• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Berufsbild Mediziner "Wer viel Geld will, soll nicht Arzt werden" 

Gruppenbild im Kittel: Sieht nach Chefarztvisite aus. Zur Großansicht
DPA

Gruppenbild im Kittel: Sieht nach Chefarztvisite aus.

Wer nichts wird, wird Arzt. Markus Müschenich empfiehlt allen, die nicht wissen, wo sie hinwollen, ein Medizinstudium. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben, wie schön der Beruf ist. Trotzdem hängte er den Kittel an den Nagel - er ist heute Unternehmensberater.

KarriereSPIEGEL: Sie zählen in Ihrem Buch über 50 Gründe dafür auf, warum Arzt ein toller Beruf ist. Wieso brauchen Sie so viele, um uns zu überzeugen?

Müschenich: Es gibt einfach so viele. Als ich anfing, die Gründe zu sammeln, kam ich spontan nur auf fünf. Wie breit die Möglichkeiten eines Arztes gestreut sind, ist mir auch erst beim Schreiben klar geworden.

KarriereSPIEGEL: Zum Beispiel?

Müschenich: Nehmen wir die nicht so nahe liegenden Gründe: Ärzte entscheiden etwa mit, ob jemand heiliggesprochen wird, viele sind Erfinder, und wenn sie etwas machen, dann im großen Stil: gründen eine eigene Bank, eine Zeitung, schreiben Bestseller.

KarriereSPIEGEL: Und welcher Grund war für Sie ausschlaggebend?

Müschenich: Ich bin schlicht mit dem Beruf aufgewachsen: Meine Mutter war Ärztin. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört, wie sie ihre Sprechstunde an unserem Wohnzimmertisch abhielt, weil sie noch keine Praxis hatte. Klar, sie wurde nachts rausgeklingelt, erzählte von sterbenden Patienten, aber die Begeisterung meiner Mutter für den Beruf hat sich mir eingeprägt. Auf ihrem Praxisschild stand später "praktische Ärztin" - für mich ist das der tollste Begriff, um einen anpackenden Hausarzt zu beschreiben.

KarriereSPIEGEL: Gab es nie eine Alternative?

Müschenich: Doch, ich wollte auf Nummer sicher gehen und habe neben dem Studium als Mode- und Werbefotograf gearbeitet. Aber die Medizin war stärker.

KarriereSPIEGEL: Und dann spezialisierten Sie sich auf Kinderonkologie. Das ist ja gleich richtig hart.

Müschenich: Ja, aber es ist die logische Konsequenz. Es ist das Arztdasein in seiner pursten Form. Krebspatienten muss man das Gefühl geben, dass sie einem vertrauen können - und bei Kindern funktioniert das nur, wenn Sie nicht die Wissensmaschine geben, sondern einfach Mensch sind. Das ist bei Blinddarm- oder Nasenscheidewand-Operationen nicht so wichtig: Da liegt die Erfolgsquote bei 99,5 Prozent.

Fotostrecke

15  Bilder
Vorurteile unter Ärzten: Ich, Halbgott
KarriereSPIEGEL: Ein Grund, Arzt zu werden, ist Ihrer Liste nach: "Weil man gut verdient". Da scheinen Ihre Kollegen aber angesichts der Streiks anderer Meinung zu sein.

Müschenich: Da steht bewusst "gut", nicht "sehr gut". Ich meinte damit: Man hat immer einen Job. Aber man verdient eben nicht wie ein Hedgefondsmanager.

KarriereSPIEGEL: Vielen Ärzten ist das offenbar zu wenig.

Müschenich: Ehrlich gesagt: Dieses Jammern finde ich zum Kotzen. Wenn mich etwas an meinen Kollegen am meisten ärgert, dann das. Ich hätte im Herbst statt zu streiken eine Woche Superservice angeboten: den Termin noch am selben Tag und Extraleistungen umsonst, alles ohne Praxisgebühr. Die Selbstwahrnehmung der Ärzte ist ein Problem: Sie sehen sich als Opfer und lamentieren - dafür gibt es gar keinen Grund.

KarriereSPIEGEL: Gibt es eigentlich eine Hackordnung?

