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Kinder und Karriere Mütter zahlen drauf

Familie und Beruf: Mütter sollten immer die finanziellen Spätfolgen bedenken Zur Großansicht
Corbis

Familie und Beruf: Mütter sollten immer die finanziellen Spätfolgen bedenken

Eine Auszeit von der Arbeit - im Sinne ihrer Kinder treffen Mütter damit oft die richtige Entscheidung. Nur fassen viele beruflich schwer wieder Tritt, weil sie am Arbeitsplatz in Vergessenheit geraten. Der Karriereknick kann teuer werden. Und das spüren berufstätige Mütter bis ins Rentenalter.

Kaffee trinken, wenn andere arbeiten: Damit sind sie berühmt geworden, die Latte-Macchiato-Mütter vom Prenzlauer Berg in Berlin. Mit ihren Babys sitzen sie in den Straßencafés und blockieren noch dazu den Bürgersteig mit Kinderwagen - sie haben ja sonst nichts zu tun.

Was nach Dauerfreizeit aussieht und gern als deutsches Großstadtklischee bespöttelt wird, ist ein ganz reales Phänomen der heutigen Arbeitswelt: Die deutsche Mutter, vor allem, wenn sie in Westdeutschland lebt, arbeitet nicht. Jedenfalls erst einmal nicht - wenn das Kind klein ist. Dann gern in Teilzeit. Die eigene berufliche Zukunft bleibt oft ungeplant.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. 5,6 Millionen Frauen in Deutschland zwischen 25 und 59 Jahren gehen keiner Berufstätigkeit nach - keineswegs nur Hartz-IV-Empfängerinnen. 578.000 dieser Frauen haben einen Hochschulabschluss, weitere 2,9 Millionen einen Lehr- oder Berufsabschluss. Ein Hauptgrund für ihre berufliche Lage sind: Kinder.

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Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen
Selbst wenn die Kleinen größer werden, fassen viele nicht wieder Tritt. Von den Müttern mit Kindern zwischen drei und fünf Jahren ist immer noch mehr als ein Drittel nicht erwerbstätig - gar nicht, auch nicht halbtags. In Westdeutschland hat nur rund jede vierte Mutter, deren jüngstes Kind 15 Jahre oder älter ist, einen Vollzeitjob.

So verpufft nach der Schwangerschaft so manche teure Ausbildung einfach. Und warum? Liegt es nur an großen Lücken in der Kita-Landschaft, oder gibt es weitere Gründe?

Liegt's etwa am Muttermythos der Nationalsozialisten?

Diese Frage stellte jüngst auch die "New York Times" und zeigte sich bei der Analyse der geringen Erwerbsbeteiligung deutscher Frauen nicht zimperlich. So verwies das US-Blatt auf den "langen Schatten der Geschichte" und den Muttermythos der Nationalsozialisten als fortwirkende Prägung. Tief hätten sich in Deutschland Geschlechterstereotype in die Köpfe eingegraben. Das spiegele sich in der ganzen Gesellschaft und in ihren öffentlichen Institutionen wider.

Die Dortmunder Psychologin Kathrin Dewender, die Firmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf berät, spricht von einer "kranken Konstellation", der Mütter ausgesetzt seien, die zügig in den Job zurückkehren wollen. Vor allem in ländlichen Gebieten stünden Frauen unter erheblichem Druck, die Erziehungsverantwortung für den Nachwuchs bloß nicht zu früh aus der Hand zu geben. Ohnehin werden derzeit nur knapp zwölf Prozent der Unterdreijährigen in Nordrhein-Westfalen in Tageseinrichtungen betreut. So sei es oft "extrem kompliziert", beruflich am Ball zu bleiben. Für die Frauen selbst ist das nicht ganz ungefährlich - sie werden schnell abgehängt, als zuverlässige Mitarbeiterinnen nicht mehr ernst genommen.

Dewender stellt zudem eine "große Sprachlosigkeit" fest, wenn es im Berufsalltag um Familienthemen geht. Die gelten als Privatsache. Zudem mangele es vielen Vorgesetzten an der Einsicht, "dass es den Menschen auch außerhalb seiner Arbeit gibt". Viele Mütter und Väter würden lieber einen Zahnarzttermin vorschieben als zugeben, dass sie im Kindergarten oder in der Schule zu einem Elterngespräch gehen.

