Protokolle: Kristin Haug
Je bedrohlicher die wirtschaftliche Lage, desto mehr Menschen investieren ihr Geld in etwas Dauerhaftes: ihre Haare. Das behauptet zumindest Frank Neidel, und er muss es eigentlich wissen. Er arbeitet als Haartransplanteur in Düsseldorf. Auch Ulrike Maldoffs Geschäft geht gut. Sie macht allerdings das genaue Gegenteil, sie hat sich auf das Entfernen von Haaren spezialisiert. Wie es ist, jeden Tag mit Stoppeln und Härchen zu kämpfen, erzählen die beiden hier.
"Ich bin Facharzt für Chirurgie. Vor mehr als 20 Jahren wollte ich mich beruflich weiterbilden, dabei bin ich auf einen Arzt gestoßen, der Haare transplantiert. Das galt damals noch als Pionierdisziplin. Seit 1989 transplantiere ich selbst, mehr als 6000 Menschen habe ich schon behandelt.
Man kann nur eigene Haare verpflanzen, Fremdhaare würde der Körper abstoßen. Bei den meisten Menschen, die unter Haarausfall leiden, ist aber der hintere Teil des Kopfes noch gut bestückt, weil die Kranzhaare zur Körperbehaarung gehören und unempfindlicher sind.
Die OP dauert zwei bis vier Stunden. Als erstes entnehme ich einen 15 Zentimeter langen und einen Zentimeter breiten Hautstreifen aus dem Hinterkopf. Die Stelle wird so zugenäht, dass nur eine feine Narbe zurückbleibt, das sieht man gar nicht. Meine Mitarbeiter vereinzeln die Haarwurzeln am Mikroskop. Sie müssen innerhalb von sechs bis acht Stunden wieder eingepflanzt werden, sonst sterben sie ab. Jedes einzelne Haar setze ich in Stichkanälchen am Oberkopf ein - ganz eng, um ein natürliches Haarwachstum zu erreichen. Die Haare werden als Stoppeln eingesetzt, denn wären sie lang, könnten sie leicht rausgezogen werden.
Von mir lassen sich Manager, Pfarrer, Ärzte, Professoren, Musiker und auch Studenten behandeln. Der Eingriff kostet zwischen 4000 und 12.000 Euro. Es kommen auch Prominente zu mir - Menschen, von denen man es nie erwarten würde. Fußballspieler, Trainer, Rennfahrer, Schauspieler, Sänger und Künstler. Mein ältester Patient war 84. Der Mann war schwer krank, konnte sich kaum noch aus dem Haus bewegen, aber er wollte mehr Haare haben. Ich habe auch schon Kinder behandelt, die schwerste Verbrennungen erleiden mussten. Auch Opfer der Ramstein-Katastrophe waren bei mir.
Während der OP unterhalte ich mich mit meinen Patienten - ja, natürlich auch über Haare. Wir lachen viel, aber nicht so, dass sich der Patient vor Lachen auf den Boden schmeißen würde. Er muss ja ruhig liegen bleiben.
Nach 20 Jahren fällt es mir manchmal schwer, mich zu motivieren. Doch ich bin diszipliniert, und meine Arbeit macht mir auch Spaß. Wenn ich an die Zukunft denke, bin ich optimistisch. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wächst mein Kundenstamm. Wenn man nicht weiß, was das Geld noch wert ist, investiert man es entweder in Aktien oder Immobilien oder in Haare - also in etwas Dauerhaftes. Und seitdem Wayne Rooney twitterte, er habe sich Haare transplantieren lassen, sind die Anfragen um zehn Prozent gestiegen."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Das Geschäft mit der Schönheit - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH