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Mythen der Arbeit Jeder zweite Betrieb beschäftigt keinen über 50 - stimmt's?

Beschäftigter über 50: Entscheidend ist, den Ball in Bewegung zu halten Zur Großansicht
Corbis

Beschäftigter über 50: Entscheidend ist, den Ball in Bewegung zu halten

Älteren bläst auf dem Arbeitsmarkt der Wind ins Gesicht, heißt es immer. Doch ganz so ist es nicht, sagt Sozialforscher Joachim Möller. Mit der Arbeitslosigkeit ist es wie mit einer Grippe: Alte erwischt es seltener als die jungen Kollegen. Aber wenn, dann trifft es sie viel härter.

Seit mehr als zehn Jahren ist immer wieder zu lesen, dass jeder zweite Betrieb keinen Beschäftigten über 50 hat. Es stand in der "Welt", im "Stern", auf Plakaten des Sozialverbands VdK. Leider stand es auch in einer Publikation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Und die bittere Wahrheit ist: Da stand es zuerst.

Die IAB-Veröffentlichung von 2001 war die Quelle der entsprechenden Meldungen in den Medien. Kaum eine andere Aussage über die Beschäftigungssituation von Älteren hat sich derart festgesetzt im öffentlichen Bewusstsein. Klingt ja auch sehr griffig und riecht nach skandalöser Altersdiskriminierung. Das Problem ist nur, dass das Statement ein Musterbeispiel ist für eine Aussage, die zwar strenggenommen nicht falsch ist, aber dennoch in die Irre führt. Beim Leser oder Zuhörer entsteht ein Zerrbild im Kopf.

Zunächst muss man wissen, dass mehr als jeder vierte Betrieb nur einen einzigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat. Der ist dann entweder jung, mittleren Alters oder eben über 50. Wenn der einzige Beschäftigte jünger als 50 ist, ist das aber weder überraschend noch ein Skandal. Um zu aussagekräftigeren Erkenntnissen über die Altersverteilung der Beschäftigten zu kommen, ist es sinnvoll, nur Betriebe ab einer bestimmten Größe zu betrachten. Bei Betrieben mit mindestens zehn Beschäftigten sind es gerade einmal zehn Prozent, die keinen Mitarbeiter über 50 hatten.

Ältere haben es nach wie vor schwer, wieder eine Stelle zu finden

In der IAB-Veröffentlichung wurde damals zwar darauf hingewiesen, dass die Betriebsgröße eine entscheidende Rolle bei der Betrachtung spielt. Doch dieser Hinweis ging leider völlig unter. Heute ist der Anteil der Betriebe ohne ältere Mitarbeiter übrigens noch niedriger als damals. Wieder bezogen auf die Betriebe mit mindestens zehn Beschäftigen haben nur sieben Prozent keinen Mitarbeiter über 50.

Ist dann also alles im Lot auf dem Arbeitsmarkt für Ältere? Die Antwort muss differenziert ausfallen. Mit der Arbeitslosigkeit verhält es sich im Grunde ganz ähnlich wie mit der Grippe. Ältere Menschen erkranken seltener, wenn es sie aber trifft, dann brauchen sie länger bis zu ihrer Genesung. So ist die Gefahr, als älterer Beschäftigter arbeitslos zu werden, geringer als bei den jüngeren Beschäftigten.

Das Risiko, aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung heraus arbeitslos zu werden, beträgt heute im Durchschnitt aller Altersgruppen etwa 0,9 Prozent pro Monat, bei den Beschäftigten ab 50 demgegenüber nur 0,6 Prozent. Ältere, die ihren Arbeitsplatz verlieren, haben es aber schwerer, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Für die 50- bis 64-Jährigen liegt die monatliche Übergangsrate aus der Arbeitslosigkeit in eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt mit 3,9 Prozent erheblich unter dem allgemeinen Durchschnittswert von 7,1 Prozent.

