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27. Januar 2012, 11:09 Uhr

Jobdoppel - Zeche vs. Zugspitze

Arbeit mit Höhen und Tiefen

Protokolle:

Im KarriereSPIEGEL-Jobdoppel erzählen Menschen mit konträren Jobs, wie sie arbeiten und was sie an ihrem Beruf fasziniert. Steffen Korff leitet Gaststätten auf der Zugspitze, in fast 3000 Metern Höhe. Klaus Lagemann ist dort Reviersteiger, wo Deutschland am tiefsten ist - in einer Ibbenbürener Zeche.

Zwischen den Arbeitsplätzen von Steffen Korff, 46, und Klaus Lagemann, 49, liegen mehr als 4500 Höhenmeter. Steffen Korff leitet die Gastronomie auf der Zugspitze, Klaus Lagemann ist Reviersteiger in der Zeche RAG Anthrazit in Ibbenbüren.

Korff fährt jeden Tag mit der Seilbahn zur Arbeit, Lagemann mit dem Förderkorb. Beide sind für mehr als 40 Mitarbeiter zuständig, beide arbeiten unter extremen Bedingungen. Auf der Zugspitze ist die Luft dünn und die UV-Strahlung so hoch, dass Sonnencreme als Arbeitsmittel gilt. Unter der Erde ist es heiß, staubig und laut. Warum die beiden trotzdem nicht tauschen möchten, erzählen sie im Protokoll.

Klaus Lagemann, Reviersteiger in Deutschlands tiefster Zeche -
"Eine Stunde unterwegs bis zum Arbeitsplatz"

"Als Reviersteiger bin ich für 42 Kumpel zuständig, die in vier Schichten rund um die Uhr arbeiten - in 1600 Meter Tiefe. Zu unserem Arbeitsplatz ist man länger als eine Stunde unterwegs. Uhren, Feuerzeuge oder Handys darf man nicht mitnehmen. Alles, was Funken erzeugen kann, ist unter Tage verboten.

Zunächst fährt man mit einem Förderkorb nach unten. Er hat vier Etagen und kann 60 Leute transportieren. Wie ein Aufzug hält er in verschiedenen Stockwerken, bei uns sind das die Sohlen. Wir müssen bis zur Sohle 6, die tiefste. Vom Förderkorb aus muss man ein Stück gehen. Dann kommt ein Förderband: Man legt sich der Länge nach auf die Kohle drauf, fährt circa 800 Meter weit mit, geht in die Hocke und springt ab. Dann wieder laufen, noch mal mit dem Förderband fahren und wieder laufen. Wenn man die Wege zusammenrechnet, legen wir bestimmt so drei bis vier Kilometer jeden Tag zurück.

Körperlich ist das ziemlich anstrengend, unter Tage ist es nämlich um die 30 Grad heiß - im Winter manchmal 40 Grad Unterschied zur Außentemperatur. Je näher man der Kohle kommt, desto wärmer wird es.

Weil der Weg so weit ist, kann man auch nicht mal schnell für die Mittagspause nach oben. Jeder Kumpel hat sein Brot dabei, es gibt sogenannte Revierpunkte mit Bänken und Tischen. Da buttern wir dann. So heißt das bei uns: buttern. Bedürfnisse anderer Art können nur bedingt gestillt werden, Toiletten gibt es in der Grube keine.

Seit 35 Jahren auf der Zeche

Mein Arbeitstag beginnt jeden Tag um 5 Uhr morgens. Als erstes höre ich mir an, was während der Nachtschicht passiert ist: Gab es Störungen, sind Maschinen defekt? Jede Minute Stillstand kostet viel Geld. Spätestens um 8 Uhr fahre ich selbst in den Schacht. Das finde ich sehr wichtig, um den Kontakt zu meinem Team nicht zu verlieren.

Ich bin seit 1977 auf der Zeche. Alles, was meine Männer unter Tage machen, habe ich auch schon gemacht. Ich habe das von der Pieke auf gelernt und kenne jeden Handgriff.

