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Nach Diktat verreist Sex sells

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Mittelmanager Achtenmeyer entwickelt einen genialen Plan: Er will nach Heimstudien die geheimen Signale weiblicher Fruchtbarkeit in Rendite ummünzen. Nur wird Frau Achtenmeyer gar nicht so gern beforscht - Schiffbruch mit Tigerin.

Achtenmeyer ist unter die Wissenschaftler gegangen. Es ist einer seiner unerfüllten Jugendträume, und wie es mit Jugendträumen so ist, liegt ihr Reiz meist gerade in ihrer Nicht-Vollendung. Zwar war Achtenmeyer schon mit 16 Jahren klar, dass Herumhantieren mit Erlenmeyer-Kolben oder pedantisches Eintragen von Messreihen in längliche Tabellen seinem eher flatterhaften Charakter nur peripher entspricht. Andererseits hat ihn an der Wissenschaft immer dieses Unbestechliche, ewig Gültige fasziniert.

Leider entsteht dieses Immerwahre zumeist im Labor - außerhalb der Labormauern zerschellen die Erkenntnisse häufig an dieser dummen Sache namens Realität. Neulich etwa las Achtenmeyer etwas über die geheimen Signale weiblicher Fruchtbarkeit. In den Tagen vor dem Eisprung, so die Forscher, wirken Frauen attraktiver, fürsorglicher und eher bereit zum Flirt. Sie gehen langsamer, und ihr Gang wird von Männern als sexier bewertet. Gleiches gilt fürs Tanzen: Stripperinnen etwa, staunte Achtenmeyer bei der Lektüre, sammeln in der Zeit vor dem Eisprung deutlich höhere Trinkgelder ein.

Die neuen Erkenntnisse für naheliegende Zwecke zu nutzen, daran dachte Achtenmeyer allerdings keine Sekunde. Seit vielen Jahren ist er verheiratet, Sex ist für ihn eher Konzept als Aktion. Nein, ihn interessierte der Impact aufs Business. Denn fruchtbare Frauen geben auch mehr Geld für Kleider aus, ziehen sich eleganter an und verbringen mehr Zeit mit Schönheitsprozeduren.

Komplizierte Messreihen, komplett nutzlos

Als Achtenmeyer im Text an dieser Stelle war, beendete er die Lektüre. Genau hier galt es anzusetzen: Fruchtbare Frauen mussten mit gezielter Werbung angesprochen werden, um ihre ohnehin schon gesteigerte Kauflust in neue Rekordhöhen zu katapultieren. Jetzt galt es nur noch herauszufinden, wie sich die Fruchtbarkeit erkennen lässt. Dass sich auch echte Wissenschaftler an dieser Frage seit vielen Jahren die Zähne ausbeißen, störte ihn nicht im Geringsten. Hatte er doch die perfekte Versuchsanordnung bei sich zu Hause: seine Gattin.

Die nächsten Wochen verbrachte Achtenmeyer mit komplizierten Messungen. Dafür verglich er die Abbuchungen der gemeinsamen (allerdings höchst überwiegend von der Dame des Hauses genutzten) Kreditkarte mit Mimik, Auftritt und allgemeinem Charme seiner Frau. Er entwickelte ein hübsches, kleines Punktesystem, das Augen, Mund, Spannung der Haut und vieles andere berücksichtigte und sich mit den per Kreditkarte ausgegebenen Summen korrelieren ließ. Darauf war er ziemlich stolz.

Wenigstens so lange, bis er nach zwei Monaten abends einen anständigen Roten öffnete und sich über seine Tabellen beugte. Wie sich herausstellte, bildeten seine Zahlenwerte zwei gleichbleibend flache Kurven: Seine Frau hatte konstant die gleichen Summen ausgegeben (nämlich das Limit des Dispos), und er selbst hatte seine Gemahlin an jedem Tag der vergangenen acht Wochen gleich attraktiv gefunden. Oder unattraktiv, je nachdem. Mit anderen Worten: eine komplett nutzlose Messreihe.