Müschenich: Sagen wir so: Die Ärzteschaft ist eine Interessengemeinschaft und kein Freundschaftsclub. Es gibt eine gesunde Konkurrenz. Aber ein Allgemeinmediziner, der sich oft als eine Art Leibarzt seiner Patienten sieht, sagt sich schon: Für einen Hexenschuss brauche ich keinen Orthopäden. Ärzte werden nicht als Teamplayer herangezogen, sie kennen nur hierarchische Strukturen. Und da entsteht dann etwa die Meinung, der niedergelassene Arzt ist einer, den an der Uni-Klinik keiner wollte.

KarriereSPIEGEL: Und wenn ich viel Geld verdienen will, muss ich Radiologe werden?

Müschenich: Nein, dann sollte man gleich Hedgefondsmanager werden, nicht Arzt.

KarriereSPIEGEL: Aber wenn's nicht ums Geld geht, müsste es doch eigentlich auch Kollegen geben, die Landarzt werden wollen.

Müschenich: Es muss in erster Linie zu einem passen. Wer am liebsten in der Natur ist, wird eher Allgemeinmediziner in Mecklenburg-Vorpommern als Neurochirurg in der Großstadt-Klinik.

KarriereSPIEGEL: Warum dann der Landarztmangel?

Müschenich: Das liegt am Zeitgeist: Wissen wird immer spezialisierter, sich breites Wissen anzueignen, interessiert nur noch wenige. Das schlägt sich in der Berufswelt nieder. Und dann ist da aktuell noch die Generation Y, die weiß: Wir könnten alles machen - nur was? Aber die bekommt man nicht aufs Land, indem man ihnen 1000 Euro mehr bietet. Sie müssten begreifen, dass sie diese Überfülle an Möglichkeiten reduzieren, wenn sie aufs Land ziehen. Überhaupt ist Arzt der ideale Beruf für viele, die nicht wissen, was sie mal machen wollen.

KarriereSPIEGEL: Wie bitte?

Müschenich: Weil man sich erst relativ spät in der Ausbildung festlegen muss, welche Fachrichtung man einschlagen will. Und diese Generation ist ja nicht auf der Suche nach Spaß, sie sucht Sinn - was gibt es da besseres als die Medizin?

KarriereSPIEGEL: Sie haben zwischendurch auch Kliniken beraten, statt dort zu behandeln. Wie kam's?

Müschenich: Nach der Facharztprüfung musste ich mich entscheiden, ob ich eine Professur will oder nicht. Ich wollte nicht. Und eine Kinderarztpraxis aufzumachen war auch keine Alternative.

KarriereSPIEGEL: Wieso denn nicht?

Müschenich: Ich habe jahrelang an der Grenze des Lebens gearbeitet und konnte mir nicht vorstellen, fortan nur noch gesunde Säuglinge zu behandeln, die vielleicht mal geimpft werden müssen. Also habe ich mir ein Sabbatical genommen - versuchte wieder als Modefotograf zu arbeiten. Aber das war ernüchternd. Das war 1995. Damals waren für das Jahr 2000 rund 60.000 arbeitslose Ärzte vorausgesagt worden. Für die Ärztekammer in Düsseldorf schrieb ich daraufhin einen Ratgeber für arbeitslose Ärzte und recherchierte dafür Berufsperspektiven außerhalb des Arztkittels. So entdeckte ich als Alternative den Studiengang "Public Health" und beschloss, mein Arztwissen erst in der Beratung und dann im Management von Krankenhäusern einzubringen. So bin ich aus dem Kittel ausgestiegen.

KarriereSPIEGEL: Und, vermissen Sie's?

Müschenich: Einfach so als Facharzt aufhören, ist nicht leicht. Auch weil Sie sich oft wünschen, ein gemütliches Polohemd zum Kittel zu tragen, nicht Krawatte zum Anzug. Vor allem: Vieles von dem, was Sie können, brauchen Sie auf einmal nicht mehr - und vieles von dem, was Sie brauchen, können Sie nicht. Das merkte ich, als ich bei der Unternehmensberatung KPMG anfing. Da waren Youngster mit BWL-Studium, die einen enormen Wissensvorsprung hatten, etwa bei der Projektplanung. Sie als hochdekorierter Facharzt sind auf einmal ein Nobody.

KarriereSPIEGEL: Ein Arzt ist immer der Gute, Unternehmensberater eher nicht. Sie befinden sich mit Ihrer Arbeit zwischen Medizin und Ökonomie - wann hat man Sie zuletzt bezichtigt, auf der Seite des Bösen zu stehen?

