In der Schule war er Durchschnitt, das Abitur hat er nie gemacht - Christian Stang, 37, schien nicht gerade die besten Chancen auf einen Job an der Uni zu haben. Und doch hat er ihn bekommen: Er unterrichtet an der Universität Regensburg angehende Lehrer und Dozenten in Orthografie. "Christian Stang ist das beste Beispiel dafür, dass es nicht auf Abschlüsse oder Diplome ankommen muss, sondern auf Leidenschaft und Können", sagt Rupert Hochholzer, der an der Regensburger Uni eine Professur für Deutsch als Zweitsprache hat.
Schon als kleiner Junge hatte Stang nur ein Interesse: Rechtschreibung und Grammatik. Andere Kinder wünschten sich Fußbälle oder Abenteuerbücher zum Geburtstag, Stang einen Duden. "Ich kann diese Faszination auch nicht erklären", sagt er. Seit der dritten Klasse hat er seine komplette Freizeit der Grammatik gewidmet. Im Urlaub war er noch nie: "Das hört sich dramatisch an, ich finde es aber nicht schlimm."
Stang ist eigentlich Postbeamter. Postobersekretär, um genau zu sein. Nach der mittleren Reife arbeitete er zunächst am Schalter. Mit 18 Jahren entdeckte er in einem Rechtschreibratgeber mehrere Fehler und schrieb einen Beschwerdebrief an den Verlag. Dieser reagierte keineswegs pikiert, sondern bot ihm an, bei einer Neuauflage mitzuarbeiten. Seine Karriere als Rechtschreibpapst begann.
Für drei Jahre ist Stang nun von der Post an die Orthografie- und Normberatungsstelle der Uni Regensburg abgeordnet. Er gibt Workshops zur deutschen Rechtschreibung, beantwortet Fragen der Studenten oder schaut sich auch mal ihre Hausarbeiten an. Komplett korrigieren könne er keine Arbeit, sagt er, aber "Fehlertypen kann ich schnell analysieren". Schon in der Schule konnte er damit punkten: Als es ans Schreiben von Bewerbungen ging, wurde der Außenseiter auf einmal ein gefragter Experte.
"Ich bin nicht der Oberlehrer"
Über mangelnde Anerkennung kann sich Stang mittlerweile nicht mehr beklagen. 2011 bekam er die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für sein Engagement um Pflege und Erhalt der deutschen Sprache. Für das Institut Papst Benedikt XVI. in Regensburg korrigiert Stang die Schriften von Joseph Ratzinger. Und die Stadtverwaltung Regensburg bittet ihn regelmäßig um Rat, wenn es um die Orthografie neuer Straßennamen geht:
Heißt es Rupert D. Preißl-Weg, Rupert-D.-Preißl-Weg oder Rupert D.-Preißl-Weg? Richtig sei die zweite Version, sagt Stang: "Nach den amtlichen Rechtschreibregeln ist es erforderlich, zwischen allen Bestandteilen einen Bindestrich zu setzen." In der Rechtschreibliteratur werde hier oftmals das Beispiel "E.-T.-A.-Hoffmann-Straße" bemüht. "Da kommen sogar vier Bindestriche zum Einsatz."
Der schönste Brief, den Stang bisher bekommen hat, stammt nicht von einer Frau - sondern von Papst Benedikt XVI. Stang hatte ihm ein Deutsch-Italienisches Taschenwörterbuch geschenkt. "Ich dachte, er könnte es gebrauchen", sagt er. Und tatsächlich: In dem Dankesbrief schreibt der Papst, dass er bei der Vorbereitung von Texten immer wieder einen Blick in das Buch wirft.
Weil er selbst den Schulunterricht immer langweilig fand, bemüht sich Stang umso mehr, seinen Unterricht an der Uni lebhaft zu gestalten. "Ich bin nicht der Oberlehrer", sagt er. "Ich gehe auch nicht durch die Welt und streiche alles rot an." Die Komplexität der Sprache fasziniere ihn einfach - und das wolle er weitergeben.
Aktuell beschäftigt Stang ein ganz praktisches Problem: das ß auf der Tastatur. Wenn man Wörter mit ß durchgehend groß schreibt, gibt es dafür kein Zeichen, nur das Doppel-S als Verlegenheitslösung. Stang hat schon mit Apple, Microsoft und Logitech Kontakt aufgenommen. Sie sollen für ß einen Großbuchstaben schaffen.
dpa/vet
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Kuriose Berufe - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH