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Jobs mit schlechtem Leumund Warum macht ihr das?

Eva-Maria Wiecko und Jan Kowalsky: "Plumpe und unreflektierte Vorurteile" Fotos
Vanja Vucovic

Sie ist Bankerin bei Goldman Sachs. Er ist Werber. Eva-Maria Wiecko und Jan Kowalsky haben Jobs, für die sie die eine Hälfte der Menschheit hasst, die andere beneidet. Ein Gespräch über Geld und Moral.

Interviewtermin im Frankfurter Bankenviertel. Bis zum vergangenen Sommer lagerten hier Demonstranten, die gegen die Macht der Finanzindustrie protestieren und die Zerschlagung der Banken forderten. Viele erkennen in Goldman Sachs das hässliche Gesicht des Kapitalismus. Eva-Maria Wiecko war 22 Jahre alt, als sie dort angefangen hat. Heute arbeitet sie als Executive Director für das Investmentbanking. Jan Kowalsky ist in leitender Funktion bei der Hamburger Werbeagentur Kolle Rebbe. Er hat kürzlich ein Buch über die Geheimnisse seiner Branche geschrieben ("Marketing wie aus dem Bilderbuch", Frankfurter Allgemeine Buch, 2012). Beide haben einem Gespräch über ihren Beruf ohne langes Zögern zugestimmt.

KarriereSPIEGEL: Frau Wiecko, Sie arbeiten im Investmentbanking bei Goldman Sachs, Sie, Herr Kowalsky sind Werber. Schlimmer geht's nicht, oder?

Kowalsky: Finde ich überhaupt nicht. In anderen Unternehmen herrscht ein Dress-Code. Bei uns werden die Klamotten, die wir tragen, zum Trend. In anderen Unternehmen ist es verboten, während der Arbeit Facebook zu nutzen. Manche unserer Mitarbeiter beschäftigen sich mit nichts anderem. Die Zeiten, als Werber die "Bad Guys" waren, sind vorbei. Die Leute wissen, dass es in der Werbung ums Verkaufen geht. Bei den Banken bin ich mir da nicht so sicher.

Wiecko: Ich kümmere mich bei Goldman Sachs auch um das Recruiting. Ich erlebe hochmotivierte Studenten, voller Ideen, die nicht nur über Wirtschaft reden, sondern gestalten wollen. Mit ihnen zu arbeiten, ist nicht schlimm, sondern wundervoll.

KarriereSPIEGEL: Wer Wirtschaftsberichte liest, bekommt leicht den Eindruck, es ginge in Ihrer Branche vor allem um hohe Boni und wilde Partys.

Wiecko: Das sind Klischees. Mein Alltag ist nicht der Jetset zwischen London, New York und Paris. Mein Alltag ist es, um fünf Uhr morgens aufzustehen, um beispielsweise nach Dortmund zu fahren mit Umsteige-Halt in Duisburg. Sicher freue ich mich über Abendessen mit Unternehmensvorständen. Aber das ist nicht mein Antrieb. Ich will von klugen Menschen lernen, ganz egal aus welcher Branche.

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9  Bilder
Jan Kowalsky: "Marketing wie aus dem Bilderbuch"
Kowalsky: Auch wir Werber müssen uns jeden Tag auf neue Situationen einstellen. Auch wir haben ständig mit neuen Kunden zu tun. Die erreicht man über Emotionen. Wenn wir die gefühlskalten Egoisten wären, als die wir manchmal dargestellt werden, hätten wir keinen Erfolg.

KarriereSPIEGEL: Ärzte heilen Menschen, Architekten entwerfen Gebäude. Warum haben Sie sich entschieden, in die Werbung oder zu einer Bank zu gehen?

Kowalsky: Ich wollte kreativ arbeiten und habe schon als Schüler auf dem Pausenhof selbstgezeichnete Comics verkauft. Im Prinzip führe ich das jetzt auf höherem Niveau fort.

Wiecko: Ich habe an der Uni in Wien über einen Workshop den Zugang zum Investmentbanking gefunden. Über ein Praktikum bin ich dann zu Goldman Sachs gekommen. Ich war 22 Jahre alt, als ich bei Goldman Sachs angefangen habe. Mich fasziniert der Job bis heute. Ich arbeite gerne mit Zahlen. Ich treffe jeden Tag auf Menschen, die sich für das, was sie tun, begeistern.

KarriereSPIEGEL: Wozu braucht es Werber und Investmentbanker?

Wiecko: Zu meinen Aufgaben gehört es, Übernahmen zu begleiten. Wir beraten Unternehmen, liefern Analysen, sprechen mit Anwälten, sprechen mit Investoren, strukturieren Transaktionen und stellen Kapital zu Verfügung. Wir sind Dienstleister.

Kowalsky: Das sind wir auch. Wir helfen Unternehmen, ihre Produkte zu verkaufen. Das ist heute schwieriger als vor zehn Jahren, weil mehr Güter am Markt sind.

KarriereSPIEGEL: Sie bringen Menschen dazu, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen.

Kowalsky: Nein. Die Konsumenten sind aufgeklärt genug. Niemand lässt sich so sehr manipulieren, entgegen der eigenen Bedürfnisse zu handeln. Haben Sie heute morgen Kaffee getrunken?

KarriereSPIEGEL: Ja, bei Starbucks am Bahnhof.

Kowalsky: Sehen Sie. Sie greifen auf eine Marke zurück, der Sie vertrauen. Gute Werbung schafft Orientierung.

KarriereSPIEGEL: Was sollten junge Leute an der Schwelle zum Berufseinstieg über Ihren Job wissen?

Wiecko: Er ist intensiv. Wir arbeiten lange und reisen sehr viel. Man muss für sich klären, ob man das will - am besten durch ein Praktikum.

KarriereSPIEGEL: Das Auswahlverfahren bei Goldman Sachs ist legendär.

Wiecko: Wir führen viele Interviews mit unseren Bewerbern. Wir wollen wissen, mit wem wir es zu tun haben, und auch die Studenten und Absolventen können sich so einen besseren Eindruck von dem Arbeitsumfeld machen, auf das sie sich bewerben.

Kowalsky: In der Werbung können auch Quereinsteiger erfolgreich sein. Einer unserer Kreativ-Chefs war zuvor Landschaftsarchitekt. Man muss offen sein, gegenüber allem Neuen, was in der Welt geschieht. Und man muss Spaß an guten Geschichten haben. Ich habe gerade ein Buch über das Geheimnis erfolgreicher Werbung geschrieben und illustriert. Darin wird deutlich: Letztlich sind Werber Geschichtenerzähler.

KarriereSPIEGEL: Wenn Sie an die Occupy-Demonstrationen denken, wenn Sie an Plakaten vorbei laufen, die die Enteignung von Banken fordern, was geht dann in Ihnen vor?

Wiecko: Das trifft mich schon. Es ist hart, mit den immer gleichen Vorurteilen konfrontiert zu werden, gerade wenn sie plump und unreflektiert sind und Menschen dazu nicht den Dialog suchen. Natürlich stelle ich mir Fragen.

KarriereSPIEGEL: Welche Fragen?

Wiecko: Sehr grundsätzliche. Ist es richtig, was ich da mache? Warum tue ich es? Als Arzt, muss man sich sicher seltener rechtfertigen. Aber mein Bruder ist Arzt für Psychiatrie. Und auch er macht sich Gedanken über seinen Job. Herausforderungen gibt es in jedem Beruf.

Kowalsky: Die Kritik an Banken und an der Werbung ist in Teilen sicher berechtigt. Es wäre fahrlässig, nicht darauf einzugehen. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was er bereit ist, mitzutragen. Für ein Produkt, das ich rundum ablehne, würde ich nicht werben.

KarriereSPIEGEL: In Folge der Finanz- und Euro-Krise hat sich der Glaube festgesetzt, Banken würden ihre Geschäfte auf Kosten des Gemeinwohls machen.

Wiecko: Das ist falsch. Ein Großteil der Wut resultiert aus Unwissenheit. Unser Kerngeschäft ist es, Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen, damit sie wachsen können und Wohlstand geschaffen wird. Das ist die Grundlage unseres Wirtschaftens.

KarriereSPIEGEL: Sie verstehen nicht, dass sich Menschen über Millionen-Gehälter von Bankmanagern empören, in einer Zeit, da Staaten ums wirtschaftliche Überleben kämpfen?

