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Karriere-Zwischenruf Warum die Frauenquote dreifach paradox ist

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Die Debatte, wie Frauen leichter den Sprung in Führungsetagen schaffen können, hat ihre Tücken und Lücken. Eine Frauenquote macht niemanden richtig froh, warnt die Münchner Personalberaterin Uta von Boyen: Die Quote bringt Segnungen, die Frauen kaum wirklich wollen. Dafür schafft sie neuen Ärger.

"When I was starting out I got one great piece of advice: Men can be lazy, women can't." Weise Worte, gesprochen von der toughen Anwältin Diane Lockhart in der US-Serie "The Good Wife". Bezeichnenderweise ist die Figur Lockhart kinderloser Single und hält die Ehe für "eine mysteriöse Institution".

Das ist der Status Quo, in dem die Gleichberechtigungsbewegung feststeckt wie ein Karren im Dreck: Ja, Frauen können an die Spitze gelangen - wenn sie mehr leisten als Männer und wenn sie ihr Familienleben zurückstellen. Noch immer ist Frausein ein Handicap für die Karriere, und von den wenigen weiblichen Spitzenkräften denkt man weiterhin, sie hätten es "trotzdem" geschafft.

Gerecht ist das nicht. Doch wie schafft man Gerechtigkeit? Wie transformiert man eine ganze Gesellschaft? Wie modelt man ein Dickicht Jahrhunderte alter Stereotypen um?

Mit die beste Idee scheint derzeit noch die Frauenquote zu sein. Und das ist keine gute Nachricht. Wer will die Quote? Traditionell eine alte Garde von Idealisten, zu denen nun aber eine Gruppe aus Politik und Wirtschaft stößt. Die wünscht sich den Aufstieg der weiblichen Führungskraft, weil die "andere" Hälfte der Bevölkerung ein ungenutztes ökonomisches Potential ist und weil personelle Vielfalt ("Diversity") als Treiber für Qualität in Unternehmen und anderen Organisationen wirkt.

Was ist schlimmer als das Etikett Quotenfrau?

Wie steht die Zielgruppe zur Quote? Das kommt darauf an. Die im engeren Sinn Betroffenen, nämlich die Frauen, die tatsächlich Führungspositionen ausfüllen oder anstreben, geben ein klares Votum ab. Wer bereits unter beträchtlichen Opfern den harten Weg nach oben angetreten hat, der kann man wenig Schlimmeres antun, als sie zur Quotenfrau zu küren. Die bisherige Direktive "Men can be lazy, women can't" enthält ja eine Auszeichnung für jede, die es "trotzdem" geschafft hat.

Die erste Paradoxie der Quote besteht also darin, dass sie Frauen abwertet, bevor sie anderen Frauen helfen kann.

Eine größere Gruppe ist jedoch gar nicht so betroffen und gibt sich darum neutral. Die meisten Frauen wollen nämlich gar keine Führungsposition. Die Gründe dafür korrespondieren klar mit klassischen Rollenvorstellungen: Hinwendung zum Privaten, ein harmonisches Leben, Kooperation und Beziehung statt Konkurrenz und Netzwerken. Wer diese Werte leben möchte, wird sich mit der 70-Stunden-Woche des DAX-Vorstands schwertun. Aber auch für eine mittlere Führungsposition wird es eng.

Die zweite Paradoxie der Quote lautet daher: Sie bringt eine Segnung, die zwar alle gut finden, die aber für sich selbst kaum eine Frau haben will.

Diese Tatsache muss man anerkennen. Manche prangern sie auch polemisch an: Bascha Mika, frühere Chefredakteurin der "taz" tut das gerade in ihrem Buch "Die Feigheit der Frauen", in dem sie gegen "Rollenfallen, Geiselmentalität, Selbstbetrug" streitet. Und ein paar Jahre zuvor hat schon die Wirtschaftsjournalistin Barbara Bierach Frauen "verlogenes Gemeckere" vorgehalten: Sie kämpften nicht für ihre Karriere, ließen sich mit Krümeln der Macht abspeisen und nutzten Kinder als "Heldennotausgang".

