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Jupiter Jones über das Musikgeschäft Rocken auch fürs Bankkonto

SPIEGEL ONLINE

Geld wie Heu, Autos, jede Menge Groupies: Im Musikbusiness winken Ruhm und ewiger Wohlstand? Ein Märchen - davon kann die Band Jupiter Jones ein Lied singen. Gitarrist Sascha Eigner erklärt, wovon er lebt. Und zürnt über die Attacken ahnungsloser Piraten aufs Urheberrecht.

Auf den Erfolg hat Sascha Eigner, 36, lange warten müssen. Er sitzt in seinem kleinen Büro im Hamburger Viertel Eimsbüttel, die dunklen Räume im Souterrain teilt der Musiker sich mit zwei anderen Freiberuflern. Vom winzigen Zimmer zum Innenhof aus steuert er die Geschicke seiner Band Jupiter Jones. Einige CDs stehen sortiert im Regal, an der Wand vergilbte Poster und Konzertankündigungen.

Vom aktuellen Höhenflug kündet eine gerahmte goldene CD: Für die Single "Still" (siehe Video oben in der rechten Spalte) erhielt die Band den Musikpreis Echo. 350.000 Mal wurde sie digital verkauft, außerdem 50.000 Single-CDs. "Inzwischen kann jeder bei Jupiter Jones gut von der Musik leben. Sogar sparen ist drin", sagt er.

Über Jahre hatte Eigner am Existenzminimum gelebt. Vier Alben hat er zusammen mit Jupiter Jones veröffentlicht, die ersten drei unter einem eigenen Label. Der Durchbruch kam erst mit dem letzten, bei einer großen Plattenfirma. Davor war die Band aus der Eifel allenfalls gut unterrichteten Musikfans ein Begriff. Um jeden davon kämpfte Gitarrist Eigner mit seinen drei Mitstreitern auf etlichen kleinen Konzerten.

Ohne Plattenvertrag und Zusammenarbeit mit einem Vertrieb bleibe jungen Bands nur die Hoffnung, über Auftritte nach und nach bekannter zu werden, glaubt Eigner - harte Arbeit und manchmal frustrierend: "In Hamburg haben wir mal vor zwei zahlenden Zuschauern gespielt." Auf Festivals stehen inzwischen Tausende vor der Bühne und singen die Texte mit.

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Jupiter Jones über die Musikindustrie: Der lange Weg zum Hit
Eigner ist ein ruhiger Typ. Aber über die Forderung der Piratenpartei nach "Entkriminalisierung" von Tauschbörsennutzern im Internet kann er sich in Rage reden: "Das ist Wahnsinn. Bei einer kompletten Freigabe von Musik im Internet würde die gesamte Musikindustrie sterben. Dabei brauchen wir die großen Plattenfirmen. Wie sollen Bands sonst ihre Alben finanzieren?"

Pro verkaufter CD 1,50 Euro

Dass Eigner von seiner Musik inzwischen leben kann, verdankt er dem Vertrag mit Columbia Berlin (Sony), einer der vier großen Plattenfirmen, den sogenannten Majors. "Ohne die geht es im Musikgeschäft nicht. Eine Albumveröffentlichung kostet einfach viel Geld. Das haben kleine Bands nicht", sagt Eigner. Außerdem plant die Plattenfirma für die Musiker Promotouren oder Interviewtermine und entlastet sie so. Für das letzte Album der Band kamen Kosten von 300.000 bis 400.000 Euro zusammen - 40 Tage Studiomiete, Gage für den Produzenten, Promotion und Videos. "Allein für die beiden Videoclips zu den Singles hätten wir uns einen soliden deutschen Mittelklassewagen kaufen können."

Piraten-Vorstöße zu einer Veränderung des Urheberrechts hält Eigner für grundfalsch. Dort sei große Ahnungslosigkeit verbreitet; die Kosten für ein Album hätte die Band ohne Hilfe einer großen Plattenfirma nie bewältigen können. "So viel Überschuss lässt sich auch durch Livekonzerte nicht erwirtschaften. Und niemand, der sich ein Album runtergeladen hat, geht zwei Wochen später in den Laden und kauft es sich", sagt er.

Inzwischen hat sich "Jupiter Jones", so der aktuelle Albumtitel, etwa 150.000 Mal verkauft und schaffte es im März 2011 auf Platz 14 der Charts. Allein in der Startwoche gingen 12.000 CDs über den Tresen. Pro Stück kommen bei der Band laut Vertrag zwischen einem und 1,50 Euro an, sagt Eigner. Den Gewinn teilen die vier Musiker untereinander auf.

