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Beruf im Buch Leinen los!

Damit die Kapitänskluft umwerfend aussieht, legt sogar Designerin Jette Joop Hand an Zur Großansicht
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Damit die Kapitänskluft umwerfend aussieht, legt sogar Designerin Jette Joop Hand an

Ein Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff hat vier Streifen am Ärmel, wackelt mit einem Joystick herum und muss auch beim Essen arbeiten: So beschreibt es der in den Achtzigern mal bekannte Fernsehmann Andreas Lukoschik in seinem "Kreuzfahrt-ABC". Ein Beruf, wie er im Buche steht.

In den Achtzigern Fernsehmoderator in der ARD, in den Neunzigern Infotainment-Chef bei Vox - jetzt selbsternannter Kreuzfahrtexperte: Andreas Lukoschick hat eine interessante Karriere hinter sich, die er nun mit einem Buch krönt. Eine Art Handbuch über Jobs auf hoher See, das auch die dümmste Frage klärt: "Schläft das Personal auch an Bord? Ein Kreuzfahrt-ABC".

Es taugt ganz sicher auch für all jene, die wissen wollen, ob dieser Mikrokosmos als Arbeitsort für sie in Frage kommt: mit Gästen rund um die Uhr, auf schwankendem Grund und ohne Fluchtweg. Oder ob sie gar Kapitän werden wollen auf einem Kreuzfahrtschiff, das erwiesenermaßen einiges mehr an Schadstoffen produziert als Millionen Autos. Aber Lukoschik beruhigt, die neuen Schiffe hätten sogar Außenbeschichtungen, die treibstoffsparend wirkten.

Kapitän hin, Kapitän her: So umwerfend wie die Uniform aussieht, klingt die Berufsbezeichnung nicht: "Diplom-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr". Auch der Bachelor in "Shipping and Chartering" klingt nicht viel besser. Da hat die See schon mehr zu bieten: Wellen "stampfen", "rollen" und "gieren". Lukoschik zählt die Unterschiede auf und stellt dann fest: "Kreuzfahrten sind wie Kartoffelchips - eine ist nicht genug."

Wer sich von diesem lahmen Sinnspruch nicht abschrecken lässt und alle anderen Berufe an Bord ausgeschlossen hat, der sollte zumindest den Arbeitsalltag von Kreuzfahrtschiffkapitänen kennenlernen, wie er im Buche steht...

  • So tickt die Branche - was gibt's zu tun?

Kapitäne sind die, die mit vier Streifen am Ärmel auf der Brücke rumstehen und an einem Joystick rumwackeln, eine Wand aus Bildschirmen vor sich - und einen Koloss von Boot übers Meer navigieren. "Doch Gott sei Dank sind die Fenster da und diesen Blick vergisst man nie: Leicht abgedunkelt liegt da die über den Horizont sanft gewölbte Unendlichkeit der Wasserwelt vor einem. Gleißend. Träge. Und so herrlich von Wolkentürmen bekränzt, dass man juchzen möchte."

Wohlgemerkt, das schreibt nicht der Käpt'n, sondern der leidenschaftliche Kreuzfahrtreisende Lukoschik. Von unerträglich langen Nachtschichten auf der Brücke ist daher natürlich keine Rede. Morgens hat der Kapitän dann die dankenswerte Aufgabe, alle zu wecken: indem er die Längen- und Breitengrade der aktuellen Position über Lautsprecher durchsagt.

  • Das Arbeitsgerät

Ein Schiff. Es ist eine "Sie" - offenbar einem historisch bedingten Frauenmangel an Bord geschuldet. Und mit den Passagieren soll die Crew ja eh nichts anfangen, eisernes Klabautergesetz. Bei den großen Kreuzfahrtschiffen verteilen sich schon mal über 2000 Gäste auf 14 Decks und 252 Meter Länge. Wenn das Schiff anlegt, tritt der Kapitän sogar auf einen der eigens für ihn angebauten Balkone: den "Nock". Damit der Chef gut überblicken kann, wie weit die Quaimauer noch entfernt ist. Es gibt zwei davon außen am Schiff, einmal Steuerbord, einmal Backbord. Und manchmal sogar mit Glasboden. Besser so. Schließlich schauen ja jede Menge Leute zu.

  • Die lieben Kollegen

Neben dem Ersten und Zweiten Offizier, dem Navigationsoffizier, dem Sicherheitsoffizier, dem Chief Engineer, dem Cruise Director und dem ganzen üblichen Hotel- und Restaurantpersonal, das nonstop mit an Bord ist, gibt es noch echte Kollegen. Also Kapitäne. Na ja, eher Co-Kapitäne: Sie kommen nur an Bord, wenn es darum geht, in einen Hafen einzulaufen, Schleusen zu passieren: Lotsen. Ist Vorschrift. Und sicher bei besonders kniffligen Manövern hilfreich. Etwa, wie Lukoschik beschreibt, bei der Fahrt durch einen knack-engen Kanal in Chile, für die wegen Ebbe und Flut nur eine Viertelstunde Zeit war.

