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Nach Diktat verreist Ich! Bin! Ein! Vielflieger!

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Eine Führungskraft erkennt man daran, dass sie andere dazu bringt, das Richtige zu tun. Oder an ihrer goldenen Senator-Karte. Für beides braucht man Geschick und Fingerspitzengefühl, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt. Aber das lässt sich üben. Zum Beispiel an Weihnachten.

Wie jedes liebende Paar pflegen auch die Achtenmeyers eine schöne Weihnachtstradition: Sie streiten. Und wie jede Tradition lebt auch diese von der Abwechslung. Es begann damit, dass Frau Achtenmeyer sagte: "Weißt du was, Schatz, wir haben doch alles. Lass uns doch mal aufhören mit der nervigen Schenkerei."

Das war vor vielen Jahren, und Achtenmeyer war weit davon entfernt, der Fachmann für weibliche Linguistik zu sein, der er heute ist. Sonst hätte er an Heiligabend nicht so dumm und mit leeren Händen dagestanden, auf die seine Frau entsetzt starrte. "Ich meinte doch nicht 'gar nichts schenken', du Monster", schrie sie und stapelte demonstrativ die Päckchen mit dem Montblanc-Füller, dem Rasierapparat und dem Gutschein für eine Baggerfahrt aufeinander, die sie für ihn gekauft hatte.

Durch Schaden klug geworden, überrascht Achtenmeyer seine Gattin nun jedes Weihnachten mit der beeindruckenden Beute seiner Streifzüge durch die Luxusläden der Stadt. Ihre Gegengeschenke jedoch bestechen zwar durch Originalität (Schwimmen mit Haifischen, Golfset für die Toilette), aber nicht gerade durch exakte Kenntnis der Vorlieben ihres Ehemanns. "Du hast ja auch keine Vorlieben", schreit seine Gattin regelmäßig unterm Tannenbaum, "es ist schlicht unmöglich, dir etwas zu schenken."

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Nun, der Dame kann geholfen werden, dachte Achtenmeyer. Vor einigen Wochen landete - Achtung, Wortwitz! - ein Brief der Lufthansa auf seinem Schreibtisch. An die genauen Formulierungen erinnert sich Achtenmeyer nicht mehr, da er das Schreiben sofort wutentbrannt im Schredder versenkte. Aber sinngemäß lautete der Inhalt wie folgt: "Sehr geehrter Miles-&-More-Kunde, leider sind Sie in diesem Jahr nicht oft genug geflogen. Für den Erhalt Ihres Senator-Status' fehlen Ihnen aktuell mehrere Zehntausend Statusmeilen. Wenn Sie keine Lust haben, andauernd in zehntausend Fuß Höhe pappige Sandwiches und vertrocknete Schokoriegel zu essen, können Sie den Senator-Status alternativ auch durch die Zahlung von tausend Euro erhalten."

Selbstverständlich ist Achtenmeyer keiner dieser oberflächlichen Businesskasper, die mit albernen Statussymbolen ihre traurige Existenz aufpolieren müssen. Bis unter die Haarspitzen ist er intrinsisch motiviert, er brennt für seinen Job. Doch die goldene Senator-Karte ist ihm irgendwie ans Herz gewachsen. In seinem Portemonnaie hat er sie eigens in den Schlitz gesteckt, dessen Nähte ausgefranst sind, so dass sie bei jedem Bezahlvorgang ganz "zufällig" herausfällt, lediglich der Schwerkraft und Achtenmeyers Selbstverliebtheit gehorchend.

"Ach, entschuldigen Sie bitte, jetzt ist mir doch glatt meine Senator-Karte herausgefallen", pflegt Achtenmeyer in solchen Momenten zu sagen. "Wären Sie so nett und würden einen Schritt beiseite treten, damit ich meine Senator-Karte aufheben kann? Danke." Wie heißt es so schön: Es sind die kleinen Dinge, die den Alltag leuchten lassen.

Missgeburt des Marketings

Und jetzt droht also der Frequent Traveller, die Missgeburt des Marketings. Dass er häufig reist, weiß Achtenmeyer selbst, dafür braucht er kein Stück Plastik. Dass er Senator ist, Senator!, das hätte er gerne schwarz auf weiß, beziehungsweise eben weiß auf Gold. Zu blöd, dass die Company die Reiserichtlinien drastisch verschärft hat und er sich Interkontinentalflüge in der Business Class erstmal abschminken muss.

