Wer Probleme im Beruf hat, sollte nicht gleich von Burnout schwadronieren. Denn ein Burnout ist nichts, was man mal so eben nach Lektüre der "Apotheken Umschau" diagnostiziert. Ein Burnout wird vom Arzt festgestellt. Danach erfolgt die Einweisung in eine Klinik, eine medikamentöse Behandlung und/oder eine mehrjährige Psychotherapie. Wer dazu nicht bereit ist, der sollte vom Burnout schweigen.
Viel wahrscheinlicher ist, dass die, die am lautesten Burnout schreien, die grundlegenden Regeln der Arbeitswelt nicht verstanden haben. Denn wenn Sie sich überfordert fühlen, muss das ja nicht unbedingt ein Fehler Ihres Chefs sein. Es könnte beispielsweise auch sein, dass Sie nicht in der Lage sind, Grenzen zu ziehen. Wenn Sie krankhaft lieb sind, zu allem ja und Amen sagen, vielleicht ein Helfersyndrom haben und zu hysterischen Anfällen neigen, dann hat das nichts mit der angeblich heute so rauen Arbeitswelt zu tun.
Ein großer Fehler solcher Burnout-Fans ist, sich aufs Äußere und auf die anderen zu fixieren: Der Chef ist gemein, der Leistungsdruck viel zu hoch, der Arbeitsmarkt ungerecht. Eine ordentliche Analyse aber beginnt immer bei einem selbst: Was ist mein eigener Anteil an der Sache?
In dieselbe Kategorie fällt Folgendes: In den neunziger Jahren, als Soft Skills in der Karriereberatung schwer in Mode waren, machte sich die Vorstellung breit, Sensibilität sei eine Stärke. Sogar eine, auf die Personaler besonders viel Wert legten. Ich weiß nicht, welche Ratgeberautoren und Kolumnenschreiber das erfunden haben. Jedenfalls führte es zu Generationen von Bewerbern, die auf dem Weg in den Arbeitsmarkt Kieferschutz, Ellbogen und Sturzhelm zu Hause ließen.
Sensibel? Nur für die richtige Strategie
Sie hätten sich besser orientiert an denen, die damals erfolgreich waren: Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Rita Süssmuth, Franz Beckenbauer, Ferdinand Piëch, Jil Sander, Rudolf Augstein, Sabine Christiansen. Sie alle waren in ihrer Karriere bestenfalls strategisch sensibel, also dann, wenn sie meinten, mit Sensibilität schneller an ihr Ziel zu gelangen. Ansonsten gilt für alle Teilnehmer des Arbeitsmarkts: Sensibilität zu Hause ausleben und sich für die Arbeit gut polstern.
Eine weitere gute Idee zur Vermeidung von selbstdiagnostiziertem Burnout: runterkommen von der Vorstellung, früher sei alles viel besser gewesen: Lehrlinge hätte man immer übernommen, Arbeitsverträge immer lebenslang geschlossen, und überhaupt hätte man nicht unter so großem Leistungsdruck gestanden.
Das Gegenteil ist der Fall: Nach 1945 - und das betrifft noch die Generation unserer Eltern und Großeltern - musste jeder nehmen, was kommt. Meine Großmutter flickte russischen Soldaten die Uniform. Von geregelten Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Rentenansprüchen, festen Verträgen, der Garantie, überhaupt seinen Lohn zu bekommen oder irgendeiner sonstigen Errungenschaft der Moderne keine Spur. Es kam nicht einmal jede Woche ein Arbeitssicherheitsbeauftragter vorbei, um zu schauen, ob sich beim Nähen vielleicht der Rücken verzog.
Früher war eben nicht alles besser
Also: Früher war nicht alles besser. Früher waren die Arbeitsplätze unsicherer, die Jobs gesundheitsgefährdender und der Lohn niedriger.
Ein weiterer Aspekt der Burnout-Diskussion macht mich noch stutziger: Oft wird die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt mit Arbeit zu verdienen, als belastend dargestellt. Dabei gehört die Arbeit seit jeher zum Menschsein dazu. Das Erste, womit sich jedes Lebewesen beschäftigt, ist, Nahrung herbeizuschaffen. Beim Menschen folgen warme Kleidung, ein Dach über dem Kopf und eine Ordnung des Zusammenlebens.
Schön, wenn man dabei nicht alles selbst machen muss. Das heißt: Man geht arbeiten, verdient Geld und bezahlt dann den Biobauern dafür, Gemüse anzupflanzen und die Polizei dafür, den Acker zu bewachen. Arbeiten und damit seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften ist also nicht Resultat einer kapitalistischen Verschwörung. Es ist die Grundlage des menschlichen Lebens - sobald der Mensch vom Baum heruntersteigt.
Allerdings muss der angeblich heute so schrecklich gewordene Leistungsdruck offenbar nicht mehr nur als Erklärung für Erschöpfungszustände herhalten. Er soll auch Motiv der Bahn-Attentäter in Berlin gewesen sein. Diese kämpften nämlich gegen "den alltäglichen Leistungsdruck", so Ursula Jelpke, Mitglied des Bundestags und der Linkspartei. Dabei vergisst sie zu sagen, dass Millionen von Erdenbürgern froh wären, wenn sie unsere gemütlichen Büroarbeitsplätze hätten, an denen bereits Bildschirmarbeit als Gefährdung definiert ist (kein Witz!). Und sie vergisst zu sagen, dass die Attentäter vermutlich gar keiner Betätigung mit besonderem Leistungsdruck nachgehen. Zumindest keiner beruflichen.
Ich schlage daher vor, den Leistungsdruck im Namen des gesunden Menschenverstands für die nächsten zehn Jahre nicht mehr als Rechtfertigung für irgendetwas zu benutzen. Wenn Sie nicht mehr können, gehen Sie zum Arzt, zum Psychotherapeuten oder in die Klinik. Hören Sie auf, sich die Probleme schönzureden, und suchen Sie die Schuld nicht bei anderen. Die gute Nachricht ist: An sich selbst kann man eher etwas ändern als am Arbeitsmarkt. Vielleicht überlegen Sie, sich endlich einen Job zu suchen, der besser zu Ihnen passt.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Erste Hilfe Karriere | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH