Von Ursula Schwarzer
"Mit stummen Botschaften", rät die Schar der Stilberater. Vom "Power Dressing" spricht etwa die Modespezialistin Katharina Starlay. "Gut gemachte Kleidung erkennt man an Kleinigkeiten wie den Nähten." Die weisen bei Hemden, so sie maßgefertigt sind, ungefähr zehn Stiche per Zentimeter auf; bei Oberstoffen für Anzüge oder Kostüme müssen es drei bis vier Stiche sein.
Selbstredend gehört zum properen Outfit auch die richtige Uhr. Ein weites Feld, auf dem der Manager wenigstens etwas Individualität ausleben darf. Der Vorstand eines Dax-Konzerns (er will anonym bleiben, das Thema ist ihm zu heikel) macht drei verschiedene Typen aus: "Der Bequeme" belässt es bei der sportlichen Rolex; für prestigeträchtige Anlässe leistet er sich ein Sammlermodell aus Edelstahl, das bis zu 90.000 Euro kosten kann und von Kennern sehr goutiert wird. "Der Ignorant" greift zur Dugena oder Swatch. Und der "feine Pinkel" tut es nicht unter einer Breguet, dem Maybach unter den Uhren.
So ein aufwendiger Chronometer soll natürlich zu sehen sein - viele Möglichkeiten, ein gefülltes Bankkonto und guten Geschmack unter Beweis zu stellen, bleiben im Heer der Gleichförmigen ja nicht: Der uniformierte Soldat trägt seine Litzen sichtbar auf dem Rock, der gleichfalls uniformierte Manager aber muss das Statussymbol unterm Ärmel verstecken.
Kurze Socken? Gehen gar nicht
Der Ausweg: Die Manschette etwas weiter schneidern lassen, dann rutscht sie leichter nach hinten und gibt den Blick frei. Niemals aber, so warnt Modeexpertin Meyden, "einen Hemdärmel kürzer tragen, das würde den optischen Gesamteindruck stören".
In dem Bemühen um ein Mindestmaß an eigenem Stil greift so mancher Amts- oder Würdenträger daneben. Etwa bei der Krawatte, die immer dezent sein muss. Bunte Tierchen auf dem Binder gehen gar nicht. Genauso schlimm sind zu kurze Socken, die beim Sitzen die weiße Wade freigeben.
Anstößig wirkt gleichfalls das vom häufigen Genuss erlesener Tropfen und Sieben-Gänge-Menüs zu eng gewordene Jackett. Wobei Fettleibigkeit ohnehin als Zeichen der Disziplinlosigkeit verpönt ist. Jürgen Großmann, Chef von RWE, hat das Problem auf seine Weise gelöst: Die Westen und Anzugjacken des fülligen Mannes sind so großzügig geschnitten, das man gern glauben möchte, er habe zehn Kilo abgespeckt.
Frauen versuchen Männer an Konturlosigkeit noch zu überflügeln
Es ist schon erstaunlich, was die Herren an der Spitze alles unternehmen, um das gewisse Etwas ihrer hervorgehobenen Stellung zu betonen und gleichzeitig nicht aus dem Rahmen zu fallen. Noch bemerkenswerter jedoch ist, dass die meisten Frauen, die jetzt verstärkt ins Topmanagement einziehen, ihre männlichen Kollegen in puncto Einförmigkeit noch zu überflügeln versuchen.
Sie tauschen das pfiffige Kostüm gegen den grauen Hosenanzug, schlüpfen statt in hochhackige Pumps in unattraktive Halbschuhe und verwandeln sich, je höher sie aufsteigen, immer mehr in androgyne Wesen. "Frauen weichen sowieso ab vom Modell, das massenhaft unterwegs ist und Mann heißt", erklärt Gertrud Höhler das Phänomen der weiblichen Anpassung. Dadurch aber verlören sie den Schutz, den das gleichgeschaltete Rudel bietet, in dem normalerweise keiner auffällt und somit auch keine Angriffsfläche bietet.
Doch auch unter der Vielzahl konturloser Managerinnen findet sich hin und wieder eine Ausnahme. Zum Beispiel die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler. Auf der Hauptversammlung 2010 des Automobilzulieferers Continental, den sie an sich gerissen hatte, trug sie Anzug, Krawatte und Einstecktuch mit einer so souveränen Grandezza, dass die Botschaft allen Anwesenden sofort klar war: Sie ist jetzt der Herr im Haus.
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