Von Fritz Habekuß
Pritzwalk hat drei Tankstellen, zu viele Supermärkte und eine schöne, aber verwaiste Marktstraße. Rund 12.000 Menschen leben in der Stadt im Nordwesten Brandenburgs, Tendenz fallend. Wer kann, geht weg. Jan-Christoph Grimm kam zurück.
Für das Pharmaziestudium war er nach Berlin gezogen, hatte am Tiergarten gewohnt, in manchen Sommern war die Loveparade an seinem Fenster vorbei gestampft. Er fand es grässlich, in den Semesterferien vermietete er sein Zimmer. Mit seiner Freundin, die auch aus dem Landkreis Prignitz kommt, suchte er sich eine Wohnung in Potsdam. "Für uns war klar, wir gehen wieder zurück, sobald es möglich ist", sagt Grimm. Im Spätsommer 2010 war es soweit: Er machte sich selbständig und eröffnete in Pritzwalk eine "kleine, niedliche Landapotheke", wie seine Frau es nennt. Auch sie arbeitet dort.
Grimm steht mit einem weißen T-Shirt im Medikamentenlager und sucht nach einem Präparat, das eine Kundin verlangt. Er grüßt sie mit Namen, erkundigt sich nach ihrem Mann, hört verständnisvoll zu und wünscht gute Besserung. "Ich weiß, was in der Familie los ist und welche Krankheiten die Leute haben. Das ist in meinem Beruf ein großer Vorteil", sagt der Apotheker. Die Welt ist überschaubar in Pritzwalk, man kennt sich - genau das hatte er in der Hauptstadt vermisst.
Genug von den Vorurteilen gegen das Heimatstädtchen
Als sein Vater seine Firma in Pritzwalk abgeben wollte, einen Brennstoffhandel mit zehn Beschäftigten, wagte der Diplomingenieur den Schritt zurück - und übernahm den Chefposten. Auch seine Frau, die zuvor als Unternehmensberaterin gearbeitet hatte, stieg in die Firma mit ein. Bereut haben sie es nicht. Sie engagieren sich im Ort, Georg Zander ist gerade Vorsitzender des neu gegründeten Fördervereins der Kirche geworden. Und ihre Tochter, da sind sie sich sicher, wird behütet aufwachsen und mit viel mehr Nähe, als es in der Großstadt möglich wäre.
200 Kilometer von Zanders Brennstoffhandel entfernt arbeitet Sascha Nehls in Schwedt, einer Kleinstadt an der polnischen Grenze. Nach Stationen in Cottbus, Schweden und New York ist er wieder zurückgekommen, hat schon vor seinem Masterabschluss in Informations- und Medientechnik einen Arbeitsvertrag unterschrieben, bei der Raffinerie PCK, die russisches Öl zu Benzin oder Diesel verarbeitet.
Nehls kümmert sich dort um die Software. "Das ist keine alte Ost-Chemiebude, sondern ein Riesenunternehmen mit professionellem Background", sagt er. Es klingt ein wenig trotzig. Aber Nehls ist die Vorurteile leid: "Manchmal habe ich das Gefühl, dass es nur noch darum geht, die Stadt möglichst geräuschlos abzuwickeln."
Die einzige WG der Stadt
Er wohnt in einer WG, "der einzigen in Schwedt", wie er mit einem Lachen vermutet. Regelmäßig trifft er sich mit anderen zum Rückkehrer-Stammtisch - dass darunter die wenigsten tatsächlich aus Schwedt stammen, stört ihn nicht. Trotzdem sind sie meist nicht mehr als fünf Leute. Aber schließlich steht Nehls erst am Anfang seiner Bemühungen um Gleichgesinnte: "Ich bin auch hergekommen, um etwas zu bewegen."
Jan Schmidt scheut sich noch davor, in seine Heimatstadt Wittenberge an der Elbe zurückzuziehen. Der Soziologe hat eine halbe Stelle in der Verwaltung des 18.000-Einwohner-Städtchens gefunden. Er wohnt aber noch in Berlin. Sein Arbeitsplatz wird durch ein EU-Projekt finanziert, die Förderung läuft zum Jahresende aus.
Ob es danach für ihn in Wittenberge weitergeht, weiß Schmidt nicht: "Ich bin vor meiner Bewerbung nicht davon ausgegangen, dass es hier eine adäquate Stelle für mich gibt." Soziologen hätten es schon in Berlin nicht leicht. Könnte er sich seine Zukunft in Wittenberge vorstellen? "Schon, aber nur mit beruflicher Perspektive. Langfristig." Allerdings sagt er auch: "Die Aussichten in Wittenberge sind nicht rosig, aber ich finde es nicht aussichtslos."
Die meisten seiner Schulfreunde sehen das anders, sie haben schon das Weite gesucht, so wie die Klassenkameraden von Jan-Christoph Grimm, Georg Zander und Sascha Nehls. "Natürlich: Wir werden immer weniger, wir werden immer älter - aber das können wir doch als Chance begreifen", sagt Jan Schmidt.
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