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Ingenieure Fachkräftemangel? Kommt. Später. Vielleicht.

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Stein auf Stein: Wie groß der Fachkräftemangel wirklich ist - umstritten

Gehen Deutschland die Ingenieure aus? Für 2015 berechnete das Institut der Deutschen Wirtschaft eine Riesenlücke - die nicht kam. IW-Forscher Axel Plünnecke warnt trotzdem: Der wirklich große Fachkräftemangel stehe erst noch bevor.

Zur Person
  • IW Köln
    Axel Plünnecke (Jahrgang 1971) ist Professor und leitet am arbeitgeberfinanzierten Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln das Kompetenzfeld Bildung, Zuwanderung und Innovation. Außerdem lehrt er Wirtschaftswissenschaften an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken.
KarriereSPIEGEL: Herr Plünnecke, Ihr Institut warnte kürzlich, dass bis 2029 schlimmstenfalls 390.000 Ingenieure fehlen. Aber schon in der Vergangenheit lagen Sie mit Fachkräfte-Prognosen daneben. Warum sollten wir Ihnen diesmal glauben?

Plünnecke: Wir lagen damals in den meisten Punkten richtig. Es hat uns nur ein Punkt überrascht, den niemand so hatte kommen sehen: wie stark gut qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zuwanderten. Die Zuwanderung wird jedoch dauerhaft nicht auf diesem hohen Niveau bleiben können.

KarriereSPIEGEL: Wenn nicht diesmal auch wieder etwas passiert, was Sie jetzt nicht vorhersehen.

Plünnecke: Moment! Auch aus diesem Grund stellen wir ja verschiedene Szenarien vor. Wenn Deutschland weiter attraktiv bleibt für Zuwanderer und viele junge Menschen sich für technische Studienfächer interessieren, wird die Lücke deutlich kleiner. Wenn künftig weniger Technik-Absolventen von den Unis kommen, vergrößert sie sich. Die Spannweite der fehlenden Ingenieure reicht in den Szenarien von 84.000 bis 390.000.

KarriereSPIEGEL: Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, eine wie Ihr Institut ebenfalls eher wirtschaftsnahe Institution, gab kürzlich Entwarnung: Der Fachkräftemangel sei kein Thema mehr. Sie setzen dagegen die nächste Horrorzahl in die Welt.

Plünnecke: Nein. In unseren aktuellen Publikationen schreiben wir, dass die Ingenieurlücke in den nächsten Jahren dank der jüngsten Erfolge bei den Studienanfängern nicht größer wird. Zumindest nicht in den nächsten fünf Jahren. Hier stimmen wir mit dem Stifterverband überein.

KarriereSPIEGEL: Die Wirklichkeit kann Sie praktischerweise nicht so schnell widerlegen, wenn Sie den Fachkräftemangel weiter in die Zukunft datieren. Wie seriös ist es, den Arbeitsmarkt der nächsten 15 Jahre vorhersagen zu wollen?

Plünnecke: Dies ist seriös und wichtig für Politik und Unternehmen. Wir haben gute Informationen zur Altersstruktur in Deutschland. Wir können abschätzen, wie viele Menschen studieren werden. Fügt man das zusammen, erkennt man: Etwa ab 2025 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, und es kommen weniger junge Fachkräfte nach. Politik und Unternehmen müssen sich also weiter anstrengen, sie müssen gegen Bildungsarmut kämpfen und für mehr Chancengleichheit sorgen.

KarriereSPIEGEL: Ein Punkt ist in Ihrer Prognose auffällig: Sie gehen davon aus, dass die Unternehmen jedes Jahr mehr Ingenieure brauchen werden. Die Möglichkeit, dass die Nachfrage nach Ingenieuren zurückgehen könnte, unterschlagen Sie. Warum?

Plünnecke: Wir beobachten generell einen Trend zur Akademisierung in der Wirtschaft, schon seit Jahrzehnten. Diese Entwicklung wird anhalten.

KarriereSPIEGEL: Ist es nicht gewagt, aus einem sehr allgemeinen Trend hin zu mehr akademischen Jobs zu schließen, dass auch immer mehr Ingenieure gebraucht werden?

Plünnecke: Nein. Die Herausforderungen, bei denen der Sachverstand von Ingenieuren gefragt ist, wachsen. Denken Sie an die Energiewende - das ist im Grunde ein Beschäftigungsprogramm für Technikberufe. Oder die Digitalisierung in der Industrie: Wenn Sie Maschinen mit dem Internet verbinden wollen, brauchen Sie zusätzliche Ingenieure und Informatiker.

KarriereSPIEGEL: Manche Ökonomen meinen, dass kluge Maschinen bald sogar Akademikerjobs überflüssig machen könnten: Computer stellen Diagnosen wie Ärzte oder schreiben Börsenberichte wie Journalisten.

Plünnecke: Vielleicht. Aber diese klugen Maschinen müssen ja zunächst entwickelt werden. Und dazu braucht es erst einmal zusätzlichen technischen Sachverstand.

KarriereSPIEGEL: Dass ein Ingenieur morgen mit einer Erfindung übermorgen einen Ingenieur überflüssig machen könnte, finden Sie unplausibel?

Plünnecke: Zumindest für die nächsten 10 bis 15 Jahren, von denen wir reden. Wir sind weit davon entfernt, dass wir die Entwicklung und Vernetzung einer Maschine oder die komplexe Umsetzung der Energiewende automatisieren könnten.

KarriereSPIEGEL: Glaubt man Ihren Studien, dürfte aktuell kaum ein Mechatroniker, Techniker oder Ingenieur Probleme haben, einen Job zu finden. Auf die 234.000 Arbeitslosen kommen 345.000 offene Stellen. In Wirklichkeit melden die Firmen den Arbeitsagenturen viel weniger Stellenausschreibungen. Sie rechnen die offizielle Zahl hoch und kommen so zu einem anderen Bild.

Plünnecke: Ja, weil wir aus Betriebsbefragungen wissen, dass Unternehmen nur etwa jede dritte bis fünfte Stelle in den technischen und naturwissenschaftlichen Berufen melden. So sind wir näher an der Realität.

KarriereSPIEGEL: Diese Methode wurde schon vor einigen Jahren heftig kritisiert. Auf die offenen Stellen bewerben sich neben Arbeitslosen auch Hochschulabgänger oder Menschen, die aus anderen Gründen nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen. Wenn Sie die offenen Stellen der Unternehmen so frei hochrechnen, müssten Sie das nicht auch bei der Zahl der potenziellen Bewerber machen?

Plünnecke: Nein. Wer einen Job verliert, hat einen Anreiz, sich arbeitslos zu melden. Sonst gibt es keine Arbeitslosenunterstützung. Ein Unternehmen, das eine Stelle zu besetzen hat, hat einen solchen Anreiz nicht. Es ergibt Sinn, nur die Zahl der offenen Stellen hochzurechnen. Die gerade arbeitslos werdenden Hochschulabsolventen, die sich nicht bei der Arbeitsagentur arbeitslos melden, dürften in ihrer Zahl sehr klein sein. Unser Bild ist realistisch und wird auch durch Studien anderer Forscher bestätigt.

KarriereSPIEGEL: Ihre Hochrechnung wird auch kritisiert, weil die vermeintlichen vielen offenen Stellen mitunter keine akute Personalnot anzeigen, sondern einfach nur ein Hinweis darauf sind, dass Mitarbeiter in dieser Branche häufig den Arbeitgeber wechseln.

Plünnecke: Bei Berufen mit dauerhaften Engpässen läuft dieses Gegenargument ins Leere. Wenn ein Ingenieur von Daimler zu BMW geht, fällt bei BMW zwar eine offene Stelle weg, die dafür aber bei Daimler entsteht. Sie haben weiterhin genau eine Person zu wenig.

  • Das Interview führte Bernd Kramer (Jahrgang 1984), SPIEGEL-ONLINE-Redakteur im Ressort UniSPIEGEL. Er hat Volkswirtschaft, Politikwissenschaften und Soziologie studiert.
Deutschlands Fachkräfte: Und die Zukunft?
Her mit einer frischen Prognose
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Kaum lagen die alten Prognosen daneben, gibt's schon neue. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat für den Verein Deutscher Ingenieure (VDI) berechnet, wie viele Fachkräfte bis 2029 fehlen könnten. „Das für uns wichtigste und gleichzeitig alarmierendste Ergebnis lautet: Egal welches Szenario wir zugrunde legen, es gibt immer eine Unterdeckung, und die liegt zwischen 84.000 und 390.000 Ingenieuren“, sagte VDI-Präsident Udo Ungeheuer am 10. April 2015. Um auf diese großen Zahlen zu kommen, werden die angenommenen Fehlbeträge aus den kommenden 14 Jahren aufaddiert, im Durchschnitt pro Jahr also 6000 bis 28.000.
Szenario 1
In ihrem ersten Szenario gehen die Forscher davon aus, dass sich nichts ändert. Der Anteil der Studienanfänger in den Ingenieurfächern bleibt unverändert, ebenso die Abbrecherquote. Die Nachfrage der Wirtschaft entwickelt sich ebenfalls normal. Unter diesen Umständen rechnet das IW bis 2029 mit 248.000 fehlenden Ingenieuren.
Szenario 2
Für ihre zweite Modellrechnung nehmen die Wirtschaftsforscher an, dass einerseits künftig mehr junge Menschen ein Ingenieurstudium erfolgreich abschließen – dass die Konjunktur aber lahmt, die Firmen also weniger Ingenieure einstellen müssen. In diesem Fall rechnen sie mit 84.000 fehlenden Ingenieuren.
Szenario 3
Die dritte Variante legt eine umgekehrten Entwicklung zugrunde: Fortan schließen immer weniger Studenten ein Ingenieurstudium ab. Gleichzeitig boomt die Wirtschaft, und der Arbeitskräftebedarf wächst. Unter diesen Annahmen rechnet das IW bis 2029 mit 389.000 fehlenden Ingenieuren.

