Wie jedes liebende Paar pflegen auch die Achtenmeyers eine schöne Weihnachtstradition: Sie streiten. Und wie jede Tradition lebt auch diese von der Abwechslung. Es begann damit, dass Frau Achtenmeyer sagte: "Weißt du was, Schatz, wir haben doch alles. Lass uns doch mal aufhören mit der nervigen Schenkerei."
Das war vor vielen Jahren, und Achtenmeyer war weit davon entfernt, der Fachmann für weibliche Linguistik zu sein, der er heute ist. Sonst hätte er an Heiligabend nicht so dumm und mit leeren Händen dagestanden, auf die seine Frau entsetzt starrte. "Ich meinte doch nicht 'gar nichts schenken', du Monster", schrie sie und stapelte demonstrativ die Päckchen mit dem Montblanc-Füller, dem Rasierapparat und dem Gutschein für eine Baggerfahrt aufeinander, die sie für ihn gekauft hatte.
Durch Schaden klug geworden, überrascht Achtenmeyer seine Gattin nun jedes Weihnachten mit der beeindruckenden Beute seiner Streifzüge durch die Luxusläden der Stadt. Ihre Gegengeschenke jedoch bestechen zwar durch Originalität (Schwimmen mit Haifischen, Golfset für die Toilette), aber nicht gerade durch exakte Kenntnis der Vorlieben ihres Ehemanns. "Du hast ja auch keine Vorlieben", schreit seine Gattin regelmäßig unterm Tannenbaum, "es ist schlicht unmöglich, dir etwas zu schenken."
Selbstverständlich ist Achtenmeyer keiner dieser oberflächlichen Businesskasper, die mit albernen Statussymbolen ihre traurige Existenz aufpolieren müssen. Bis unter die Haarspitzen ist er intrinsisch motiviert, er brennt für seinen Job. Doch die goldene Senator-Karte ist ihm irgendwie ans Herz gewachsen. In seinem Portemonnaie hat er sie eigens in den Schlitz gesteckt, dessen Nähte ausgefranst sind, so dass sie bei jedem Bezahlvorgang ganz "zufällig" herausfällt, lediglich der Schwerkraft und Achtenmeyers Selbstverliebtheit gehorchend.
"Ach, entschuldigen Sie bitte, jetzt ist mir doch glatt meine Senator-Karte herausgefallen", pflegt Achtenmeyer in solchen Momenten zu sagen. "Wären Sie so nett und würden einen Schritt beiseite treten, damit ich meine Senator-Karte aufheben kann? Danke." Wie heißt es so schön: Es sind die kleinen Dinge, die den Alltag leuchten lassen.
Missgeburt des Marketings
Und jetzt droht also der Frequent Traveller, die Missgeburt des Marketings. Dass er häufig reist, weiß Achtenmeyer selbst, dafür braucht er kein Stück Plastik. Dass er Senator ist, Senator!, das hätte er gerne schwarz auf weiß, beziehungsweise eben weiß auf Gold. Zu blöd, dass die Company die Reiserichtlinien drastisch verschärft hat und er sich Interkontinentalflüge in der Business Class erstmal abschminken muss.
Hier kam jetzt Frau Achtenmeyer ins Spiel. "Liebling, dieses Jahr weiß ich genau, was ich mir wünsche", triumphierte Achtenmeyer beim Abendessen. "Bitte schenk mir tausend Euro, damit ich meinen Senator-Status nicht verliere." Die Ehefrau aber würdigte ihn noch nicht einmal mit einer ausformulierten Antwort, sondern knurrte nur einige Wortfetzen wie "immer diese Spinnereien" und "Männer sind so was von unromantisch".
Der Mensch ist anpassungsfähig, schon zu Neujahr hat Achtenmeyer das demütigende Downgrade zum Frequent Traveller beinahe vergessen. Die Naht im Portemonnaie hat er nähen lassen, so dass die neue Karte der Schande nicht versehentlich herausrutschen kann. Schaler aus dem Research hat das offenbar versäumt. Der arme Tropf steht vor ihm in der Schlange beim Bäcker und jetzt purzelt ihm eine Plastikkarte aus dem Portemonnaie und fällt direkt vor Achtenmeyers Füße. Der muss gar nicht hinsehen, er weiß auch so, was es ist. Noch bevor Schaler zu seinem "Ach, entschuldigen Sie bitte..." ansetzen kann, packt Achtenmeyer ihn am Kragen. "Woher haben Sie die? Schon mal was von den neuen Business Travel Guidelines gehört?" Schaler ist beleidigt. "Meine Frau hat mir die fehlenden Meilen geschenkt. Das nennt man romantisch, Sie Blödmann."
Tatsächlich, denkt Achtenmeyer, das ist romantisch. Gleich morgen wird er seiner Frau zwei Flüge nach Australien buchen, Business. Die Meilen kann sie ihm dann schenken. Und am Ende der Welt einmal in Ruhe überlegen, warum sie verdammt noch mal nicht so romantisch ist wie andere Frauen. Zum Beispiel die von Schaler.
+++ Lessons learned +++
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Nach Diktat verreist | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH