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Kicker am Karriere-Ende Letzte Ausfahrt Duisburg

In den oberen Ligen geht der Trend zum Kinderriegel, für ältere Fußballer wird die Luft dünn. Nur wenige Profis haben nach der letzten Saison ausgesorgt, aber fast jeder vierte ist pleite oder hoch verschuldet. Neuer Verein oder Firma? Im Sommercamp hoffen vereinslose Kicker auf ihre Chance.

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Vereinslose Fußballer: Asamoah, Hildebrand, Odonkor - Kicker sucht Club
Danny Galm ist einer der fittesten Arbeitslosen Deutschlands. Sein Problem: "Kein Fußballverein sucht neue Spieler beim Arbeitsamt", sagt er leise und lächelt ein wenig. Eben flitzte er noch über den Rasen, jetzt streicht er Gras vom Knie, dehnt das rechte Bein.

Danny Galm, 25, ist Fußballprofi. Oder besser: Er wäre es gern wieder, denn momentan hat er keinen Verein. Er war in der Jugendnationalmannschaft, hat in München, Stuttgart, Cottbus gespielt. 2010 warf ihn eine Bandscheibenoperation aus der Bahn. Jetzt trainiert er im Sommercamp für vereinslose Fußballspieler in einer Duisburger Sportschule, organisiert von der Vereinigung der Vertragsfußballer.

Die Spielergewerkschaft VDV veranstaltet jedes Jahr das Trainingslager, um arbeitslosen Mitgliedern noch zu einem Profivertrag zu verhelfen. Darunter sind auch recht namhafte Bundesliga-Akteure wie der Ex-Schalker Thomas Kläsener oder die früheren Kölner Moses Sichone und Roland Benschneider.

Von Juli bis September trainiert sie ein sechsköpfiger Stab, durchweg Ex-Profis wie Steffen Baumgart oder VDV-Cheftrainer Christian Wück. Die Teilnehmer absolvieren serienweise Testspiele, dabei können Berater und Scouts ihre Qualitäten sichten - oder sich in Videos auf der VDV-Homepage ein Bild machen.

Auch Fußball-Promis auf Vereinssuche

Danny Galms Augen leuchten, wenn er immer wieder sagt: "angreifen", "Leistung zeigen", "noch mal spielen". Fußball ist sein Leben, sein Traum. Aktuelles Ziel: ein Vertrag bei einem Dritt- oder ambitionierten Viertligisten. Bis zum 31. August gibt er sich Zeit und bezieht momentan Arbeitslosengeld I. Seine Besuche bei der Arbeitsagentur "dauern nur zehn Minuten" - in der Datenbank der Behörde findet sich kein Job für ihn.

Der 31. August, Schlag Mitternacht, ist für Profifußballer ein magisches Datum: Wer dann noch ohne Vertrag ist, könnte es lange bleiben. Oder für immer. Wenn am kommenden Mittwoch die Transferperiode endet, ist bis zur Winterpause der Schalter geschlossen. Die Frist gilt zwar nur für Profis, die aus laufenden Verträgen herausgekauft werden; vereinslose Spieler können auch mitten in der Saison anheuern. Aber die Clubs der oberen Ligen sind dann längst durch mit ihrer Planung. Und den Camp-Teilnehmern bleibt die Hoffnung, dass kriselnde Vereine noch nachrüsten. Oder das Verletzungspech anderer Fußballer ihnen zu neuem Profiglück verhilft.

In Duisburg rackern Dutzende von Kickern, vor allem aus der zweiten oder dritten Reihe, für ihre Chance - oft mit Erfolg. Stefan Wessels zum Beispiel, früher Torhüter beim FC Bayern und in Köln, hielt sich in den Vorjahren im Camp fit. Inzwischen spielt er bei Odense BK und scheiterte mit den Dänen diese Woche knapp in der Champions-League-Qualifikation.