Geburtenstarke Jahrgänge werden alt

Die Schwierigkeiten von älteren Arbeitslosen, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zurückzukehren, schlagen sich auch in einem hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen nieder: 45 Prozent der Arbeitslosen über 50 sind bereits länger als ein Jahr ohne Beschäftigung. Auf alle Altersgruppen bezogen liegt der vergleichbare Wert dagegen rund zehn Prozentpunkte niedriger.

Insgesamt ist dennoch festzuhalten, dass sich die Beschäftigungssituation der Älteren in den vergangenen Jahren durchaus verbessert hat. Es lohnt sich aber, auch hier genauer hinzusehen: Dass in den letzten Jahren die Beschäftigungsquoten für die Älteren deutlich zugenommen haben, beruht zum großen Teil auf der wachsenden Erwerbsbeteiligung älterer Frauen. So ist seit 1998 der Anteil der Frauen an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 55 bis 64 Jahren um gut acht Prozentpunkte auf 45 Prozent gestiegen. Das wirkt sich sowohl auf die Beschäftigtenquote der Älteren als auch auf die absolute Zahl der älteren Beschäftigten positiv aus.

Hinzu kommt, dass die Zahl der älteren Beschäftigten ansteigt, weil die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1965 mehr und mehr in die höheren Altersklassen hineinwachsen. Dabei sind die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse bei den Älteren mittlerweile stabiler sind als noch vor einigen Jahren.

Qualifikation zahlt sich aus

Einen starken Einfluss auf die Arbeitsmarktintegration Älterer hat die Qualifikation. Die Erwerbstätigenquote der 50- bis 59-jährigen Akademiker unterscheidet sich kaum von anderen Altersgruppen, während die Kombination von höherem Alter und geringer Qualifikation die Beschäftigungschancen wesentlich senkt. Besonders schwierig wird es, wenn im Alter dann auch noch gesundheitliche Probleme auftreten.

Den Themen Qualifikation und gesundheitliche Prävention kommt daher bei der Verbesserung der Beschäftigungssituation Älterer eine Schlüsselrolle zu. Bei der Qualifikation geht es nicht nur um den formalen Bildungsabschluss. Wichtig ist auch der Nachweis, sich während des Berufslebens weitergebildet zu haben. Das hilft sowohl bei der Sicherung des bestehenden Arbeitsplatzes als auch dann, wenn es im Falle der Arbeitslosigkeit darum geht, wieder eine neue Stelle zu finden. Im Bereich der Weiterbildung für Ältere passiert jedoch noch zu wenig. Ältere Beschäftigte werden deutlich seltener als Jüngere an Weiterbildungsmaßnahmen in den Betrieben beteiligt.

Besonders wichtig wird in dieser Situation zudem die gesundheitliche Prävention. Konzepte der Gesundheitsförderung, die die Fitness und Beschäftigungsfähigkeit Älterer erhalten, sind in der betrieblichen Praxis insgesamt immer noch zu selten. Modellversuche zeigen: Wird das richtig angegangen, dann stehen die Älteren bei der Produktivität den Jüngeren keineswegs nach.