Solche einseitigen Schuldzuweisungen kranken natürlich am aggressiven Tonfall. Vor allem aber blenden sie einfach aus, wie machtvoll kulturelle Werte und Stereotypen individuelles Rollenverhalten prägen. Die Frauenquote will Frauen stärken; sie will Frauen wie Männern den Zugang erleichtern zu Denk- und Verhaltensweisen des anderen Geschlechts. Die Hoffnung ist: Wenn erst mehr Frauen in Führungspositionen stehen, dann ändern sich diese alten Rollenvorstellungen hin zum gleichberechtigten Prinzip.

Männer werden ihre Karriere kaum makrohistorisch deuten

Diese Rechnung wird aber leider so einfach nicht aufgehen. Denn die Frage für Frauen lautet nicht nur: "Wie gelange ich in die Führung?". Sie lautet vor allem: "Wie behaupte ich mich in der Führung?"

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Wir müssen mal reden. Über Männer und Frauen. Im Beruf treffen sie sich täglich. Weltliteratur, Lebens- und Büroerfahrung zeigen: Das kann Probleme geben. Erste Hilfe leistet, sauber nach Geschlecht getrennt, das Kommunikationsquiz -: was Frauen sagen, wie Männer es deuten und umgekehrt. mehr
Solange weibliche Talente sich weigern, ihre Grundhaltung zu ändern und stärkeres Durchsetzungsvermögen zu entwickeln, können sie nicht in echte Konkurrenz zu Männern treten: Je höher die Position, desto unwichtiger wird die Bestenfrage als Besetzungsfaktor, und desto wichtiger werden Einfluss, Beziehung und Macht. Frauen in Führungspositionen müssen daher unbedingt männliche Machtmechanismen beherrschen; sie müssen die Spielregeln der Macht erlernen und aktiv mitmischen.

Es gibt eine dritte Paradoxie, die für Ärger sorgt: Die Quote will Gleichberechtigung durch Diskriminierung erreichen. Auf der Strecke bleibt eine Menge benachteiligter Männer. Man mag nun einwenden: Was sind schon einige Ungerechtigkeiten gegen die Jahrtausende der Unterdrückung, die Frauen erdulden mussten? Leider wollen aber die wenigsten Männer ihre Karriereentwicklung makrohistorisch deuten. Was sie wollen, ist eine Gehaltserhöhung!

Drei Tipps für Frauen und Männer

Man sieht, dass die Quote Unfrieden stiftet und neue Probleme schafft. Falls sie kommt, zwingt sie den Einzelnen und die Einzelne allerdings, sich zu ihr zu verhalten. Für diesen Fall drei Ratschläge:

  • Erstens: Karrierefrauen, aufgepasst! Das Ablehnen unverdienter Privilegien ehrt Sie, ist aber ironischerweise eine klassisch weibliche Abseitsfalle. Denken Sie probeweise mal traditionell männlich. Dazu gehört diese Spielregel: Machtgeschenke selbstverständlich annehmen und nutzen! Hören Sie auf, sich zu beweisen, und genießen Sie Ihren Status. Sie werden feststellen, wie viel Energie Sie freisetzen können, wenn Sie sich selbst im Zweifelsfall auch grundlos toll finden.
  • Zweitens: Karriereunwillige Frauen, aufgepasst! Sie werden es nicht für möglich halten, wie viel Spaß es machen kann, in anderer Geschlechter Rollenmuster zu wildern. Mit dem ethischen Imperativ des Physikers Heinz von Foerster: Handeln Sie stets so, dass die Zahl Ihrer Wahlmöglichkeiten größer wird.
  • Drittens: Männer, aufgepasst! Wenn Sie sich persönlich diskriminiert fühlen, dann sollten Sie sich mit Ihrem Gleichstellungsbeauftragten in Verbindung setzen. Vielleicht können Sie sich an Ihrer weiblichen Konkurrentin vorbeikämpfen - dafür müssen Sie dann allerdings etwas tun.

Quote hin oder her - in der Zukunft könnte mehr und mehr gelten: "Women cannot be lazy. Neither can men."

  • KarriereSPIEGEL-Gastautorin Uta von Boyen (Jahrgang 1971) ist studierte Philologin, Managementtrainerin und Executive Coach. Als Personalberaterin und Organisationsentwicklerin hat sie 1999 in München die Firma "von boyen - consulting" gegründet, die Unternehmen und Führungskräfte zu zentralen Fragen der Neuausrichtung berät. 2011 stellte sie mit "LeadOne for Excellence" ein neues Modell der Führungskräfteentwicklung vor.

