Von Silvia Dahlkamp
Jeden Morgen schleppt sich Hermann Schmidt in sein Büro. Zum Sterben. "Sterbezimmer" nennt der Beamte sein Kabuff, in dem es keine Arbeit für ihn gibt und er vor Langeweile umkommt.
Wenn der Mann aus Süddeutschland über sich spricht, macht er einen uralten Witz: "Was ist Beamten-Mikado? - Wer sich zuerst bewegt, hat verloren." Schlecht, wenn der Zuhörer trotzdem lacht. "Das ist nicht lustig, das ist grausam", sagt Hermann Schmidt dann ernst.
Langeweile, nervtötende Langeweile. Der Staatsdiener ist einer, den keiner mehr braucht. Vor 35 Jahren lernte er einen Beruf, den es heute so nicht mehr gibt. Was genau sein Beruf ist, will er nicht veröffentlicht sehen, niemand soll ihn erkennen. Deshalb ist Hermann Schmidt auch nicht sein richtiger Name. Aber: Als er vor 20 Jahren in die Behörde kam, war er ein Top-Profi auf seinem Gebiet. Als Sachbearbeiter kontrollierte er die Arbeit von Kollegen in der freien Wirtschaft. "Da machte mir keiner was vor."
Erst auf Stand-by, dann ausgeschaltet
Doch die Welt da draußen drehte sich schneller als der behäbige Beamten-Apparat, in dem der Mann seine besten Jahre verbrachte. Er wurde überrollt - von moderner Technik. Und überholt - von jungen Kollegen. Vor fünf Jahren stellte ihn sein Chef auf "Stand-by", für den Fall, dass es doch noch Arbeit gäbe, - und vor zwei Jahren endgültig kalt. Dabei ist er gerade einmal 53.
Hermann Schmidt hockt in seinem "Sterbezimmer", hier haben sie ihn reingesteckt. Musste wohl sein, er bekam seine Wut nicht mehr in den Griff. "Der Gedanke, Abfall zu sein, machte mich aggressiv." Am Anfang tat er noch so, als habe er ganz viel zu tun. Dann ging er zum Chef, bat freundlich um Arbeit. Als der sich nicht rührte, ging er zum Chef darüber. Der schickte den Vorgang zurück. Schließlich flehte der Beamte: "Bitte, bitte versetzt mich." Am Ende drohte er. "Ich habe ein Recht auf Arbeit." Doch so ging das nicht, zumindest nicht in seiner Dienststelle.
"Da gibt es klare Strukturen und feste Hierarchien." Heute hat Hermann Schmidt kapiert: "Man ist gefangen im System. Niemand kommt mehr raus." Die Kollegen, die noch Arbeit hatten, lästerten über seinen verzweifelten Eifer und taten weiter, als hätten sie gut zu tun.
Zum Beispiel die Kollegin, die fünfmal am Tag ihre Bleistifte spitzte. Drei Umdrehungen nach rechts, dann guckten die Minen wie aufgepflanzte Bajonette aus dem Schaft. Sie ordnete die Stifte penibel - korrekt nach Härte und Stärke. Am Ende standen sie wieder in ihrer Plexiglas-Box, bereit für den Kampf.
Einzelhaft macht krank
Hermann Schmidt überforderte so viel Unterforderung. Er wurde immer gereizter, stichelte: "Wirf mal einen rüber." Sie antwortete: "Geht nicht, brauch ich alle selber." "Wofür?" Keine Antwort. Er maulte, meckerte, hörte gar nicht mehr auf. Jetzt hat er keine Kollegen mehr, sitzt weit weg in einem anderen Flur. Abgeschnitten vom Tagesgeschäft der Behörde, auch aus dem E-Mail-Verteiler haben sie ihn gestrichen. Nur der Frust ist geblieben.
Einzelhaft, so wie in einem Knast. Hermann Schmidt ist einer von Tausenden in der Republik, die täglich zur Arbeit kommen müssen, obwohl sie niemand mehr will. Nicht nur ein Problem des Öffentlichen Dienstes. Die Darmstädter Arbeits- und Organisationspsychologin Fritzi Wiessmann kennt das Problem vor allem von Mitarbeitern großer Konzerne, von Großbanken und Firmen mit starkem Betriebsrat. "Manche Firmen können niemanden entlassen, weil sie mit dem Betriebsrat einen Kündigungsschutz vereinbart haben. Andere fürchten um ihren guten Ruf als Arbeitgeber."
In den Sterbezimmern werden die Mitarbeiter dann so lange zermürbt, bis sie von alleine gehen. Am liebsten ohne Abfindung. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Situation macht krank. Laut Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse (TK) nehmen psychische Erkrankungen stark zu. "Zu den Ursachen gehört sicher auch Unterforderung bei der Arbeit", erklärt TK-Sprecherin Monika Baron. Mangelnde Belastung bereitet Stress, und Stress kann zu Herzschmerzen, Depressionen, Angst- und Schlafstörungen führen.
