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Jobchancen in der Provinz Sehnsucht nach der Heimat

Lockruf der Heimat: Jobchancen auf dem Land Fotos
Fritz Habekuß

Pritzwalk, Schwedt, Wittenberge - wer dort aufwächst, will meist ganz schnell weg. Aber manche kommen nach dem Studium zurück und pfeifen auf die Städter-Lästereien über die Provinz. Denn dort können sich ungeahnte Jobchancen ergeben. Und einer muss ja den Anfang machen.

Pritzwalk hat drei Tankstellen, zu viele Supermärkte und eine schöne, aber verwaiste Marktstraße. Rund 12.000 Menschen leben in der Stadt im Nordwesten Brandenburgs, Tendenz fallend. Wer kann, geht weg. Jan-Christoph Grimm kam zurück.

Für das Pharmaziestudium war er nach Berlin gezogen, hatte am Tiergarten gewohnt, in manchen Sommern war die Loveparade an seinem Fenster vorbei gestampft. Er fand es grässlich, in den Semesterferien vermietete er sein Zimmer. Mit seiner Freundin, die auch aus dem Landkreis Prignitz kommt, suchte er sich eine Wohnung in Potsdam. "Für uns war klar, wir gehen wieder zurück, sobald es möglich ist", sagt Grimm. Im Spätsommer 2010 war es soweit: Er machte sich selbständig und eröffnete in Pritzwalk eine "kleine, niedliche Landapotheke", wie seine Frau es nennt. Auch sie arbeitet dort.

Grimm steht mit einem weißen T-Shirt im Medikamentenlager und sucht nach einem Präparat, das eine Kundin verlangt. Er grüßt sie mit Namen, erkundigt sich nach ihrem Mann, hört verständnisvoll zu und wünscht gute Besserung. "Ich weiß, was in der Familie los ist und welche Krankheiten die Leute haben. Das ist in meinem Beruf ein großer Vorteil", sagt der Apotheker. Die Welt ist überschaubar in Pritzwalk, man kennt sich - genau das hatte er in der Hauptstadt vermisst.

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Lockangebote für Nachwuchskräfte: Karriere in der Provinz
Georg Zander, 34, ging es ähnlich. Nach dem Abitur in Pritzwalk begann er eine Ausbildung zum Heizungs- und Lüftungstechniker in Berlin, studierte parallel in Erfurt, hatte nach fünf Jahren seinen Abschluss. Er jobbte als Barkeeper in England und fand erst eine Stelle in München, dann in Düsseldorf. Seine Frau und er verdienten gut, sie hatten verantwortungsvolle Positionen. Aber? "Je weiter ich von zu Hause entfernt war, desto stärker habe ich meine Heimatverbundenheit gespürt", sagt Zander.

Genug von den Vorurteilen gegen das Heimatstädtchen

Als sein Vater seine Firma in Pritzwalk abgeben wollte, einen Brennstoffhandel mit zehn Beschäftigten, wagte der Diplomingenieur den Schritt zurück - und übernahm den Chefposten. Auch seine Frau, die zuvor als Unternehmensberaterin gearbeitet hatte, stieg in die Firma mit ein. Bereut haben sie es nicht. Sie engagieren sich im Ort, Georg Zander ist gerade Vorsitzender des neu gegründeten Fördervereins der Kirche geworden. Und ihre Tochter, da sind sie sich sicher, wird behütet aufwachsen und mit viel mehr Nähe, als es in der Großstadt möglich wäre.

200 Kilometer von Zanders Brennstoffhandel entfernt arbeitet Sascha Nehls in Schwedt, einer Kleinstadt an der polnischen Grenze. Nach Stationen in Cottbus, Schweden und New York ist er wieder zurückgekommen, hat schon vor seinem Masterabschluss in Informations- und Medientechnik einen Arbeitsvertrag unterschrieben, bei der Raffinerie PCK, die russisches Öl zu Benzin oder Diesel verarbeitet.

Nehls kümmert sich dort um die Software. "Das ist keine alte Ost-Chemiebude, sondern ein Riesenunternehmen mit professionellem Background", sagt er. Es klingt ein wenig trotzig. Aber Nehls ist die Vorurteile leid: "Manchmal habe ich das Gefühl, dass es nur noch darum geht, die Stadt möglichst geräuschlos abzuwickeln."

Die einzige WG der Stadt

Er wohnt in einer WG, "der einzigen in Schwedt", wie er mit einem Lachen vermutet. Regelmäßig trifft er sich mit anderen zum Rückkehrer-Stammtisch - dass darunter die wenigsten tatsächlich aus Schwedt stammen, stört ihn nicht. Trotzdem sind sie meist nicht mehr als fünf Leute. Aber schließlich steht Nehls erst am Anfang seiner Bemühungen um Gleichgesinnte: "Ich bin auch hergekommen, um etwas zu bewegen."

Jan Schmidt scheut sich noch davor, in seine Heimatstadt Wittenberge an der Elbe zurückzuziehen. Der Soziologe hat eine halbe Stelle in der Verwaltung des 18.000-Einwohner-Städtchens gefunden. Er wohnt aber noch in Berlin. Sein Arbeitsplatz wird durch ein EU-Projekt finanziert, die Förderung läuft zum Jahresende aus.