Müschenich: Gestern. Ich gebe ein mehrfaches Feindbild ab: Als Arzt habe ich kaum noch Stallgeruch, ich arbeite nicht mehr in meiner Fachrichtung - und wenn Sie Abläufe oder sogar Hierarchien verändern wollen, müssen Sie zuerst den Finger in die Wunde legen.

Fotostrecke

4  Bilder
Ärztin in der Onkologie: "Von Sterbenden kann man viel lernen"
KarriereSPIEGEL: Ärzte und Pflegekräfte in Kliniken klagen über zu wenig Personal, zu lange Schichten. Wenn da die Unternehmensberatung anrückt, fürchten sie, dass weiter gekürzt wird.

Müschenich: Es ist eine Mär, dass Medizin und Ökonomie zwingende Gegensätze sind. Das Geld, das Ärzte ausgeben, haben schließlich hart arbeitende Menschen in die Krankenkassen eingezahlt - und an die Krankenhäuser ausgezahlt wird es immer restriktiver. Als verantwortlicher Krankenhausmanager versucht man herauszufinden, wo dieses Geld in der Klinik verschwendet wird und die Qualität der Medizin nicht optimal ist. Weil ich die Strukturen kenne, weiß ich: Wenn Ärzte nicht gut operieren, brauchen sie viele Blutkonserven, und wenn ein Krankenhaus einen hohen Antibiotikaverbrauch hat, steckt dahinter meist mangelnde Hygiene.

KarriereSPIEGEL: Sie wollen mit Ihrem Buch anregen, Arzt zu werden: Gibt es denn zu wenige?