Mit Spitzhacke oder Presslufthammer ist hier niemand mehr unterwegs. Das ist alles Hightech unter Tage. Mein Kohlerevier ist 300 Meter lang, wir fördern dort jeden Tag 3000 Tonnen Kohle. Im Abbauhohlraum, dem Streb, stehen 400 Hydraulikstempel. Sie bilden zusammen den sogenannten Strebausbau und halten die Decke. Jeder Stempel kann eine Last von 580 Tonnen tragen - beinahe das Gewicht von zwei voll betankten Jumbojets.

Die Kohle wird mit einem Hobel aus dem Kohleflöz gelöst - den steuert ein Maschinenfahrer, der über Tage sitzt. Er ist mit den Männern im Schacht ständig in Kontakt. Wir haben unten auch eine Telefonanlage. Manchmal fällt zum Beispiel der Strom aus, dann rufe ich bei den Elektrikern an. Sie können auf dem Computer sofort sehen, wo das Problem liegt.

Das Ende naht: 2018 ist Schicht im Schacht

Jeder Kumpel hat eine Grubenlampe am Helm, außerdem trägt man eine Schutzbrille, Handschuhe, Schienbeinschoner, Ohropax und Sicherheitsschuhe. Und man hat einen CO-Selbstretter dabei. Der CO-Selbstretter ist ein Atemfilter mit Mundstück und Nasenklemme, der im Notfall giftiges Kohlenmonoxid in ungiftiges Kohlendioxid umwandelt. Zum Glück habe ich das noch nie gebraucht. Für jeden Schritt unter Tage gibt es klare Sicherheitsvorschriften, deshalb passieren auch nur sehr wenige Unfälle.

Frische Luft kommt über Schächte und Schleusen nach unten. Es ist ziemlich staubig unter Tage, aber wir kommen schon klar. Frauen arbeiten hier nicht, ich glaube, die würden das körperlich nicht schaffen. Frauen sind aber bei unserer Aufsichtsbehörde beschäftigt. Die Bergbehörde kontrolliert die Arbeiten unter Tage.

Nachdem der Hobel die Kohle gelöst hat, fällt sie auf den sogenannten Panzerförderer. Der bringt sie zu den Förderbändern, von dort aus geht es in den Kohlenbunker. Das läuft alles vollautomatisch. Wenn das Revier abgekohlt ist, bekommen wir ein neues zugeteilt, und die ganze technische Ausrüstung zieht um.

Als ich 1977 mit meiner Ausbildung zum Bergmechaniker angefangen habe, hat man uns gesagt: Energie wird immer gebraucht. Das stimmt natürlich noch, aber die Branche stirbt trotzdem aus. Ich habe schon viele schwierige Zeiten als Bergmann mitgemacht, doch Ende 2018 wird Schluss sein. Für mich ist das nicht so schlimm, ich gehe dann in den Vorruhestand. Aber die jüngeren Kollegen werden sich andere Jobs suchen müssen."

Steffen Korff, Gastro-Chef auf der Zugspitze - "Nachts die Terrasse gegen Wanderer verteidigen"

"Wenn die Sonne scheint, verkaufen wir eine Tonne Pommes frites in drei Tagen. Wenn es regnet, nicht mal ein Kilogramm. Das macht die Planung für mich als Leiter der Gastronomie auf der Zugspitze sehr schwierig - aber auch spannend.

In meinem Team arbeiten 48 Leute in drei Restaurants und einem Café. Die "Gipfelalm" und die "Panorama Lounge" sind zehn Meter unter dem Gipfel der Zugspitze, auf einer Höhe von 2952 Metern Höhe. Der "Gletschergarten" und das "SonnAlpin"-Restaurant befinden sich auf dem sogenannten Zugspitzplatt auf rund 2600 Metern.

Arbeitsbeginn ist um 7 Uhr, dann fährt die erste Seilbahn zum Gipfel, an manchen Sonntagen bereits um 5.30 Uhr. Meist drängen sich schon Touristen in der Station und wollen mitfahren, aber die erste Fahrt ist für die Mitarbeiter reserviert.

Einer von uns muss immer auf dem Zugspitzplatt übernachten, nach dem Rechten sehen und alles vorbereiten. Wir haben nur eine halbe Stunde Zeit, bis die ersten Gäste kommen - mit dem Brötchenbacken würde man also sonst gar nicht nachkommen.