Hinzu kommen Download-Verkäufe aus den Internetläden - "etwa 25 bis 30 Prozent der CD-Verkäufe". Bei iTunes, wo das aktuelle Album gerade 6,31 Euro kostet, bleiben den Musikern im Idealfall 19 Prozent Gewinn.Eine finanzielle Erfolgsgeschichte sei das aber nicht, so Eigner; von den Verkäufen kämen nur Minimalbeträge bei ihm an.

"Der Sänger soll erst mal vierzig Kilo abnehmen"

Für seinen Traum von der Musikkarriere ist Eigner ein großes Risiko eingegangen. 2006 gab er seinen Job als Informatiker auf und stürzte sich ganz ins Abenteuer Musikbusiness: "Ich war davor richtig ausgebrannt. Die Band habe ich neben meinem Job gemanagt, da saß ich jeden Abend nach der Arbeit noch Ewigkeiten vor dem Rechner." Als das zu viel wurde, gründete er ein eigenes Label und kümmerte sich nur noch um Jupiter Jones.

Für das dritte Album investierte das Quartett 60.000 Euro, zusammengeliehen von Banken, Verwandten und Freunden. Immer wieder probierte Eigner, das Interesse der Majors zu wecken, zunächst vergebens. "Auf die Demos kamen dann Sprüche zurück wie: Der Sänger soll erst mal 40 Kilo abnehmen", erzählt Eigner.

Trotzdem lief das Album gut und stieg in die Charts ein. In der ersten Woche verkauften Eigner und seine Mitstreiter 2000 Exemplare. Vor allem rund 70 Livekonzerte im Jahr füllten die Bandkasse; bis zu 400 Leute kamen im Schnitt. Seit dem Volltreffer "Still" sind es deutlich mehr - aber auch der Aufwand ist viel größer. Zwischen 4000 und 5000 Euro pro Tour-Tag kosten Crew, Tourmanager und Booking-Agentur. Allein der Nightliner-Bus, in dem die Band fährt und auch schläft, verschlinge 1000 Euro täglich, so Eigner.

Bei den Clubkonzerten bestimmt meist die Band die Eintrittspreise. Vom Gewinn erhält Jupiter Jones 60 Prozent, der Veranstalter 40 Prozent. "Konzerte sind die Haupteinnahmequelle kleiner Bands. Vor allem damit konnten wir uns jahrelang über Wasser halten. Dass wir mit unserem Album inzwischen Geld verdienen, ist ein Glücksfall. Mit solchen Einnahmen plant keine kleinere Band", sagt der Gitarrist. Je nach Produktionskosten könne man erst ab 20.000 bis 30.000 Albenverkäufen Gewinn erzielen.

Ein Dankeschön an die Gema

Ein weiteres Standbein sind Fanartikel wie T-Shirts, Poster, Buttons oder Jutebeutel, die der Schlagzeuger per Webshop verkauft. Ein Jupiter-Jones-Shirt kostet knapp 20 Euro, "davon bleiben uns vielleicht 40 Prozent Gewinn übrig", schätzt Eigner.

Ohne die Gema gäbe es Jupiter Jones vielleicht nicht mehr. Die Verwertungsgesellschaft treibt die Tantiemen ein und zahlt sie an die Künstler aus. Da Eigner zusammen mit Sänger und Gitarrist Nicolas Müller die Songs schreibt, erhalten sie die Gema-Erlöse der Band zu gleichen Teilen - was beiden in den frühen schweren Jahren die Existenz sicherte.

Auch künftig werden die Gema-Einnahmen einen beträchtlichen Teil für Eigner ausmachen. Wie viel dabei herauskommt, weiß er noch nicht. "Die jährliche Abrechnung kommt erst im Juni. Auf den Tag freue ich mich schon", sagt Eigner. "Still" war 2011 der meistgespielte deutschsprachige Song im Radio.

