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Zukunftsforscher vs. Historiker Zurück in die Gegenwart

Der eine schaut stets nach vorn, der andere zurück. Eike Wenzel hat sich als Zukunftsforscher selbständig gemacht und prophezeit einen neuen Boom der Solartechnik. Frank Kolb ist Geschichtsprofessor und meint, die EU solle vom Römischen Reich lernen.

Vorträge halten beide gern. Der eine erzählt von der Zukunft, der andere von der Vergangenheit. Und beide haben viele Tipps für die Gegenwart. Zukunftsforscher Eike Wenzel und Historiker Frank Kolb erzählen von ihrer täglichen Arbeit - die gar nicht mal so unterschiedlich ist.

Zukunftsforscher Eike Wenzel, 46: "Erst mal die Vergangenheit verstehen"

Eike Wenzel hat ein Institut für Trend- und Zukunftsforschung gegründet. Zur Großansicht

Eike Wenzel hat ein Institut für Trend- und Zukunftsforschung gegründet.

"Zukunftsforscher zu sein hat nichts mit in die Glaskugel schauen zu tun. Wir erraten nicht, was passieren könnte, sondern prognostizieren. Wir wollen Zukunft planbar machen. Konkret bedeutet das: Ich suche in der Gegenwart Spuren von Zukunft; beobachte, was sich verändert. Dazu betrachte ich Lebensstile oder Märkte, analysiere Verbraucher- und Nutzerzahlen und schaue, wie sich Technologietrends oder Konsumverhalten wandeln. Daraus schließe ich, wie sich eine Technik oder ein Verhalten weiterentwickeln könnte.

Ein Beispiel: Solartechnologie steht im Moment in Deutschland vor dem Aus. Aber ich behaupte, dass wieder ein Solarboom kommt. Die Marktzahlen, die technischen Neuerungen, die Logik von Innovationsprozessen im Hightech-Bereich deuten darauf hin.

Zukunft braucht Herkunft

Die Zukunft können wir nur mit Hilfe von Vergangenheit und Gegenwart verstehen. Deshalb nenne ich mich auch gerne Trendanalytiker. Ich muss analysieren: Was ist in der Vergangenheit schiefgelaufen, wie hat sich beispielsweise ein Unternehmen verhalten, welche Rolle spielt es jetzt und was muss es machen, um weiterzukommen. Zukunft braucht Herkunft. Deshalb ist es gerade für gesellschaftliche Analysen gut, wenn Historiker eng mit Zukunftsforschern zusammenarbeiten.

Ich habe Medien-, Literaturwissenschaften und Soziologie studiert, anschließend promoviert. Ich war im Journalismus tätig, in einer Unternehmensberatung und als Universitätsdozent. Im März 2011 habe ich mit einem Freund das Institut für Trend- und Zukunftsforschung gegründet. Zu unserem Arbeitsalltag gehören auch Studien und Vorträge, typische Berateraufgaben. So kommen zum Beispiel Automobilhersteller zu uns, die möchten, dass wir in einem Workshop erklären, wie Menschen ihre Autos wahrnehmen."

Historiker Frank Kolb, 68: "Lernen vom Römischen Reich"

Frank Kolb ist emeritierter Professor für Alte Geschichte an der Uni Tübingen. Zur Großansicht
Frank Kolb

Frank Kolb ist emeritierter Professor für Alte Geschichte an der Uni Tübingen.

"Wer wir sind und woher wir kommen, diese Frage hat mich schon während meiner Schulzeit fasziniert. Ein Schwerpunkt meiner Forschung ist die Stadtgeschichte von Troja bis Rom. Ich erforsche, wie Städte entstanden sind und wie sich das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben durch das gesamte Altertum von etwa 3000 vor bis 600 nach Christus entwickelt hat.

Ich lese historische Dokumente, analysiere archäologische Fundstücke, beschäftige mich mit den Publikationen anderer Forscher. Dazu kommen übliche Pflichten als Hochschulprofessor wie Seminare vorbereiten, Abschlussarbeiten betreuen sowie Klausuren entwerfen und korrigieren. Außerdem besichtige ich Ausgrabungen vor Ort, etwa in Rom und Troja, und habe selbst auch einmal eine kleine Ausgrabung geleitet.

Geschichte kann Handlungsoptionen aufzeigen

Meinen Studenten versuche ich zu zeigen, dass wir mit Hilfe der Geschichte Entwicklungen in der Gegenwart beurteilen können. Beispielsweise hat das Römische Reich für große Teile des heutigen Europa die Grundlagen für die Entwicklung des Städtewesens gelegt. Im Römischen Reich gab es zwar eine Zentralgewalt, aber nur eine schwache Bürokratie. Das Reich war daher auf eine starke, funktionierende Selbstverwaltung der einzelnen Städte und Regionen angewiesen und hat sie gefördert. Dies ist ein Grund, warum das Römische Reich so stabil war und fast tausend Jahre bestehen konnte.

