Von Silvia Dahlkamp
Ein Infarkt hat ihn gerettet, vor dem Kollaps im Beruf. Nach der Herzattacke warf Michael Brenner*, 53, alles hin. Die Kündigung war noch einmal ein Stich. Kein körperlicher Schmerz, wie damals, als er dachte, seine Brust würde bersten. Diesmal war es seine Seele, die schrie: "Versager, Versager, du bist ein Versager!" Drei Jahre ist das jetzt her. Inzwischen fühlt Michael Brenner sich frei. Ohne Job, ohne Geld, aber glücklich. Er sagt: "Nur das zählt."
Der Druck ist weg. Die Wut, die Angst, die panische Angst vor Fehlern. Sein Direktor duldete keinen einzigen. Schwierig für einen lockeren Mann wie Michael Brenner, der in der Freizeit am Klavier hockt und am Wochenende mit seiner Jazzband rockt. "Ich bin korrekt, aber nicht perfekt." Sechs Jahre hat er versucht, sich zu verbiegen. Und ist gescheitert. "Jedes Versehen war ein Vergehen, eine Schwäche blieb unvergessen."
Am Ende gab ihm eine Dame aus dem Personalbüro versehentlich die Akte seiner Schuld, angelegt vom Vorgesetzter: Tausend Seiten mit Hunderten Delikten, ordentlich abgeheftet in zwei Leitz-Ordnern. Michael Brenner las sie, seine Hände zitterten, die Stimme im Kopf sagte: "Was ist falsch? Du bist falsch. Du bist ein Fehler."
Darf ein Vorgesetzter das - seine Mitarbeiter einschüchtern und erniedrigen? "Nein", sagt der Hamburger Arbeitsrechtler Dieter Struck. "Er darf zwar grundsätzlich Pflichtverletzungen dokumentieren, aber keine konstruieren." Am Ende hat sich Michael Brenner fast gar nichts mehr getraut. Ausradiert war der fröhliche Mann, der nach der Schule ins Hotelfach ging und Karriere machte, weil er seinen Beruf liebte: Serviermeister in Fünf-Sterne-Hotels, Leiter in zwei Kongress-Centren, schließlich Restaurantleiter einer noblen Residenz, in der Senioren über 5000 Euro Miete für ein geräumiges Apartment zahlen.
Erster Eindruck: ein Bürokrat und Pedant
"Es war Hass auf den ersten Blick." Michael Brenner erinnert sich genau an den Tag, als sich der neue Direktor vorstellte. Monoton ratterte er seinen Lebenslauf runter und hakte das Privatleben mit fünf Worten ab: "Zwei Kinder, eine adäquate Partnerin". Der Restaurantleiter dachte: "Ein Bürokrat, ein Pedant."
Kontrollfreak trifft Lebenskünstler - doch Michael Brenner machte sich zunächst keine Sorgen. "Er hätte vorsichtiger sein sollen", analysiert Arbeitsrechts-Experte Struck. Es war nicht der erste Chefwechsel in dem Haus, in dem er seit zwölf Jahren arbeitete. Eine exquisite Adresse: Im Speisesaal schwere Kronleuchter, in der Bibliothek lederne Ohrensesseln vor dem Kamin, und in der Bar treffen sich die Damen und Herren zum Bridge, trinken Whisky mit dem richtigen Bouquet. In diesem Ambiente leitete Michael Brenner Küche und Restaurant. 15 Angestellte arbeiteten unter ihm. Es gab nie Probleme.
Brenner kannte die Allüren seines verwöhnten "Publikums". Frau Meyer, die ihr Brot immer ohne Kruste aß. Herr Schmidt, der Diätmargarine bevorzugte. Fräulein Müller, die drei Tabletten Süßstoff statt Würfelzucker nahm. Frau "gnädige Dame" platzierte er immer ganz rechts am Fenster, ganz weit weg von Frau "Möchtegern". Alles war gut, bis die Fehler anfingen - die zuvor nie Fehler gewesen waren.
Die Direktion forderte eine Kaffeestatistik an. Michael Brenner lieferte Zahlen: Mindest-, Höchst- und Meldebestand, Verbrauch pro Abteilung, Preis pro Kilo. So ist es üblich in einem Haus, in dem die Zahl der Gäste nicht wechselt. Die Chefetage wollte es genauer: "Gramm pro Tasse". 8,1 Gramm ist die Norm in Hotels mit strengem Controlling. Michael Brenner passte das nicht, er fragte in einer Abteilungsleiterkonferenz störrisch: "Müssen wir jetzt jedes Tässchen zählen?" Am Tag darauf kam eine Abmahnung: "Widerstand gegen Anordnungen der Geschäftsleitung". Dutzende sollten folgen.
Totale Kontrolle, ständige Kritik
Die erste "Kriegserklärung" durfte nicht in Brenners Personalakte bleiben. "Kritik im Arbeitsleben ist erlaubt, solange sie nicht mangelnden Respekt gegenüber den Vorgesetzten zeigt", sagt Dieter Struck. Der Arbeitsrechtler hätte dem Gastronomieleiter trotzdem zu einem Mediator geraten. "Konfliktberater interessieren sich nicht nur für Recht und Unrecht, sondern suchen die Ursachen und vermitteln."
Totale Kontrolle, ständige Kritik: Im Haus wehte jetzt ein neuer Wind. Die Befehle kamen von ganz oben, der Direktor prüfte durch bis ganz unten. Brenners Abteilung hatte er besonders im Blick. Er inspizierte die Einkaufslisten und strich die Maggi-Würze, er führte eine britische "Tea Time" ein und verordnete ein Buffet zum Frühstück. Seinen Restaurantleiter informierte er zwar, aber konsultierte ihn nicht.
Der musste die Beschwerden schlucken: Erboste Senioren wollten Maggi für die Suppe. Empörte Damen verlangten Erdbeertorte. Keiner wollte mit Gehstock ans Buffet. Der Restaurantleiter meldete es nach ganz oben, der Direktor hörte nicht zu. Musste er auch nicht. Arbeitsrechtler Struck erklärt: "Er hat ein Weisungsrecht. Mitarbeiter müssen Anordnungen befolgen, auch wenn sie unklug erscheinen."
Brenner wusste nicht, dass sein Chef ohnehin schon alles wusste. Eine Aushilfskraft und eine Hausdame erstatteten regelmäßig Bericht, Informationen wie: "Herr X beschwerte sich über eine lauwarme Suppe", "Frau Y fühlte sich einsam bei einem Sektempfang." Ganz verdächtig: Bei einem Fest sang Michael Brenner zusammen mit den Senioren ein Lied. Ein Spitzel meldete: "Herr B. hat mit den Gästen gefeiert." Die Stimmung in seiner Abteilung kippte. Niemand sprach offen darüber, aber Michael Brenner fühlte: "Die Zufriedenheit war weg."
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