Wiecko: Die Kritik betrifft nicht nur Banker. Auch bei prominenten Sportlern stellt sich die Frage, wie sich ihr Gehalt rechtfertigen lässt. Letztlich entscheidet das aber der Markt und die Frage, wer seine Leistung wie verkauft. Wenn etwa ein Chirurg seine Leistung für weniger Geld verkauft, ist das seine freie Entscheidung.

Kowalsky: Wir können uns dieser Logik nicht entziehen. Die Werbeindustrie gründet auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Der Preis für einen Porsche ist gerechtfertigt, wenn es genügend Menschen gibt, die bereit sind, ihn zu bezahlen. Das Gleiche gilt für den Arbeitsmarkt.

Wiecko: Ich bin im Südosten Polens aufgewachsen, in einer Gegend, in der es alles andere als selbstverständlich ist, dass Menschen in Wohlstand leben. Ich akzeptiere als Mitarbeiterin einer Bank unser Wirtschaftssystem. Aber ich versuche als Privatperson Ungleichheiten zu kompensieren, indem ich zum Beispiel einen Teil meines Gehalts spende.

KarriereSPIEGEL: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht in der Werbung oder bei einer Bank gelandet wären?

Kowalsky: Eine Alternative wäre gewesen, Lehrer zu werden. Dann könnte ich auf andere Weise auf Menschen einwirken.

Wiecko: Ich fühle mich in der Wirtschaft gut aufgehoben. Aber Lehrerin oder Forscherin fände ich auch toll.


  • Das Interview führte SPIEGEL-Korrespondent Maximilian Popp.

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insgesamt 102 Beiträge
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1.
boblinger 15.01.2013
Zitat von sysopSie ist Bankerin bei Goldman Sachs. Er ist Werber. Eva-Maria Wiecko und Jan Kowalsky haben Jobs, für die sie die eine Hälfte der Menschheit hasst, die andere beneidet. Ein Gespräch über Geld und Moral. Jobs mit schlechtem Ruf: Bankerin und Werber im Gespräch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/jobs-mit-schlechtem-ruf-bankerin-und-werber-im-gespraech-a-877115.html)
Mit Verlaub, da hätte man aber doch hier und da mal etwas mehr nachhaken dürfen. Das sind doch fast nur vorgestanzte Sprachschablonen, die die beiden da von sich geben. "Ich treffe jeden Tag auf Menschen, die sich für das, was sie tun, begeistern. " - Also bitte. Das kann auch ein bezahlter Söldner von sich behaupten. "Zu meinen Aufgaben gehört es, Übernahmen zu begleiten. Wir beraten Unternehmen, liefern Analysen, sprechen mit Anwälten, sprechen mit Investoren, strukturieren Transaktionen und stellen Kapital zu Verfügung. Wir sind Dienstleister." - Genau. Nur stellen Übernahmen halt eine Dienstleistung dar, mit der die wenigsten Freundliches verbinden. Zurückhaltend formuliert. Schutzgeldeintreiber sind auch Dienstleister. Ich sag mal so: ich bin froh, dass uns die beiden als Lehrer erspart geblieben sind.
2. Die merken nichts
ae1 15.01.2013
Mit praktisch jedem Satz bestätigen die beiden, was man bisher als Vorurteil verurteilt. Unvorstellbar, aber die sind wirklich so und merken es nicht.
3. Pudels Kern
vaikl 15.01.2013
"In anderen Unternehmen ist es verboten, während der Arbeit Facebook zu nutzen. Manche unserer Mitarbeiter beschäftigen sich mit nichts anderem" - Mehr muss man nicht als bösen Kommentar dazu abgeben.
4. Goldmann Sachs und Griechenland
cgjung 15.01.2013
Einfach mal im Internet schaun. Die sind für diese Misere mit verantwortlich.
5.
vanilla2611 15.01.2013
Als Unternehmensberater im Bankensektor habe ich ja keine großen Probleme mit den beiden Berufsgruppen, aber das Interview ist mir dann doch zu dünn. Eine große Ansammlung an Klischees und Rekruiting-Floskeln. - "hochmotivierte Studenten mit Ideen" - "die nicht nur über Wirtschaft reden, sondern gestalten wollen", - "Ich arbeite gerne mit Zahlen." - "Ich treffe jeden Tag auf Menschen, die sich für das, was sie tun, begeistern." ... da, wo es dann spannend wird (die grundsätzlichen Fragen), kommt nichts mehr.
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