Nicht den Arbeitsplatz abkaufen lassen

Nicht selten schlägt diese Haltung in Büros und Betrieben in offene oder subtile Diskriminierung um - etwa wenn Mütter ihre gesetzlich zugesicherte dreijährige Elternzeit ausschöpfen und anschließend um eine Teilzeitregelung bitten, weil sie auf einen verlässlichen Feierabend angewiesen sind.

"Einige Arbeitgeber haben das so abgespeichert: 'Sie ist schwanger - da kommt ein Kind - sie bleibt zu Hause - sie ist weg'", so Smaro Sideri, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Böblingen. "Oft sind diese Frauen im Betrieb abgeschrieben, ihre Stellen werden anderweitig besetzt."

Ein typisches Szenario: Der Arbeitgeber lehnt der Wunsch nach Rückkehr auf die alte Stelle in Teilzeit ab, trotz des gesetzlichen Anspruchs. Oder er bietet die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses gegen eine Abfindung an. Die Frauen hätten dann zwar gute Chancen, ihren Teilzeitanspruch erfolgreich einzuklagen, doch ein Prozess sei eben keine gute Basis für eine weitere Zusammenarbeit, sagt Sideri. So ließen sich die Mütter ihren Arbeitsplatz für eine Abfindung "abkaufen".

Eine Stelle zu opfern, ist aber in jedem Fall ein Verlustgeschäft. Eine Abfindung kann nicht kompensieren, was ein jahrelanges Arbeitsverhältnis einbringt. Verloren gehen auch Rentenansprüche. Beziffern lassen sie sich mit dem Online-Wiedereinstiegsrechner der Bundesregierung.

Karriere nur bei chronischen Überstunden

Der Karriere tut die Auszeit für die Kleinen ohnehin nicht gut. "In Deutschland ist die klassische Führungskarriere an die Präsenzkultur und die Bereitschaft zu Überstunden geknüpft", sagt ein Mitarbeiter des Arbeitgeberverbandes hinter vorgehaltener Hand.

Zu diesem Ergebnis kommt auch der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Teilzeitarbeit in Führungsetagen sei die absolute Ausnahme: "So müssen sich Frauen (...) gegenwärtig den zeitlichen Anforderungen männlich geprägter Führungsetagen stark anpassen, um Karriere zu machen." Mit jeder Überstunde steigt demnach - auch für Frauen - die Chance des Einstiegs in eine Führungsposition. Anspruchsvolle berufliche Positionen bleiben in Deutschland an Vollzeiterwerbstätigkeit und überdurchschnittliche Arbeitszeiten gebunden, so das Fazit.

Wer in den Mutterschutz geht, sollte in jedem Fall - ganz gleich, bei welcher Tätigkeit - rechtzeitig beim Arbeitgeber klare Angaben zu den Rückkehrwünschen machen, rät Rechtsanwältin Sideri: "Ich empfehle Frauen in der Babypause, regelmäßig den Kontakt zum Arbeitgeber zu halten und nach Möglichkeit bereits während der Elternzeit in geringem Umfang in Teilzeit zu arbeiten. Auch darauf besteht ein gesonderter gesetzlicher Teilzeitanspruch."

Unter rein finanziellen Aspekten lohnen sich oft sogar die Ausgaben für eine vergleichsweise teure, private Tagesmutter oder ein Au-pair, um einen Karriereknick abzuwenden. Die Finanzausfälle durch ein ruhendes Arbeitsverhältnis, so individuell verschieden sie auch ausfallen, können solche Ausgaben leicht rechtfertigen. Und am Ende gilt stets: Wer sich nicht selbst kümmert, wird schnell vergessen.

