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Jobbende Künstler Morgens ins Sägewerk, abends auf die Bühne

Kunst ohne Brot: Arbeiten, um den Beruf zu finanzieren Fotos
Andreas Hartmann

Sie stehen auf der Bühne, singen, verlegen Bücher - und nebenher tragen sie Post aus oder stapeln Paletten. Kreative Leistung wird gern gesehen, aber kaum belohnt. Drei Künstler erzählen, wie sie über die Runden kommen.

Die Frage nach der Selbstdefinition hat Tommy Finke, 33, sich nie gestellt: "Ich habe mich schon immer als Künstler verstanden." Schon mit elf Jahren schrieb er Lieder. Derzeit arbeitet er am Schauspiel Dortmund, schreibt Musik und führt sie mit auf.

Dirk Kaufmann, 31, stand erst mit 19 das erste Mal auf einer Theaterbühne, gleich in der Hauptrolle. Das war seine Bedingung, um mitzuspielen. "Eine große Klappe hatte ich schon", sagt er. Heute arbeitet Kaufmann als Schauspieler und in der Theaterproduktion.

Miriam Spies kam in den Literaturbetrieb, als für ihr Buch ein Verlag absprang. Es erschien ihr einfacher, selbst zu gründen, als jemanden zu suchen, der das Projekt fortführte. Heute ist sie Vollblutverlegerin.

Alle drei verbindet, dass sie für ihre Arbeit gut ausgebildet sind: Spies hat einen Magister in Germanistik, Buchwissenschaft und Kulturanthropologie. Finke studierte an der Essener Folkwang-Universität der Künste Elektronische Komposition, Kaufmann in Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis. Alle drei stecken in ihre Jobs viel Zeit und Leidenschaft. Sie verbindet aber auch, dass sie davon allein nicht leben können - oder nur phasenweise, gepaart mit einem Job, der mehr Geld einbringt als sonst üblich.

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Nicht selten kommt bei Projekten auch gar keine Kohle herum. Damit scheinen die wenigsten Auftraggeber Bauchschmerzen zu haben: Einige können sich Gagen nach eigener Aussage selbst nicht leisten, andere sind so daran gewöhnt, kreative Leistung ohne Lohn einzufordern, dass sie es für natürlich halten. Das Schlagwort für Kulturschaffende lautet deshalb "Querfinanzierung" und ist bei vielen Künstlern Alltag: Sie arbeiten, um sich ihren Beruf zu finanzieren.

"Ich erkaufe mir mit dem Brotjob Zeit für Musik", erklärt Tommy Finke. Das bezeichnet er selbst als paradox, hat sich aber damit arrangiert. "Musik ist finanziell nicht planbar. Platten zum Beispiel bringen kaum etwas ein, ziehen aber Konzerte nach, die mehr bringen." Seit 2008 arbeitet er im technischen Support für Antivirensoftware. "Der Vorteil: Ich bin dort sehr frei. In Phasen, in denen die Musik wenig einbringt, arbeite ich viel." Gerade setzt er zwei Monate aus: Er verdient mit der Arbeit am Theater genug, um sich ganz darauf konzentrieren zu können.

"Wer nicht zum Amt will, muss fast alles machen"

Zu seinen vielen Projekten gehören auch Imagefilme, Soundtracks und Tonmischung. Dennoch ist ihm sein Nebenjob wichtig, auch mental: "Ich brauche nicht viel, aber die Angst vor Verarmung kann schon blockieren." Musik als bloßes Hobby zu betreiben, stand für ihn nie zur Debatte, "dazu ist der kreative Druck zu hoch".

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Dem kann sich auch Dirk Kaufmann nicht entziehen: "Das Theater hat mich sofort angefixt." Um Studium, Auftritte ohne Gage und schlecht bezahlte Produktionen zu finanzieren, hat er fast jeden Job gemacht - "Post ausgetragen, im Sägewerk Paletten gestapelt, Sicherheitsdienst". Inzwischen hat er ein Zweitstudium in Theaterpädagogik abgeschlossen und finanziert sich mit Projektarbeit in diesem Bereich.

Das Hauptrisiko seiner Branche sieht er in den Lücken zwischen den Engagements. "Wenn du da nicht zum Amt willst, musst du bereit sein, fast alles zu machen", sagt Kaufmann. "Es ist toll, dass die Kunst frei ist, gleichzeitig nimmt der Staat das zu wörtlich. Kultur ist ein wichtiges Gut, aber hier wird immer zuerst gekürzt."

Miriam Spies gibt in ihrem Gonzo-Verlag Lyrik und Prosa im Geiste der Beat-Generation heraus, im Schnitt vier Bücher im Jahr. 2014 sind sogar sechs geplant. Nebenher arbeitet sie als Lektorin für Kollegen, über die Kontakte in die Branche ergeben sich hier und da weitere Projekte. "Damit versuche ich, den Verlag aus den roten Zahlen zu halten." Verdient hat sie dann immer noch nichts, "dafür mache ich völlig andere Jobs, zum Beispiel Redaktionsassistenz beim SWR". Ihr Problem mit diesen Brotjobs: "Diese Tage sind für mich eine kreative Handbremse und ziehen mich aus meinen Projekten oft total raus." Bauchschmerzen bereitet der Verlegerin auch, dass sie die eigenen Probleme in Teilen an ihre Autoren weitergibt: "Denen kann ich natürlich keine Vorschüsse zahlen. Wovon auch?"

