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Konferenz-Kritzeleien Kreative zeichnen Sterne, Egomanen ihren Namen

Ob Informatiker, Pfarrer oder Neurologe: Bei öden Meetings greifen alle gern zum Stift. Was sie da kritzeln, wissen die Nebenbei-Zeichner oft selbst nicht genau. Sechs Bürokünstler zeigen ihre schönsten Werke - und Psychologen verraten, wie man sie deuten kann.

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Kritzelbilder: Ist das Kunst, oder kann das weg?
Kritzeln kann beim Lernen helfen. Auf diesen Satz hat Michael Laumer, 32, nur gewartet. Er findet ihn auf Twitter, Absender ist das renommierte "Science Magazine". Der Satz verweist auf einen Artikel über Visualisierungen in der Wissenschaft, doch für Laumer ist es mehr: endlich eine wissenschaftlich fundierte Rechtfertigung für all die Spiralen, Blätter, Ranken und Quadrate, mit denen er sich gern langweilige Sitzungsstunden vertreibt.

Der Medieninformatiker fühlt sich bestätigt: "Wenn ich aus dem Fenster gucke, schweifen die Gedanken ab, wenn ich zeichne, kriege ich alles mit." Einmal habe ihn in einer Sitzung eine Kollegin angefaucht, er solle ihr doch bitte zuhören - "und als ich dann alles genau wiederholen konnte, war sie baff".

Schon bevor er das Fachblatt hinter sich wusste, gründete Laumer auf Facebook die Seite Sitzungskunst, als kleine Galerie für Nebenbei-Zeichner. Eine Warnung schrieb er dazu: "Vorsicht! In sehr kleinen Runden kann Sitzungskunst störend und gelangweilt wirken. Überzeugen Sie deshalb Ihre Gesprächspartner. Und vor allem: Zeigen Sie Ihre Sitzungskunst!"

Samuraischwert oder Tablett-Förderband?

24 eigene Zeichnungen stellte er zunähst auf die Seite, bei manchen ist er selbst nicht sicher, was sie darstellen: Güterzug, Armband oder Samuraischwert? Ein Förderband für Tabletts, schlägt ein neu gewonnener Fan vor.

Laumer begann, Kritzelbilder von Freunden und Kollegen zu sammeln, die Ersten brachten ihre Bilder ungefragt vorbei. "Mittlerweile komme ich mit dem Hochladen gar nicht mehr nach", sagt er. Nicht jede Kritzelei schafft es auf seine Facebook-Seite: "Zu einfach dürfen die Zeichnungen nicht sein, man muss ja ein bisschen was zum Interpretieren haben."

Georg Franzen beschäftigt sich beruflich mit der Deutung von Kritzelbildern. Er ist Psychologe in Celle, spezialisiert auf Kunstpsychologie und auf unbewusste Ausdrucksformen. Das Besondere am Kritzeln: Es geschieht nebenbei, ohne Vorsatz. Der Zeichner weiß oft selbst nicht, was am Ende dabei herauskommt. "Die gestaltenden Kräfte sind im Grunde dieselben, die auch in unseren Träumen am Werk sind", sagt Franzen.

Kritzelbilder stellten in der Regel Gefühle dar: "Es wird nicht das gekritzelt, was jemand hört, sondern das, was ihn in dem Moment beschäftigt." Das löse innere Spannungen. In der Kunsttherapie werden Patienten zum Kritzeln ermutigt, um Dinge zu verbalisieren, über die sie nicht sprechen können oder wollen.

Ganz entgegen der allgemeinen Annahme, dass Kritzeln ein Zeichen von Nicht-Zuhören ist, meint Franzen, dass Kritzeln Abschweifen verhindert: "Es hilft dabei, sich zu ankern." Wer etwa einem Gesprächspartner gegenübersitzt, der die ganze Zeit redet, könne Struktur gewinnen, indem er Kästchen malt.

Kritzeln in einer Zwischenwelt

Rainer Klages, 45, sieht das etwas anders: Nur eine "faule Ausrede" sei das Argument, Kritzeln helfe bei der Konzentration. Es sei schon ein Ausdruck von Langeweile, sagt der Mathematikdozent an der Londoner Queen Mary University. Er ist selbst bekennender Nebenbei-Zeichner bei Mathe- und Physikvorträgen. Für seine Kritzelbilder hat er sich einen eigenen Namen ausgedacht: "Boring Talk Drawings", kurz Botadras. Besonders gelungene Bilder scannt er ein und stellt sie auf seine Internetseite.

"Beim Kritzeln bin ich in einer Art Zwischenwelt, nicht 100 Prozent beim Vortrag, aber auch nicht 100 Prozent beim Zeichnen", sagt Klages. Manchmal sei es aber auch ganz gut, sich zwei Minuten nur auf das Kritzeln zu konzentrieren und dann in einen Vortrag neu einzusteigen.

Wie Laumer weiß auch Klages nicht so genau, was seine Kritzeleien eigentlich darstellen. Ohne den Zeichner und die Situation zu kennen, in der das Bild entstand, könne man Kritzelbilder nur schwer deuten, sagt Psychologe Franzen: "Das ist wie in der Traumdeutung."

Einige Interpretationen aus der Traumforschung könne man aber auch auf Kritzeleien anwenden: Wer Spiralen zeichne, sei eher nach innen gerichtet, introvertiert, denke viel nach. Dreiecke, Quadrate und Rechtecke lassen darauf schließen, dass der Zeichner ein logisch denkender, rationaler Mensch ist, der vielleicht mehr auf Gefühle achten sollte. Zacken stehen für Aggressionen, Gesichter für den Wunsch nach Geselligkeit, Gitter für das Gefühl, eingeengt zu sein.

Vorsicht vor Leuten, die den eigenen Namen kritzeln

Zu ähnlichen Ergebnissen ist auch Alfred Gebert, Psychologe an der Fachhochschule des Bundes in Münster, gekommen. Weil nach seinen Vorlesungen auf den Tischen immer wieder bemalte Schnipsel lagen, kam er auf die Idee, die Kritzeleien einmal genauer zu untersuchen. Er sammelte die Bildchen ein, auf die Rückseite schrieb er die Namen der Zeichner: "Bei uns hat jeder ein Namensschild vor sich stehen, da ist die Zuordnung leicht."

Dann ließ er die Studenten einen psychologischen Test machen, 36 Fragen lang. Mit einem Punktesystem sortierte er sie in fünf Kategorien: extrovertiert, verträglich, gewissenhaft, emotional stabil, offen für Neues.

Die Ergebnisse verglich Gebert mit den Bildern. Die introvertierten Studenten hatten Kringel, Kreise, Spiralen und Tiere gekritzelt, die gewissenhaften Rechtecke, Dreiecke und Augen. Sterne und Gesichter waren es bei den Studenten, die er als offen für Neues einstufte. "Aufpassen muss man, wenn jemand ständig seinen eigenen Namen kritzelt. Das lässt nämlich darauf schließen, dass derjenige sehr von sich selbst eingenommen ist", sagt Gebert.

In einem zweiten Test ließ der Psychologieprofessor seine Studenten bei Telefongesprächen kritzeln. Einen ähnlichen Versuch hatte 2009 Jackie Andrade, Psychologieprofessorin der Universität von Plymouth, unternommen. Das Ergebnis beider Studien: Wer während des Gesprächs zum Stift greift, kann sich an einzelne Details später besser erinnern.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. ...und letztlich ist alles ein Phallussymbol...
JocMet67 29.11.2011
Klar, darauf haben alle gewartet: da muss jetzt wieder ein Psycho seinen Senf dazu geben. Und das alles analysieren. Sonst nichts besseres zu tun? Zu gelangweilt im eigenen Job? Selber zu viel nebenher gekritzelt? OK, "brain-man", dann hier mal was zum Totanalysieren, nachdem ich ja anscheinend ein "Egoist" bin, weil ich notorisch und fast immer meinen Namen male. ABER: den saue ich nicht einfach so hin - den schmuecke ich richtig gut aus: perspektivisch, im Art-Deko-Stil, Punk-Variante, Fraktur, alles, was mir so einfaellt. Und jetzt? Was bin ich? "Kreativer Egoist", "verklemmter Kuenstler", "Schizo",...? Come on, "brain-man", lass sehen...
2. ein echt alter Hut ... nur keiner wollte es bisher wahrhaben
x-beliebig-und-anonym 29.11.2011
Zitat von sysopOb Informatiker, Pfarrer oder Neurologe: Bei öden Meetings greifen alle gern zum Stift. Was sie da kritzeln, wissen die Nebenbei-Zeichner*oft selbst nicht genau.*Sechs Bürokünstler zeigen ihre schönsten Werke - und Psychologen verraten, wie man sie deuten kann. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,798384,00.html
Schon vor 20 Jahren habe ich in Vorträgen für Lehrer über ADHS immer wieder betont, dass sie diesen Kindern solche Selbststimulationen gestatten möchten, die andere und den Unterricht nicht unmittelbar stören. Allen voran das Kritzeln. ADHS Kinder kritzeln, schaukeln, kauen Nägel oder Bleistifte, oder zupfen sich an den Haaren - nicht weil sie keine Lust haben, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, sondern um sich überhaupt besser konzentrieren zu können! Während die Eltern dieser Kinder das leicht nachvollziehen konnten - typischerweise kritzelten praktisch alle Erwachsenen ADHS-ler extrem beim Telefonieren -, erntete man bei Lehrern und Eltern von nicht-ADHS-Kindern dafür meist eher skeptische Blicke. Dass es glatte 20 Jahre dauerte, bis so eine Information wie diese es bis in den Spiegel brachte, das ist das eigentlich erstaunliche.
3. Oder noch was anderes
Kirk70 29.11.2011
Zitat von x-beliebig-und-anonymSchon vor 20 Jahren habe ich in Vorträgen für Lehrer über ADHS immer wieder betont, dass sie diesen Kindern solche Selbststimulationen gestatten möchten, die andere und den Unterricht nicht unmittelbar stören. Allen voran das Kritzeln. ADHS Kinder kritzeln, schaukeln, kauen Nägel oder Bleistifte, oder zupfen sich an den Haaren - nicht weil sie keine Lust haben, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, sondern um sich überhaupt besser konzentrieren zu können! Während die Eltern dieser Kinder das leicht nachvollziehen konnten - typischerweise kritzelten praktisch alle Erwachsenen ADHS-ler extrem beim Telefonieren -, erntete man bei Lehrern und Eltern von nicht-ADHS-Kindern dafür meist eher skeptische Blicke. Dass es glatte 20 Jahre dauerte, bis so eine Information wie diese es bis in den Spiegel brachte, das ist das eigentlich erstaunliche.
Die gibt es sicherlich. Es gibt aber auch misshandelte Kinder die ähnliche Symptome zeigen können. Und die werden von Psychologen mit so einer Diagnose wieder entwertet, da manche Verhaltensauffälligkeiten "normal" sind, wenn man - gar von eigenen Eltern - misshandelt wurde. Hat auch eine sogenannte ADHS Expertin mal bei Phoenix in einer Runde mehrmals gesagt, wo keiner drauf einging. Bezeichnend! Immer ganz vorsichtig mit Schnellschüssen und dem bequemen "ist ja ADHS und sind Gott sei dank keine Misshandlungsfolgen (an die man als Therapeut konfrontativ ran gehen müsste)". Sie meine ich damit nicht.
4. .
Andr.e 29.11.2011
Danke für diesen Text. Je nachdem, welche versteckte Botschaft ich meinem Gegenüber ob meiner Eigenschaften zulassen kommen möchte, verwende ich ab sofort Kritzeleien, Dreiecke oder meinen Namen...
5. Eben! Das ist es
Kirk70 29.11.2011
Zitat von Andr.eDanke für diesen Text. Je nachdem, welche versteckte Botschaft ich meinem Gegenüber ob meiner Eigenschaften zulassen kommen möchte, verwende ich ab sofort Kritzeleien, Dreiecke oder meinen Namen...
Egomanen - oder wie Psychologen sagen Narzissten - wissen das meistens und beobachten ihr Umfeld sehr genau. Merke: Zu jedem Selbstdarsteller gehört das Repertoire sich nicht selbst darstellend selbst darzustellen! In diesem Beispiel: Er würde mit Absicht Sterne kritzeln und dafür sorgen, dass das das Umfeld mit bekommt.
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