Ob es danach für ihn in Wittenberge weitergeht, weiß Schmidt nicht: "Ich bin vor meiner Bewerbung nicht davon ausgegangen, dass es hier eine adäquate Stelle für mich gibt." Soziologen hätten es schon in Berlin nicht leicht. Könnte er sich seine Zukunft in Wittenberge vorstellen? "Schon, aber nur mit beruflicher Perspektive. Langfristig." Allerdings sagt er auch: "Die Aussichten in Wittenberge sind nicht rosig, aber ich finde es nicht aussichtslos."

Die meisten seiner Schulfreunde sehen das anders, sie haben schon das Weite gesucht, so wie die Klassenkameraden von Jan-Christoph Grimm, Georg Zander und Sascha Nehls. "Natürlich: Wir werden immer weniger, wir werden immer älter - aber das können wir doch als Chance begreifen", sagt Jan Schmidt.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. auf den Punkt gebracht
tosi1967 02.07.2012
es ist ganz richtig: wer "weniger ist mehr" als Inbegriff wirklicher Lebensqualität begreift, kann endlich wieder genussvoll leben. Vorbei das Hetzen nach von Werbung verseuchten Dingen, Medien und Informationen, die uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben. Vorbei auch das Hetzen im immer neuen und schnelleren Auto, selbst zum Zigarettenautomat. Einen Sonnenuntergang erleben, ein Feuer machen, Tiere sehen, die noch kein (Stadt-) Mensch wahr genommen hat... das sind Dinge, die in der dünner besiedelten Gegend noch gehen. Herzlichen Glückwunsch diesen Entdeckern wahrer Lebensfreude!
2. Von Vancouver nach Idar-Oberstein
svenbecker 02.07.2012
Ich stimme voll zu. Vor kurzem besuchte ich (lebe in der Perle am Pazifik, Vancouver, Kanada) meine Heimatstadt Idar-Oberstein in der Rheinland-Pfaelzischen Provinz. Dort: Stille, Natur, nette Menschen, viele kleine Kulturveranstaltungen, günstige Immobilien/Mieten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dort einen Betrieb zu eröffnen oder spätestens als Rentner dorthin zurückzugehen. Die Deutsche Provinz hat verkannte Stärken, die wieder mehr gefragt sind in dieser modernen Welt, die mehr und mehr Leute benachteiligt.
3. Provinz Ost/West
Jakob Knoblauch 02.07.2012
Wenn es sogar in der ostdeutschen Provinz Rückkehrer gibt, ist das ein gutes Zeichen. Allerdings muss es bald passieren. Es gibt nur eine Generation lang potentielle "Rückkehrer". Die Kinder der Ausgewanderten kennen die Prignitz dann nur noch vom Besuch bei Oma, sie ist ihnen nicht selbst Heimat. In der westdeutschen Provinz sieht es meist besser aus, wegen der Tradition, große Mittelständler und selbst Weltkonzerne am Gründungsort zu belassen ... Volkswagen, Salzgitter, Audi, Braun, Zeiss u.v.a., oder wie in der Fotostrecke Bertelsmann und Miele. SAP gehört nicht wirklich dazu, denn Walldorf liegt im Ballungsraum Rhein-Neckar, d.h. man kann bequem im durchaus großstädtischen Mannheim/Ludwigshafen oder in Heidelberg wohnen und mit der S-Bahn zur Arbeit bei SAP fahren.
4. optional
muttisbester 02.07.2012
Wie es schon im Artikel heißt: "Könnte er sich seine Zukunft in Wittenberge vorstellen? "Schon, aber nur mit beruflicher Perspektive. Langfristig."" Das ist der springende Punkt. Die genannten Beispiele belegen dies anschaulich. Ohne halbwegs auskömmliche Jobs kommt niemand zurück.
5. Ausnahmen bestätigen die Regel z. B. Bonn
doytom 02.07.2012
Zitat von sysopPritzwalk, Schwedt, Wittenberge - wer dort aufwächst, will meist ganz schnell weg. Aber manche kommen nach dem Studium zurück und pfeifen auf die Städter-Lästereien über die Provinz. Denn dort können sich ungeahnte Jobchancen ergeben. Und einer muss ja den Anfang machen. Jobs in der Provinz: Sehnsucht nach der Heimat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,841680,00.html)
Ausnahmen bestätigen die Regel! Also mich zieht es nicht zurück nach Bonn. Seit meinem Abi und Ausbildung bin ich in der Weltgeschichte unterwegs, von Ägypten, Tunesien, den Malediven bis Dubai und Dublin. Jedesmal wenn ich für kurze Zeit nach Bonn zurückkomme um meine Familie zu besuchen schwirrt das Synonym `Ghosttown` über Bonn und beweist mir wie gut ich es im Ausland habe und das ich die richtige Wahl getroffen habe. Selbst die langweiligsten Institutionen der Bundesregierung zog und zieht es nach Berlin, spricht für den Langeweile-Megafaktor Bonn oder um es anders auszudrücken: Bundesstadt ohne nennenswertes nachtleben
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