Immer mehr Menschen klagen darüber, dass die Europäische Union die regionale Selbständigkeit der einzelnen Staaten, Bundesländer und Städte einschränkt. Wir können aufgrund der Erfahrungen mit dem Römischen Reich sicher nicht die Zukunft Europas vorhersagen und etwa ein Zerbrechen der Europäischen Union prophezeien. Aber wir können Handlungsoptionen aufzeigen. Und eine Option wäre in diesem Fall, den Regionen in Europa eine starke regionale Selbstbestimmung zu garantieren. In der Geschichte hat das gut funktioniert.

Leider sind Politiker heute an Erkenntnissen, die länger vergangene Epochen bieten können, wenig interessiert. Nur einmal wurde ich von einer Partei zu einem Vortrag über die antike Polis eingeladen. Politische Erfahrungen, die nicht unmittelbar für konkretes Planen der Zukunft nutzbar scheinen, betrachten heutige Politiker offensichtlich als unbedeutend. So manch kurzsichtiges Handeln dürfte sich daraus erklären."

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Interessante Kurzvorstellungen
Soros 16.09.2013
Nur in einem muß der Historiker ergänzt werden: Die meisten Politiker sind ganz allgemein nicht an Erkenntnissen interessiert, die nicht kurzfristig in Propaganda umgesetzt werden können!
2.
bettyboop2013 16.09.2013
Irgendwann wird die Solartechnik sicher boomen. Die Frage ist, ob das in Deutschland mit seinen 3 Monaten Sommer sein wird.
3. Schön und gut...
Layer_8 16.09.2013
Zitat von sysopFrank Kolb/ privatDer eine schaut stets nach vorn, der andere zurück. Eike Wenzel hat sich als Zukunftsforscher selbständig gemacht und prophezeit einen neuen Boom der Solartechnik. Frank Kolb ist Geschichtsprofessor und meint, die EU solle vom Römischen Reich lernen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/jobdoppel-zukunftsforscher-und-historiker-als-beruf-a-920242.html
Der philosophische Ansatz stimmt. Man bestimmt eine möglichst große Menge von Anfangsbedingungen (Ist-Zustand) und versucht "Bewegungsgleichungen" zu finden, welche daraus zeitliche Zustände in der Zukunft determinieren. Nur sind diese (empirischen) Bewegungsgleichungen sowas von nichtlinear, dass selbst die Menge aller Anfangsbedingungen nur dann hinreichend ist, wenn jede dieser Bedingungen auch hinreichend genau definiert sind. Mögliche Ergebnisse werden also exponenziell divergieren und somit ist dieses Forschungsgebiet gleichzusetzen mit der Wettervorhersage oder der Vorhersage von Börsenkursen. Kurzfristig mögen ja alle Recht behalten. Nichts für ungut.
4.
mcmercy 16.09.2013
So pauschal kann man auch nicht sagen, dass das römische Reich 1000 Jahre Bestand hatte. In diesen 1000 Jahre machte Rom etliche Änderungen durch von der Republik zurm Kaiserreich ganz zu schweigen von etlichen Bürgerkriegen und Gebietsänderungen. So allgemein könnte man auch sagen, Frankreich hat seit 1000 Jahren Bestand.
5. History will teach us nothing
knaake 16.09.2013
Ich würd' zwar nicht so weit wie Herr Sting gehen, aber gerade die letzte Zeit zeigt uns immer wieder, wie historische "Gewissheiten" plötzlich revidiert werden. Wovon will man also dann eigentlich "lernen"? Von Hypothesen die auf Annahmen fußen? Es ist in der heutigen Zeit schon nahezu unmöglich "die Ursachen" für irgendein Geschehen festzustellen; was sollen wir also aus dem schliessen, was sich irgendwie per Zufall übre 2000 Jahr hinweg gerettet hat, bzw. dem was sich die damaligen Zeitzeugen so aus den Fingern sogen? Da wäre schon fast der Theologe konkreter (bzw. kann er wenigstens darum beten..). Erkenntnisse vergangener Epochen --- was denn für Erkenntnisse eigentlich? Na ja, ich habe jedenfalls vor mich im Lendenschurz, Bronzeschwert und Solarrechner unter einer Linde begraben zu lassen; DIE daraus entstehenden Theorien über unser Zeit wären jedenfalls lesenswert.
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