30. April 2013, 08:47 Uhr

Federleicht vs. tonnenschwer

Arbeit mit Fingerspitzen und Bulldozern

Protokolle: Marie-Charlotte Maas

Der eine bearbeitet sein Material nur mit der Lupe, der andere kann es ohne Maschinen nicht einmal bewegen: Helmut Knops baut winzige Rädchen in antike Uhren ein, Florian Pietruschinski arbeitet auf Europas größtem Schrottplatz. Im Jobdoppel berichten die beiden von magischen Berührungen und den Uhren des Maharadscha.

Antike Uhren haben es Helmut Knops angetan. Um sie zu reparieren, reist er schon mal nach St. Petersburg oder ins indische Jodhpur. Bei seiner Arbeit ist Fingerspitzengefühl gefragt. Eher grob geht es auf Europas größtem Schrottplatz zu. Hier arbeitet Florian Pietruschinski.

"Ich bin 64 Jahre alt. Dass ich noch nicht im Ruhestand bin, hat einen einfachen Grund: Ich liebe meine Arbeit. Für mich gab es nie einen anderen Berufswunsch. Eine Uhr wieder zum Leben zu erwecken ist ein echtes Erfolgserlebnis.

Ich bin bereits in der vierten Generation Uhrmacher, unseren Betrieb gibt es schon seit 1878. Die Lehre habe ich mit 15 Jahren angefangen, allerdings nicht bei meinen Eltern. Es wäre schwierig geworden, die richtige Distanz zu finden, und es ist auch gut, andere Betriebe kennenzulernen. Ich kehrte erst nach meiner Meisterprüfung zurück, 1984 übernahm ich das Geschäft. Ich habe mich auf antike Uhren spezialisiert, mich durch Seminare weitergebildet und so eine Nische besetzt.

Meine Arbeitstage sind oft sehr lang. Es kommt vor, dass ich um acht Uhr abends noch zu Kunden fahre, um Uhren abzuholen oder zurückzubringen. Seit einem Jahr habe ich einen Gesellen, alleine könnte ich die Anfragen gar nicht bewältigen. Sogar zu zweit müssen wir ab und zu Aufträge ablehnen.

Früher konnte man von der Werkstatt alleine nicht leben. Den größten Umsatz haben wir damals mit dem Verkauf von Schmuck und Uhren gemacht, das fand ich aber nie besonders spannend. Heute ist das glücklicherweise anders, denn es gibt nur noch wenige Uhrmacher mit eigener Werkstatt. Die meisten arbeiten für große Uhrenhersteller und sind auf eine Marke spezialisiert. Das wäre nichts für mich, denn ich mag den Kontakt zu den Kunden. Ihre Freude zu sehen, wenn ich ihnen die reparierte Uhr überreiche, ist toll. Ich muss aber zugeben, dass es mir nicht immer gelingt, alles zu reparieren. Für manche Uhren fehlen die Ersatzteile.

Ab und zu arbeite ich auch im Ausland. Als Mitglied des Fachkreises historischer Uhren habe ich in den letzten Jahren ehrenamtlich historische Uhren im Schloss Peterhof repariert, einer Palastanlage in Sankt Petersburg. Dort gibt es mehr als 200 Uhren, fast in jedem Raum steht oder hängt eine, und vor Ort gibt es kaum Uhrmacher, die sie reparieren könnten.

Zu Besuch im Palast des Maharadschas

Spannend war auch die Arbeit in Jodhpur in Indien: Zusammen mit sechs deutschen Kollegen habe ich im Palast des Maharadschas gewohnt und dort die Uhren repariert. Der Maharadscha war sehr glücklich über unsere Hilfe, denn er hatte noch keine der Uhren laufen sehen. Die meisten von ihnen hatten das letzte Mal vor 80 Jahren getickt. Wir haben sie nur mit spitzen Fingern angefasst, so wertvoll waren sie.

Die Kosten für die Reparatur sind sehr unterschiedlich. Eine einfache Überholung gibt es schon für weniger als hundert Euro, bei alten Uhren kann die Summe schon mal vierstellig werden.

Ich selbst trage keine Armband-, sondern eine Taschenuhr. Sie ist nicht wertvoll, aber dafür hält sie einiges aus. Das ist mir wichtiger. Eine Uhr am Handgelenk stört mich eher. Auch in unserer Wohnung haben wir wenige Uhren - irgendwann reicht es auch mal mit dem Ticken. Pünktlich bin ich trotzdem immer!"

Schrotthändler Florian Pietruschinski, 25: "Ich habe immer einen Magneten dabei"

"Ich bin in der Nähe des Ruhrgebietes aufgewachsen und habe mich schon früh für Stahl und Metall interessiert. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Vielleicht, weil man aus Schrott wieder etwas machen kann. Eine Cola-Dose kann Teil eines Fensterrahmens werden oder auch eines Autos. Ein Kollege hat es mal auf den Punkt gebracht: Wenn man Schrott einmal berührt hat, kommt man nicht mehr davon los.

Als ich zum ersten Mal die Schrottinsel in Duisburg besucht habe, war ich mächtig beeindruckt. Mit 135.000 Quadratmetern ist sie der größte Schrottplatz Europas - und jetzt mein Arbeitsplatz. Wir lagern hier die Metalle, schreddern oder pressen sie und verkaufen sie weiter. Unsere Abnehmer sind zum Beispiel Aluminium- und Kupferhütten.

Ich bin Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Die meisten haben sich nach der Lehre für einen Bürojob entschieden, aber das wäre nichts für mich. Ich sitze zwar auch oft am Schreibtisch und schreibe Angebote oder kalkuliere Einkaufspreise, bin aber sonst viel unterwegs und besuche unsere Lieferanten. Das kann der kleine Schrotthändler an der Ecke sein, aber auch ein Entsorgungsfachbetrieb mit mehreren zehntausend Quadratmetern Fläche.

Handschlag statt Unterschrift

Viele unserer Lieferanten kenne ich schon lange. Ein Handschlag ist so viel wert wie eine Unterschrift. Diese Beziehungen zu pflegen ist besonders wichtig, denn ich möchte ja, dass sich unsere Lieferanten erst bei mir melden, wenn sie neues Material bekommen und nicht bei den Mitbewerbern.

Als guter Metallhändler habe ich zum Prüfen des Materials immer einen Magneten bei mir. Bei unbekannten Metallen oder Legierungen hole ich mir bei erfahrenen Kollegen Rat: Wie schätzen sie das Material ein? Kaufen oder nicht kaufen?

Den Metallhandel finde ich besonders reizvoll: Weil die Preise täglich neu kalkuliert werden müssen, verfolge ich genau die Kurse an der London Metal Exchange, an der Kupfer, Aluminium, Nickel und Blei gehandelt werden. Ereignisse aus Politik und Wirtschaft wirken sich auf die Börse aus - und somit auf unser Geschäft. Jedes Jahr handeln wir mit acht Millionen Tonnen Stahl und 500.000 Tonnen Metall. Das ist das 850-fache Gewicht des Eiffelturms. Wegen dieser großen Mengen und ihrem hohen Wert gelten auf unseren Schrottplätzen hohe Sicherheitsanforderungen."


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