  • Die Kundschaft

Man nennt sie Gäste, und sie sind offenkundig das größte Übel des Jobs. Dauernd stellen sie die dümmsten Fragen. Kostprobe: "Was ist der Unterschied zwischen einem Boot und einem Schiff?". Die beste Antwort darauf ist, laut Lukoschik: "Ins Boot steigen Sie ein, wenn das Schiff sinkt!"

  • Darf man während der Arbeit Musik hören?

Oh, man muss. Es hat was vom Automatismus von Fahrstuhlmusik: Immer, wenn der Kapitän anfängt zu arbeiten, ertönt ein Lied. Also jedes Mal, wenn das Schiff einen Hafen verlässt. Lukoschik listet diese "Auslaufmusik" für die größten Kreuzfahrtkreuzer auf. Und mal ehrlich, es ist als hätte man die Pest an Bord: "Große Freiheit" in der Version von Unheilig und James Last, "Audemus", "Amazing Grace", Lieder von Enya oder Vangelis - oder natürlich: die ZDF-"Traumschiff"-Melodie.

  • Mahlzeit!

Von wegen, Pause, da heißt's für den Kapitän weiterarbeiten: Es gibt schließlich den Captain's Table, mitten im Restaurant. Sie wissen schon, der Tisch, an dem auch im ZDF-Traumschiff alle geifernd sitzen wollen. Scheint wirklich so zu sein: Wer neben dem Kapitän speisen darf, ist in der Schiffsgasthackordnung ganz oben. Oft richten sich die Kapitäne nach der Kabinengröße der Passagiere: Wer viel zahlt, darf am wichtigsten Tisch sitzen. Lauter Wichtigtuer als "Mitesser", wie Lukoschik sie bezeichnet, na dann viel Spaß beim Essen, die Magengeschwüre freuen sich. Manche Kapitäne gehen's allerdings sympathisch pragmatisch an: Schließlich lebe man "drei Monate an Bord und mache alles für die Gäste", argumentierte einer, beim Essen "möchte ich mich wenigstens mit denjenigen Leuten unterhalten dürfen, die mich auch interessieren".

  • Und wer sollte das lesen?

Alle, die auf maritime Wortspiele wie "Ship happens" nicht verzichten wollen. Oder die eine endgültige Bestätigung brauchen, dass dieser Teil der Reisebranche samt seiner Kundschaft nichts für sie ist.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wellen
piderman 04.06.2012
Wellen "stampfen", "rollen" und "gieren" nicht, das tut wenn das Schiff. Gruß
2. Spiegel + Seefahrt...
piderman 04.06.2012
... haben wohl nicht viel gemeinsam: Wellen "stampfen", "rollen" und "gieren" nicht, das tut wenn das Schiff. Der Alte geht auch nicht auf "den Nock", sondern auf die Nock.
3. Da hatte v. Tirpitz Recht ...
markus-f 04.06.2012
Nach 30 Jahren Dienst auf See und der Lektüre von Artikeln wie diesem, kann ich Großadmiral v. Tirpitz nur beipflichten: "Das deutsche Volk hat die See nicht verstanden." ... ;-)
4. ...
jujo 04.06.2012
Zitat von sysopDPAEin Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff hat vier Streifen am Ärmel, wackelt mit einem Joystick herum und muss auch beim Essen arbeiten: So beschreibt es der in den Achtzigern mal bekannte Fernsehmann Andreas Lukoschik in seinem "Kreuzfahrt-ABC". Ein Beruf, wie er im Buche steht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,836869,00.html
Ein Kapitän ist von dem Moment an an dem er das Übernahme Protokoll im Logbuch unterschreibt im Dienst, rund um die Uhr 24 Std. nicht nur während der Mahlzeiten, bis er wiederum das Schiff an den Nachfolger übergibt. Er kann, wenn es ein Problem gibt, nicht sagen es ist jetzt Feierabend ruf morgen früh um acht wieder an! Das hört sich schlimmer an als es ist, auf längeren Seereise bedarf es schon Mühe seine Notwendigkeit und Wichtigkeit zu demonstrieren, der Betrieb läuft in der Routine auch ohne ihn!
5. Leinen Los?
Karl Napp 04.06.2012
Es sollte sich jeder Autor erst einmal sachkundig machen, bevor er sein Werk veröffentlicht. So ist z.B. ein Lotse KEIN Kollege eines Kapitäns, sondern dessen Berater. Das notwendige Studium, das zur Position des Kapitäns führt, mag Namen wie "Wirtschaftsingenieur", "Nautiker" oder Wasweißich - Bachelor heißen: Die Position an Bord ist nach wie vor "Kapitän" oder im englischen "Master". (Mal im Handelsgesetzbuch nachsehen!!!) Dass Schiffe immer weiblich sind, hat NICHTS mit dem Frauenmangel an Bord zu tun, eher mit der Eigenwilligkeit, die gerade Segelschiffe an sich hatten. „She does, what she want“ heißt es im englischen Sprachgebrauch. – Also eher Tradition… Dass der Kapitän (oft auch "der Alte" genannt) auf Passagierschiffen viele repräsentative Aufgaben hat, ist klar. Wenn er die (gut) zahlenden Fahrgäste allerdings als großes Übel empfindet, sollte er besser nach Haus gehen: Schließlich sind sie es, die (auch) seine Heuer bezahlen. Usw, usf…
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