Von Silvia Dahlkamp
Fehling sieht es nüchtern: "Die meisten Mitarbeiter passen einfach nicht mehr ins politische Konzept." Und warum schaffen es andere? Trennungsgründe gibt es viele. "Oft sind es Konflikte, über die nie gesprochen wurde." Manche schwelen so lange, dass am Ende niemand mehr weiß, worum es überhaupt ging. Aber das ungute Gefühl ist noch da.
Die Zufriedenheit war weg, Bernd Heilmann suchte nach Gründen. Szenen aus der Kindheit kamen hoch: Er war immer Klassenbester, aber nie Klassensprecher - warum? Oder seine Jugend: Ein Mitschüler verprügelte ihn, er wehrte sich nicht. Solche Erinnerungen kennt jeder Erwachsene. Plötzlich waren sie ein Problem.
Endlich rief eine Dame aus der Personalabteilung an und vereinbarte ein Gespräch. Da dachte der Ingenieur: "Jetzt bewegt sich etwas, endlich." Er saß vor dem obersten Personalchef: "Herr Heilmann, das Haus möchte sich von Ihnen trennen." Der Ingenieur starrte ihn an und stotterte verdattert: "Was wird kritisiert?"
"Das kommt nicht aus heiterem Himmel"
Die Vorwürfe der Firmenleitung waren vage: Er sei unmöglich im Umgang mit Lieferanten. Er zeige ein störendes Verhalten in der Gruppe. Er schreibe zu viele Versalien in seinen Mails. Konkrete Beispiele gaben sie nicht, aber sie drohten direkt: "Outplacement, Abfindung, oder wir finden andere Wege zur Kündigung."
Nach zehn Minuten taumelte der Ingenieur zurück an seinen Arbeitsplatz. Die Erkenntnis kam in Wellen: "Ich habe mächtige Feinde." - "Die wollen Krieg." - "Ich habe keine Chance." Zu Hause schrieb er noch drei Bewerbungen und brach zusammen, mit Panikattacken, Schweißausbrüchen, Blutdruck von 170. "Ich kannte keine Niederlagen, dieses eine Gespräch zerstörte mein Ich."
Er fragt sich: "War ich zu sachlich, zu distanziert? Vielleicht zu klug, zu forsch, zu übereifrig?" Wahrscheinlich war Bernd Heilmann nur ein Opfer betriebsinterner Sparmaßnahmen - zu teuer, zu alt, zu unflexibel. Oder blockierte einfach den Platz für den Spezi des neuen Bereichsleiters. Sah man ihn als Bedrohung? Auch Claus Fehling hat keine Antwort parat, ist sich aber sicher: "So etwas kommt nicht aus heiterem Himmel. Es muss Signale gegeben haben."
Bernd Heilmann hat sie nicht bemerkt. Obschon, wenn er nachdenkt, gab es doch die eine oder andere seltsame Situation: die vielen vergeblichen Bewerbungen, das seltsame Versetzungsangebot in eine Außenstelle, nie ein Zielgespräch, die ruppige Ablehnung einer Nebentätigkeit, die Arroganz des Chefs...
Angst vor der nächsten Kündigung
Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung, existentielle Angst. Mehr als acht Wochen schrieben die Ärzte Bernd Heilmann krank. Die Eltern besuchten ihren Sohn in der Klinik und entschuldigten sich: "Wir haben dich nicht richtig auf die Härten des Lebens vorbereitet, doch glaub' uns, wir wollten immer nur dein Bestes." Er antwortete verbittert: "Was zählen schon Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Fleiß? Das sind Grundrechte des Bürgertums, nicht aber des modernen Managements."
Auf Empfehlung eines Lieferanten fand Bernd Heilmann direkt im Anschluss an seine Krankheit einen neuen Job. Seine Lohnsteuerkarte gab er erst Monate später ab, nach mehrmaliger Aufforderung. Er hatte verschwiegen, dass ihn sein alter Arbeitgeber nicht mehr wollte. Und Angst, dass die neue Firma die eingetragene Abfindung entdecken würde. Er war sicher: "Dann kommt die nächste Kündigung." Erst nach Jahren glaubte er es, wenn man ihm sagte: "Wir sind froh, dass Sie da sind." Heute begrüßt er seine Chefs mit Handschlag, versucht sogar ein wenig Networking. Und lacht: "Ein Partylöwe werde ich aber nie."
Mehr als 2555 Tage ist das jetzt her. Bernd Heilmann hat längst wieder Fuß gefasst und Karriere gemacht, koordiniert Großprojekte mit über 40 Ingenieuren, verwaltet ein Budget über viele Millionen Euro. Er kann trotzdem nicht vergessen. "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann."
Vor einem halben Jahr begegnete er bei Karstadt am Grabbeltisch zufällig einer Dame aus der ehemaligen Personalabteilung. Er grüßte. Sie sah weg. Und sofort war alles wieder da.
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