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Politikbücher im Fünferpack Alles Lügner außer Mutti

Umjubelter Politiker: Für manche ein Traum, für andere eine Satirevorlage Zur Großansicht
Corbis

Umjubelter Politiker: Für manche ein Traum, für andere eine Satirevorlage

Bitte wählt mich! Und was sagt die Literatur dazu? Lesen hilft im Wahlkampfendspurt. Vom Antritt bis zum Rücktritt, von Cicero bis zur Piratenbraut - fünf Bücher über Politik als Beruf. Und über die heimliche Angst der Parlamentarier vorm Wahlergebnis.

  • Die Kurzzeit-Politikerin: "Piratenbraut" von Astrid Geisler

Die Laufbahn:
Astrid Geisler ist "taz"-Redakteurin - und wurde aus Recherchegründen Parteimitglied der Piraten. Im Selbstversuch fand sie unter anderem heraus, "wie leicht man sich in der Meinungsbildungssoftware der Piratenpartei eine zweite Stimme ergaunern kann"; nach sieben Monaten wurde auch ihr zweiter Parteiaccount als "Pirat111" gelöscht. Am Ende ist Geisler überzeugter von Berufspolitikern als vorher: "Ich begreife es plötzlich als Luxus, meine Stimme an Politiker übertragen zu können, denen ich zutraue, meine Anliegen einigermaßen sinnvoll zu vertreten."

Der Politikertypus:
Eher pubertär. Also im Werden begriffen, noch nicht ganz gefestigt in der Identität als Politiker. Und wie das auch bei Teenagern so ist: Die einen sind weiter als die anderen, die meisten hängen am liebsten nonstop vorm Computer rum und denken sich hierarchieferne Meinungsbildungsformen aus, die in der sperrigen Realität nicht funktionieren, Liquid Democracy und so. Problem: Mit einer Handvoll verantwortungsvoll arbeitender und professioneller Leute lässt sich eben keine Bundespartei aufbauen.

Der Macht-Quotient:
Diffus. Die Piraten haben schnell begriffen, dass es vor allem auf Selbstinszenierung ankommt. Und dass sich wirklich mächtig fühlt, wer sich nur um das kümmert, wonach einem gerade ist. Strukturen schaffen? Iwo. Spülmaschine im Parteibüro aus- oder einräumen, die Klos putzen? Quatsch, das machen doch die Frauen.

Bester Wahlkampf-Tipp:
"In dieser Partei schläft man sich nach unten", zitiert Geisler Co-Piratin Marina Weisband.

Das amtliche Endergebnis:
Ein Dankeschön an Astrid Geisler - das also kommt auf einen zu, wenn man eine Partei gründen oder bei einer jungen Partei einsteigen möchte, weil da die Gestaltungs- und Karrierechancen vielversprechender scheinen als bei verkrusteten Volksparteien mit ihren Seilschaften. Bevor man komplett den Glauben an politische Willensbildung verliert: Besser, man geht einfach nur wählen.

Buchtipp

  • Der Klassiker: "Wie man eine Wahl gewinnt" von Quintus Tullius Cicero

Die Laufbahn:
Hier geht's nicht um seine eigene, sondern um die seines Bruders Marcus. Der wollte damals, 64 v.Chr., Konsul in Rom werden. Quintus engagierte sich praktisch selbst als Kampagnenberater - und schrieb Marcus dieses Handbuch mit astreiner Wahlkampfstrategie.

Der Politikertypus:
Marcus und Quintus waren Außenseiter, ohne aristokratisches Netzwerk, eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen. Aber: "Die Kritik, dass du als Außenseiter in dieses Amt drängst, wird wegen deines Ruhmes als Redner größtenteils verpuffen." Quintus hat übrigens eiskalt seine eigenen Tipps angewandt. Er wurde kurz darauf selbst Prätor, für Nicht-Lateiner: das zweithöchste Amt im Römischen Reich, noch über den Konsuln.

Der Macht-Quotient:
Verdammt hoch. Gefühlt zwei Drittel der Ratschläge drehen sich darum, wie man welche Freundschaften pflegt, sich Loyalitäten sichert, in den entscheidenden Wahlbezirken bis in die provinziellsten Provinzen die entscheidenden Männer auf seine Seite zieht. Immer nach der Devise: Eine Hand wäscht die andere - und man sieht sich immer zweimal.

