Aufstiegsverweigerer Karriere? Ohne mich!
Dickes Gehalt und Macht? Ach, lass mal... Konzerne machen gerade die verblüffende Erfahrung, dass viele Einsteiger die klassische Karriere meiden: kaum Freiraum und Freizeit, zu viel Druck, zu öde. Sie suchen anderswo ihr Glück. Oft gehen ausgerechnet die Talentiertesten.
Konstantin Korotov, Hochschullehrer an der European School of Management and Technology (ESMT), ist ein Mensch, der dem Leben im Grundsatz und seinem Beruf im Speziellen mit Freude begegnet. Seit einiger Zeit aber häufen sich Erlebnisse, die ihn an seiner Profession leicht zweifeln lassen.
Korotov leitet das "Center for Leadership Development Research", er trifft all die jungen Talente, die von ihren Firmen an die Berliner Kaderschmiede geschickt werden, zwecks Veredelung zu Führungskräften. Es sind die Goldfische der Unternehmen, diejenigen, denen man mehr zutraut als die Sachbearbeiterebene. Doch ausgerechnet von diesen Positivselektierten, sagt Korotov, kommt seit einigen Monaten verstärkt die Frage: "Ist es auch okay, gar keine Führungsposition anzustreben?"
Die Frage wurde Korotov mittlerweile so oft gestellt, dass er beschloss, dem Rätsel der führungsunwilligen Topkräfte mit den Mitteln der Wissenschaft zu Leibe zu rücken. In einer Studie will er klären, welche Charakterzüge die Freude am Führen begünstigen. Ergebnisse sollen zum Jahresende vorliegen. Bereits jetzt ist klar: "Die Scheu vor Verantwortung ist ein größeres Phänomen, mit dem sich die Unternehmen werden auseinandersetzen müssen."
Schon Bankierslegende Alfred Herrhausen bemerkte trocken: "Führen muss man wollen." Immer mehr wollen aber nicht mehr, zumindest nicht im traditionellen Sinn.
Stefan Lang, 28, Bachelor in Wirtschaftsrecht, Master mit Schwerpunkt Steuerrecht, arbeitete zweieinhalb Jahre in der Grundsatzabteilung von Ernst & Young. Dann hatte er genug von langen Arbeitszeiten, langwierigen Prozessen und der langsamen Entfremdung von seinem Kind, das ihn manchmal nicht mehr erkannte, wenn er es am Wochenende endlich sah. "Der Spagat zwischen Job und Familie war sicher der Hauptgrund für den Wechsel", sagt Lang heute. "Dazu kam der Wunsch, selbst etwas bewegen zu können, statt nur kleines Rädchen zu sein."
"Generation Y" als Spitze der Karriereverweigerer
Der Wirtschaftsjurist heuerte im vergangenen Sommer bei Itzebitz als kaufmännischer Leiter an, einem Betreiber von Kindertagesstätten im Großraum Stuttgart, der über schnellem Wachstum den Aufbau professioneller Strukturen vernachlässigt hatte. Langs Freunde erklärten ihn für verrückt, mit seiner Frau musste er über die zu erwartenden finanziellen Einbußen sprechen, der geplante Hausbau wurde aufgeschoben.
"Mir war klar, dass ich mich bewusst gegen Karriere entschieden hatte", sagt Lang. Noch nicht mal die Arbeitszeit sank. Dafür kann er jetzt seine Zeit freier einteilen, den Sohn öfter von der Kita abholen oder seine Frau entlasten, die ein zweites Kind erwartet. Und: "Ich kann etwas aufbauen, wo ich den Erfolg sofort sehe. Das ist unheimlich befriedigend."
Unter Führungskräften gärt es. Und, schlimmer noch, unter denen, die demnächst welche werden sollten. Bei vielen Beschäftigten wächst der Unmut über das klassische, am hierarchischen Aufstieg orientierte Karrieremodell. Zu starr erscheint es vielen, mit zu viel Ergebnisdruck und interner Politik und zu wenig Zeit für Familie und Freunde. Der Unmut ist in den großen Konzernen zu spüren; in Überfliegerkanzleien, wo längst nicht mehr jeder Einsteiger Partner werden will; unter Oberärzten, die oft nur noch halbherzig um den Chefarztposten rangeln; ja selbst an Schulen, wo es zunehmend schwieriger wird, die undankbare Position des Rektors zu besetzen.
Privatleben siegt über Leistungsdruck
"Gerade unter Jüngeren, die an ihren Eltern sehen, wie anstrengend Karriere sein kann, ist der klassische Weg einfach nicht mehr cool", sagt Heinrich Wottawa, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Uni Bochum. In einer von ihm betreuten Studie zeigte sich, dass der Anteil männlicher Absolventen, die eine Führungsaufgabe übernehmen wollen (und das Zeug dazu haben), von einem Drittel im Jahr 2003 auf 23 Prozent im Jahr 2010 gesunken ist. Dickes Gehalt, Macht - ach, lass mal. Null Bock 2.0.
Die "Generation Y", geboren zwischen 1981 und 1994 und wie Lang gerade in den Beruf eingestiegen, steht an der Spitze des Vormarschs der Karriereverweigerer. Sie kombiniert ihr Interesse an mehr Work-Life-Balance mit einer prinzipiellen Skepsis gegen Geführtwerden und Führen. "Sie hat einen ganz anderen Blick auf Autoritäten", sagt die Personalberaterin Sophia von Rundstedt. "Es wird eine Herausforderung werden, ihren Fokus konstant auf Leistung zu richten."
Aber auch ältere Semester suchen nach Abzweigen vom herkömmlichen Karrierepfad. In einer Umfrage des Deutschen Führungskräfteverbands (ULA), deren Ergebnisse manager magazin exklusiv veröffentlicht, gaben 59 Prozent der zumeist bereits einige Jahre im Berufsleben stehenden Befragten an, ihr Wunsch nach hierarchischem Aufstieg habe in den vergangenen fünf Jahren abgenommen. Mehr als zwei Drittel wollen sich "mehr Zeit für Familie und Privatleben" nehmen (siehe Fotostrecke).
Wer also will noch Chef werden? Natürlich werden uns die Vorgesetzten nicht übermorgen ausgehen. Die Frage ist eher: Welche Motive haben die Karriereverweigerer, denen auch der klassische Aufstieg offengestanden hätte? Und wie müsste Führung organisiert werden, um wieder attraktiver zu sein?
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