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1.
rainer_humbug 09.06.2015
Wir haben schon lange einen enormen Fachkräftemangel, und zwar in den Führungsetagen. Die wurden in den letzten Jahren offenbar von Verbrechern übernommen, wie man jeden Tag in den Nachrichten verfolgen kann. Das in sämtlichen Bereichen wo es um Geld und Macht geht.
2. Als wären Ingenieure die einzigen Fachkräfte ...
dasistmeinname 09.06.2015
... wir sind ein IT-Unternehmen und ich kann nur immer wieder betonen, dass es in Deutschland so gut wie gar keine IT-Fachkräfte gibt. In diesem Bereich, also im Übrigen eine der wichtigsten (Zukunfts-)Branchen überhaupt, herrscht in Deutschland Fachkräftemangel ohne Ende. Ich kenne kaum ein IT-Unternehmen, das in der Entwicklung nicht zum Großteil aus Indern, Chinesen, Ukrainern, etc. besteht. Und dieser Umstand wird so langsam aber sicher ein signifikantes Problem für den Standort Deutschland. Das gilt übrigens auch für den bisher ingenieur-getriebenen Maschinenbau und ähnliche Bereiche. Auch hier suchen die Unternehmen händeringend nach IT-Fachkräften!
3.
Biancchen 09.06.2015
..... andererseits studieren angeblich immer mehr Menschen bzw. immer mehr Fachkräfte studieren später. Mich hätte mal interessiert, in welchen Regionen und Branchen Ingenieure fehlen sollen und welche Fachrichtungen. Immer diese oberflächlichen Halbwahrheiten.... Allgemein freue ich mich aber als angehender Ingenieur darüber.... :-D
4.
infonetz 09.06.2015
Zitat von dasistmeinname... wir sind ein IT-Unternehmen und ich kann nur immer wieder betonen, dass es in Deutschland so gut wie gar keine IT-Fachkräfte gibt. In diesem Bereich, also im Übrigen eine der wichtigsten (Zukunfts-)Branchen überhaupt, herrscht in Deutschland Fachkräftemangel ohne Ende. Ich kenne kaum ein IT-Unternehmen, das in der Entwicklung nicht zum Großteil aus Indern, Chinesen, Ukrainern, etc. besteht. Und dieser Umstand wird so langsam aber sicher ein signifikantes Problem für den Standort Deutschland. Das gilt übrigens auch für den bisher ingenieur-getriebenen Maschinenbau und ähnliche Bereiche. Auch hier suchen die Unternehmen händeringend nach IT-Fachkräften!
Dann sollten die IT-Unternehmen mehr zahlen! Die realen Löhne und Arbeitsbedingungen in der IT-Branche sind ja nu nicht gerade berauschend wie wir wissen.
5. Keine Angst...
juergw. 09.06.2015
Zitat von dasistmeinname... wir sind ein IT-Unternehmen und ich kann nur immer wieder betonen, dass es in Deutschland so gut wie gar keine IT-Fachkräfte gibt. In diesem Bereich, also im Übrigen eine der wichtigsten (Zukunfts-)Branchen überhaupt, herrscht in Deutschland Fachkräftemangel ohne Ende. Ich kenne kaum ein IT-Unternehmen, das in der Entwicklung nicht zum Großteil aus Indern, Chinesen, Ukrainern, etc. besteht. Und dieser Umstand wird so langsam aber sicher ein signifikantes Problem für den Standort Deutschland. Das gilt übrigens auch für den bisher ingenieur-getriebenen Maschinenbau und ähnliche Bereiche. Auch hier suchen die Unternehmen händeringend nach IT-Fachkräften!
weitere Fachkräfte kommen gerade mit ihren Booten über das Mittelmeer zu uns-das wird das Problem lösen .
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