Arbeitsauftrag: nichts
Auch bei Hermann Schmidt. Dabei hat er eigentlich alles, was er braucht: einen Schreibtisch, einen Computer, ein Telefon. Im Winter ist es warm. Im Sommer kühl. Manchmal liegt morgens ein Päckchen vor der Tür. Dann hat Hermann Schmidt was zu tun. Doch meist liegt da nichts. Dann lautet sein Arbeitsauftrag: nichts als nichts. Stille. Kein Gespräch, kein Lachen. Und niemals Erfolg, Anerkennung, Vertrauen. Inzwischen dauert der Dienst nach Vorschrift länger als die Ewigkeit.
Geschützt vom Arbeitsgesetz, zerfressen von Leere. Nicht mehr viel ist übrig vom burschikosen Kumpel, der schon mal laut "Scheiße" schrie, wenn etwas nicht klappte, und der lieber schnell selbst die Birnen wechselte als auf den Hausmeister zu warten. Hermann Schmidt hat sich verändert: "Ich bin innerlich tot". " Boreout" heißt das im Fachjargon - gelangweilt von zu wenig Arbeit. Das ist das Gegenteil vom Burnout - ausgebrannt von zu viel Arbeit. Inzwischen ist es Hermann Schmidt egal, wenn eine Birne flackert. Soll sie doch flackern.
"Du hast ein riesiges Luxusproblem", sagte sich der Beamte, als das Grübeln begann. In den ersten Monaten "Einzelhaft" redete er sich die Vorteile immer wieder schön: sicherer Job, keine Überstunden, gutes Geld, später eine Rente. Doch wenn Sekunden länger als Minuten erscheinen und Minuten länger als Stunden und die Stunden nicht vergehen wollen, haben klare Gedanken keine Chance mehr. Dann wird aus der Routine Stumpfsinn und der Stumpfsinn zum Dauerzustand.
Null-Pensum mit System: Um 9 Uhr kommt er. Um 10 Uhr kocht sich Hermann Schmidt einen Kaffee, um 13 Uhr hat er Mittagspause, um 16 Uhr geht er nach Hause. Zwischendrin surft er im Internet, schießt Moorhühner ab, bestellt Klamotten bei Ebay oder guckt einfach aus dem Fenster, auf einen Baum. Der bekommt im Frühling Blätter, die im Sommer grün und im Herbst bunt sind. Im Winter sind sie weg. Verdammt lang, diese Winter.
Sterben bis zur Rente
Der Gutachter weiß nicht mehr, ob seine Abteilung ein Sommerfest oder eine Weihnachtsfeier plant. Ist ihm egal. "Früher ging ich immer als Letzter, heute will ich nicht mehr hin." Wäre auch zu anstrengend. "Jeden Abend bin ich so müde, als hätte ich auf dem Bau geschuftet."
"Der Stress sitzt jetzt hier drin", der Mann, der in seinem blauen Kapuzen-Sweater wie ein Seemann aussieht und so gar nicht wie ein Sensibelchen, zeigt auf seinen Kopf. Der arbeitet inzwischen ununterbrochen, stellt sich gar nicht mehr ab, auch nicht nachts. Einmal, um 1 Uhr in der Früh, fiel Hermann Schmidt auf der Toilette vor Erschöpfung in Ohnmacht und brach sich das Nasenbein. Er kam ins Krankenhaus. Die Ärzte suchten die Ursache und stellten fest: Der Patient ist kerngesund.
Und trotzdem krank: Magenschmerzen kamen und Migräneattacken. Eines Tages war plötzlich die ganze Konzentration weg. "Ich konnte kein Buch mehr lesen, studierte ein Kapitel - zwei-, dreimal - und wusste trotzdem nicht, was drin stand." Hermann Schmidt ging wieder zu den Ärzten. Doch das Blutbild war in Ordnung, das Herz-Kreislauf-System auch.
Nach mehr als hundert Stunden Psychotherapie weiß Hermann Schmidt: "Die Situation macht mich krank. Ich muss es akzeptieren und darf nicht verbittert werden." Seine Frau hat zu ihm gehalten. Das gab ihm Kraft. Sie arbeitet heute mehr, damit er auf Teilzeit gehen konnte. Er hat sich eine Selbsthilfegruppe gesucht, nimmt die Arbeit nicht mehr so wichtig. Aufhören ist noch lange nicht drin. Das Haus ist noch nicht abbezahlt, er ist zu jung. Noch zwölf Jahre sterben bis zur Rente.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Karriere mit Knick | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH