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Karriere mit Knick Verdammt zum Nichtstun

Lähmende Langeweile: Die Arbeit geht, der Frust bleibt Zur Großansicht
Corbis

Lähmende Langeweile: Die Arbeit geht, der Frust bleibt

Beamte im Dauer-Leerlauf gibt es wirklich: Hermann Schmidt wird zum Faulenzen gezwungen. Man steckte ihn ins hinterste Büro, ins "Sterbezimmer", kappte den E-Mail-Verkehr, gab ihm keine Arbeit mehr. Vor lauter Langeweile leidet er am Boreout-Syndrom. Seine Zukunft: zwölf Jahre Stumpfsinn bis zur Rente.

Jeden Morgen schleppt sich Hermann Schmidt in sein Büro. Zum Sterben. "Sterbezimmer" nennt der Beamte sein Kabuff, in dem es keine Arbeit für ihn gibt und er vor Langeweile umkommt.

Wenn der Mann aus Süddeutschland über sich spricht, macht er einen uralten Witz: "Was ist Beamten-Mikado? - Wer sich zuerst bewegt, hat verloren." Schlecht, wenn der Zuhörer trotzdem lacht. "Das ist nicht lustig, das ist grausam", sagt Hermann Schmidt dann ernst.

Langeweile, nervtötende Langeweile. Der Staatsdiener ist einer, den keiner mehr braucht. Vor 35 Jahren lernte er einen Beruf, den es heute so nicht mehr gibt. Was genau sein Beruf ist, will er nicht veröffentlicht sehen, niemand soll ihn erkennen. Deshalb ist Hermann Schmidt auch nicht sein richtiger Name. Aber: Als er vor 20 Jahren in die Behörde kam, war er ein Top-Profi auf seinem Gebiet. Als Sachbearbeiter kontrollierte er die Arbeit von Kollegen in der freien Wirtschaft. "Da machte mir keiner was vor."

Erst auf Stand-by, dann ausgeschaltet

Doch die Welt da draußen drehte sich schneller als der behäbige Beamten-Apparat, in dem der Mann seine besten Jahre verbrachte. Er wurde überrollt - von moderner Technik. Und überholt - von jungen Kollegen. Vor fünf Jahren stellte ihn sein Chef auf "Stand-by", für den Fall, dass es doch noch Arbeit gäbe, - und vor zwei Jahren endgültig kalt. Dabei ist er gerade einmal 53.

Hermann Schmidt hockt in seinem "Sterbezimmer", hier haben sie ihn reingesteckt. Musste wohl sein, er bekam seine Wut nicht mehr in den Griff. "Der Gedanke, Abfall zu sein, machte mich aggressiv." Am Anfang tat er noch so, als habe er ganz viel zu tun. Dann ging er zum Chef, bat freundlich um Arbeit. Als der sich nicht rührte, ging er zum Chef darüber. Der schickte den Vorgang zurück. Schließlich flehte der Beamte: "Bitte, bitte versetzt mich." Am Ende drohte er. "Ich habe ein Recht auf Arbeit." Doch so ging das nicht, zumindest nicht in seiner Dienststelle.

"Da gibt es klare Strukturen und feste Hierarchien." Heute hat Hermann Schmidt kapiert: "Man ist gefangen im System. Niemand kommt mehr raus." Die Kollegen, die noch Arbeit hatten, lästerten über seinen verzweifelten Eifer und taten weiter, als hätten sie gut zu tun.

Zum Beispiel die Kollegin, die fünfmal am Tag ihre Bleistifte spitzte. Drei Umdrehungen nach rechts, dann guckten die Minen wie aufgepflanzte Bajonette aus dem Schaft. Sie ordnete die Stifte penibel - korrekt nach Härte und Stärke. Am Ende standen sie wieder in ihrer Plexiglas-Box, bereit für den Kampf.

Einzelhaft macht krank

Hermann Schmidt überforderte so viel Unterforderung. Er wurde immer gereizter, stichelte: "Wirf mal einen rüber." Sie antwortete: "Geht nicht, brauch ich alle selber." "Wofür?" Keine Antwort. Er maulte, meckerte, hörte gar nicht mehr auf. Jetzt hat er keine Kollegen mehr, sitzt weit weg in einem anderen Flur. Abgeschnitten vom Tagesgeschäft der Behörde, auch aus dem E-Mail-Verteiler haben sie ihn gestrichen. Nur der Frust ist geblieben.

Einzelhaft, so wie in einem Knast. Hermann Schmidt ist einer von Tausenden in der Republik, die täglich zur Arbeit kommen müssen, obwohl sie niemand mehr will. Nicht nur ein Problem des Öffentlichen Dienstes. Die Darmstädter Arbeits- und Organisationspsychologin Fritzi Wiessmann kennt das Problem vor allem von Mitarbeitern großer Konzerne, von Großbanken und Firmen mit starkem Betriebsrat. "Manche Firmen können niemanden entlassen, weil sie mit dem Betriebsrat einen Kündigungsschutz vereinbart haben. Andere fürchten um ihren guten Ruf als Arbeitgeber."

In den Sterbezimmern werden die Mitarbeiter dann so lange zermürbt, bis sie von alleine gehen. Am liebsten ohne Abfindung. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Situation macht krank. Laut Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse (TK) nehmen psychische Erkrankungen stark zu. "Zu den Ursachen gehört sicher auch Unterforderung bei der Arbeit", erklärt TK-Sprecherin Monika Baron. Mangelnde Belastung bereitet Stress, und Stress kann zu Herzschmerzen, Depressionen, Angst- und Schlafstörungen führen.

Arbeitsauftrag: nichts

Auch bei Hermann Schmidt. Dabei hat er eigentlich alles, was er braucht: einen Schreibtisch, einen Computer, ein Telefon. Im Winter ist es warm. Im Sommer kühl. Manchmal liegt morgens ein Päckchen vor der Tür. Dann hat Hermann Schmidt was zu tun. Doch meist liegt da nichts. Dann lautet sein Arbeitsauftrag: nichts als nichts. Stille. Kein Gespräch, kein Lachen. Und niemals Erfolg, Anerkennung, Vertrauen. Inzwischen dauert der Dienst nach Vorschrift länger als die Ewigkeit.

Geschützt vom Arbeitsgesetz, zerfressen von Leere. Nicht mehr viel ist übrig vom burschikosen Kumpel, der schon mal laut "Scheiße" schrie, wenn etwas nicht klappte, und der lieber schnell selbst die Birnen wechselte als auf den Hausmeister zu warten. Hermann Schmidt hat sich verändert: "Ich bin innerlich tot". " Boreout" heißt das im Fachjargon - gelangweilt von zu wenig Arbeit. Das ist das Gegenteil vom Burnout - ausgebrannt von zu viel Arbeit. Inzwischen ist es Hermann Schmidt egal, wenn eine Birne flackert. Soll sie doch flackern.

"Du hast ein riesiges Luxusproblem", sagte sich der Beamte, als das Grübeln begann. In den ersten Monaten "Einzelhaft" redete er sich die Vorteile immer wieder schön: sicherer Job, keine Überstunden, gutes Geld, später eine Rente. Doch wenn Sekunden länger als Minuten erscheinen und Minuten länger als Stunden und die Stunden nicht vergehen wollen, haben klare Gedanken keine Chance mehr. Dann wird aus der Routine Stumpfsinn und der Stumpfsinn zum Dauerzustand.

Null-Pensum mit System: Um 9 Uhr kommt er. Um 10 Uhr kocht sich Hermann Schmidt einen Kaffee, um 13 Uhr hat er Mittagspause, um 16 Uhr geht er nach Hause. Zwischendrin surft er im Internet, schießt Moorhühner ab, bestellt Klamotten bei Ebay oder guckt einfach aus dem Fenster, auf einen Baum. Der bekommt im Frühling Blätter, die im Sommer grün und im Herbst bunt sind. Im Winter sind sie weg. Verdammt lang, diese Winter.