  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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insgesamt 281 Beiträge
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    Seite 1    
1. Studiospielplatz
Shlabotnik 04.05.2012
Liebe JJs, wie wär´s denn mal mit üben und vorbereiten, dann braucht ihr keine 40 Tage Studiomiete. Lasst Euch mal von Sessionprofis in L.A. erzählen, wie schnell dort ein Album eingespielt und postproduced wird. Seht es mal so herum: der Produktionsvorschuss, den Columbia euch gibt, macht Euch abhängig. Ein weiterer bedenkenswerter Aspekt: lässt sich Musik nicht ohne Video verkaufen? Irgendwie traurig, oder? Der "Mittelklassewagen" könnte euch gehören, wenn es nicht Leute gäbe, die predigen, ohne Video ginge nichts (seltsamerweise genau die Leute, die am Video verdienen) und euch damit an der Nadel halten.
2. Wow
dieblein 04.05.2012
150.000 Kopien bei einem Verkaufspreis (Amazon) von 13,99 macht das einen Erlös von 2.1 Millionen Euro. Davon bekommen die Musiker also 150.000 Euro. 1.95 Millionen für die Mafia, das klingt doch nach einem sehr guten Deal. Selbst ausgebeutet zu werden und die Ausbeuter noch verteidigen.
3. Ahnungslosigkeit
Moridin 04.05.2012
---Zitat--- Und niemand, der sich ein Album runtergeladen hat, geht zwei Wochen später in den Laden und kauft es sich. ---Zitatende--- Doch, ich bin so einer, der das macht - zugegebenermaßen aber meist innerhalb von höchsten 3 Tagen nach dem Runterladen und meist gehe ich auch nicht in einen Laden, sondern kaufe die digitale Version oder lasse es mir schicken. Dass man sich sowas runterlädt, heißt nicht, dass man nicht bereit ist, dafür Geld auszugeben, sondern man möchte einfach nur vorher wissen, ob es sich wirklich lohnt, dafür Geld auszugeben. Bei mir ist es klar so, dass ich mehr Geld für Medien ausgebe, seit durch "illegale" Angebote die Verfügbarkeit von Medien enorm zugenommen hat. Das größte Problem ist es nämlich, neue Sachen kennenzulernen, für die man dann Geld ausgeben will.
4. Berufe im Wandel der Zeit
user543 04.05.2012
Fabrikarbeiter wurden in weiten Teilen durch Automation ersetzt, technische Zeichner wurden durch CAD-Systeme ersetzt, Droschken und Pferdekutschen wurden durch das Automobil ersetzt - man sieht, dass der technische Fortschritt viele Berufe verändert hat oder gar aussterben ließ. Nun ist der Musikerberuf an der Reihe. Moderne Digitaltechnik hat den Verkauf von physikalischen Tonträgern genauso überflüssig gemacht, wie CAD-Systeme das Anfertigen von Zeichnungen mit Papier, Bleistift und Tusche überflüssig gemacht hat. Angst vor dieser Technik müssen nur die Unqualifizierten haben, die Inkompetenten, die sonst nichts können. Ich kenne viele Musiker, die durch die Verbreitung von kurzen Konzertmitschnitten auf Videoplattformen im Internet erst prominent wurden und sich heute vor Anfragen nach Konzerten und Unterricht nicht mehr retten können. Was ist die Kernkompetenz eines Musikers? Richtig, die ist es zu musizieren. Kernkompetenz eines Musikers ist das Vortragen und geschickte inszenieren seines Könnens vor einem Publikum. Seine zweite Kernkompetenz ist es, dieses Können in Form von Unterricht weiterzuvermitteln. Nur Musiker, die in ihren Kernkompetenzen inkompetent sind, müssen Angst vor der Digitaltechnik haben. Das Erleben eines Konzerts kann niemand digital kopieren, ebensowenig qualifizierten Unterricht bei einem Virtuosen. Ein weiteres Feld, um Geld einzunehmen sind die digitalen Medien selbst. Man kann heute gutes Geld damit verdienen, indem man Audioloops für die wachsende Schar der Hobby-DJs anfertigt. Immer mehr Musikkonsumenten wollen ihre Musik aus Bausteinen selbst zusammenstellen. Wenn Musiker in ihrem Job überleben wollen, müssen sie sich weiterbilden. Sie müssen da punkten, wo Amateure aufgrund ihrer Fähigkeiten oder im Beruf gebundener Zeit nicht mithalten können - oder wollen. Und es gibt einen riesigen Markt für gute, geclearte Sounds, Samples und Audioloops. Einem Fabrikarbeiter, der durch eine Maschine ersetzt wurde sagte man: siehste, hättest Du früher mehr gelernt. Das selbe gilt heute für Musiker. Virtuosen und ausgesprochene Könner, die digitale Medien für sich zu nutzen wissen werden das Rennen machen. Nichtskönner werden in der Masse der Amateure und Möchtegerns untergehen und Musik höchstens als eine Art exclusives Hobby betreiben.
5. Hallo dieblein
oliver9997 04.05.2012
Schon mal was von Mehrwertsteuer und Handelsmarge etc. gehört? Für eine 13,99 CD gehen erstmal 2,23 an den Finanzminister. Bleiben 11,76. Davon bekommt der Handel 25%, macht 2,94, bleiben 8,82 für das Label. Davon bekommt die GEMA, der Künstler und das Presswerk jeweils rund 1 EUR, bleiben 5,82. bei 150k cd sind das knapp 900k€ für das Label. Davon werden jetzt Marketing, Produktion, Video bezahlt, zusammen einige 100k€. Und natürlich Marketing, Produktion, Video für die Bands, die es dann nicht schaffen. Unterm Strich bleiben hier ca. 200 k€ über. Davon muss das Label seine Kosten bestreiten - genau wie die Band auch.
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