeitszeiten, neue Aufgaben, Personalverantwortung? Fehlanzeige.
Die Personalberatung Kienbaum bot ihm schließlich, was er beim ZDF vergeblich suchte - und mehr Geld dazu. Als Politik-Netzwerker verdient Alsleben heute deutlich mehr als früher als Journalist. Das war für ihn aber nicht das Hauptmotiv für den Wechsel: "Heute bin ich flexibler in den Arbeitszeiten, habe ein viel breiteres Aufgabenfeld, Personalverantwortung und eine steile Lernkurve."
Die Medienwelt ist bunt und reizvoll. Sie bietet uns den Steinhaufen, zu dem wir aufschauen oder auf dem wir sitzen möchten. Doch nicht jeder ist dafür gemacht. Claudia Leidigkeit, Kristina Schmidt, Heiko Beck-Kos und Thorsten Alsleben waren es nicht. Abrechnen wollen sie nicht, nur Alternativen aufzeigen. Schließlich muss es ja auch Zuschauer, Leser und Umworbene geben.
- KarriereSPIEGEL-Autorin Louisa Thomas (Jahrgang 1987) studiert im Master of European Studies an der Europa-Universität Frankfurt/Oder und ist in der Journalistenförderung der Adenauer-Stiftung. Daneben arbeitet sie als freie Journalistin zu den Themen Kultur, Gesellschaft und Soziales.

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
- RSS
- alles aus der Rubrik Berufsleben
- RSS
- alles zum Thema Wir sind so frei - KarriereSPIEGEL
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Fotostrecke: Kaffee kochen statt Filme drehen
- Beruf im Buch: Der Schachboxer und Bohemien (30.04.2012)
- Fotostrecke: Medienprekariat - wie sexy ist Armut?
- Hungergagen für Schauspieler: "Manche Filmtiere bekommen mehr Geld" (25.01.2012)
- Ein Tag mit einer jungen Werberin: Die Illusionsmaschine (02.05.2011)
- Heimatlose Freischaffende: Wo soll ich bloß arbeiten? (17.01.2012)
- Berliner Kreativszene: Armut ist auf Dauer unsexy (14.09.2011)
- In der Daddel-Falle: Wie man sich selbst austrickst (17.02.2012)
- Praktikanten-Quiz: Schuftest du noch oder verdienst du schon? (27.03.2011)
- Arbeitskultur: Otto zieht es ins Betahaus (18.11.2011)
- Fotostrecke: Kaffee kochen statt Filme drehen
- Beruf im Buch: Der Schachboxer und Bohemien (30.04.2012)
- Fotostrecke: Medienprekariat - wie sexy ist Armut?
- Hungergagen für Schauspieler: "Manche Filmtiere bekommen mehr Geld" (25.01.2012)
- Ein Tag mit einer jungen Werberin: Die Illusionsmaschine (02.05.2011)
- Heimatlose Freischaffende: Wo soll ich bloß arbeiten? (17.01.2012)
- Berliner Kreativszene: Armut ist auf Dauer unsexy (14.09.2011)
- In der Daddel-Falle: Wie man sich selbst austrickst (17.02.2012)
- Praktikanten-Quiz: Schuftest du noch oder verdienst du schon? (27.03.2011)
- Arbeitskultur: Otto zieht es ins Betahaus (18.11.2011)




