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Karriere mit Knick "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann"

2. Teil: "Outplacement, Abfindung, oder wir finden andere Wege zur Kündigung" - der Rausschmiss und ein Neueinstieg

Fehling sieht es nüchtern: "Die meisten Mitarbeiter passen einfach nicht mehr ins politische Konzept." Und warum schaffen es andere? Trennungsgründe gibt es viele. "Oft sind es Konflikte, über die nie gesprochen wurde." Manche schwelen so lange, dass am Ende niemand mehr weiß, worum es überhaupt ging. Aber das ungute Gefühl ist noch da.

Die Zufriedenheit war weg, Bernd Heilmann suchte nach Gründen. Szenen aus der Kindheit kamen hoch: Er war immer Klassenbester, aber nie Klassensprecher - warum? Oder seine Jugend: Ein Mitschüler verprügelte ihn, er wehrte sich nicht. Solche Erinnerungen kennt jeder Erwachsene. Plötzlich waren sie ein Problem.

Endlich rief eine Dame aus der Personalabteilung an und vereinbarte ein Gespräch. Da dachte der Ingenieur: "Jetzt bewegt sich etwas, endlich." Er saß vor dem obersten Personalchef: "Herr Heilmann, das Haus möchte sich von Ihnen trennen." Der Ingenieur starrte ihn an und stotterte verdattert: "Was wird kritisiert?"

"Das kommt nicht aus heiterem Himmel"

Die Vorwürfe der Firmenleitung waren vage: Er sei unmöglich im Umgang mit Lieferanten. Er zeige ein störendes Verhalten in der Gruppe. Er schreibe zu viele Versalien in seinen Mails. Konkrete Beispiele gaben sie nicht, aber sie drohten direkt: "Outplacement, Abfindung, oder wir finden andere Wege zur Kündigung."

Nach zehn Minuten taumelte der Ingenieur zurück an seinen Arbeitsplatz. Die Erkenntnis kam in Wellen: "Ich habe mächtige Feinde." - "Die wollen Krieg." - "Ich habe keine Chance." Zu Hause schrieb er noch drei Bewerbungen und brach zusammen, mit Panikattacken, Schweißausbrüchen, Blutdruck von 170. "Ich kannte keine Niederlagen, dieses eine Gespräch zerstörte mein Ich."

Er fragt sich: "War ich zu sachlich, zu distanziert? Vielleicht zu klug, zu forsch, zu übereifrig?" Wahrscheinlich war Bernd Heilmann nur ein Opfer betriebsinterner Sparmaßnahmen - zu teuer, zu alt, zu unflexibel. Oder blockierte einfach den Platz für den Spezi des neuen Bereichsleiters. Sah man ihn als Bedrohung? Auch Claus Fehling hat keine Antwort parat, ist sich aber sicher: "So etwas kommt nicht aus heiterem Himmel. Es muss Signale gegeben haben."

Bernd Heilmann hat sie nicht bemerkt. Obschon, wenn er nachdenkt, gab es doch die eine oder andere seltsame Situation: die vielen vergeblichen Bewerbungen, das seltsame Versetzungsangebot in eine Außenstelle, nie ein Zielgespräch, die ruppige Ablehnung einer Nebentätigkeit, die Arroganz des Chefs...

Angst vor der nächsten Kündigung

Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung, existentielle Angst. Mehr als acht Wochen schrieben die Ärzte Bernd Heilmann krank. Die Eltern besuchten ihren Sohn in der Klinik und entschuldigten sich: "Wir haben dich nicht richtig auf die Härten des Lebens vorbereitet, doch glaub' uns, wir wollten immer nur dein Bestes." Er antwortete verbittert: "Was zählen schon Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Fleiß? Das sind Grundrechte des Bürgertums, nicht aber des modernen Managements."

Auf Empfehlung eines Lieferanten fand Bernd Heilmann direkt im Anschluss an seine Krankheit einen neuen Job. Seine Lohnsteuerkarte gab er erst Monate später ab, nach mehrmaliger Aufforderung. Er hatte verschwiegen, dass ihn sein alter Arbeitgeber nicht mehr wollte. Und Angst, dass die neue Firma die eingetragene Abfindung entdecken würde. Er war sicher: "Dann kommt die nächste Kündigung." Erst nach Jahren glaubte er es, wenn man ihm sagte: "Wir sind froh, dass Sie da sind." Heute begrüßt er seine Chefs mit Handschlag, versucht sogar ein wenig Networking. Und lacht: "Ein Partylöwe werde ich aber nie."

Mehr als 2555 Tage ist das jetzt her. Bernd Heilmann hat längst wieder Fuß gefasst und Karriere gemacht, koordiniert Großprojekte mit über 40 Ingenieuren, verwaltet ein Budget über viele Millionen Euro. Er kann trotzdem nicht vergessen. "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann."