Müschenich: Es gibt auf jeden Fall einen Arztstundenmangel, man muss sich nur mal die Schichtpläne im Krankenhaus und die Arbeitszeiten in vielen Praxen anschauen. Niedergelassene Kollegen verbringen zu viel Zeit mit Bürokratie, aber auch mit unnützen Fragen verunsicherter Patienten - mit vielen Anliegen wäre früher keiner zum Arzt gegangen. Da hätte die Großmutter draufgeschaut und gesagt: Das ist Ziegenpeter, das ist Nesselfieber. Dieses Wissen müsste man wieder aufbauen. Ehrlich: Wenn ich Ihnen einmal zeige, wie eine Mittelohrentzündung aussieht, vergessen Sie das nie wieder.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Realitätsferne
dequincey 26.03.2013
Zitat von sysopVom Klinikarzt zum Unternehmensberater: Markus Müschenich war lange Kinderonkologe, dann hängte er den Kittel an den Nagel. Für alle, die nicht wissen, was sie werden sollen, ist ein Medizinstudium genau das Richtige, findet er. Wer am liebsten in der Natur ist, wird eher Allgemeinmediziner in Mecklenburg-Vorpommern Kinderarzt und Buchautor Markus Müschenich über den Beruf als Arzt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/kinderarzt-und-buchautor-markus-mueschenich-ueber-den-beruf-als-arzt-a-890459.html)
Alle die nicht wissen was sie werden sollen/wollen, sollten sich erst einmal in der Welt und im Leben umsehen, vielleicht ein soziales Jahr im Krankenhaus, in der Altenpflege oder im Ausland verbringen bevor sie in eine Studium einsteigen, das zu einem Beruf führt, der nicht nur reiner Broterwerb ist. Mir scheint der Kollege Müschenisch hat in den letzten 18 Jahren etwas den Bezug zur ärztlichen Realität verloren. Das beginnt schon damit, dass der NC für Medizin, je nach Bundesland zwischen 1,0 und 1,4, jeden einfachen Zugang zum Studium limitiert. Als Arzt ist man nicht Medizinmanager, sondern sollte Partner für Patienten und Angehörigen in manchmal auch menschlichen Extremsituationen sein. Das kann und möchte nicht jeder und sollte deshalb vor Studiumbeginn gut überlegt und z.B. in einem sozialen Jahr erprobt werden. Natürlich reift man im Beruf, aber nicht jeder ist in der Lage oder willens zu reifen. Die Idee, dass jemand der am liebsten in der Natur ist, deshalb Allgemeinmediziner in Mecklenburg-Vorpommern oder sonstigen abgelegenen ländlichen Regionen wird ist kurios. Gerade dort ist die Arbeitsbelastung so hoch, das die Naturliebe schnell verkümmern dürfte. Mehr Ärzte ist eine Gute Idee, setzt aber voraus, dass es mehr Studienplätze, bessere Auswahlverfahren und bessere Arbeitsbedingungen, z.B. deutlich weniger Bürokratie gibt. Davon sind wir weit entfernt.
2. Arzt der ideale Beruf für viele,
zappuser 26.03.2013
die nicht wissen, was sie mal machen wollen. Da freue ich mich ja schon auf unsere zukünftigen Ärzte. Müschenich - ihn selber auch betreffend - möchte ja nun auch lieber Manager sein als Arzt. Seine Begründungen dafür sind eher an den Haaren herbeigezogen. Gesunde Säuglinge impfen - eine zu gering zu schätzende Tätigkeit für unseren Helden, demaskierende Aussage. Alles Kommentare vom hohen Roß. Wenn alle Ärzte so sind - na danke.
3. Er bildet...
generatix 26.03.2013
meiner Meinung nach eine völlige Ausnahme. Die meisten Ärzte sind konservative, teilweise hochnäsige, schon zur Studentenzeit sich-besser-fühlende Menschen, die schon auf Geld stehen. Naja und Allgemeinmediziner sind doch die, die sich der größeren OP-Verantwortung schnell entziehen, eben doch schnell überweisen, wenn es nicht grad um Impfungen geht. Die wahrem Ärzte, die auch viel verdienen sollten sind die, die Nähe und Vertrauen wie er es beschreibt bilden, sich für den Menschen als Individuum einsetzen, ein bodenständiges Auftreten besitzen und Menschen heilen können UND eben nicht totkrankem Menschen eiskalt die Hoffnung nehmen, vergewaltigte Frauen abweisen, KEINE FEHLER ZUGEBEN und auf jedem Knopf mit ihrem Doktortitel prahlen. Ärzte sollen mehr/viel verdienen, aber der Patient ist kein Fabrikabfertigungsgegenstand!!!
4. Aufschneider
bradypick 26.03.2013
Zitat " Nach meiner Facharztprüfung musste ich mich entscheiden ob ich eine Professur will oder nicht. Ich wollte nicht." Na mit 3 Publikationen als Mitautor wird man auch nirgendwo Professor. Tolle Auswahl um das Berufsbild näher zu bringen.
5. .
TS_Alien 26.03.2013
So falsch liegt er nicht. Es gibt genügend Medizinstudenten, die nur deswegen mit dem Medizinstudium beginnen, weil sie einen sehr guten Notenschnitt im Abi haben. Da ist die Suche nach dem richtigen Beruf noch im Gange. Darüber hinaus ist eine Spezialisierung bei den Medizinern wirklich noch sehr spät möglich, nach dem Doktor kann man jedes Fachgebiet wählen (OK, das liegt auch an den vergleichsweise geringeren Anforderungen in Medizin für einen Doktor). Was mich wirklich wundert ist der Wechsel vom Arzt zum Berater. Das schöne beim Arztberuf ist doch der Kontakt zu anderen Menschen, die direkte Rückmeldung, ob man erfolgreich gearbeitet hat oder nicht, die Tatsache, dass jeder Tag neue Herausforderungen liefert. Wer solche Möglichkeiten und Erfahrungen gegen ein Beraterdasein tauscht, ist wohl nie wirklich Arzt gewesen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Unternehmensberater - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Zur Person
  • Bettina Keller
    Markus Müschenich (Jahrgang 1961) ist eigentlich Kinderarzt, hat aber die Seiten gewechselt und wurde Berater im Gesundheitswesen. Zuletzt hat er ein Startup gekauft, das Computerspiele entwickelt, mit denen Sehbehinderte wieder sehen lernen. Er lebt in Berlin.
  • Markus Müschenich im Internet
Buchtipp

Fotostrecke
Stressresistente Ärztin: Nach der Schicht in den Rettungswagen
Hackordnung vom Dienst

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Fotostrecke
Immer im Dienst: Doppelschicht und Doppellast
Verwandte Themen

Fotostrecke
Helferkrankheiten: "Schwäche ist tabu"

Social Networks