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15. November 2012, 13:43 Uhr

Jobdoppel

Zwischen Rumms und Pling

Protokolle: Marie-Charlotte Maas

In manchen Berufen gibt's ordentlich was auf die Ohren. Siegmar Kesselmann und Michael Anton können ein Lied davon singen. Der Unterschied ihrer Jobs misst sich in Dezibel: Der Klavierstimmer bringt Pianos zum Klingen, der Tontechniker Konzerthallen zum Dröhnen.

Die Geräuschkulisse von Bürogeplapper sind die meisten gewohnt. Aber es gibt auch Jobs, in denen absolute Stille oder krachende Musik die Voraussetzung zum Arbeiten sind. So muss sich Siegmar Kesselmann beim Klavierstimmen auf jeden einzelnen feinen Tastenton konzentrieren und Tontechniker Michael Anton bei Rockkonzerten dafür sorgen, dass es zwar rummst, aber nicht zu laut wird. Wie ihr Arbeitsalltag zwischen Hach und Krach so klingt, erzählen die beiden hier.

"Musikbegeistert war ich schon immer, wie die ganze Familie. Als Kind und Jugendlicher habe ich sieben Jahre lang Klavierunterricht genommen. Ich dachte sogar daran, eines Tages Pianist zu werden - aber dazu war ich nicht fleißig genug.

Als ich mit Müh' und Not das Abitur geschafft hatte, überlegte ich, wie es weitergehen sollte. Ein Studium kam für mich nicht in Frage. Ich wollte ein Handwerk lernen, und es sollte mit Musik zu tun haben. Mein Opa hatte sieben Geschwister, drei von ihnen waren Klavierbauer. Als Kind habe ich einem der Großonkel häufig zugesehen, wenn er das Klavier gestimmt hat. Er hat das absolute Gehör, hieß es immer. Ich war fasziniert.

Das absolute Gehör wie mein Großonkel habe ich zwar nicht, aber ich denke, dass es trotzdem ganz gut ist, schließlich habe ich viel Erfahrung sammeln können: 1981, mit 21 Jahren, begann ich meine dreieinhalbjährige Ausbildung in der Klavierfabrik Bechstein in Berlin. Ich wollte unbedingt Stimmen lernen, und das ging nur im Rahmen einer Ausbildung zum Klavierbauer.

Eine separate Ausbildung zum Klavierstimmer gibt es bis heute nicht. Anfang der achtziger Jahre gab es in Berlin neben Bechstein nur eine andere Fabrik. Vielleicht der Grund, warum die Ausbildung so exotisch war - ich war der einzige Lehrling in der ganzen Stadt. Ich lernte, wie ein Instrument entsteht, und die Grundzüge der Holzverarbeitung.

Es war nicht immer einfach: In der Tischlerei, wo ich anfing, hatte ich einen sehr konservativen Meister. Er ließ keine Ausreden gelten, ich hatte oft Blasen an den Händen und Schmerzen, aber ich wollte nicht aufgeben. Erst im dritten Lehrjahr kam ich an die Mechanik und durfte an einem fertigen oder halbfertigen Instrument arbeiten.

Sein Revier: 100 Instrumente

Nach der Wende ging Bechstein in Konkurs, ich wurde arbeitslos. Gerade als ich überlegte, mich beruflich umzuorientieren und Logopäde zu werden, bekam ich eine Stelle in Stuttgart angeboten. Nach vier Jahren wollte ich aber zurück nach Berlin und durfte zu meiner großen Freude in der Berliner Steinway-Niederlassung anfangen. Dort arbeite ich jetzt bereits seit 15 Jahren.

Zusammen mit zwei Kollegen kümmere ich mich zum Beispiel um die Wartung der rund 100 Instrumente an der Musikhochschule. Dort sind wir täglich bis zu zwei Stunden. Wenn ich zurückkomme, warten in der Werkstatt meistens einige Flügel auf eine Reparatur. Anschließend fahre ich oft zu Kunden, die einen Steinway-Flügel besitzen, der gestimmt oder aufgearbeitet werden muss. Wenn wir Instrumente warten oder generalüberholen, dauert das zwischen acht und 24 Stunden. Wir ziehen etwa die Hammerknöpfe ab, regulieren die Mechanik, stimmen das Instrument und kümmern uns um die Intonation, wobei wir den Klang des Instruments festlegen.

Mein 'dritter Arbeitsplatz' sind Konzerthallen. Dort übernehme ich die Künstlerbetreuung, stimme regelmäßig vor dem Konzert und manchmal in der Pause nach. Das kommt ganz auf den Pianisten an. Einige sind schnell zufrieden, andere haben bis kurz vor dem Konzert Wünsche, weil ihnen der Klang noch nicht gefällt oder sie finden, dass sich die Tasten schwer spielen lassen. Die Arbeit mit Künstlern macht Spaß, kann aber auch mühsam sein: Jeder Musiker hat seine eigene Vorstellung vom perfekten Klang - und die lässt sich nicht immer einfach erklären. Da hilft es nur, sich so viel wie möglich auszutauschen.