Allein mit der Notbeleuchtung

Für die Mitarbeiter gibt es ein kleines Zimmer über dem "SonnAlpin"-Restaurant mit Fernseher und Dusche. Als ich das erste Mal dort übernachtet habe, fand ich es richtig gruselig: Das Gebäude ist sehr groß, es gibt vier Ebenen und unendlich viele Türen. Nachts ist nur die Notbeleuchtung an, das Licht muss man überall einzeln anschalten. Und auf einmal war der Lastenaufzug nicht mehr da. Er war in den Keller gefahren - obwohl ja niemand außer mir im Haus war. Dazu gab es noch alle möglichen Geräusche, das war wirklich unheimlich. Am nächsten Tag habe ich erfahren, dass der Fahrstuhl nachts immer automatisch in den Keller fährt.

Ich musste das Haus nachts auch schon einmal verteidigen - gegen zehn Wanderer, die partout dort übernachten wollten. Außer dem Gästezimmer für die Mitarbeiter gibt es im Gebäude nur noch eine Notliege. Ich habe die Wanderer schließlich mit Decken auf der Terrasse untergebracht.

Im Winter wird unweit des Restaurants für Besucher ein Iglu-Dorf errichtet. Dann ist man zumindest vom Gefühl her nicht ganz so allein, manchmal werden aus dem Iglu-Dorf auch Gäste herübergebracht. Manche vertragen die Höhe nicht oder fühlen sich in fensterlosen Räumen unwohl - für solche Fälle haben wir die Notliege.

Auf der Gipfelstation übernachtet zwar ein Seilbahntechniker, aber um vom "SonnAlpin"-Restaurant dort hin zu kommen, müsste man eine 300 Meter hohe Steilwand überwinden. Etwas weiter unten am Berg liegt das Schneeferner Haus, eine Forschungsstation, aber auch dort kommt man im Dunkeln unmöglich zu Fuß hin.

Zehn Tonnen Lebensmittel pro Woche

Eine große Herausforderung ist das Wetter. Bei einer Windstärke von 80 Stundenkilometern fliegen sogar Biertische und -bänke. Und einmal habe ich morgens die Tür geöffnet und stand bis zur Brust im Schnee. Da muss man sich erst einmal durchpflügen.

Wenn es heftig schneit oder der Wind zu stark ist, fährt die Seilbahn nicht, man kommt aber immer noch mit der Zahnradbahn zum Zugspitzplatt. Nur bei richtigem Unwetter steht auch die still. Eine Kollegin von mir war einmal drei Tage lang eingeschneit. Keine schöne Vorstellung, aber zumindest ist es warm, und verhungern kann man auch nicht.

Zweimal pro Woche bekommen wir fünf Tonnen Lebensmittel mit der Zahnradbahn geliefert. Wir haben ein großes Lager auf dem Berg, aber die Kalkulation der Bestellungen ist oft schwierig. Manchmal kommen 4000 Besucher am Tag, manchmal nur 80. Bevor ich in der Zuspitzgastronomie angefangen habe, habe ich eine Autobahnraststätte geleitet, da war die Zahl der Gäste viel leichter einzuschätzen.

Das Publikum auf der Zugspitze ist sehr international. Im Sommer kommen viele Araber, deshalb haben wir zum Beispiel einen eigenen Gebetsraum mit Gebetsteppich eingerichtet und auf den Toiletten Handbrausen installiert. Für die indischen Gäste bieten wir jetzt immer ein indisches Gericht an, bei größeren Gruppen engagieren wir sogar einen indischen Koch - das kommt bei den Besuchern gut an.

Meine Lieblingsmonate auf der Zugspitze sind Februar und März. Da liegt noch Schnee, aber es ist warm, man hat eine klare Sicht. Bei schönem Wetter ist der Ausblick phantastisch. Ohne Sonnenbrille und Sonnenschutzcreme mit Lichtschutzfaktor 50 geht aber nichts. Beides kriegen wir gestellt - als Arbeitsmittel."

Zugspitze vs. Zeche - die Jobs, die Licht- und Schattenseiten im Vergleich

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