Vereinslos sind derzeit auch einige ehemalige Nationalspieler (siehe Fotostrecke), scheuen aber meist den Weg ins Camp und versuchen es auf eigene Faust. So trainiert Gute-Laune-Bomber Gerald Asamoah, 32, beim Fünftligisten VfB Hüls mit; Andreas Hinkel hofft als Gast des VfB Stuttgart auf ein neues Engagement. Torwart Timo Hildebrand, 32, ist ebenso auf Jobsuche wie David Odonkor, 27, der bei der WM 2006 als Flügelgeschoss verblüffte.

Kein Herz für Senioren - außer Magath

Da haben sich die Koordinaten verschoben. Mit Ende 20 sind Fußballer für die Rente viel zu jung - für Vereine aber oft schon zu alt. In der ersten Liga geht der Trend zum Kinderriegel, seit der Kloppsche Hurra-und-Jugend-Fußball Borussia Dortmund zum Deutschen Meister machte und auch die Nationalmannschaft mit vielen Frischlingen reüssiert. Hinzu kommt: Erstliga-Teams haben häufig zweite Mannschaften in der dritten Liga oder Regionalliga. Dann greift die U23-Regelung - zugleich auf dem Platz sein dürfen nur drei Spieler, die älter als 22 Jahre sind. Gezielte Nachwuchsförderung, die ältere Spieler natürlich verdrängt.

Selbst im Tor, wo traditionell Erfahrung mehr gilt als pure Athletik, setzen sich junge Hüpfer allenthalben durch. "Es ist schon erstaunlich. Früher galt 29 Jahre mal als bestes Fußballeralter", sagt Hinkel. Sein Kollege Thomas Hitzlsperger, ebenfalls 29, erwischte auf den letzten Drücker einen Platz im Wolfsburger Blähkader von Felix Magath, der im Kaufrausch auch eher unbekannte Oldies in sein Veteranencamp lotste.

Auf Fortune im Sommerschlussverkauf hoffen auch die weniger prominenten Spieler des Camps. Und müssen zur Not Abstriche machen - eine Liga tiefer, weniger Gehalt. "Manchmal musst du zwei Schritte nach hinten gehen, um danach wieder zwei nach vorn gehen zu können", rät VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky.

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Frauenfußball: Deutschlands Kickerinnen und ihr Plan B
Danny Galm ist derzeit zum Probetraining beim Drittligisten SV Darmstadt 98. Und wenn es bis zum 31. August nicht klappt? Dann wird der Stürmer sich mit Frank Günzel zusammensetzen, seit 2006 VDV-Laufbahncoach. Er kümmert sich um die Karriere nach der Karriere, damit Fußballspieler auf dem Arbeitsmarkt nicht im Abseits stehen. "Nur zehn Prozent haben am Ende ihrer Spielzeit ausgesorgt", sagt Günzel. "Das sind die Leute, die mehrere Jahre in der Bundesliga spielen." Von ihrem Salär können sie ein Leben lang zehren - sofern sie das Geld klug anlegen und sich nicht von windigen Beratern allerlei "Bauherrenmodelle" und überteuerte Immobilien aufschwatzen lassen. Oder ein Vermögen in den großen Spielhöllen (Casino, Börse) verjuxen.

Klar: Manche Profis werden blitzschnell Millionäre. Das Gros indes gehört nicht zu den Großverdienern, und viele haben immer nur auf die Fußball-Karte gesetzt. "Es gibt Mannschaften in der dritten Liga, die zahlen einigen Spielern 10.000 Euro im Monat, aber anderen nur 1000 Euro oder noch weniger", weiß Frank Günzel. Allen Profis rät die Gewerkschaft stets, an den Ernst nach dem letzten Spiel zu denken. Nach VDV-Schätzungen ist jeder vierte bis fünfte der rund 2500 Berufskicker zum Karriereende pleite oder hoch verschuldet.

