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Eintänzer auf Bestellung Gestatten, Gnädigste?

Christian Werner

Der Job erfordert sichere Schritte, elegante Kleidung, tadellose Manieren. Eine Berliner Agentur lässt die kurze Ära der Eintänzer neu aufleben. Frauen können die tanzenden Gentlemen für einige Stunden mieten - wie einst in den Goldenen Zwanzigern. Privatkontakte zur Kundschaft sind tabu.

An diesem Samstagabend ist die Tanzfläche der Tanzschule "Maxixe" im Berliner Stadtteil Kreuzberg gut gefüllt. Lara Hoffmann, 37, sitzt auf einem gepolsterten Barockstuhl am Rand. Die Unternehmensberaterin aus der IT-Branche sieht nicht so aus, als hätte sie Probleme, einen Mann zu finden: Lange, dunkle Haare, das kurze Schwarze fällt perfekt über die elegant gekreuzten Beine. Eloquent erzählt sie von ihrer Zeit in Argentinien.

Als die Musik wechselt, verstummt Hoffmann. Sie hebt den Finger, schaut verträumt in die Luft: "Ich mag diesen Tango." Der Satz ist noch nicht zu Ende gesagt, schon schnippt ihr männlicher Begleiter von seinem Stuhl: "Darf ich bitten?", fragt Roland Waizenegger, 42, und streckt seinen Arm aus.

Die Aufmerksamkeit ist kein Zufall, auch keine billige Anmache. Hoffman bezahlt dafür, denn Waizenegger ist ein Mann für gewisse Stunden. Stunden des Tanzens. Sein Beruf: Eintänzer. Man kann Waizenegger mieten oder einen der 30 anderen Tänzer seiner Agentur, für einen Abend oder für ein paar Stunden. Es wird nur getanzt und geredet - mehr nicht. Eintänzer haben einen Ehrenkodex. Und eine Geschichte.

Nach dem Ersten Weltkrieg verdingten sich arbeitslose deutsche Offiziere kurzerhand in Tanzdielen und Hotels. Vor allem in Berlin blühte das Geschäft mit den Miettänzern. Hier nahm Waizenegger vor sechs Jahren die Tradition auf und gründete sein kleines Unternehmen.

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Job als Eintänzer: Just a Gigolo?
Historisch stimmte der Ort, die Zeit war reif: Frauen seien immer weniger bereit, sich von einem Mann abhängig zu machen, sagt Waizenegger. Bereits zur Blütezeit der Eintänzer in den Goldenen Zwanzigern entwickelte sich ein emanzipierteres Frauenbild. Damals - kurz nach dem Krieg - fehlte es zudem an Männern. "Das ist heute nicht anders, in der Singlehauptstadt Berlin", sagt Waizenegger.

Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz

Die modernen Eintänzer tun es ihren historischen Vorbildern gleich. Sie können für private Feiern gemietet werden und für öffentliche Bälle, auch für Junggesellinnenabschiede. Stets lautet das Motto: "Die Kundin muss sich gut fühlen."

Zur Arbeitskleidung eines Eintänzers gehören ein Anzug oder - sofern es die Veranstaltung verlangt - ein Frack sowie elegantes Schuhwerk. "Und ganz wichtig: ein Pfefferminz", sagt Waizenegger. Mundgeruch geht gar nicht, wie auch alles, was dazu führt, etwa Bier trinken oder Rauchen. Der Agenturchef erklärt den Eintänzer-Knigge in Kurzform:

  • Pünktlich sein: Man darf die Kundin nicht warten lassen.
  • Emotionale und körperliche Unverbindlichkeit: keine Telefonnummern annehmen, keine privaten Daten austauschen.
  • Sich nicht von anderen Frauen auffordern lassen.
  • Auf ein gepflegtes Äußeres achten.
  • Kein Kaugummi kauen.
  • Nicht in den Tanzlehrerstil verfallen.

Das Wichtigste ist aber: "Die Frau muss das Gefühl haben, dass sie gut aussieht auf dem Parkett."

Waizenegger selbst ist als Tänzer ein Spätzünder. Er begann damit erst, als er vor 15 Jahren nach Berlin kam. Turniererfahrung sei als Eintänzer keine Voraussetzung, technisch sicher sollte man jedoch sein, sagt er.

Tagsüber Controlling, abends Tango

Trotz guter Auftragslage - zwei bis drei Auftritte pro Woche - bleibt das Tanzen ein Hobby mit Zubrot. Ansonsten geht Waizenegger einem Nine-to-five-Bürojob nach: Der studierte Verwaltungswirt arbeitet als Controller in einem Berliner Krankenhaus. Tagsüber schiebt er also Zahlen übers Papier, abends die Damenwelt übers Parkett. Seine beiden Jobs seien wie zwei Sphären, "eine sehr nüchtern, die andere sehr emotional", sagt er.