Hier kam jetzt Frau Achtenmeyer ins Spiel. "Liebling, dieses Jahr weiß ich genau, was ich mir wünsche", triumphierte Achtenmeyer beim Abendessen. "Bitte schenk mir tausend Euro, damit ich meinen Senator-Status nicht verliere." Die Ehefrau aber würdigte ihn noch nicht einmal mit einer ausformulierten Antwort, sondern knurrte nur einige Wortfetzen wie "immer diese Spinnereien" und "Männer sind so was von unromantisch".

Der Mensch ist anpassungsfähig, schon zu Neujahr hat Achtenmeyer das demütigende Downgrade zum Frequent Traveller beinahe vergessen. Die Naht im Portemonnaie hat er nähen lassen, so dass die neue Karte der Schande nicht versehentlich herausrutschen kann. Schaler aus dem Research hat das offenbar versäumt. Der arme Tropf steht vor ihm in der Schlange beim Bäcker und jetzt purzelt ihm eine Plastikkarte aus dem Portemonnaie und fällt direkt vor Achtenmeyers Füße. Der muss gar nicht hinsehen, er weiß auch so, was es ist. Noch bevor Schaler zu seinem "Ach, entschuldigen Sie bitte..." ansetzen kann, packt Achtenmeyer ihn am Kragen. "Woher haben Sie die? Schon mal was von den neuen Business Travel Guidelines gehört?" Schaler ist beleidigt. "Meine Frau hat mir die fehlenden Meilen geschenkt. Das nennt man romantisch, Sie Blödmann."

Tatsächlich, denkt Achtenmeyer, das ist romantisch. Gleich morgen wird er seiner Frau zwei Flüge nach Australien buchen, Business. Die Meilen kann sie ihm dann schenken. Und am Ende der Welt einmal in Ruhe überlegen, warum sie verdammt noch mal nicht so romantisch ist wie andere Frauen. Zum Beispiel die von Schaler.

+++ Lessons learned +++

  • 1) Geben und Nehmen: Was hat das jetzt mit Management zu tun? Mehr als gedacht: Managen bedeutet auch, die Bedürfnisse anderer richtig einzuschätzen - und sie idealerweise zu nutzen. Hätte Achtenmeyer seinen Weihnachtswunsch nicht als Forderung formuliert, sondern nur von seinem Problem erzählt, hätte ihm seine Frau vielleicht von sich aus den Wunsch erfüllt.

  • 2) Bling bling: Führungskräfte lieben Statussymbole. Zugeben wird das niemand, und das ist ja gerade der Witz dabei: Wer sich anstrengt, um sie zu erreichen, hat schon verloren.
  • 3) Triumph der Coolness: Noch schlimmer als sich anzustrengen, ist es, Neid zu zeigen. Das Statussymbol des anderen vervielfacht seinen Wert augenblicklich.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. Statussymbol?
hman2 07.11.2012
Senator. Jeder Hinz & Kunz kann Senator werden, er muss nur genug fliegen. Ein echtes Statussymbol ist Hon-circle!
2. Ganz nett...
frazrh 07.11.2012
... aber leider kennt der Autor sich wohl nicht ganz so gut aus: dass der Status immer bis Ende Februar gültig ist, ist egal. Aber Statusmeilen lassen sich nicht übertragen. Da muß man schon selbst den Hintern auf Sitz bewegen!
3. Hon?
thon 07.11.2012
HON? Jeder Hinz und Kunz kan HON werden, er muss nur genug fliegen. Ein echtes Statussymbol ist nicht fliegen zu müssen.
4. Echte Highfligher
egbert_sass 07.11.2012
Zitat von hman2Senator. Jeder Hinz & Kunz kann Senator werden, er muss nur genug fliegen. Ein echtes Statussymbol ist Hon-circle!
Nanu, nanu. Und ich dachte immer, die ganz wichtigen Leute fliegen mit Business-Jets. Da braucht man keine Senator-Card. Entweder die schwarze Centurion oder gleich den eigenen bzw. Firmen-Jet.
5. Sie ärmster ...
vanni-ffm 07.11.2012
Zitat von hman2Senator. Jeder Hinz & Kunz kann Senator werden, er muss nur genug fliegen. Ein echtes Statussymbol ist Hon-circle!
... Sie müssen tatsächlich noch Lufthansa Linie fliegen und sammeln Meilen? Mein Beileid.
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  • Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
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