Bester Wahlkampf-Tipp:
"Erinnere dich an Cotta, den Meister des Wahlkampfs, der zu sagen pflegte, dass er allen alles verspräche."

Das amtliche Endergebnis:
Jeder der 58 Ratschläge hat heute noch genauso viel Gewicht wie anno dunnemal. Alle, die auch nur auf Gemeinderatsebene engagiert sind, sollten sich das schmale Bändchen in die Jackentasche stecken. Unterwegs begegnet man bestimmt einem Wähler. Bonuseffekt für alle angehenden Politiker: Wer en passant Cicero zitiert, als sei es das Normalste der Welt, fährt bei Bildungsbürgern Zusatzpunkte ein.

Buchtipp

  • Der Ironiker: "Mein Wahlkampf" von Oliver Maria Schmitt

Die Laufbahn:
Oliver Maria Schmitt war mal Chefredakteur der unsinkbaren "Titanic", nun kämpft er an der Seite seines Vorgängers Martin Sonneborn in der Partei "Die Partei". Was als Satire begann, wurde in Lübeck politischer Ernst: Dort zog ein Parteimitglied bei der letzten Kommunalwahl in die Bürgerschaft ein. Schmitt kandidierte für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters ("Macht alle mitt - Wählt Oliver Schmitt!") und tritt bei der Bundestagswahl als Spitzenkandidat an.

Der Politikertypus:
Schmitt macht's richtig: Er zweifelt gar nicht daran, dass etwas schiefgehen kann und wird. Lustvoll karikiert er jene Berufspolitiker, die mit "Alles machbar"-Attitüde durch den Bundestag, das Landratsamt oder die Vollversammlung der Bürgerinitiative "S4-Ausbau jetzt" rauschen.

Der Macht-Quotient:
Gesund ausgeprägt. Sein Regierungsprogramm steht schon, hat er sich eben mal morgens im Bett ausgedacht. Und da Schmitt seine Vorgängerregierungen akribisch studiert hat, ist seine erste Amtshandlung nur logisch: Im Kabinett werde er "eine ganze Menge guter Kumpels unterbringen, denn man will ja unter sich bleiben. Jeder kriegt ein Ministerium seiner Wahl, wir machen ein Gruppenfoto mit dem Bundesfrühstücksdirektor, dann gehen wir alle mit hochgekrempelten Ärmeln irgendwo was essen".

Bester Wahlkampf-Tipp:
Das Mini-Max-Prinzip, also aus nix was machen. Zum Beispiel jedem Pressemenschen sagen: "Sie kriegen das absolut exklusiv! Für Ihren Sender würde ich alles tun, er ist ja so viel besser als all die anderen Kackkanäle."

Das amtliche Endergebnis:
Das Gute an guter Satire ist ja, dass sie hilft, die Realität viel klarer zu sehen. Es ist kaum vorstellbar, dass irgendeine Normalo-Politiker-Autobiografie erhellender ist als das hier. Weil Schmitt alles überdreht, Elefantenrundendialoge erfindet, die Mühsal der legalen Spenden-Akquise offenlegt. Und vor allem ganz konsequent so tut, als hätte er die Wahl eh schon in der Tasche.

Buchtipp

  • "Du sollst den Wähler für dumm verkaufen" von Ulf C. Goettges und Martin Häusler

Die Laufbahn:
Als ehemalige Springer-Journalisten stehen die beiden auf der anderen Seite und wissen, wovon sie sprechen. Die "Alle Politiker sind Lügner"-Masche ist bei Boulevardmedien ja überaus beliebt. Goettges war unter anderem Mitglied der Chefredaktion von "Bild" und "Welt am Sonntag", Häusler kam von Gruner+Jahr zu Springer, inzwischen ist er freier Journalist.

Der Politikertypus:
Alles Lügner außer Mutti. Das ist grob vereinfacht, aber darauf läuft's hinaus. Unterm Strich beherzigen hiesige Politiker nach Ansicht der beiden Autoren den Cicero-Rat "Verspreche allen alles". Im Buch liefern sie letztlich eine ausführliche Analyse dieses einen Tipps, übertragen auf die deutsche Politik.