Sterben bis zur Rente

Der Gutachter weiß nicht mehr, ob seine Abteilung ein Sommerfest oder eine Weihnachtsfeier plant. Ist ihm egal. "Früher ging ich immer als Letzter, heute will ich nicht mehr hin." Wäre auch zu anstrengend. "Jeden Abend bin ich so müde, als hätte ich auf dem Bau geschuftet."

"Der Stress sitzt jetzt hier drin", der Mann, der in seinem blauen Kapuzen-Sweater wie ein Seemann aussieht und so gar nicht wie ein Sensibelchen, zeigt auf seinen Kopf. Der arbeitet inzwischen ununterbrochen, stellt sich gar nicht mehr ab, auch nicht nachts. Einmal, um 1 Uhr in der Früh, fiel Hermann Schmidt auf der Toilette vor Erschöpfung in Ohnmacht und brach sich das Nasenbein. Er kam ins Krankenhaus. Die Ärzte suchten die Ursache und stellten fest: Der Patient ist kerngesund.

Und trotzdem krank: Magenschmerzen kamen und Migräneattacken. Eines Tages war plötzlich die ganze Konzentration weg. "Ich konnte kein Buch mehr lesen, studierte ein Kapitel - zwei-, dreimal - und wusste trotzdem nicht, was drin stand." Hermann Schmidt ging wieder zu den Ärzten. Doch das Blutbild war in Ordnung, das Herz-Kreislauf-System auch.