Feierabende sind für sie eher die Ausnahme, und wer muss schon Urlaub machen, wenn er zweimal im Jahr zu Buchmessen fährt? Trotzdem sagt Spies: "Ich könnte nie den ganzen Tag einfach in einem Job Abläufe aufrechterhalten. Ich mache meinen Stiefel - das ist oft unglaublich anstrengend, aber etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen."

  • Christian Kuhlmann
    KarriereSPIEGEL-Autorin Mara Braun (Jahrgang 1978) arbeitet als freiberufliche Journalistin und Buchautorin in Mainz.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
balmy_matrix 06.05.2014
An dieser Stelle mal ein dickes Dankeschön an all die Schauspieler! Teure Ausbildung, viel Arbeit und immer schlechterer bezahlt, da muss sich was ändern, wenn uns Kultur noch etwas wert ist.
2. Die Realität dahinter
carlitom 06.05.2014
Auch, wenn das alles so toll klingt, die meisten Schauspieler sind eben auch nicht so großartig wie sie glauben. Dafür haben sie oft ziemlich hochtrabende Vorstellungen von ihrem Leben und dem, was sie für ihnen zustehend halten. Wer Künstler kennt, hat das x Mal erlebt: Sie wollen sich künstlerisch verwirklichen, aber so viele - mittelmäßige - Schauspieler braucht halt keiner. Dass der Beruf unsichere Aussichten und geringe Entlohnung bietet, wissen sie auch vorher, aber für vieles andere sind sie sich zu schade: "Ich bin doch Künstler", heißt es dann gerne, wenn sie jemand darauf hinweist, dass andere Menschen auch der Vernunft folgen und ihr Hobby eben nicht zum Beruf machen. Außerdem kommt die Förderung der Kultur in Deutschland nun wirklich nicht zu kurz. Kein Politiker traut sich auch nur zu sagen, dass z.B. größenwahnsinnige Vorstellungen - wie das Millionenprojekt John-Cranko-Schule in Stuttgart - nicht umsetzbar und angemessen sind. Bloß keine Abstriche an der Kultur, auch wenn nicht halb so viel vom Publikum angenommen wird, wie angeboten. Dafür sind die Abmangelleistungen (was Städte drauf zahlen) ständig steigend. Und noch was als Publikum: heutzutage geht kaum noch jemand gerne ins Theater. Fast alle - auch klassischen - Stücke werden total verzerrt und irrsinnig umgesetzt, weil es den Künstlern zu blöd ist (IHNEN - denn was das Publikum will, zählt nicht) den Dienstleister zu spielen und die Maria Stuart eben in klassischen Kostümen zu geben. Nein, es müssen Rockerklamotten oder gleich gar keine sein. Wer will das sehen? Und nur logisch, aber Künstlern zu profan: wer will das zahlen?
3. Was wäre eine Welt ohne Künstler!
barsk 06.05.2014
Wie schrecklich grau und arm wäre unsere Welt, wie unerträglich wären Städte und Länder ohne Kunst! Denn Künstler machen (neben der Natur) diese Welt erst schön; sie bereichern uns, unser Leben, unsere Orte, unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit ihren Werken - und nehmen dabei das ihnen stets drohende Risiko (und die Realität) der Verarmung auf sich. Während wir derweil umhergehen und einfach alles genießen dürfen, was sie häufig unter großen Entbehrungen geschaffen haben. Ich finde, Künstler sollten von der Gesellschaft alimentiert bzw mit allem Grundlegenden ausgestattet werden, dessen sie bedürfen. Es kann nicht sein, dass nur sie allein das Risiko der Kunst tragen - während all wir anderen die fröhlichen Nutznießer sind. - Und nein, ich bin selbst kein Künstler.
4. Welche Förderung?
spon_1206707 06.05.2014
Trotz Wiedervereinigungsvertrag mit dem Inhalt „die Kulturlandschaft wird erhalten“, ist die Kulturszene im Osten Deutschlands nahezu platt gemacht worden und dieser Vorgang ist noch lange nicht beendet. Förderung erhalten nur noch bestimmte Projekte, welche sich eh wirtschaftlich gut tragen. Eine neue Zensur, denn schwierige Themen werden kaum noch angegangen. Wo ist also das Land der Dichter und Denker geblieben. Einfach weggespart.
5. Sog. Künstler
Forismatiker 06.05.2014
Ich glaube, dass die meisten erfolgreichen Büroarbeiter auch bessere Künstler wären als die, die sich gemeinhin dafür halten (wenn sie nur darin Mühe und Zeit investieren würden), auf der Bühne führen grundsätzlich die gleichen menschlichen Fähig- und Fertigkeiten zum Erfolg wie im Büro(oder auf der Baustelle). Es gibt so viele erfolglose Künstler, weil Kunst und Kultur einige der Sammelbecken für beruflich erfolglose Menschen sind. Warum? Das wäre mal ein dankbares Thema für eine Masterarbeit.
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