Protokolle: Jennifer Hertlein und Felix Scheidl
Ein Sommelier ist ein "speziell für die Getränke, vor allem den Wein, zuständiger Kellner". So steht es im Duden, und so kennt man ihn oder sie: mit einer Weinflasche in der Hand. Auf Carsten Laade, 44, trifft diese Beschreibung zu. Er organisiert Weinproben und berät Restaurants bei der Auswahl. Sogar für die Queen von England hat er schon einen Wein probiert, 2000 Euro hat die Flasche gekostet.
Mit solchen Preisen kann Markus Böhm nicht mithalten. Auch er ist Sommelier - für Bier. Ausspucken, wie man es bei Weinverkostungen macht, ist bei seinen Proben verpönt. Denn nur beim Schlucken kann die Qualität der sogenannten Hopfenbittere, des bitteren Geschmacks, beurteilt werden. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es noch zwischen ihren Berufen gibt, erzählen die beiden hier:
"Mein erstes Erlebnis mit Wein war furchtbar. Ich war 16 und wollte mit einem Freund einen philosophischen Weinabend zelebrieren. Wir holten weiße Tischdecken, Kerzenleuchter, amerikanische Literatur von Thoreau und eine günstige, bauchige Supermarktflasche Chianti Classico. Das Ergebnis war noch bitterer als der Wein: Der Chianti schmeckte alkoholreich, herb und nach Trauben, die zu lange in der Sonne hingen - und am nächsten Tag hatten wir gehörige Kopfschmerzen.
Nach meiner Ausbildung zum Hotelfachmann begegnete ich immer besseren Weinen: Ich arbeitete in der Nähe von London im Stately Home Cliveden, einem imposanten Fünf-Sterne-Herrenhaus, in dem schon Charlie Chaplin, Winston Churchill und Anthony Hopkins übernachtet haben. An einem Abend war Queen Elisabeth II. zu Gast. Für sie und ihre Gäste servierten wir einen 61er Château Latour. Für diese Ikone aus Bordeaux zahlt man schon im Einkauf mindestens 2000 Euro - und ich durfte mit dem Sommelier des Hauses den Wein vorab verkosten.
Jeder mit Liebe und Leidenschaft hergestellte Wein hat eine Geschichte zu erzählen. Er kann nach vielen Aromen schmecken, zum Beispiel Johannisbeere, Lakritz, Veilchen, Aprikose. Wenn ich Weinproben organisiere, halte ich aber keine stundenlangen Vorträge über Geschmack oder die technischen Daten des Weinguts. Ich erzähle meinen Gästen lieber eine Geschichte über den Wein, seine Entstehung und was für ein Typ der Winzer ist. Viele Winzer sind Grenzgänger, loten das Extreme aus, um große Weine herzustellen und sind gleichzeitig sehr feinsinnig: Sie sind oft musikalisch, lieben Kunst und schreiben poetische Texte.
Einen generellen Lieblingswein habe ich nicht. Ein Wein muss immer zum Erlebnis passen. Wenn ich mit meiner Freundin an einem warmen Sommerabend auf einer Wiese picknicke oder am Elbstrand sitze, kann ein Schluck glockenklarer Riesling von der Mosel für sieben Euro wunderbar erfrischend schmecken. In diesem Augenblick würde mir wahrscheinlich auch nicht einfallen, eine Flasche des 61er-Château Latour zu entkorken."
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