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Kindergärten Seid umschlungen, Männer!

Kitas: Her mit den Männern! Fotos
Sascha Montag

Keine drei Prozent - mehr männliche Erzieher täten Deutschlands Kindergärten gut, da sind sich Pädagogen und Politiker einig. Warum nur zieren sich die Kerle bisher? Zu Besuch in einer männerreichen und einer herrenlosen Kita.

Der Heilsbringer soll keiner sein und will es auch nicht. Mit angezogenen Beinen kauert er auf einem Stühlchen der Kita St. Elisabeth in Berlin-Mitte. Ein strahlend schöner Herbstmorgen im Singkreis der Bärchengruppe, ein Dutzend Jungen und Mädchen, vier oder fünf Jahre alt. Erzieherin Christina hebt an zum Hohelied, die Kinder stimmen glockenklar ein. Vom Aufgang der Sooonne... bis zu ihrem Niiiedergang.... sei gelo-ho-bet der Na-ha-me des Herrn!

Erzieher Björn Münzer, 37, zum strubbeligen Seitenscheitel gebändigtes halblanges Haar, steuert brummelnd eine Bassspur bei. Singen sei nicht so seins, wird er später sagen. Malen, Basteln, Vorlesen - das liegt ihm. Als wackerer Herr in einer fast exklusiv weiblichen Berufswelt wird er von Kolleginnen überschwänglich gelobpreist. Gemäß aktueller Beschlusslage auf EU- und Bundesebene darf er sich zur pädagogischen Avantgarde rechnen.

Denn viel soll sich ändern in Deutschlands Kindergärten mit bisher 97 Prozent Frauen-Fachpersonal: "Mehr Männer in Kitas!", fordert forsch ein von EU und Bundesfamilienministerium gefördertes Programm. Ministerin Kristina Schröder erhebt Erzieher Björn und seinesgleichen feierlich zur "Bereicherung", die "von allen Seiten sehr begrüßt" werde. Von den Eltern, den Kitas, den pädagogischen Profis. Rückenwind bekommt die Männeroffensive auch durch den Rechtsanspruch auf Betreuung von Ein- bis Dreijährigen, ab August 2013 bundesweit.

Ein Kita-Erzieher, ist das nicht ein Weichei?

Schröders "perspektivisches", zeitlich unbestimmtes Ziel: Die Männerquote in den Kindergärten zwischen Kiel und Konstanz soll auf 20 Prozent steigen - eine Versiebenfachung, mit Hilfe von Schnuppertagen (Boys' Day), Praktika und Freiwilligendiensten.

Seit eh je und sind Kitas fest in Frauenhand. Und das ist auch gut so, sagt das überlieferte Rollenbild: Frauen können eben besser mit Kindern. Das ist gut, sagt auch ein Pauschalverdacht: Wer sich als Mann gern mit kleinen Kindern umgibt, gilt als potentiell pädophil, somit als Risikofaktor. Allermindestens, sagt das Klischee, ist ein Kita-Erzieher doch ein Weichei.

Es gibt also einiges zu schrauben, am Berufs- wie am Geschlechterbild. Frage an Patrick Börner: Frauendomäne, na und? Wo ist das Problem? "Ein Problem ist die Männerlosigkeit deutscher Kitas insbesondere für Sprösslinge aus sozial schwachen Familien", so der Mitarbeiter der Dresdner Fachstelle für Jungen- und Männerarbeit. Und auch für den Nachwuchs alleinerziehender Mütter: "Immer mehr Kinder wachsen männerlos auf. Ohne männliche Ansprechpartner fallen aber bestimmte Fragen unter den Tisch." Fragen, die ein heranwachsender Junge gern einem erwachsenen Mann stellen würde.

Im Grunde, sagt Pädagoge Christian Bliß, sei es einfach: Um Kindern den bestmöglichen Start in die Bildungskarriere zu ermöglichen, müssten "Kitas die Vielfalt der echten Welt da draußen abbilden" - zumal das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Männern und Frauen gerade neu ausbalanciert werde. Bliß leitet das Modellprojekt "Mehr Männer in Kitas" eines Evangelischen Kirchenkreisverbandes in Berlin, zuständig für 25 Kindertagesstätten mit einer beachtlichen Männerquote von derzeit 12,5 Prozent.

"Toll, endlich jemand zum Kicken!"

Eine davon ist die Kita von Björn Münzer. Nun ist in der Bärchengruppe seine Stunde gekommen, die Bastelstunde. Laternen aus Pappe, Pergamentpapier, Plakatfarben. Hannah, 4, klammert sich fest an Björns Arm ob der nahenden künstlerischen Herausforderung: Eine Plastikwanne ist zu schwenken, damit Murmeln bunte Farbspuren aufs Pergamentpapier rollen.

Nebenan spielen Jakob und Noyan Weltraumkrieg, lautstark. "Mensch, schreit doch nicht so", ruft Björn. Der Weltraumkrieg flaut ab. Für einige Augenblicke. Dann flackern neue Scharmützel auf.

Nachmittags wird Björn zu seiner Geheimwaffe greifen, um Lärmende zum Schweigen zu bringen: Vorlesen. Wird gestikulierend eine Geschichte erzählen, "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat". Wird danach, mit dem "Mohrrüben-Suppen-Abenteuer", dem Wunsch nach Zugabe bereitwillig Folge leisten.

