Von Kathrin Fromm
"Eins, zwei, drei", flüstert Constanze Kowalski und macht mit ihrer Hand eine Bewegung, als wolle sie jemand sanft schubsen - los geht's: "Gott segne und behüt' dich / der Herr lasse sein Gesiiiiicht " Zwölf Kinderstimmen schrauben sich in die Höhe. Dann fällt eine Notenmappe zu Boden, der Gesang bricht ab, ein paar Mädchen kichern. Aber Constanze Kowalski nickt zufrieden. Sie geht ans Klavier und stimmt das Stück noch einmal an.
45 Minuten lang probt der Kinderchor an diesem Nachmittag in einem Nebenraum der Kirche. Durch das große, runde Fenster fällt Herbstlicht. Im Adventskalenderlied geht es ganz konsumkritisch darum, dass es schon im September Weihnachtssachen im Supermarkt angeboten werden. Die Kinder im Stuhlkreis singen: "Türchen aufgemacht, Schokolade rausgepickt, gleich in den Mund gesteckt und Türchen zu" - und machen dazu passende Bewegungen.
Seit gut einem Jahr ist Constanze Kowalski Kirchenmusikerin mit dem Schwerpunkt Popularmusik an der Apostelkirche, einem roten Backsteingebäude mitten in Hamburg-Eimsbüttel. Die 43-jährige Kantorin leitet einen Gospelchor, eine Band und zwei Kinderchöre. Davor hatte sie eine Stelle am Stadtrand, die meisten Chorsänger waren über 65 Jahre alt. "Kinder und junge Menschen lassen sich natürlich mit moderner Musik eher begeistern. Dafür muss sich die Kirche öffnen", sagt Constanze Kowalski, die auch mal Songs von Stevie Wonder singen lässt. Manchmal wird nach dem Gottesdienst darüber kontrovers diskutiert, das findet sie normal und gut. "Vor kurzem haben wir die gesamte Liturgie, auch Kyrie und Gloria, mit der Gemeinde als Gospel gesungen. Das ist gut angekommen."
Beten, arbeiten, Sponsoren gewinnen
Rund 1700 Stellen für Kirchenmusiker gibt es bei der evangelischen Kirche in Deutschland; die katholische beschäftigt 1460 hauptberufliche Kirchenmusiker. Die meisten sind Kantor und Organist. Sie leiten einen oder mehrere Chöre, oft parallel noch Instrumentalgruppen, spielen Orgel bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen und in anderen Gottesdiensten, bilden manchmal Laiendirigenten und -organisten aus und veranstalten Konzerte in der Kirche. Oft muss der Kantor dabei auch noch Sponsoren gewinnen und das Programmheft gestalten.
"Ich bin Pädagoge, Künstler und Kulturmanager in einem", sagt Hans-Peter Braun. Der 62-Jährige ist seit 17 Jahren Musikdirektor am Evangelischen Stift in Tübingen, wo 130 Theologiestudenten als Stipendiaten leben. Außerdem ist er Organist in der Stiftskirche. Das Stift ist eine Institution in der Universitätsstadt. Seit 1563 werden hier Pfarrer ausgebildet, berühmte Stiftler waren etwa der Astronom Johannes Kepler sowie die Dichter Friedrich Hölderlin und Eduard Möricke - darauf weist auch der Musikdirektor gerne hin.
Hans-Peter Brauns Hauptaufgabe ist die Ausbildung der Theologiestudenten. Er hält Theorie-Seminare, zum Beispiel über das Gesangbuch, unterrichtet in Kleingruppen Stimmbildung und Sprecherziehung oder gibt Einzelstunden an der Orgel. Dienstagabends probt er mit dem Stiftschor, zu dem Studenten aller Fakultäten kommen. Dieses Semester steht ein Oratorium von Carl Loewe über den böhmischen Reformator Johan Hus auf dem Programm. Der Musikdirektor ist auch für die Instrumente und die Musikbibliothek im Stift zuständig: Acht Klaviere und drei Orgeln müssen in Schuss gehalten, neue Bücher und Notenbände bestellt werden. Außerdem organisiert er verschiedene Musikveranstaltungen, darunter jedes Jahr drei Motetten, eine Liederabendreihe und den Orgelsommer. Doch damit nicht genug: Neben seiner Arbeit als Musikdirektor und Organist unterrichtet er Musiktheorie und Tonsatz an der Musikhochschule im 70 Kilometer entfernten Trossingen.
"Wenn ich von der Arbeit komme, sitzt die Familie beim Frühstück"
Dort wird der Kirchenmusiker-Nachwuchs ausgebildet. Acht Semester dauert an den meisten Universitäten und Hochschulen der Bachelor, den man mit der B-Prüfung abschließt. Wer danach noch einen Master anschließt, kann sich auf eine Stelle, bei der die A-Prüfung verlangt wird, bewerben. Die D- oder C-Prüfung darf auch ohne Studium von Nebenberuflern ablegt werden, um zum Beispiel im Gottesdienst die Orgel zu spielen oder einen Kirchenchor zu dirigieren.
Egal welcher Prüfungstyp: Wochenendarbeit ist für Kirchenmusiker der Normalfall, vor allem zur Gottesdienstzeit am Sonntagvormittag. Constanze Kowalski und Hans-Peter Braun sind jeweils zwei- bis dreimal im Monat an der Reihe. "In meiner Familie sind alle Langschläfer. Wenn ich aus der Kirche zurückkomme, sitzen die anderen gerade am Frühstückstisch", sagt die Hamburger Kantorin, die schon als Jugendliche georgelt hat und das frühe Aufstehen inzwischen gewohnt ist.
"Letzten Sonntag bin ich um 7.30 Uhr rein in die Kirche, habe drei Gottesdienste gespielt und kam gegen 12.45 Uhr wieder raus aus der Kirche", sagt Hans-Peter Braun. Feiertage wie Ostern oder Weihnachten, die klassischen Familienfeste, sind für Kirchenmusiker die härtesten Arbeitstage im Jahr.
Aber auch so kommt Braun mit Unterricht, Orgelspiel und all den organisatorischen Aufgaben leicht auf 50 bis 60 Wochenstunden. "Wenn der Beruf nicht so schön wäre, würde ich das nicht machen", sagt der Musikdirektor des Tübinger Stifts und erzählt: "Beim letzten Auftritt des Stiftschors saßen 800 Zuhörer in der Kirche, obwohl wir den Termin verschieben mussten und wir kein bekanntes Oratorium aufgeführt haben. Das sind besondere Momente."
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