Nach mehr als hundert Stunden Psychotherapie weiß Hermann Schmidt: "Die Situation macht mich krank. Ich muss es akzeptieren und darf nicht verbittert werden." Seine Frau hat zu ihm gehalten. Das gab ihm Kraft. Sie arbeitet heute mehr, damit er auf Teilzeit gehen konnte. Er hat sich eine Selbsthilfegruppe gesucht, nimmt die Arbeit nicht mehr so wichtig. Aufhören ist noch lange nicht drin. Das Haus ist noch nicht abbezahlt, er ist zu jung. Noch zwölf Jahre sterben bis zur Rente.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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Forum - Kümmern sich die Unternehmen genug um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter?
insgesamt 287 Beiträge
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1.
querulant_99 23.07.2011
Zitat von sysopDer Job macht viele Menschen fertig - Stress, Überstunden, kurze Pausen verlangen immer mehr Anstrengungen von den Arbeitnehmern. Burnout ist inzwischen kein exotisches Phänomen mehr in deutschen Betrieben, sondern häufige Diagnose bei Krankheit. Kümmern sich die Unternehmen ausreichend um die Gesundheit ihres Personals?
Nein! Da müssten sich die AN selbst darum kümmern. Das Problem dabei: Als Einzelner kann man hierbei herzlich wenig erreichen, und die Interessenvertreter der AN, die Gewerkschaften, hüllen sich dazu in Schweigen.
2. Natürlich nicht
Martin Franck 24.07.2011
Nehmen wir einmal an, ein Chef rechnet aus, er benötigt übers Jahr das Äquivalent von 10,5 Stellen. Er könnte elf Leute einstellen, und sagen: So habe ich etwas Puffer wenn unvorhergesehenes eintrifft, und falls nicht, kann ich die Leute auf Fortbildung etc. schicken. Er könnte auch versuchen exakt auf 10,5 Stellen zu kommen. Ist die Berechnung zu knapp kalkuliert, so stellt er zur Überbrückung Leiharbeitskräfte ein. Oder aber, er stellt bewusst nur zehn Leute ein. Ist durch Krankheit, Urlaubszeit oder starken Arbeitsanfall doch offensichtlich nicht genügend Personal vorhanden, so ruft er zum Zusammenhalt auf, um die widrigen äußeren Umstände durchzustehen. Klappt es, so kann er das Personal noch einmal reduzieren. Denn offensichtlich ist widerlegt, dass 10,5 Stellen notwendig waren. Szenario 1 gibt es in der Realität nicht. Szenario 2 gibt es nur bei einigen weltfremden Träumern. Szenario 3 ist das Vorbild für Chefs, die voran kommen wollen.
3. die Gier nach immer mehr
heinrichp 24.07.2011
Zitat von sysopDer Job macht viele Menschen fertig - Stress, Überstunden, kurze Pausen verlangen immer mehr Anstrengungen von den Arbeitnehmern. Burnout ist inzwischen kein exotisches Phänomen mehr in deutschen Betrieben, sondern häufige Diagnose bei Krankheit. Kümmern sich die Unternehmen ausreichend um die Gesundheit ihres Personals?
Es geht wie in allem heute nur um das liebe Geld, die Gier nach immer mehr. Die Menschen werden regelrecht ausgebeutet. http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/#
4. ist das nicht bereits der zweiter Titel über Burnout innerhalb eines Jahres?
wintergreen 24.07.2011
In einigen Unternehmen muss es ja schlimm stehen! Nm Erfahrung kümmern sich bloss grosse und gutorganisierte Unternehmen einigermassen um Burnoutprävention, dies nicht selten mit der versteckten Drohung, die Mitarbeiter hätten gefl. gesund zu bleiben. Aber wenigstens ist man sich des Problems bewusst. In einem kleinen Unternehmen, in dem ich gel. arbeite, schenkte die Chefin anlässlich einer anrollenden Grippewelle persönlich ein Gläschen Orangensaft an die Mitarbeiter aus, mit der Bemerkung "bleiben Sie gesund" (war immerhin Bio, der Saft). In diesem Unternehmen sind die Burnouts (die unter der Bezeichnung Depression laufen) an der Tagesordnung. Es muss allerdings gesagt werden, dass die abhängig beschäftigten Kollegen kaum noch den Mut aufbringen, sich gegen Arbeitsüberlastung und andere Zumutungen zu wehren. Zu gross ist die Angst vor Repressalien - die oft nicht einmal eintreten würden. Meinen Status als Selbstständig habe ich dazu benutzt, die Leitung auf gesetzliche Verpflichtungen ggüber den Angestellten aufmerksam zu machen (Versicherungen, Pausen, Schutz vor toxischen Substanzen, u.ä.), die dann auch befolgt wurden. Trotzdem beschäftigt man mich immer noch (weil man mich braucht). Der Verfasser des vorangehenden Posts hat Recht: wo bleiben die Gewerkschaften? Feig, fett und opportunistisch geworden, das ist häufig der Eindruck - dafür immer auf dem Posten, wenn es ums Einkassieren der Mitgliedbeiträge geht!
5. Burn-out, Überforderung
heinrichp 24.07.2011
Zitat von sysopDer Job macht viele Menschen fertig - Stress, Überstunden, kurze Pausen verlangen immer mehr Anstrengungen von den Arbeitnehmern. Burnout ist inzwischen kein exotisches Phänomen mehr in deutschen Betrieben, sondern häufige Diagnose bei Krankheit. Kümmern sich die Unternehmen ausreichend um die Gesundheit ihres Personals?
Flexibilität, Burn-out, Überforderung Immer mehr sind psychisch krank Die Studie der DAK klingt alarmierend. Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter psychischen Krankheiten. Fast jeder zehnte zwischen 15 und 29 Jahren hat körperliche Probleme ohne organische Ursachen, oft begleitet von Depressionen. Eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) stellt bei jüngeren Beschäftigten in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg von Krankschreibungen aufgrund psychischer Diagnosen fest. Die Ursache könnten gestiegene Anforderungen der Arbeitswelt sein. Berufseinsteigern würde ein hohes Maß an Qualifikation und Flexibilität abverlangt, sagt TK-Expertin Gudrun Ahlers. Hinzu komme die Unsicherheit durch befristete Arbeitsverträge. Für Unternehmen sei es angesichts des demografischen Wandels und der sinkenden Zahl qualifizierter Fachkräfte wichtig, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter langfristig zu fördern. Laut TK-Erhebung stagnierte der Krankenstand im Jahr 2010 in Deutschland bei rund 3,3 Prozent.*
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