privat
KarriereSPIEGEL-Autorin Margarete Hucht (Jahrgang 1968) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 280 Beiträge
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1. Ja was will ich denn nun?
Roueca 04.10.2011
Eine billige Tagesmutter, der ich mein angeblich Liebstes was ich besitze anvertraue um Karriere in einer Fabrik zu machen? Was ist schlimm daran, wenn eine Mutter ihrem Kind eine behütete Kindheit bietet und es erzieht?
2. Nur ein Satz...
martinita 04.10.2011
"Eine Auszeit von der Arbeit - im Sinne ihrer Kinder treffen Mütter damit oft die richtige Entscheidung." Mit diesem ersten Satz ist doch schon klar, was die Verfasserin denkt, wozu noch weiterlesen? Da kann sie die Situation noch so sehr beklagen, es steckt eben drin!
3. .....
toledo 04.10.2011
Gott, tut mir das leid!!! Ist denn 'das Glück' Kinder zu haben nicht wenigstens ein kleiner Ausgleich für die schreckliche Zeit der Kindererziehung? Oder soll dieser Jammerbeitrag nur wieder Sozialkassen zur Finanzierung des Lebensglück egoistischer 'ach-was-bin-ich-schwer-belastet' Frauen öffnen..?
4. Üble Arbeitsverhältnisse
leser008 04.10.2011
Ich weiss nicht wie oft in dem Artikel das Wort Karriere vorkommt. Und 5,6 Mio Frauen arbeiten nicht. Oh Graus. Dahinter steht ein Menschenbild, dass nur der hart arbeitende Mensch etwas gilt. Lt. Max Weber haben Calvinisten und Evangelen das erfunden. In vielen Berufen, gerade für Frauen, gibt es aber weder Karriere noch ordentliche Arbeitsbedingungen, und seit Schröder vor allem fast keine Bezahlung. Viele Frauen wolen eben -auch ohne Kind- nicht mehr als Kassiererin, Krankenschwester, MTA,Putzfrau, Sekretärin, Altenpflegerin arbeiten. Gleichzeitig erlebt jeder, dass diese Rückkehr-TeilzeitAN -Vollzeitmütter oft nur noch ihr Kind und den Dienstschluss im Kopf haben. Da ist eine Abfindung doch ehrlich. Ich verstehe Frauen, die wenn es sich finanziell darstellen lässt, lieber ihre Kinder ordentlich erziehen wollen.
5. Welches ist die...
bodo77 04.10.2011
Zitat von martinita"Eine Auszeit von der Arbeit - im Sinne ihrer Kinder treffen Mütter damit oft die richtige Entscheidung." Mit diesem ersten Satz ist doch schon klar, was die Verfasserin denkt, wozu noch weiterlesen? Da kann sie die Situation noch so sehr beklagen, es steckt eben drin!
...richtige Entscheidung? Deutsche Mütter scheinen bei der Abwägung zwischen "Viel vom Kind haben" und "berufliches Fortkommen" oft der ersten Variante zuzuneigen. Aber was ist richtig und was ist falsch? Und wer entscheidet das? Die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen in anderen westlichen Ländern hat vielleicht auch eine ganz banale Ursache: Da Familieneinkommen des Alleinverdieners reicht nicht mehr aus. Da ich übrigens gerade in eben diesem Lebensabschnitt stecke und viel junge Eltern kenne, kann ich ganz persönlich bestätigen, viele Mütter (auch mit guter Ausbildung und guten Jobperspektiven) WOLLEN die große Karriere nicht. Sie wollen vor allem Zeit für "ihre Kinder". Ihr Einkommen sehen sie oft als "Reserveeinkommen" oder "Zusatzeinkommen". Sie sind auch zu Einbußen bereit. Es ist einfach so. Die Unterversorgung an Krippen- und Kitaplätzen macht es Müttern dann auch schwerer, einen anderen Weg zu gehen. Der Artikel ist aus meiner Sicht einfach einmal ehrlich, weil er nämlich bei der Hauptursache der deutschen Aufgabenverteilung in der Familie ansetzt: Der Mentalität der Mütter. Interessant ist nur, unsere Gesellschaft bricht trotzdem nicht zusammen. Deutschland steht sogar sehr gut da. Die New York Times sollte da ganz andere Sorgen haben, als die Nazis als Erklärungsversuch zu bemühen. Das ist wirklich lächerlich...
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