• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Arbeitgeber Kirche Getauft für den Job

Hoffentlich katholisch: Kirchen dürfen sich über vieles im Arbeitsrecht hinwegsetzen Zur Großansicht
DPA

Hoffentlich katholisch: Kirchen dürfen sich über vieles im Arbeitsrecht hinwegsetzen

Kindergärtnerinnen, Altenpfleger, Krankenschwestern - Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen leiden unter einem rabiaten Arbeitsrecht: Nichtgetaufte oder Geschiedene bangen um ihren Job. Der Staat könnte eingreifen, denn für die kirchlichen Einrichtungen blecht vor allem der Steuerzahler.

In Königswinter-Rauschendorf, nahe bei Bonn, bittet Pastor Udo Maria Schiffers in sein Pfarrbüro. Er führt vorbei am Tisch der Sekretärin, die schon Feierabend hat, in ein Hinterzimmer. Ein Kopierer für den Pfarrbrief steht dort, darüber vier goldene Heiligenfiguren. Pfarrer Schiffers ist ein Mann mit ruhigem Gang, in zwei Jahren wird er siebzig. Es ist sein erstes Interview.

"Sie saß genau da", sagt er, zeigt auf die gegenüberliegende Tischseite und meint Bernadette Knecht, die Kindergartenleiterin am Ort. Pfarrer Schiffers war ihr Vorgesetzter, er hat sie hier am Tisch entlassen, weil sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und zu einem neuen Partner gezogen war. KarriereSPIEGEL berichtete, ihr Fall ging bundesweit durch die Presse.

Es ist eine besondere Geschichte. Nicht nur, weil Pfarrer Schiffers sich für die drastische Kündigung entschieden hat - offiziell wegen der "Gefahr eines schädlichen Ärgernisses" in der Gemeinde -, sondern weil die Eltern der Kindergartenkinder sich danach ungewöhnlich stark für ihre Erzieherin einsetzten. So sehr, dass die Stadt Königswinter schließlich dem Pfarrer und damit der katholischen Kirche die Trägerschaft für den Kindergarten entzog. Die Begründung: Das schlechte Verhältnis zwischen Kindergarteneltern und Kirche sei nicht mehr zu kitten.

Fotostrecke

3  Bilder
Katholische Moral: Kirche kündigt Kindergärtnerin, Kommune kündigt Kirche
Das ist das Spannungsfeld: Die Kirche, die Kinder erzieht, Alte pflegt oder Kliniken betreibt. Der Staat, der diese Aufgaben den Kirchen überträgt. Die Mitarbeiter, für die ein besonderes, religiös gefärbtes Arbeitsrecht gilt, anders als für andere Arbeitnehmer. Die Öffentlichkeit, die für dieses Arbeitsrecht im 21. Jahrhundert kaum noch Verständnis hat.

Ein halbes Jahr später möchte Pfarrer Schiffers erklären, warum er die Kündigung auch heute noch für richtig hält. "Was Bernadette Knecht getan hat, ist der objektive Tatbestand des Ehebruchs", sagt er. "Und die Ehe ist für uns Katholiken heilig und bis zum Lebensende bindend." Und wer seine Ehe bricht, der kann kein gutes Vorbild mehr sein, sicher keinen Kindergarten leiten, keine Personalverantwortung tragen. So sieht es Pfarrer Schiffers.

Katholischer Kindergarten, komplett aus öffentlichen Mitteln bezahlt

Bernadette Knecht ist eine von Hunderttausenden Menschen in Deutschland, die in sozialen Einrichtungen für die Kirchen arbeiten. Wie jeder Angestellte dort hat sie mit ihrem Arbeitsvertrag akzeptiert, dass die Einrichtung, in der sie arbeitet, sich als Teil der Kirche begreift und ihrem sogenannten Sendungsauftrag dient. Dass sie als katholische Mitarbeiterin deshalb auch ihr eigenes Leben im Sinne der christlichen Glaubenslehre führen wird. Wer das nicht tut, der wird eben entlassen. So sieht es nicht nur der Pfarrer, so sagt es das kirchliche Arbeitsrecht.

Ein Pfarrer hält sich also an geltende Kirchengesetze, eine Stadt entzieht der Kirche trotzdem die Trägerschaft. Wie ist das möglich? Bernadette Knecht wurde nicht von der katholischen Kirche bezahlt, sondern vom Staat. Und der Kindergarten, um den es sich dreht, heißt zwar 'Katholischer Kindergarten St. Margareta', doch finanziert wird die Einrichtung zu 100 Prozent aus öffentlichen Mitteln. Es zahlen: Das Land, die Stadt, die Eltern - die Allgemeinheit.

