Von Kathrin Breer, Marian Schäfer und Marcel Berndt
Die Medienbranche ist derzeit für schlechte Nachrichten gut: An diesem Mittwoch sollen die Kündigungen bei der Nachrichtenagentur dapd ausgesprochen werden, die "Financial Times Deutschland" erscheint nur noch siebenmal bis zu ihrer Schließung, und durch die Flure der "Frankfurter Rundschau" geistert der Insolvenzverwalter. Dennoch ist Journalist für viele noch immer ein Traumberuf, und zahlreiche Volontäre und Journalistenschüler stecken viel Zeit und Herzblut in ihre Medienausbildung. Wie mag sich fühlen, wer sich in Kürze auf diesem frostigen Arbeitsmarkt behaupten muss? Drei junge Journalisten haben es aufgeschrieben.
Kathrin Breer - Die Krise bekommt Gesichter
Journalistin sein bedeutet: spannende Recherche, tolle Geschichten, interessante Interviews. Und es bedeutet wahnsinnigen Zeitdruck, unbezahlte Überstunden und durchgearbeitete Wochenenden. Im Vergleich mit anderen Akademikern werde ich vermutlich immer recht wenig verdienen, belegen Statistiken. Dass mein Gehalt sehr wahrscheinlich ein paar hundert Euro unter dem meines männlichen Bürokollegen liegen wird, nur weil ich eine Frau bin, finde ich eine unglaubliche Ungerechtigkeit.
Aber all das sind keine Neuigkeiten für mich. Seit mir klar ist, dass ich mein Leben mit diesem Beruf finanzieren will, weiß ich um diese Bedingungen.
Bisher war dieses Wissen eher abstrakt, die Krise zwar allgegenwärtig, aber noch weit weg von mir. Nun bekommt sie zum ersten Mal Gesichter, die ich kenne. Meine Journalistenschule gehört zum Verlag Gruner + Jahr, der gerade entschieden hat, die "Financial Times Deutschland" zu schließen. Jeden Tag sehe ich in der Kantine die Redakteure der "FTD". Zwei von ihnen arbeiten als Dozenten mit uns an unseren Texten. Gerade bereite sie die allerletzte Ausgabe ihrer Zeitung vor, die am 7. Dezember erscheinen wird.
Es ist hart zu sehen, dass ein gutes journalistisches Produkt mit guten Mitarbeitern einfach kein Geld verdient. Und dass wir mit diesen guten und erfahrenen Journalisten um Arbeitsplätze konkurrieren müssen, wenn die Schule im Sommer endet und uns auf den Arbeitsmarkt wirft.
Ausbildung beim Jugendmagazin? Gibt's plötzlich nicht mehr
In der Schulausbildung durchlaufen wir verschiedene Praxisstationen. Eine davon wollte ich bei einem Jugendmagazin machen. Den Platz dort hatte ich schon sicher, als das Heft plötzlich vor meiner Nase vom Markt genommen wurde - es gab nicht genug Jugendliche, die von ihrem Taschengeld das gedruckte Heft kauften. So trifft mich diese Krise erstmals direkt.
Doch Journalismus gibt es nicht nur auf Papier. Deshalb lernen wir in der Journalistenschule auch, wie man Videos dreht, Audioslideshows produziert und News kuratiert. Manches davon liegt mir nicht, Anderes macht unglaublichen Spaß. Klar ist: Es reicht nicht, nur schön schreiben zu können.
Wer in den Journalismus will, muss also wissen, worauf er sich einlässt. Aber gut ausgebildete Journalisten müssen sich auch darüber im Klaren sein, was sie wert sind. Es ist schlimm, dass ich manchmal im Praktikum darüber verhandeln muss, ob meine Arbeit überhaupt mit Geld honoriert wird. Ich finde, junge Journalisten dürfen nicht alles mit sich machen lassen. Sonst wird die Krise zum Totschlagargument für schlechte Bezahlung und miese Arbeitsbedingungen. Und dafür ist Journalismus als Beruf einfach zu wichtig - mir zumindest.
Marian Schäfer - Machen wir doch etwas Eigenes
Es sind vor allem die Etablierten, die dem Nachwuchs sagen, der Journalismus befinde sich gerade in einer spannenden Zeit. Das klingt toll, nach Abenteuer, nach Indiana Jones, der sich in jede Lore schmeißt, ganz egal, ob die Gleise womöglich im Nichts enden.Keine Frage: Der Journalismus kann vom Medienwandel profitieren, experimenteller werden, neue Formen herausbilden. Ansatzweise ist das schon passiert. Aber die heutige Zeit ist vor allem von Unsicherheit und Ahnungslosigkeit geprägt. Ein Zyniker, wer dies mit Spannung gleichsetzt.
Wie die allermeisten, die die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule gerade absolvieren, fahre ich auf Sicht. Wie die allermeisten, tue ich das seit Jahren, immer in der Hoffnung, dass nicht der Abgrund, sondern ein Job wartet. Geklärt ist das noch lange nicht.
Krise war für mich immer, nicht erst, seitdem die "Frankfurter Rundschau" insolvent ist. 2004, als ich meine ersten Zeilen veröffentlicht habe, war die Stimmung schon schlecht. Aber wer gut und engagiert sei, hieß es, der würde noch immer etwas werden. Ich muss zugeben, dass ich mittlerweile daran zweifele.
Ein Schlag ins Gesicht
In den Nachwuchs werden sehr hohe Erwartungen gesetzt. Das ist okay. Problematisch ist die Eingleisigkeit. Denn die Jungen sollen keine hohen Erwartungen an den Journalismus richten, am besten gar keine, wenn es um Verdienst und Planungssicherheit geht.
Als eine Volontärin kürzlich bei einer Tagung von "Netzwerk Recherche" beklagte, Einsteiger würden bei Dumpinglöhnen und Zwölf-Stunden-Tagen vielfach verbrannt, entgegnete ein Vertreter des privaten Rundfunks, die jungen Leute müssten ihre Einstellung ändern. Sie seien in der Bringschuld.
Das ist arrogant und ein Schlag ins Gesicht. Der Journalismus kann froh sein, dass sich noch so viele junge und oftmals sehr gut ausgebildete Menschen für ihn interessieren. Dass sie mit viel Idealismus an die Sache herangehen, kritisch sind, hinterfragen, obwohl es viel leichter wäre, dies nicht zu tun. Idealismus macht nicht satt, bezahlt keine Mieten.
Bald werde ich Vater, und manchmal frage ich mich, ob ich so hinter meiner Tochter stehen würde, wie meine Eltern hinter mir stehen, auch wenn das, was sie macht, an Selbstausbeutung grenzt. Ich gehe stark davon aus. Wer etwas verändern will, geht nie einen leichten Weg.
So ärgere ich mich maßlos über die Verflachung und Verkürzung insbesondere im Lokalen und Regionalen, aber auch bei den sogenannten Qualitätsmedien. Meiner Meinung nach ist die Krise nur bedingt mit einem Generations- und damit Medienwechsel zu erklären, sondern mit Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsproblemen.
Und das macht Mut. Halb scherzhaft, halb ernsthaft habe ich mit einigen anderen Journalistenschülern bereits darüber gesprochen, wie es wäre, später etwas Eigenes zu machen. Damit die Etablierten sehen, was wirklich spannend ist - und um die Erwartungen zu erfüllen, die heutzutage an den Journalismus gerichtet werden.
Marcel Berndt - Ich will mitmischen
In zwei Wochen ist es soweit: Meine Abschlussfeier an der Kölner Journalistenschule steht an. Statt Vorfreude auf diesen Tag spüre ich Ungewissheit und Zweifel. Denn mich erwarten Medienhäuser, die mit sinkenden Einnahmen kämpfen, Verlagsmanager, die Stellen streichen, und viele Konkurrenten, gegen die ich mich auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen muss.Als ich vor fünf Jahren meine Bewerbung für die Journalistenschule geschrieben habe, wusste ich schon, dass es schwer ist, im Journalismus Fuß zu fassen. Trotzdem entschied ich mich dafür und sagte mir enthusiastisch: Ich will zu den Besten gehören, und die Besten setzen sich auch durch.
Zu Beginn meiner Journalistenausbildung im Oktober 2008 brach die Finanzkrise aus, Unternehmen stornierten ihre Werbung in den Medien. Ich sagte mir nüchtern: Auf Tief folgt Hoch. Die Wirtschaft erholte sich tatsächlich wieder - die Nachrichtenwirtschaft jedoch nicht.
Ausgerechnet mein Spezialgebiet
Kurz vor meiner Abschlussfeier steht nun außer der Nachrichtenagentur dapd und der "Frankfurter Rundschau" auch noch die "Financial Times Deutschland" vor dem Aus - eine Wirtschaftszeitung, ausgerechnet ein Blatt aus meinem Spezialgebiet. Wirtschaftsjournalismus ist ein Schwerpunkt der Kölner Journalistenschule.
Und was sage ich jetzt? Es muss sich etwas ändern - und ich bin bereit, mitzumischen! Die Medienhäuser schauen seit Jahren zu, wie Leser und Werbekunden von den Tageszeitungen zu den Online-Ausgaben wandern. Das ist an sich kein Problem. Doch bleibt bei dieser Wanderung die Anerkennung für journalistische Arbeit auf der Strecke. Unternehmen zahlen viel weniger für Online-Werbung als für Print-Werbung. Und Leser zahlen für Online-Nachrichten meist gar nichts.
Das heißt also, dass dem Online-Journalismus ein niedrigerer Wert zugestanden wird als dem Print-Journalismus. Die Verlage befeuern diese Entwertung durch Sparmaßnahmen. In vielen Redaktionen müssen immer weniger Journalisten immer mehr Arbeit erledigen - und das immer schneller. Dadurch sinkt die Medienqualität und auch die Zahlungsbereitschaft von Lesern und Werbekunden. Wenn sich nichts verändert, sieht es für den Journalismus schlecht aus.
Wollen die Verlage eine Bezahlung für Online-Nachrichten rechtfertigen, müssen sie im Internet hochwertigen und innovativen Journalismus anbieten. Bisher herrscht im Netz meist Text- und Bildberichterstattung vor. Das können Zeitungen auch, im Internet steckt jedoch mehr Potential.
Ich will den Neuanfang der Nachrichtenbranche mit anpacken. Dafür brauche ich ebenso enthusiastische Kollegen - und einen Arbeitsplatz. Bevor ich mich in den harten Arbeitsmarkt stürze, kann ich immerhin noch einmal durchatmen. Ich stecke noch in den letzten Semestern meines VWL-Studiums, das parallel zur Journalistenschule lief. Danach bin ich bereit für den Kampf.
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