Von Silvia Dahlkamp
Am Tag vor der Hochzeit reichte die Vorgesetzte zwei Briefe rein. "Alles Gute zum Fest" - keine Gratulationen, sondern Abmahnungen. Die höhnische Stimme und das falsche Lächeln verfolgten Silke Langer (Name geändert), 38, bis in die Hochzeitsnacht. Auch später, in den Flitterwochen, und noch heute hat sie diesen Ton im Ohr, wenn die Chefin in ihr Zimmer kommt. Tatsächlich war der Grund für die Verwarnungen harmlos. Die üblichen Kunden hatten sich beschwert, die, von denen jeder im Büro wusste, dass sie immer meckerten. Heute spricht keiner mehr davon. Silke Langer aber sagt: "Das werde ich ihr nie verzeihen."
Es war nicht der erste persönliche Angriff. Silke Langer nennt sie "heimtückische Attacken". Seit zehn Jahren arbeitet sie als Debitorenbuchhalterin in einem großen Unternehmen, treibt Forderungen von Kunden ein, die nicht zahlen. Eine undankbare Arbeit, besonders während der Wirtschaftskrise. "Bei vielen Käufern gibt es einfach nichts mehr zu holen."
Ihre Chefin bekam Druck von oben. Sie trat nach unten und schrie: "Du bist einfach dämlich." Die Beleidigung hat gesessen, die Botschaft hat Silke Langer genau verstanden: "Ich bin klüger, ich kann das besser." Sie kennt ihre Abteilungsleiterin, schließlich waren sie jahrelang Kolleginnen. Aus der Zeit kommt auch das "Du". Heute wäre Silke Langer gern wieder beim "Sie". "Dann könnten wir vielleicht sachlich reden."
Die Kollegen taten es als Zickenkrieg ab
Liegt McKinsey falsch? Laut einer Studie der Unternehmensberatung sind gerade Frauen in Führungspositionen einfühlsamer und verständnisvoller als ihre männlichen Kollegen und somit wichtig für den Erfolg einer Firma. Silke Langer ist überzeugt: "Das heißt nicht, sie sind lieb und nett." Sagt auch die Berliner Psychologin und Mediatorin Regina Michalik, die ausschließlich mit Frauen im Beruf arbeitet: "Frauen in Führungspositionen sind meist die besseren Chefs. Aber oft reagieren sie besonders hart. Damit niemand denkt, sie könnten nicht durchgreifen wie ein Mann."
Macht das Frauen zu Mobbern? Das ständige Nörgeln ihrer Chefin hat Silke Langer störrisch gemacht: "Ich weiß, wie meine Arbeit geht." Als Buchhalterin schickt sie Mahnungen raus, vereinbart Ratenzahlungen, und wenn alles nichts nutzt, schaltet sie ein Inkasso-Unternehmen ein. Sie hört geduldig zu, wenn Alleinerziehende um Aufschub betteln oder Rentner versprechen: "Im nächsten Monat zahle ich, bestimmt." Sie hat Verständnis, wenn Hartz-IV-Empfänger weinen: "Wir sparen, ehrlich."
Sie schickt die Briefe trotzdem. Nur dass sie manchmal zuvor ein paar Tage gewartet hat, ob das Geld vielleicht doch noch kommt. "Aber deshalb bin ich noch lange nicht dämlich, wie meine Chefin meinte."
Wer sich nie wehrt, wird zum dankbaren Opfer
Der erste Krach vor vier Jahren: Der alte Abteilungsleiter war noch nicht weg, da stand die bisherige Kollegin und künftige Chefin schon im Büro. Frontalangriff vor allen anderen: "Du klagst über zu viel Arbeit?" Natürlich hatte Langer mal über Querulanten gelästert. Das machte schließlich jeder. Jetzt ärgerte sie sich. "Warum behauptet die, dass ich meine Arbeit nicht schaffe?" Sie weiß nicht, was sie mehr wurmte: "Dass mich meine Chefin niedermachte oder ich mich nicht wehren konnte."
"Vielleicht aber auch, dass es eine Frau war?", vermutet Regina Michalik. Sie kennt die unbewussten Verhaltensmuster und weiß: "Kritik von Frauen nehmen andere Frauen oft persönlich. Einem Mann verzeihen sie Fehler schneller."
Die zukünftige Vorgesetzte musterte die Aktenwand und mäkelte weiter: "Warum brauchst du sechs Ordner für Inkasso?" Merkwürdige Frage, schließlich war Silke Langer für Inkasso zuständig. Doch wieder schwieg sie, so wie immer. Und tobte erst zu Hause: "Was will die Hexe überhaupt?" Sie fand eine eigene Antwort: "Die ist wütend, weil sie mir den Job auch angeboten haben." Sie hoffte, irgendwann würde sich das schon geben.
Für die Kollegen herrschte Zickenkrieg, Frau gegen Frau, da halten wir uns raus. In Wirklichkeit prallten zwei Persönlichkeiten aufeinander: Die eine - zurückhaltend, häuslich, fleißig - gegen die andere, offen, forsch, ehrgeizig. Tradition gegen Emanzipation. Kompromisse wurden nicht gemacht. Silke Langer verlor einen Kampf, den sie nie wollte.
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