Steuert die Kirche fünf Prozent der Mittel bei, ist das schon viel

Das ist nicht ungewöhnlich. Lange war es so, dass die Kirchen in ihren Kindergärten auch einen Großteil der Kosten selbst übernahmen. In Nordrhein-Westfalen etwa lag der Eigenanteil bis 1990 noch bei 36 Prozent. Dann argumentierten die Kirchen mit dem Rückgang der Kirchensteuereinnahmen. Im Jahr 2000 zahlten sie daraufhin nur noch zwanzig, 2008 noch zwölf Prozent. Und selbst die hat die Stadt Königswinter, wie viele andere Kommunen auch, inzwischen freiwillig übernommen.

"Wenn die Kirchen im Durchschnitt noch fünf Prozent Eigenmittel beisteuern, muss man schon froh sein", sagt Ursula Krickl vom Deutschen Städte- und Gemeindebund zum Thema christliche Kindergärten. Bei Altenheimen, Krankenhäusern, Schulen ist das nicht anders. Sogar ihre Wohlfahrtsverbände, Caritas und Diakonie, betreiben die Kirchen zu achtundneunzig Prozent mit dem Geld aller.

Doch auch wenn die Kirchen immer weniger eigenes Geld beisteuern, geben die Kommunen ihre Aufgaben gerne weiter an sie ab. Zum einen ist es gesetzlich gewollt, dass der Staat seine Aufgaben an freie Träger überträgt. Zum anderen rechnet es sich trotzdem noch. Die Städte müssen so selbst keine Verwaltung aufbauen. Die Kirchen bekommen teilweise bessere Landeszuschüsse, haben Steuervorteile oder ihnen gehört das Gebäude. So muss die öffentliche Hand immer noch weniger zahlen, als wenn sie alles selbst machen würde.

Wer nach einer Scheidung heiratet, gilt als schlechter Krankenpfleger

Auf diese Weise wächst die Zahl kirchlicher Sozialeinrichtungen sogar: Die christlichen Kindergärten mehren sich. Dasselbe bei Schulen, bei Altenheimen. Das Problem: Der Staat kauft so nicht nur Dienstleistungen der Kirche, die seine eigenen Aufgaben erledigt, er bekommt zwangsläufig das besondere Arbeitsrecht mit dazu, das in der heutigen Zeit an seine Grenzen stößt. Wer nicht getauft ist, nicht gläubig, nach einer Scheidung verheiratet oder homosexuell, hat besonders bei der katholischen Kirche schlechte Karten.

Sieben Jahre arbeitete Notaufnahmeleiter André Kucza im öffentlichen Dienst im Kreiskrankenhaus Stadthagen in Niedersachsen. Jetzt haben er und seine Kollegen einen neuen Arbeitgeber. Das Haus ist vom Landkreis an die evangelische Diakonie verkauft worden. Bald soll ein neues christliches Großklinikum entstehen. "Im Moment sind wir alle verängstigt", fasst Stationsschwester Sigrid Herich die Stimmung unter den Mitarbeitern zusammen. "Viele bei uns sind konfessionslos. Deshalb haben die Kollegen Angst, dass sie ins neue Klinikum nicht mitgenommen werden. Die treten jetzt wieder in die Kirche ein. Das ist doch unglaublich."

Taufe für den Job

André Kucza ist einer dieser Kollegen. Als er hörte, wer der neue Arbeitgeber ist, ließ er sich taufen. "Das Schlimme ist, die Freiheit zu verlieren", sagt er. "Die Angst treibt einen dahin, nicht die Überzeugung. Da frage ich mich, wie kann es so ein Konstrukt überhaupt noch geben?" Der Staat trägt zu einer Ausweitung dieser besonderen Bedingungen bei. 1960 galt das besondere Arbeitsrecht nur für 260.000 Menschen in kirchlichen Einrichtungen, die Hälfte dieser Angestellten waren Priester und Ordensleute. Heute gilt es für 1,3 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland und der Anteil an geweihtem Personal liegt bei unter fünf Prozent.

Pfarrer Udo Maria Schiffers ist enttäuscht, dass die katholische Kirche den Kindergarten in Königswinter aufgeben musste. Aber einen Trost gibt es: Der neue Träger, der den Kindergarten jetzt übernommen hat, gehört zur evangelischen Kirche. Die Stadtverwaltung hat sich für ihn entschieden, der Träger zahlt zwei Prozent selbst. "Damit wird der christliche Glaube weiter an die Kinder vermittelt", resümiert der Pfarrer, nicht unzufrieden, die ganze Geschichte. Weil die evangelische Kirche weniger streng auf das Privatleben ihrer Mitarbeiter guckt, darf Bernadette Knecht trotz ihrer neuen Partnerschaft nun weiter im Kindergarten bleiben.

Eine nicht getaufte, nicht gläubige oder muslimische Kollegin wird sie trotzdem nie haben, obwohl es die Allgemeinheit ist, die diese Einrichtung finanziert.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 319 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
symolan 14.01.2013
Kirche und Staat gehören getrennt. Oder würden wir es begrüssen, wenn die Moschee von nebenan auch einen staatlich finanzierten Kindergarten führt?
2.
wschwarz 14.01.2013
Zitat von sysopDPAKindergärtnerinnen, Altenpfleger, Krankenschwestern - Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen leiden unter einem rabiaten Arbeitsrecht: Nichtgetaufte oder Geschiedene bangen um ihren Job. Der Staat könnte eingreifen, denn für die kirchlichen Einrichtungen blecht vor allem der Steuerzahler. Kirche als Arbeitgeber: Angestellte lassen sich für den Job taufen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/kirche-als-arbeitgeber-angestellte-lassen-sich-fuer-den-job-taufen-a-876868.html)
Austreten, aus dem Verein.
3. nicht nachzuvollziehen
koelnrio 14.01.2013
Das, was Sie in dem Artikel beschreiben, geht mir seit Jahren gegen den Strich. Es kann doch nicht sein, dass der Staat einem 3. Arbeit überträgt, der dann derart rigide Arbeitsregeln aufstellt. Ich fordere den Staat auf, das endlich zu unterbinden. Und wie man sieht, könnten die Kommunen auf den Putz hauen. Warum machen Sie das nicht?
4. Kirchengesetze und Ehebruch
missoni 14.01.2013
Also wenn ich das lese, dann fühle ich mich verarscht. Weil laut den Missbrauchsbeautragen Ackermann, hat eine Uni der Kirche empfohlen das man pädofide Geistliche weiter beschäftigen soll. Das ist deutlich gegen die Kirchengesetze. Soll also Ehebruch eine Süde sein, während sich ein Geistlicher an Kinder vergeht oder nur Kinderpornos mag, dies keine Sünde sein soll. Langsam stellt sich die Frage, in wie weit es diese Kinderliebhaber es in der Katholischen Kirche noch gebracht haben. Wie viele Kinderliebhaber es dort noch gibt. Wenn dieser Geistliche Schiffers einen Charakter hätte, dann würde er sich auch gegen Phädopide Geistliche aussprechen. Auch finde ich es ein Armutszeugnis, wenn die Kirche behauptet, das andere auch noch Kinder missbrauchen und bei Ihnen es nur ein paar wären, weil wo anders würden noch mehr Kinder missbraucht.
5.
pepe_sargnagel 14.01.2013
Christliche Nächstenliebe geht eben bis zum Geld. War schon immer so und wird auch so bleiben. Vor allem, weil sich auch Politiker mit dem "Titel" christlich immer noch rein waschen können. Kostet eigentlich die Beichte und "Ablegung aller Schuld" für Politiker mehr, weil sie genauso wie die Kirche auch nur an sich selbst denken? Oder bekommen sie Rabatt, weil sie bei denjenigen einsammeln, die sonst gar keine Kirche von innen sehen? Kirche und Politik haben eines gemeinsam: Beide Institutionen sind nicht gewillt für mehr Transparenz zu sorgen und demontieren so selbst ihre Einrichtungen. Aus Kirche und aus Politik ziehen sich immer mehr resigniert zurück - auch weil die beiden Institutionen ein anderes Recht für sich selbst beanspruchen (Kirchenrecht und Korruptionsausnahmen für Politiker). Zu recht werden beide Institutionen so den eigenverschuldeten Weg in die Bedeutungslosigkeit gehen. Ein Umdenken wird nicht stattfinden, solange Geld und Machthunger regiert - und auf absehbare Zeit wird das so bleiben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Arbeitsrecht - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Autorin
  • WDR/ Herby Sachs
    Eva Müller (Jahrgang 1979) arbeitet seit ihrem Volontariat beim WDR als freie Journalistin, vor allem für die WDR/ARD-Dokumentationsredaktion "die story", sowie für das ARD-Politikmagazin "Monitor". Soeben ist ihr Buch "Gott hat hohe Nebenkosten" erschienen.
Verwandte Themen

Buchtipp
Fotostrecke
Immer im Dienst: Doppelschicht und Doppellast


Fotostrecke
Kirchenmusiker: Mehr als nur Orgeln
Wann ist eine Kündigung gültig?

Einfach so jemanden entlassen - das geht in Deutschland nicht. Man braucht gute Gründe für eine ordentliche Kündigung. Juristen unterscheiden zwischen einer personenbedingten (etwa bei langer Krankheit), einer verhaltensbedingten (etwa bei Leistungsmängeln oder ungenehmigten Nebentätigkeiten) und einer betriebsbedingten Kündigung (etwa bei Stilllegung der Firma).

Fristlos gefeuert werden kann nur, wer sich schwere Fehler geleistet hat - zum Beispiel stiehlt oder Dienstgeheimnisse verrät.

In jedem Fall muss die Entlassung vorher mit dem Betriebsrat abgestimmt sein und schriftlich erfolgen mit leserlicher Unterschrift; SMS oder E-Mail sind ungültig. Für bestimmte Personengruppen wie Schwerbehinderte oder Schwangere gilt ein erhöhter Kündigungsschutz.


Fotostrecke
Einzigartige Bau-Stelle: Mer losse d'r Dom en Kölle
Social Networks