Zunächst aber packen Björn und Christina ihre Bärchen in Jacken und Mützen und lotsen sie auf den Spielplatz. An der Sandkastenkante, mit Bademeister-Rundumblick, kommt Björn auf seine Familie zu sprechen: Vater Stahlarbeiter, Mutter Friseurin, typische Rollenaufteilung der deutschen Nachkriegszeit. Björn Münzer machte Zivildienst in einem Kindergarten. Und hatte seinen Beruf gefunden. Oft würden aber klassische Rollenerwartungen an ihn herangetragen. "Die Eltern dachten anfangs: Toll, ein Mann! Jetzt haben unsere Jungs endlich jemanden zum Kicken." Dabei möge er Fußballspielen nicht, könne es auch gar nicht.

Automechaniker verdienen auch kaum mehr

"Dass Männer immer für Fußball und fürs Toben zuständig zu sein haben, ist ja ein blödes Vorurteil, letztlich", sagt Kollegin Christina Liefeldt. Björn sei eher künstlerisch veranlagt - ganz und gar nicht ihre eigene Stärke. "Christina kann sich dafür mit einer Seelenruhe Memory und anderen Tischspielen widmen", so Björn. Ihn langweile das schnell, was die Kinder sofort merkten. Beide sagen: "Wir ergänzen uns gegenseitig." Nur eben anders herum, als gemeinhin gedacht. Um die 125 Kinder der Kita kümmern sich 15 Erzieherinnen - und drei männliche Fachkräfte, Quote 17 Prozent.

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Job-Exoten: Allein unter Frauen
Kirchenkreis-Projektleiter Christian Bliß ist überzeugt: "Männer würden sich viel eher in den Kindergarten wagen, wenn dieser Schritt nicht so sehr mit traditionellen Männlichkeitsbildern kollidieren würde." Oft angeführtes Argument: der niedrige Verdienst; als Erzieher könne man keine Familie ernähren. 2130 Euro nennt eine Studie des Familienministeriums als übliches Erzieher-Monatsgehalt. Indes: Ein Kfz-Mechatroniker (Azubi-Männeranteil 98 Prozent) verdient mit 2169 Euro kaum mehr. Und Köche müssen mit 1815 Euro auskommen - dennoch wollen dreimal so viele Männer wie Frauen beruflich an den Herd.

Wenn Männer nur wüssten, wie willkommen sie als Erzieher sind - etwa in der Kita Regenbogenfisch in Berlin-Friedrichshain, 70 Kinder, fünf Gruppen, acht Erzieherinnen. Noch nie habe ein Mann hier gearbeitet, sagt Birgit Schwarzer, seit 28 Jahren dabei. "Dabei würde uns das so guttun!" Die Erzieherinnen wissen gute Gründe: Ein gemischtes Team wäre besser für die Gruppendynamik der Kinder; Männer wirkten entspannend auf das kollegiale Miteinander und seien bei naturwissenschaftlichen Experimenten mit mehr Spaß bei der Sache. Und komme mal, selten genug, ein männlicher Praktikant, seien die Jungen stets hellauf begeistert - die Mädchen ebenso.

Die Frau vom Amt herzte ihn spontan

Von Begeisterung zu berichten weiß auch Klaus Sturm, 48. Als spätberufener Quereinsteiger macht er in Berlin-Wedding seine Erzieherausbildung und wurde auf dem Arbeitsamt Zeuge eines überraschenden Klimawandels. "Und, wat stellnse sich vor?", eröffnete die Frau vom Amt jovial-ruppig das Gespäch. Sturm war unsicher, sagte dann aber doch: "Hm, ich dachte an Erzieher." Daraufhin, erzählt er strahlend, sei die Dame ihm fast um den Hals gefallen.

Ein Ruck der Verzückung geht durchs Land. Seid umschlungen, Männer!

Kirchenkreis-Projektleiter Christian Bliß mahnt dennoch, man möge die neuen Kita-Kerle bloß nicht zu Heilsbringern hochjubeln: "Zurzeit werden sie gefeiert, das wird sich auch wieder legen." Mehr Männer, das bedeute nicht: weniger Probleme. Es gehe darum, in Kindergärten eine breitere Auswahl an Rollenbildern vorzuleben. Nicht weniger. Und nicht mehr.

In der herrenlosen Kita Regenbogenfisch ist der "Mehr Männer"-Wunsch ungebrochen. Noch immer sind die Pädagoginnen ganz angetan von Franz, dem jungen Burschen, der 2011 als Erzieher-Azubi drei Monate in ihrer Kita zubrachte. "Franz war super", sagt Erzieherin Heike Becker. Die Kolleginnen nicken eifrig. "Zum Abschied hat er sich mit der Gitarre vor die Kids gesetzt. Und Liebeslieder gespielt." Schier zum Heulen sei das gewesen. So schön, so traurig, wie nur ein Mann das kann.

Auch in der Kita Regenbogenfisch hat der Morgen mit einem Singkreis begonnen. Vielstimmig, ganz ohne Bassbrummstimme, schallte der fromme Wunsch durch regenbogenbunte Räume: Heeerr, wir bitten, komm und seeegne uns!

Der Wunsch wurde erhört. Am heutigen Montag, Advent, Advent, wird ein 24-Jähriger seinen Erzieherdienst antreten. Und nach so vielen Jahrzehnten die Männerquote schlagartig von null auf elf Prozent heben.

  • Carolin Gagidis
    KarriereSPIEGEL-Autor Markus Wanzeck (Jahrgang 1979) ist freier Journalist und Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule. Zuvor hat er Philosophie und Soziologie in München und Sydney studiert. Er ist Mitbegründer des Reporter-Netzwerks Textsalon. Seit 2011 arbeitet er als Reporter und Redakteur für die Agentur Zeitenspiegel - dafür zog er sogar von Berlin nach Stuttgart.

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