Grrrr. Die Achtenmeyerin zeigt Zähne

Manchmal jedoch hat auch der vom Pech verfolgte Wissenschaftler Glück. Achtenmeyer fand doch noch heraus, woran sich die fruchtbaren Tage erkennen lassen. Weil er seine Tabellen gedankenlos auf dem Esstisch hatte liegen lassen. Als seine Frau die detaillierten Bewertungen ihrer Attraktivität fand, machte sie Achtenmeyer eine Szene, von der noch der Apfelbaum drei Häuser weiter die Hälfte seiner Früchte verlor. Selbst nach den Maßstäben seiner impulsiven Gattin war dieser Streit ungewöhnlich heftig; und als Achtenmeyer endlich Gelegenheit fand, den Artikel, mit dem alles begann, zu Ende zu lesen, wusste er auch warum: Fruchtbare Frauen sind in dieser Zeit auch konkurrenzbereiter, durchsetzungsstärker und aggressiver.

Auch wenn das vielversprechend klang, nahm Achtenmeyer von einer neuen Messreihe doch lieber Abstand. Seine Karriere als Wissenschaftler ist beendet.

+++ Lessons learned +++

1. Äpfel und Birnen: Ein beliebter Management-Fehler ist es, die Lösung für ein scheinbar ähnliches Problem auf ein neues zu übertragen. Das geht meistens schief. Ist Wissenschaft im Spiel, erst recht - denn die ist unbestechlich.

2. Out of the box: Ideen aus anderen Bereichen als der reinen Ökonomie im Geschäftsleben einzusetzen, ist dennoch prinzipiell klug. Die moderne Welt ist nicht nur geografisch und kommunikativ vernetzt, sondern auch inhaltlich. Wer die verschiedenen Wissensgebiete clever verbindet, schafft Mehrwert.

3. Teufel im Detail: Auch Managern steht eine gewisse Akribie gut zu Gesicht. Sich nur auf die eigene Erfahrung ("gut feeling") zu verlassen, kann schnell schiefgehen. Korrektes Arbeiten ist kein alleiniges Vorrecht wissenschaftlicher Forschung.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Fehler
blogvormkopf 02.07.2013
im dritten Satz. Das Verb muss in die Mehrzahl: "entsprechen", nicht "entspricht"
2. Manager
chiefseattle 02.07.2013
Mehr haben Manager wirklich nicht zu tun.
3. zu Blogvormkopf
deglaboy 02.07.2013
Da ist er wieder, unverwüstlich. Der deutsche Pedant, Erbsenzähler, Kleinkarierte. Immer auf der Suche nach den kleinsten Unebenheiten. Dem Haar in der Suppe, dem vergessenen Komma, der ungenauen Zeitform etc. Das ganze Leben damit beschäftige die unbedeutenden Fehler seiner Mitmenschen zu korrigieren. Es muß alles mit ordentlichen, rechten Dingen zugehen. Es kann nicht sein, dass ein Komma fehlt. Mensch ihr lieben Deutschen, von denen ich auch einer bin, merkt ihr denn nicht wie ihr mit dieser unnützen Pedanterie dem Rest der Welt ständig auf den Senkel geht? Wann ist das Paradies auf Erden ausgebrochen, das Reich Gottes? Wenn die Deutschen mal locker und entspannt werden. Und fehlertolerant. Der Fehler bringt uns weiter, fröhlich begangen und akzeptiert. Und nicht das Genörgele und Genöhle an allen Ecken und Plätzen. Aber gut, es wird nichts ändern, mein Kommentar.
4.
redroach 02.07.2013
Und wenn wir schon pedantisch sind: In diesem Satz fehlen, streng genommen, zwei "das". Aber trotzdem: Nen toller Artikel! :-)
5. wie verhütet der Gute?
u30 02.07.2013
72% der 20-29 Jährigen nimmt die Pille. Fast alle Pillen unterdrücken den Eisprung. Ist der Rest noch als Zielgruppe relevant? Oder: nimmt seine Frau die Pille und die Studie ist doppelt fürn A...?
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  • Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
"Schicken Sie doch Ihre Frau arbeiten."

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