Seine Agentur firmiert unter den Marken "be my dancer" und "Einfach tanzen". Der Ruf des Eintänzers hatte nach seiner kurzen Hochphase gelitten; der synonym verwendete Begriff Gigolo ist heute als Frauenheld eher negativ besetzt. Unmoralische Angebote gebe es aber selten, so Waizenegger: "Unsere Kundinnen sind froh, dass das Sexuelle nicht mitschwingt."

Das Buchen von Wunschtänzern ist ohnehin nicht möglich. Waizenegger sucht den passenden Partner aus, nach einem Gespräch mit der Kundin. Die Hauptklientel sind gut verdienende, alleinstehende Frauen, oft Unternehmerinnen - "Frauen, die sehr selbstbewusst durchs Leben gehen". Der Anteil männlicher Kunden sei verschwindend gering, aber man kann bei Waizenegger auch sechs Tänzerinnen buchen.

Diskretion ist Ehrensache

Arne Kapteina, 43, tanzt seit einem guten Jahr im Nebenjob für die Berliner Agentur. Das "monetäre Moment" sei ihm nicht so wichtig, die Lust am Tanzen sein eigentlicher Antrieb, sagt der Sachbearbeiter und Maler. Deshalb setzt Kapteina bei Buchungen zeitliche Grenzen: "Zwei bis drei Stunden - alles darüber ist anstrengend."

In Deutschland verdiene heute keiner mehr seinen Lebensunterhalt als Miettänzer, schätzt Claus Heinrich Bill vom Institut Deutsche Adelsforschung. Weltweit gebe es immerhin ein paar hundert Eintänzer, etwa die "Taxi Dancer" in Buenos Aires. "In Argentinien gibt es durch den Tangoboom ein ganz anderes wirtschaftliches Interesse." Bill hat die Historie des Berufsstandes genau untersucht: "Der klassische Eintänzer aus dem Berlin der zwanziger Jahre ist ausgestorben", die heutigen Formen in Europa seien mehr ein "skurriles Hobby".

In Waizeneggers Agentur kostet ein Eintänzer um die 40 Euro pro Stunde, plus Eintritt und Getränke. Mindestens zwei Stunden müssen gebucht werden, bei spezieller Abendgarderobe wird ein Aufpreis fällig. Kundin und Tänzer zahlen in der Öffentlichkeit ihre Spesen immer selbst. Die Rechnung kommt später dezent per Post. Diskretion ist Ehrensache bei den tanzenden Gentlemen - auch beim Bezahlen.

Bloß nicht bei Tanzabenden herumsitzen

Waizenegger erscheint eine Viertelstunde früher zu dem Treffen mit seiner Kundin Lara Hoffmann. "Die Zeit brauche ich, um zur Ruhe zu kommen." Ein Eintänzer muss entspannt wirken. Der Hobbytänzer raut mit einer kleinen Drahtbürste seine Schuhsohlen an.

Eifersüchtige Ehemänner seien immer mal wieder ein Problem, sagt Waizenegger und richtet sein Hemd vor einem Spiegel. Dabei sei der Körperkontakt reglementiert: "Es ist beim Tanzen genau festgelegt, wo man sich anfasst und wo nicht." Kapteina kennt die andere Seite: Bei einer Buchung für eine Zwanziger-Jahre-Party nahm er seine Freundin mit. "Das war das erste und letzte Mal", sagt er. Denn nach seinem Einsatz gab es Krach - die Freundin fühlte sich vernachlässigt.

Der Tango im "Maxixe" ist längst vorbei; Lara Hoffmann macht eine Pause. Für sie steht der Dienstleistungscharakter an diesem Abend klar im Vordergrund: "Ich habe bei Tanzabenden einfach keine Lust rumzusitzen." Es ist ihr erstes Mal mit einem Eintänzer, sie ist zufrieden. In Vergessenheit geratene Tänze hat ihr professioneller Partner dezent aufgefrischt. "Nach drei bis vier Schritten war alles wieder da."

