Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaEnergiewendeRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Jobs in der Energiebranche Wenn möglich, bitte wenden

Raps und Wind als Energiequelle: In der Branche tut sich was, bei den Berufsbildern auch Zur Großansicht
DPA

Raps und Wind als Energiequelle: In der Branche tut sich was, bei den Berufsbildern auch

Möchte heute noch jemand im Atomkraftwerk arbeiten? Was will eine Anlagenmechanikerin in der Antarktis? Sechs Fachleute erzählen von ihrem Job, und was die Energiewende für sie bedeutet.

Die goldenen Zeiten sind für die alteingesessenen Energiekonzerne vorbei. Nachdem in Deutschland die "großen Vier", E.on, RWE, EnBW und Vattenfall, jahrzehntelang florierten, ist seit ein paar Jahren das große Sparen angesagt: Seit dem Tsunami 2011 in Fukushima verändert sich die Energiebranche - und damit auch der Bedarf an bestimmten Berufen. Durch den Atomausstieg fielen Stellen im fünfstelligen Bereich weg.

Für die 205.000 Beschäftigten in der Energieversorgung steht viel auf dem Spiel. Die Energieunternehmen, die bislang auf Atomstrom, Gas und Öl setzten, bauen nun den Erneuerbaren-Sektor aus. Kommunen, ermutigt durch den Erfolg von Wind- und Solarparks, gründen eigene Stadtwerke: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zählt mittlerweile 1800 Mitgliedsunternehmen.

Lage unsicher, Jobmarkt wachsend

Noch sortiert sich der Markt, die Lage ist unübersichtlich. Wie fix es gehen kann, dass ein Sektor mit dem Prädikat "zukunftsträchtig" komplett in sich zusammenfällt, ließ sich zuletzt in der Solarbranche beobachten. Dennoch: "Langfristig wird die Energiewende positive Beschäftigungswirkungen haben", sagt etwa Branchenkenner Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen.

Im Zuge des Wandels verdienen Industrie- und Handwerksbetriebe sowie Dienstleister mit am Stromgeschäft: vom Hersteller von Erntemaschinen für Biomasse über Heizungsbauer, die Blockheizkraftwerke zum Laufen bringen, bis zum Berater, der Großverbraucher "poolt" und so günstige Tarife bei Versorgern aushandelt. Auch Energietechniklieferanten wie Bosch und ABB verkündeten schon, dass sie großen Bedarf an Arbeitskräften haben.

Gerade technische und ökonomische Studiengänge sind das beste Sprungbrett. Vor zu enger Spezialisierung warnen Experten indes: Gerade weil der Energiemarkt so vielschichtig geworden sei, müssten Absolventen sich in mehreren Technologien auskennen und zugleich Managementwissen mitbringen.

Wie vielfältig die Karrieremöglichkeiten der Energiebranche sind, zeigen Einblicke in den Berufsalltag: Sechs Fachleute erzählen hier von ihrer Arbeit.

Philipp Waltinger, 21
Tim Fulda/ SPIEGEL JOB

Auszubildender zum Bohrtechniker
"Ich arbeite direkt am Bohrloch und bin dabei, wenn der Meißel sich tief in den Boden gräbt. Ziemlich beeindruckend. Immerhin ist der Bohrturm fast 52 Meter hoch. So ein Riesengerät selbst zu fahren, ist mein Traum. Bei meiner letzten Bohrung waren wir 4500 Meter unter der Erdoberfläche. Alle hundert Meter steigt die Temperatur um drei Grad, entsprechend heiß kommt das Wasser an die Oberfläche. Man kann damit Strom erzeugen oder es für Fernwärme oder Schwimmbäder nutzen. In der Tiefe stoßen wir auch mal auf hochexplosive Gase wie Methan. Da reicht ein kleiner Funke, und... Um das zu verhindern, werden die Gase durch ein Gemisch aus Wasser und feinem Ton unten gehalten. Diese Spülung, die wir auch 'Blut der Bohrung' nennen, bringt außerdem das durch den Meißel zerkleinerte Bohrklein zutage. Wenn eine Spülungspumpe zischende Geräusche macht, weiß ich schon, dass ein Ventil kaputt ist. Wir müssen sofort reparieren, denn eine Bohranlage darf nicht zum Stehen kommen, sie muss rund um die Uhr arbeiten. Und wir mit. Fünf Männer machen eine Schicht. Wir sind immer zwei Wochen auf Arbeit, dann haben wir zwei Wochen frei."

Isabel Hemme, 22
Dominik Asbach/ SPIEGEL JOB

Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
"Je mehr Energie gespart werden muss, desto mehr Häuser werden gedämmt. Große Gebäude werden heute nicht mehr durch natürlichen Durchzug belüftet, das machen Klima- und Lüftungsanlagen. Aus meiner Klasse macht sich niemand Sorgen um die Zukunft. Ich wurde nach meiner Ausbildung gleich übernommen. Eigentlich läuft alles nach Plan: Wir bekommen die Einzelteile zugeliefert und bauen die Anlage zusammen. Manchmal muss ich auch improvisieren. Kürzlich waren die Löcher für die Brandschutzklappen viel zu groß, wir mussten etwas aus unserem Material basteln, damit es trotzdem funktioniert. So etwas macht Spaß. Am aufregendsten war der Bau einer Forschungsstation für die Antarktis. Auf einem riesigen Platz standen viele Container, die in der Antarktis so zusammengefügt werden, dass sie ein zweistöckiges Haus ergeben. Mein Traum wäre es, selbst in die Antarktis mitfahren zu können. Ich wäre aber die einzige Frau gewesen - das wollten sie dann nicht. Eine Frau im Blaumann ist immer noch eine Sensation, auf dem Bau kennen mich alle nach einem Tag. Meine Befürchtungen, dass sie denken, eine Frau kann eh nichts, sind nicht eingetreten."

Norman Hoffmann, 38
Dominik Asbach/ SPIEGEL JOB

Produktionsleiter im Kernkraftwerk Emsland in Lingen
"Ich habe mich bewusst für einen Job im Kernkraftwerk entschieden und liebe meine Arbeit. Meist stehe ich um kurz vor sechs auf, frühstücke im Kraftwerk und sichte, was in den letzten Stunden passiert ist. Mein Team überwacht die Anlage im Schichtbetrieb Tag und Nacht. Tausende Signale geben uns Informationen, etwa über den Druck oder die Temperatur. Mit meiner Mannschaft sorge ich dafür, dass Millionen Menschen Strom haben. Trotzdem schauen mich manche schief an, wenn ich erzähle, wo ich arbeite. Je mehr sie erfahren, desto geringer die Skepsis. Wir kennen alle unsere Verantwortung. Die Handgriffe sind erprobt und tausendmal trainiert. Alle sicherheitsrelevanten Systeme gibt es mehrmals. Kommt es zu einer Störung, haben wir immer noch drei in Reserve. Bei uns wird alles mehrfach kontrolliert, das finde ich gut. Schließlich wohnt meine Familie auch gleich um die Ecke. Zukunftssorgen wegen der Energiewende mache ich mir nicht. Auch wenn ein Kernkraftwerk keinen Strom mehr produzieren darf, wird es nicht gleich geschlossen. Es dauert allein fünf Jahre, bis die Brennstäbe abgekühlt sind und in Castoren gepackt werden können. Erst dann beginnt die eigentliche Rückbauphase. Auch dafür brauchen wir gut ausgebildete Mitarbeiter, die die Anlage kennen. Die nächsten 15 Jahre gibt es bestimmt noch Arbeit. Deshalb bilden wir hier auch immer noch aus."