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    Seite 1    
1. Sozialträumereien
Bezahler 17.04.2012
Zitat von sysopCorbisÄlteren bläst auf dem Arbeitsmarkt der Wind ins Gesicht, heißt es immer. Doch ganz so ist es nicht, sagt Sozialforscher Joachim Möller. Mit der Arbeitslosigkeit ist es wie mit einer Grippe: Alte erwischt es seltener als die jungen Kollegen. Aber wenn, dann trifft es sie viel härter. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,827924,00.html
Es sind diese seit jahrzehnten üblichen Sozialträumereien welche sich in dem Artikel wiederspiegeln. Wie wäre es denn mal wirklich seriös,also ohne pseudosozialen Zuckerguß, zu analysieren welche Auswirkungen der sog. erweiterte Kündigungsschutz für die Wiederbeschäftigung von über 52jährigen, in den Personalabteilungen hat! Das Gesetz welche Altersarbeitslosigkeit mit der Brechstange verhindern sollte ist doch letzlich deren größter Antreiber. Das Credo lautet: stell blos keinen über 52 ein! Den bekommt man nicht mehr von der Backe.Bei rückläufiger Nachfrage müssen erst die guten Jungen gehen.Und am Schluß besteht der Laden aus einer Altherrenriege und wird ruck-zuck unsanierbar!Amen.
2.
b_russel 17.04.2012
Zitat von BezahlerEs sind diese seit jahrzehnten üblichen Sozialträumereien welche sich in dem Artikel wiederspiegeln. Wie wäre es denn mal wirklich seriös,also ohne pseudosozialen Zuckerguß, zu analysieren welche Auswirkungen der sog. erweiterte Kündigungsschutz für die Wiederbeschäftigung von über 52jährigen, in den Personalabteilungen hat! Das Gesetz welche Altersarbeitslosigkeit mit der Brechstange verhindern sollte ist doch letzlich deren größter Antreiber. Das Credo lautet: stell blos keinen über 52 ein! Den bekommt man nicht mehr von der Backe.Bei rückläufiger Nachfrage müssen erst die guten Jungen gehen.Und am Schluß besteht der Laden aus einer Altherrenriege und wird ruck-zuck unsanierbar!Amen.
Ich dachte, der gilt erst ab Betriebszugehörigkeit von > 15 Jahren? Das heißt, wenn ein Arbeitnehmer mit 50 eingestellt wird, geht er in Rente, bevor er "unkündbar" wird.
3. Guter Junge
fpe 17.04.2012
Zitat von BezahlerEs sind diese seit jahrzehnten üblichen Sozialträumereien welche sich in dem Artikel wiederspiegeln. Wie wäre es denn mal wirklich seriös,also ohne pseudosozialen Zuckerguß, zu analysieren welche Auswirkungen der sog. erweiterte Kündigungsschutz für die Wiederbeschäftigung von über 52jährigen, in den Personalabteilungen hat! Das Gesetz welche Altersarbeitslosigkeit mit der Brechstange verhindern sollte ist doch letzlich deren größter Antreiber. Das Credo lautet: stell blos keinen über 52 ein! Den bekommt man nicht mehr von der Backe.Bei rückläufiger Nachfrage müssen erst die guten Jungen gehen.Und am Schluß besteht der Laden aus einer Altherrenriege und wird ruck-zuck unsanierbar!Amen.
Gute Junge und schlechte Alte. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem überschaubaren Weltbild. Warum entlassen Sie nicht einfach erst die schlechten Jungen? Warum haben sie schlechte Alte überhaupt erst eingestellt, als sie noch schlechte Junge waren. Oder wird man Ihrer Meinung nach automatisch älter und schlechter?
4.
Mobiacia 17.04.2012
Mit Bedingungslosem Grundeinkommen könnten auch ältere Personen noch ohne schlechtes Gewissen (ich lieg dem Staat auf der Tasche) nochmal studieren, etwas anderes lernen oder einfach die Arbeit machen die Sie für sinnvoll erachten. Lebenslanges Lernen erfordert Lebenslanges bürokratiefreies Bafög. Das bieten das BGE und deshalb wähle ich Piraten da Sie genau das Umsetzen.
5. Interferon
Haarspalter 17.04.2012
Zitat von MobiaciaMit Bedingungslosem Grundeinkommen könnten auch ältere Personen noch ohne schlechtes Gewissen (ich lieg dem Staat auf der Tasche) nochmal studieren, etwas anderes lernen oder einfach die Arbeit machen die Sie für sinnvoll erachten. Lebenslanges Lernen erfordert Lebenslanges bürokratiefreies Bafög. Das bieten das BGE und deshalb wähle ich Piraten da Sie genau das Umsetzen.
Jetzt reicht es langsam mit dem viralen Marketing für die Piraten, es beginnt zu nerven und wird damit kontraproduktiv. Die Piraten werden garnichts umsetzen, da sie an keiner Regierung beteiligt sein werden.
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Zum Autor
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
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