Der Macht-Quotient:
Überschäumend. Wie sagte Gerhard Schröder einst? "Wahlkampf ist immer unpolitisch." Das Buch vermittelt den Eindruck: Die ganze Politik ist letztlich unpolitisch. Die Ränkespiele sind wichtiger; desillusionierend für all jene, die noch Idealisten sind. Besonders schön wird auseinanderklamüsert, wofür welche Medienformate taugen, wie man sich gegenseitig zu Schlagzeilen und Auflage verhilft und was es für ein Glück ist, wenn man vor harmlos fragenden Moderatorinnen seinen Propaganda-Sermon abspulen kann.

Bester Wahlkampf-Tipp:
Immer locker bleiben, da geht noch was! Denn: "Fachwissen spielt bei der Besetzung eines Ministerpostens keine Rolle."

Das amtliche Endergebnis:
Der polemische Unterton gehört bei diesen Autoren dazu. Dafür können sie mit einem Pfund wuchern: Klartext sprachen Ludger Volmer von den Grünen, Hamburgs Ex-Oberbürgermeister Ole von Beust, CDU-Mann Wolfgang Bosbach, Linken-Spitzenkandidat Gregor Gysi und viele andere. Allein wegen ihrer Zitate lohnt es sich.

Buchtipp

  • Das Gegenmodell: "Tretet zurück" von Regina Maria Jankowitsch

Die Laufbahn:
Vorbei. Oder beinahe vorbei. Die der Politiker zumindest, die die österreichische Beraterin Regina Maria Jankowitsch für ihr Buch interviewt hat. Der Alt-Grüne Daniel Cohn-Bendit ist dabei, Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer, der Rest sind Österreicher.

Der Politikertypus:
Einmal in Amt und Würden, so scheint es, werden die Werte der Einzelnen von den Strukturen aufgesogen, in die sie in ihrer Rolle als Berufspolitiker geraten. Der Europa-Abgeordnete Cohn-Bendit geht so weit zu sagen: "Im Moment sind die Persönlichkeiten in der Politik verängstigt. Die Politik ist momentan sehr von Taktik bestimmt und hat nichts mit Grundüberzeugungen zu tun."

Der Macht-Quotient:
Einfach selbst testen. Besonders charmant: Im Buch gibt es auch eine Art Rücktritt-o-Mat - ein Schaubild, das helfen soll, aus einer bestimmten Situation die richtige Konsequenz zu ziehen. Der österreichische Ex-Bundesminister Ferdinand Lacina von der SPÖ sagt: "In Wirklichkeit müsste man früher beginnen, eine gewisse Distanz zur eigenen Person und Funktion, die man ausübt, zu haben. Das Gefühl, unersetzlich zu sein, ist eine Katastrophe: a) ein Irrglaube und b) das macht es besonders schwierig, zurückzutreten."

Bester Wahlkampf-Tipp:
Nehmen Sie das Wahlergebnis ernst! "Besonders unverständlich" findet Jankowitsch es, "wenn Politiker bei spektakulären Stimmenverlusten nicht nur nicht rasch zurücktreten, sondern ihre Partei bei den nächsten und vielleicht sogar übernächsten Wahlen wieder anführen (wollen)."

Das amtliche Endergebnis:
Karrieren von hinten aus betrachten, den Blick auf den Entscheidungsmoment gerichtet, in dem ein Berufspolitiker den ganzen Zirkus hinter sich ließ, das kann erhellend sein. Wer ausgestiegen ist, will ja nichts mehr werden. Und kann frei von der Leber weg erzählen.

Buchtipp
  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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1. Ärgerlich
Peletua 12.09.2013
Zur Buchempfehlung Q. Tullius Cicero: Dass die Autorin nicht weiß, dass der Rang des Prätors in der römischen Republik unter dem des Konsuls stand ('darüber' stand nur der Censor), ist fast noch weniger schlimm als die Einleitung zu dieser seltsamen Adaption. Die hat Frau Haeming offenbar nicht einmal angelesen, sonst wüsste sie wenigstens um diesen Punkt der Rangfolge im Cursus honorum. Was Herr Freeman im Originaltext geschrieben hat, habe ich noch nicht überprüfen können, aber auch in der ungelenken, oft wortwörtlich vom Englischen ins Deutsche übertragenen Übersetzung (wohlweislich warnt der Verlag: "Die deutsche Übersetzung hält sich eng an die sehr freie Übertragung des Commentariolum petitionis von Philip Freeman") erkennt man eine mehr als oberflächliche Betrachtungsweise. Ärgerlich.
2. Alles was fuer die
FKassekert 12.09.2013
Tonne!
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