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insgesamt 157 Beiträge
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    Seite 1    
1. Verstanden
sprechweise 19.08.2011
Zitat von sysopDie Debatte, wie Frauen leichter den Sprung in Führungsetagen schaffen können, hat ihre Tücken und Lücken. Eine Frauenquote macht niemanden richtig froh, warnt die Münchner Personalberaterin Uta von Boyen: Die Quote bringt Segnungen, die Frauen kaum wirklich wollen. Dafür schafft sie neuen Ärger. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,781086,00.html
Wer den Artikel gelesen hat, hat verstanden, dass es "oben" nicht um richtig oder falsch geht, sondern um Macht, Ellenbogen, Schäufele klauen und ähnliche Kindereien. Bei der ganzen Diskussion wird vergessen, dass auch nicht jeder Mann dort hin will, zumindest nicht zu diesem Preis. Vielleicht machen sich die Jung-Prinzessinnen noch Illusionen wie es in der Führung zugeht und warten auf einen dahergerittenen Prinzen, der sie auf den Thron setzt. Die sollten den Artikel nochmals lesen oder mit der Autorin in Kontakt treten.
2. ein test, ein test
anders_denker 19.08.2011
der für beide geschlechter gewisse fallen beinhaltet. also ebenso kartoffeln schälen wie rückwärts einparken... so findet man die wahrlich qualifizierten!
3. peinlich wer heutzutage noch eine quote braucht
Mick.Berlin 19.08.2011
und willkommen in der "männerwelt", in der man respekt verdient, durch harte arbeit.
4. Guter Artikel
Bildungselite 19.08.2011
Guter Artikel, aber der vorletzte Satz ist ein Witz: Männer, aufgepasst! Wenn Sie sich persönlich diskriminiert fühlen, dann sollten Sie sich mit Ihrem Gleichstellungsbeauftragten in Verbindung setzen. Wie wir heute gelernt haben, sind Gleichstellungsbeauftragte grundsätzlich Frauen, die sich ausschließlich um deren Belange kümmern.
5. die 3te paradoxie...
hannnnes 19.08.2011
sagt in meinen augen alles was man zu diesem thema wissen muss.
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Wer ist hier der Boss?
Wenn man sich einen Chef backen könnte...
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Männer oder Frauen als Vorgesetzte? Erstaunlichen 57 Prozent der Arbeitnehmer ist das egal. Von den übrigen 43 Prozent würden sich gut drei Viertel für einen Mann entscheiden. Das zeigt zumindest eine Umfrage des Demoskopie-Instituts Allensbach. Für die Studie "Kommunikationsstile und -welten von Männer und Frauen" wurden 1852 Menschen befragt.
Männer und Frauen - die Führungsstile
46 Prozent der Befragten sehen deutliche Unterschiede im Führungsstil. Von ihnen beschreiben 26 Prozent Frauen als einfühlsamer und sensibler, insgesamt also als emotionaler. Kritik kommt auch von den eigenen Geschlechtsgenossinnen: 15 Prozent der befragten Frauen, die sich negativ über Chefínnen äußerten, geben an, dass weibliche Vorgesetzte konkurrenzorientierter auftreten; 12 Prozent beschreiben sie als dominanter und härter als Männer. Von denen wiederum sagen 9 Prozent, dass Frauen an der Spitze glaubten, "sich immer behaupten zu müssen".
Lob und Tadel
Insgesamt halten sich die Vor- und Nachteile im Chef-Gebaren die Waage. Frauen punkten vor allem beim Gespräch: Sie gelten als verständnisvoll, haben häufiger ein offenes Ohr für Probleme und sind großzügiger mit Lob und Anerkennung. Die Hälfte der Befragten sieht es als besondere Stärke, dass weibliche Vorgesetzte auch über ihr Privatleben sprechen. Männliche Vorgesetzte treten hingegen bevorzugt sachlich und bestimmend auf, dulden seltener Widerspruch. Insgesamt sieht die Studie allerdings nur recht geringe Unterschiede in den Urteilen von Mitarbeitern über männliche und weibliche Bosse.
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