Bernhard Wernet, 39
Basile Bornand/ SPIEGEL JOB

Abteilungsleiter der Wasserkraft Volk AG
"Ein Gebäude, eine Druckrohrleitung, ein Netzanschluss - mehr muss der Kunde nicht stellen, damit wir ihm eine Wasserkraftanlage bauen. In großen Holzkisten erfolgt die Lieferung: Turbinen, Generatoren, Schaltanlagen, Transformatoren und Kleinteile. In wenigen Wochen haben wir alles aufgebaut. Vom Ingenieur bis zum Helfer koordiniere ich die Arbeiten in meinem Team. Insgesamt sind bis zu 500 Arbeiter beteiligt. Neben dem Kraftwerksgebäude müssen noch das Einlaufbauwerk und die Druckrohrleitung gebaut werden. 99 Prozent unserer Anlagen gehen ins Ausland, in Länder wie Laos, Ost-Timor, Uganda, Ecuador und Island. Oft ist die Baustelle mitten im Urwald; in Nepal mussten wir die letzten 30 Kilometer zu Fuß gehen. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Einheimischen kann ich das Land und die Mentalität in ihrer ursprünglichsten Form kennenlernen. Wir sind gern gesehen, denn wir bedeuten Arbeit und damit ein zusätzliches Einkommen für die oft arme Bevölkerung. In der Firma achten wir darauf, die Auslandseinsätze so zu verteilen, dass ein Familienleben trotzdem möglich ist. Wir suchen immer Fachkräfte und Auszubildende, der Markt wächst weiter. Je höher der Ölpreis steigt, desto größer ist die Nachfrage nach Wasserkraft. Viele Länder beginnen erst, alte Dieselkraftwerke durch Wasserkraftwerke zu ersetzen."

Timo Drewes, 29
Tim Fulda/ SPIEGEL JOB

Contract Manager des Offshore-Windparks Amrumbank West von E.on
"So ein Offshore-Windpark ist ein Riesenprojekt. Lieferanten in ganz Europa arbeiten für uns, jeder hat seine Aufgabe. Bei mir laufen die Fäden zusammen. Ich bin der Generalist, der jeden Bereich versteht, aber vor allem wissen muss, wer sich zusammen an einen Tisch setzen sollte. Der Elektrotechniker weiß am besten, wie die Kabel aufgebaut sind, und kennt die Gegebenheiten an Land. Doch wie verlegt man die Kabel im Wasser? Dafür arbeite ich mit einem Kapitän zusammen. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, wird das Projekt ein Erfolg. Oft fahre ich für eine Woche raus aufs Schiff, um die Arbeit dort zu verstehen. Das Handy hat keinen Empfang, nur die großen Schiffe haben eine Satelliten- und damit Internetverbindung. Seit vier Jahren bin ich jetzt dabei und finde es toll, zu sehen, wie das Projekt wächst. Im Wasser haben wir schon einige Fundamente, auf die später die Windräder montiert werden. Insgesamt werden wir fast 84 Kilometer Kabel verlegen, um die 80 Windturbinen an unser Umspannwerk anzuschließen. Wir alle sind davon überzeugt, dass wir an etwas Gutem arbeiten. Für mich ist Wind die smarteste Form der Energiegewinnung: Man verwendet nur, was da ist, und verbraucht keine Ressourcen, die unseren Kindern später fehlen."

Michael Kruse, 42
Thomas Huntke

Diplom-Biologe
"Ich bin fast den ganzen Frühling und Sommer auf Wiesen und in Wäldern unterwegs. Wenn ein Windpark geplant wird, laufe ich das Gelände ab und dokumentiere: Welche Vogelarten leben dort, wo brüten sie, wie hoch fliegen sie? Manchmal arbeite ich 18 Stunden am Tag, denn Eulen sind ja nachtaktiv. Es erfordert eine hohe Konzentration, das Gebiet systematisch abzulaufen und dabei alle Rufe und Gesänge auseinanderzuhalten. Da ich sehr in die Arbeit vertieft bin, wirke ich auf Anwohner wohl manchmal seltsam. Oft empfangen sie mich mit skeptischen Blicken, wenn ich mit dem Fernglas in einen Vorgarten schaue.
Es gibt viele Gründe, warum eine Windanlage die Vögel stören kann; ich habe schon tote Vögel am Fuß von Windrädern gefunden. Um den Bau genehmigt zu bekommen, ist zu prüfen, ob Nistplätze verloren gehen und die Vögel bei ihrer Nahrungssuche von Windrädern gestört werden. Das Gesetz schützt alle europäischen Vogelarten - auch die Tauben. Seit der Energiewende braucht meine Branche dringend Nachwuchskräfte. Wirklich gut bezahlt ist der Job leider nicht. Trotzdem würde ich nichts anderes machen wollen. Dafür ist die Freude zu groß, wenn ich seltene Arten wie einen Steinkauz entdecke."

Aus SPIEGEL JOB 1/2014
  • Der Text ist aus dem Magazin SPIEGEL JOB mit Beiträgen aus der Berufswelt - für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger. Weitere Themen:

    Prima, Ballerina: Der harte Alltag einer Spitzentänzerin / Ausstiegsträume: "Das mach ich eh nur fünf Jahre" / Branchenreport Energie: Zeit, dass sich was dreht.

    Und noch viel mehr. Schauen Sie doch mal rein.
  • Direkt zur digitalen Ausgabe
  • Heft versandkostenfrei bei Amazon bestellen

Protokolle: Lisa Schnell. Mitarbeit: Christoph Stehr, Anne Haeming

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Es war schon immer sinnvoll
observerlbg 23.09.2014
mehrgleisig zu fahren. So wünscht es auch der Unternehmer: Mitarbeiter sollten flexibel einsetzbar sein. Am besten mit 25 drei unterschiedliche MINT-Berufe gelernt, drei Fremdsprachen fließend und reisebereit. Tja, und der fünfzigjährige Ingenieur wie ich fährt dann Taxi oder geht in Frührente.
2.
ir² 23.09.2014
....Dennoch: "Langfristig wird die Energiewende positive Beschäftigungswirkungen haben", sagt etwa Branchenkenner Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen. .... Da gilt der Spruch, man sollte nicht die Frösche fragen, wenn man einen Sumpf trocken legen will. Und der mann ist en Frosch! Professor für Management Erneuerbarer Energien Man sollte Experten von ausserhalb der "Energiewende" befragen, wenn man objektive Antworten will; aber welche Redaktion will die schon, SPON bestimmt nicht....
3. Mal schauen....
Blaumännchen 23.09.2014
wo wir arbeiten wenn die Industrie Richtung USA das Land verlassen hat. Aber egal. Um schimmelige und von Algen bewachsene Gebäude zu sanieren werden wieder Handwerker, Gutachter und Berater gebraucht. Vielleicht gibts dafür wieder Subventionen. Pleite gegangene Windparks müssen ebenfalls zurückgebaut werden. Und nicht vergessen: Alte PV Platten und abgerissenes Dämm Styropor schafft jede Menge grüne Arbeitsplätze in der Entsorgung. Wir können uns also mühelos selbst beschäftigen.
4. Experten
freemailer2000 23.09.2014
Zitat von ir²....Dennoch: "Langfristig wird die Energiewende positive Beschäftigungswirkungen haben", sagt etwa Branchenkenner Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen. .... Da gilt der Spruch, man sollte nicht die Frösche fragen, wenn man einen Sumpf trocken legen will. Und der mann ist en Frosch! Professor für Management Erneuerbarer Energien Man sollte Experten von ausserhalb der "Energiewende" befragen, wenn man objektive Antworten will; aber welche Redaktion will die schon, SPON bestimmt nicht....
..da empfehle ich Ihnen doch das "INSM"mit Wolgang Clement an der Spitze -gesponsort von der Strommafia -wird sicherlich ein Gutachten erstellen,das rät,die AKWs wieder anzuwerfen.Ganz in Ihrem Sinne.
5. Industrie..
freemailer2000 23.09.2014
Zitat von Blaumännchenwo wir arbeiten wenn die Industrie Richtung USA das Land verlassen hat. Aber egal. Um schimmelige und von Algen bewachsene Gebäude zu sanieren werden wieder Handwerker, Gutachter und Berater gebraucht. Vielleicht gibts dafür wieder Subventionen. Pleite gegangene Windparks müssen ebenfalls zurückgebaut werden. Und nicht vergessen: Alte PV Platten und abgerissenes Dämm Styropor schafft jede Menge grüne Arbeitsplätze in der Entsorgung. Wir können uns also mühelos selbst beschäftigen.
..verschwindet also Richtung USA.Das erzählen Sie mal Thyssen Krupp.die werden Ihnen mit säuerlichem Lächeln von ihren dortigen Erfahrungen erzählen. p.s schenken Sie mir bitte alle alten PV Module.Da sind wertvolle Rohstoffe drin;damit verdiene ich mir eine goldenen Nase.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Windrad-Inspekteure: Abseilen am Rotor
Verwandte Themen

Fotostrecke
SPIEGEL JOB: Rundflug durchs Magazin
KarriereSPIEGEL und SPIEGEL JOB auf Twitter

Verpassen Sie keinen KarriereSPIEGEL-Artikel mehr! Hier können Sie dem Ressort auf Twitter folgen:



Social Networks