Plan B? Eher nicht

Einen Plan B, wie es bei den Fußballfrauen normal ist, haben beileibe nicht alle. Dabei zählt zu den typischen Berufsrisiken, dass sie nach einer schweren Verletzung die Stollenschuhe für immer ausziehen müssen. "Die haben dann einen Hauskredit mit Monatsraten von 4000 Euro, kriegen aber vom Arbeitsamt maximal 2300 Euro Unterstützung für ein Jahr, danach droht Hartz IV", so Frank Günzel. Er fragt sich dann immer, welche Bank das genehmigt hat.

Wenn einer keine Chancen auf dem Transfermarkt hat, wie sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt? "Es korreliert stark mit Herkunft und Bildung", ob Ex-Fußballer den Wechsel vom Verein zu einer Firma schaffen, sagt der Karrierecoach. Fehlt es an Ausbildung und Fachwissen, reichen auch Pluspunkte wie Lebenserfahrung, Teamfähigkeit, Persönlichkeit nicht. Für die Bundesagentur für Arbeit sind Profikicker ohne Job noch Neuland. Wer ausreichend eingezahlt hat, bekommt Arbeitslosengeld. Umschulungen zahlen die Berufsgenossenschaften - aber nur bei Karriereende wegen einer Verletzung. "Damit werden die Spieler bestraft, deren Körper nicht kaputt genug ist", sagt Günzel.

Eigentlich haben Kicker Zeit, neben dem Körper auch den Kopf zu trainieren. Mario Neunaber, 29, hat genau das getan. Während Teamkollegen im Bus Videospiele daddelten, las der Verteidiger in Studienheften, paukte erst für den Sportfachwirt und dann für den Sportökonom - im Fernstudium. Gerade hat er sein Diplom erhalten.

"Die Jungs müssen überlegen, was sie vom Leben wollen"

Auch Neunaber bekommt ALG I und will spielen - oder einen ganz anderen Job. Ein paar Firmen hat er Bewerbungsunterlagen geschickt, versucht es bei anderen über persönliche Kontakte. Seine Überlegung: Findet er noch einmal einen Verein, verdient er als erfahrener Profi zwar mehr als ein Trainee oder Berufseinsteiger im Unternehmen. "Aber wenn ich jetzt in einem Job anfange, mache ich Karriere, dann steigt mein Gehalt." Wegen dieser Ausweichoption muss Neunaber nicht mehr jedes Angebot annehmen und kalkuliert nüchtern: Er will einmal eine Familie, Kinder, das "sind alles Ausgaben, die gedeckt werden müssen - langfristig".

Bei Mario Neunaber hat es mit dem Vertrag geklappt. Der SSV Jahn Regensburg verpflichtete ihn aus dem Camp heraus, für ein Jahr. Als Neunabers Motto steht auf seiner Spieler-Seite: "Lache nicht über jemanden, der einen Schritt zurück macht. Er könnte Anlauf nehmen."

Im Schnitt 18 Monate braucht ein Fußballprofi für den Wechsel vom letzten Verein zum ersten Arbeitgeber außerhalb des Fußballkosmos. Karrierecoach Günzel warnt: "Ein Viertel schafft es nicht, die leben von Sozialleistungen, Unterstützung der Familie und dem Prinzip Hoffnung." Der Hoffnung, doch noch mal irgendwo zu spielen. Oder mit einem Trainerschein als Übungsleiter zu arbeiten.

Oft suchen sie die Glücksmomente auf dem Platz und verdrängen über viele Jahre die wichtigste Frage - die nach dem Sinn: "So banal das klingt, aber die Jungs müssen überlegen, was sie vom Leben wollen", so Frank Günzel. Ex-Kicker sind sie dann, vor ihnen liegen noch 30, 40 Jahre bis zur Rente. "Dann geht es nicht nur um Geld, sondern auch um einen Job, für den man morgens gern aufsteht." Da sind Fußballer auch nicht anders als andere Arbeitnehmer.

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