Regelmäßig arbeite ich auch im Tonstudio, wenn CD-Aufnahmen stattfinden. Ein Flügel ist unberechenbar und kann sich immer verstimmen, dann ist es gut, wenn gleich jemand vor Ort ist, um sich darum zu kümmern. Zu solchen Anlässen bin ich jeden Tag mit im Studio - und so eine Aufnahme kann schon mal eine Woche dauern. Ich bin es gewohnt, im Hintergrund zu arbeiten, und das entspricht auch meinem Naturell. Aber seinen eigenen Namen auf der CD zu lesen und somit den Beweis zu haben, dass man Teil des erfolgreichen Entstehungsprozesses der Musik war, ist schon ein schönes Gefühl."

Michael Anton: "Ich weiß schon vorher, wie es klingt."

"Seit meiner Jugend mache ich selber Musik, nur so kommt es, dass ich heute als Tontechniker arbeite. Ich trete regelmäßig mit meiner eigenen Band auf. Nach dem Abitur habe ich mich für eine Ausbildung zum 'Audio Engineer' entschieden, so lautet nämlich die offizielle Berufsbezeichnung.

Anfangs habe ich vor allem in den Bereichen Studio und Live-Musik gearbeitet, seit einigen Jahren ist noch ein neues Feld dazu gekommen: die Audio-Messtechnik. Dabei plane ich die Beschallung von großen Events und Festinstallationen. Mit Hilfe der Technik ist es möglich, bereits vor einer Veranstaltung herauszufinden, wie sie klingen wird. Kennt man die Beschaffenheit von Räumen, weiß also, aus welchen Materialien sie gebaut sind, kann man diese virtuell nachbauen und so simulieren, wie sich darin Musik oder Töne anhören werden.

Bitte nicht so laut!

2008 habe ich mit zwei Kollegen eine spezielle Messsoftware zur Lautstärkemessung für den deutschen Markt mitentwickelt und eine eigene Firma gegründet. Als Team schaffen wir es, die meisten Kundenanfragen abzudecken.

Dass dieser Markt so boomt, hat mit einer EU-Richtlinie zu tun, die für alle Mitgliedsstaaten erlassen und Ende 2007 in Deutschland umgesetzt wurde. Die Lautstärkegrenze und das Messverfahren wird in Deutschland seitdem durch die Neufassung der sogenannten DIN 15905-5 geregelt: Sie besagt, dass Besucher einer Veranstaltung nur einer bestimmten Lautstärke ausgesetzt werden dürfen und dass der Veranstalter verpflichtet ist, diese Lautstärke zu messen und dokumentieren.

Tut er das nicht, hat er ein Problem: Trägt ein Besucher nachweislich einen Hörschaden davon, muss der Veranstalter nachweisen können, dass die Lautstärke die festgelegte Grenze nicht überschritten hat. Kann er das nicht, wird es teuer, wenn der Besucher Schadenersatz fordert. Früher lag die Beweislast noch bei dem Geschädigten. Gerade die großen Veranstalter, der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder Festivals wie "Rock im Park", geben solche Messungen in Auftrag. Damit man sich eine Vorstellung machen kann, wie laut das werden kann: 100 Dezibel hören sich in etwa so an, als stünde man zwei Meter von einer Kettensäge entfernt. Lauter sollte es laut der Richtlinie also in keinem Fall sein.

Vier Stunden Soundcheck für eine Gitarre

Diese EU-Regel begrüße ich - nicht nur, weil wir so neue Aufträge bekommen. Man kann natürlich sagen, dass jeder für sich selber die Verantwortung trägt, und fragen, ob man die Leute entmündigen darf, um sie zu schützen. Aber den meisten Zuhörern ist gar nicht bewusst, dass sie ihr Gehör einer Gefahr aussetzen. Darum muss man Grenzen setzen.

Natürlich nehme ich auch weiterhin die klassischen Aufgaben meines Berufes wahr. Ich bin oft im Studio und arbeite mit Bands an deren Aufnahmen oder mache die Beschallung für Live-Auftritte. Gerade die Arbeit im Studio macht mir viel Spaß, denn da kann ich richtig akribisch sein und mir beim Soundcheck für die Gitarre auch schon mal vier Stunden Zeit nehmen, so dass ich am Ende richtig zufrieden bin. Bei Live-Auftritten muss das schneller gehen, schließlich kann das Publikum nicht warten, nur damit am Ende mein Perfektionismus befriedigt ist.

Mein Beruf ist sehr interessant und abwechslungsreich. Früher habe ich vor allem geschätzt, dass ich viel unterwegs bin, deutschlandweit arbeiten kann und viele verschiedene Menschen treffe. Inzwischen bin ich aber zweifacher Vater, und da werden genau diese Punkte plötzlich zum Problem. Darum versuche ich, vor allem Aufträge anzunehmen, die bei uns in der Gegend stattfinden, so dass ich abends zu Hause sein kann.

Dass man als Tontechniker natürlich niemals einen nine-to-five-Job haben wird, lässt sich aber leider nicht ändern. Meine Hauptarbeitszeit sind nun mal der Abend und das Wochenende."

Klavierstimmer und Tontechniker - die beiden Jobs im Überblick

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