Hoffmann kann sich vorstellen, alle zwei Monate bei der Agentur zu mieten. Aber keinen Mann. "Einen Tänzer!", sagt sie.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. optional
ellereller 07.09.2012
"Aber keinen Mann. Einen Tänzer!" Der Spruch bringt die Sache auf den Punkt. Heftig finde ich es aber schon, dass die Kundin durch die Agentur einen Mann, pardon Tänzer zugeteilt bekommt, der allenfalls genausogroß ist wie sie! Eine Frau will doch aufschauen!
2. Führung ist gefragt.
DonCarlos 07.09.2012
Da haben Sie etwas falsch verstanden, den Tanzen ist der reinste Machosport. Der Herr führt! Wo wäre das heute sonst noch in einer so durch und durch emanzipierten Gesellschaft möglich? Da Beamen beim Tanzen verboten ist kann der Herr auch gut 20 cm kleiner sein als die Dame. Es reicht zu wissen wo bei der letzten Drehung noch eine Lücke im Parkett vorhanden war. "Tanztechnisch" ist es das wichtigste, dass der Herr sauber und klar führt. Was nützt der 2,10 m Mann, wenn die Frau nicht weiß, wo der hin möchte und ihre Füße unter seinen 100 kg kommen? Die Frau im Film ist kleiner wie der Mann, gleicht das aber durch ihre Schuhe aus. Sie haben wohl das "Kinderwerfen" vom Rock'n'Roll im Hinterkopf. Warum sollte die Frau bei einem kleineren Partner schlechter aussehen? Man sieht doch mehr von ihr. Es geht beim Tanzen selbst weniger ums Aussehen als um das Gefühl. Und dafür muss der Mann gut führen können, egal wie groß oder klein er ist.
3. Reality Story
albert schulz 07.09.2012
Selbst in Großstädten gibt es sehr selten eine Möglichkeit konventionell zu tanzen. Lediglich die Tanzschulen bieten in größerem Umfang diese Möglichkeiten an. Und dabei wird es wie bei den Kursen selbst einen klaren Frauenüberschuß geben. Man benötigt also männliche Tanzpartner, und die werden wenig oder nichts bezahlen müssen. Und organisiert wird das vermutlich von der Tanzschule, die ja auf ihre vormaligen Schüler zurückgreifen kann. Möglicherweise zahlt sie sogar ein kleines Taschengeld. Frauen haben einen enormen Widerwillen dagegen, Männer selbst zu bezahlen, weil sie davon überzeugt sind, daß diese den Boden vor ihnen küssen müssen. Machen sie auch häufig genug. Sex wird gerade von der weiblichen Seite in den seltensten Fällen von Interesse sein, was der gewiefte Hausfreund sicher bestätigen kann, bestenfalls etwas Dankbarkeitssex, und den kann man sich sparen. Der ist so aufregend wie Kartoffelschälen. Tatsächlich sind bei den Turniertänzern die Männer deutlich größer als die ungemein zierlichen Damen, aber das liegt wie beim Eistanz an den Wurfübungen. Kleine Männer verehren große Frauen, und hier haben sie die Gelegenheit zum Hochsehen, und vermutlich verlangen sie keinen Pfennig dafür. Große Männer würden natürlich auch noch größere Frauen verehren, aber die gibt es nicht. Mann ist schon glücklich, wenn er bei Unterhaltungen nicht gebückt gehen muß.
4.
ellereller 07.09.2012
Zitat von DonCarlosDa haben Sie etwas falsch verstanden, den Tanzen ist der reinste Machosport. Der Herr führt! Wo wäre das heute sonst noch in einer so durch und durch emanzipierten Gesellschaft möglich? Da Beamen beim Tanzen verboten ist kann der Herr auch gut 20 cm kleiner sein als die Dame. Es reicht zu wissen wo bei der letzten Drehung noch eine Lücke im Parkett vorhanden war. "Tanztechnisch" ist es das wichtigste, dass der Herr sauber und klar führt. Was nützt der 2,10 m Mann, wenn die Frau nicht weiß, wo der hin möchte und ihre Füße unter seinen 100 kg kommen? Die Frau im Film ist kleiner wie der Mann, gleicht das aber durch ihre Schuhe aus. Sie haben wohl das "Kinderwerfen" vom Rock'n'Roll im Hinterkopf. Warum sollte die Frau bei einem kleineren Partner schlechter aussehen? Man sieht doch mehr von ihr. Es geht beim Tanzen selbst weniger ums Aussehen als um das Gefühl. Und dafür muss der Mann gut führen können, egal wie groß oder klein er ist.
Macho und "kein richtiger Mann" schließen sich eben nicht aus. Auch die Lücke nimmt man besser wahr, wenn man ein bisschen größer als die Frau ist. Ich bitte alle hier mitlesenden Frauen: Bitte melden Sie sich, wenn Sie finden, dass Sie mit einem Tanzpartner, der etwas kleiner ist als Sie, ein ebenso gutes Bild abgeben, wie - ceteris paribus - mit einem größeren Tanzpartner. Sie haben den Artikel gelesen?
5. Die Größe ist egal.
poster/in 07.09.2012
- Wenn man(n) führen kann. Ich "musste" im Tanztraining einmal mit einem Partner tanzen, der mir gerade mal bis zur Schulter ging. Erst war ich skeptisch, wie das bei den ganzen Drehungen, Durchziehern, Roundabouts, etc. gehen soll (Training für eine Lateintanzformation). Aber zu meiner Überraschung war das einer der besten Tanzpartner, mit denen ich je das Vergnügen hatte! Ich kann nicht sagen, wie er das geschafft hab, aber eines weiß ich seitdem definitiv: es kommt nicht auf die Größe an. Die Technik macht es! Und wirklich gute Tänzer zeichnen sich nicht nur durch die eigene gute Technik aus, sondern vielmehr dadurch, dass sie sich an das Können ihrer Partnerin anpassen. Nur so ergeben zwei ein harmonisches Tanzpaar.
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