Vor einem halben Jahr begegnete er bei Karstadt am Grabbeltisch zufällig einer Dame aus der ehemaligen Personalabteilung. Er grüßte. Sie sah weg. Und sofort war alles wieder da.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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insgesamt 141 Beiträge
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1. Wenn
forumgehts? 21.12.2011
Zitat von sysopAussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs. Karriere mit Knick: "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804739,00.html)
eine Firma einen Super-Wissensträger rauswirft, so muss er menschlich ein Super-Gau gewesen sein. Es gibt keine andere Erklärung, und solche Leute merken nie etwas und werden auch nie etwas merken. Wir hatten ebenfalls vor Jahren einen Vorgesetzten, der fast unsere gut funktionierende und erfolgreiche Abteilung gesprengt hätte. Doch wir waren zum grössten Teil erfahrene Kämpfer, so haben eben wir ihn erlegt. Er hat es auch nie begriffen.
2. Ein gutgemeinter Rat
wortmannin 21.12.2011
Zitat von sysopAussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs. Karriere mit Knick: "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804739,00.html)
Wenn Herr Heilmann respektiert werden will, sollte er Leute wie diese ehemalige Personalerin nicht zuerst grüssen und sich schon garnicht in der Nähe von irgendwelchen Grabbeltischen in billigen Kaufhäusern aufhalten. Die Geschichte zeigt aber, dass es auch Arbeitgeber gibt, die auf hard skills statt soft skills setzen. Allein mit Politik und Networking lassen sich die Probleme, mit denen Ingenieure im Beruf konfrontiert werden, nämlich nicht lösen. Und Ehrgeiz ist eine feine Sache, wenn er sich nicht nur auf den Ehrgeiz die Karriereleiter hinaufzusteigen beschränkt, sondern auch den Ehrgeiz einschliesst, wirklich einen Unterschied zu machen für Kunden, Unternehmen und Gesellschaft.
3. Ein weiteres Beispiel
eigene_meinung 21.12.2011
für den Wahnsinn, der in den meisten größeren Firmen heutzutage herrscht. Die Anständigen, die Fleißigen, die Erfahrenen, die Intelligenten werden aus den Firmen rausgemobbt und rausgekündigt. Die Blender, die Korrupten, die Dummen, die Schleimer werden befördert.
4. Ingenieurschwemme.
franzdenker 21.12.2011
Zitat von sysopAussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs. Karriere mit Knick: "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804739,00.html)
Dieses Beispiel ist typisch und kommt sehr häufig vor. Der angebliche Ingenieurmangel ist nichts anderes als ein Märchen, um die Absolventenzahlen weiter in die Höhe zu treiben. Wenn es dann massenhaft Jungingenieure gibt können die Anforderungen weiter gesteigert und die Gehälter weiter gesenkt werden. Generation Praktikum lässt grüßen! Letztlich ist das Märchen vom Ingenieurmangel ein Instrument zur Kostenreduzierung. Viele Stellen die ausgeschrieben werden, sind trotz hunderter Bewerbungen nicht besetzt worden. Waren wirklich alle Bewerber so schlecht? Oder möchte man die Positionen gar nicht besetzen und nutzt die Zahl der freien Stellen nur um Druck aufzubauen? ;-)
5. Entweder das...
Halodri73 21.12.2011
Zitat von forumgehts?eine Firma einen Super-Wissensträger rauswirft, so muss er menschlich ein Super-Gau gewesen sein. Es gibt keine andere Erklärung, und solche Leute merken nie etwas und werden auch nie etwas merken. Wir hatten ebenfalls vor Jahren einen Vorgesetzten, der fast unsere gut funktionierende und erfolgreiche Abteilung gesprengt hätte. Doch wir waren zum grössten Teil erfahrene Kämpfer, so haben eben wir ihn erlegt. Er hat es auch nie begriffen.
...oder er hat einfach neben einem hohen IQ einen sehr geringen EQ. Da merkt man manchmal nicht, was man den Kollegen mit seiner Brillianz antut. Und vielleicht in der Jugend nie wirklich gelernt und/oder gezeigt/vorgelebt bekommen, dass nicht das Hinfallen, sondern das liegenbleiben eine Schande ist - Sprich den Umgang mit Niederlagen. Mal ne schlechte Note wegstecken, mal beim Sport verlieren... Und verstehen, dass nicht alles, was schiefgeht gleich bedeutet, dass man als Mensch nichts wert ist. Aus begabten Kindern Sieger zu formen ist leicht. Sie auf kommende Niederlagen im Leben vorzubereiten, deutlich schwieriger.
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