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Filmausstatter für Medizin-Serien Eine Knochensäge und zwei Bettpfannen, bitte

Requisitenfundus: Skalpell bitte, sofort! Fotos
Annick Eimer

Ob "Schwarzwaldklinik" oder "Tatort": Wer einen einzelnen Unterarm braucht oder eine Notarztzange, wird bei Shai Sinai fündig. Er verarztet Filmproduktionen mit Medizingeräten. Und kann auf Knopfdruck einen Herzstillstand auslösen.

Shai Sinai wartet darauf, dass es klingelt. Hinter ihm eine Bücherwand mit medizinischen Fachbüchern in schweren Ledereinbänden. Als Buchstütze auf seinem Schreibtisch dient ein Glas, in dem ein toter grauer Embryo schwimmt. Seine Bürobeleuchtung: Eine OP-Lampe.

Wenn es klingelt, ob an Telefon oder Tür, muss es häufig ganz schnell gehen. "Wir brauchen fünf Scheren, zehn Skalpelle und ein Beatmungsgerät. Sofort!", heißt es dann.

Sinai betreibt eine Ambulanz. Sein Büro sieht aus wie das eines Landarztes, der zur Not auch mal selber zum Skalpell greift. Doch Sinai ist kein Mediziner, sein Telefon keiner Notrufnummer angeschlossen, und bei ihm landen auch keine Schwerverletzten. Er kümmert sich um medizinische Notfälle am Filmset.

Sinai versorgt Requisiteure mit allem, was sie benötigen, um im Film Arztpraxen und Krankenhäuser auszustatten. Film-Ambulanz - so der Name seines Unternehmens. "Die großen Produktionen sind meist von langer Hand geplant. Aber bei den kleineren muss es häufig ganz schnell gehen", sagt der 49-Jährige.

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Ausstatter beim Film: Stars in der Garage
Rund 400 Quadratmeter groß ist Sinais Reich, das sich in der ersten Etage einer Fabrikhalle im Hamburger Osten befindet. Meterhohe Lagerregale säumen die Wände der fünf Räume, die alle vollgestopft sind mit Dingen, die irgendwas mit Medizin zu tun haben, etwa eine Million Einzelstücke. In der Esoterik-Ecke stehen Gläschen voller Globuli, kleine Buddhas und alte chinesische Teekännchen. Eine andere Ecke ist mit Laborbedarf gefüllt: Destillierkolben, Pipetten und Röhrchen.

Einstiegsdroge: "Schwarzwaldklinik"

In einer Vitrine liegen abgetrennte Körperteile, täuschend echt sehen sie aus. Das OP-Zubehör füllt einen ganzen Raum. Vom Ultraschallgerät über die Knochensäge bis hin zu einem Computertomographen findet sich hier alles, was in einem richtigen Operationssaal gebraucht wird. Und alle Geräte funktionieren - zumindest so, wie es der Film verlangt. Der Computertomograph zum Beispiel wurde umgebaut: Auf Knopfdruck blinken ein paar rote Dioden. Ein bläuliches Laserfadenkreuz markiert auf dem Körper des Patienten-Darstellers die zu untersuchende Stelle. Die Motoren, die in einem gewöhnlichen Tomographen die Röntgengeräte im Affenzahn im Kreis drehen lassen, wurden ausgebaut. Zu schwer und vor allem viel zu laut - für Filmaufnahmen unbrauchbar.

Seit acht Jahren betreibt Sinai seinen Fundus. Mit dem Sammeln hat er aber schon viel früher begonnen - bei seinen Anfängen im Film-Business in den achtziger Jahren. Damals war der Israeli der Liebe wegen nach Deutschland gekommen. Eine Hamburgerin hatte ihm in einem Kibbuz den Kopf verdreht. So richtig Lust aufs Berufsleben hatte er damals nicht. "Nach drei Jahren Militärdienst im Krieg gegen den Libanon hatte ich das Gefühl, dass das Leben gerade erst beginnt."

Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs und Praktika durch. Einer dieser Jobs brachte ihn zu der erfolgreichsten Krankenhausserie im deutschen Fernsehen: "Die Schwarzwaldklinik". Als Requisiten-Assistent half er, die Innenszenen auszustatten - sie wurden komplett in einem Hamburger Studio gedreht.

Die Krankenhausserien sind seither seine Spezialität. Festangestellt als Requisiteur war er zuletzt für die Ausstattung der ARD-Vorabendserie "Sankt Angela". Sinai erinnert sich: "Wir mussten quasi ein ganzes Krankenhaus zusammenstellen. Es war wahnsinnig schwierig, an das ganze Material zu kommen." Nach Drehende entschloss er sich, die komplette Requisite aufzukaufen und die Film-Ambulanz zu gründen.

Patientenmonitor und Pipette

Seitdem sind Sinais Sammelleidenschaft keine Grenzen gesetzt. Er kauft Material aus Film-Produktionen auf und steht im ständigen Kontakt mit Krankenhäusern und Medizingeräte-Herstellern, die ihm ausrangierte Geräte liefern. Bei Ebay ersteigert er besonders seltene und alte Stücke.

Die Film-Ambulanz hat feste Öffnungszeiten. Montag bis Donnerstags von 9 bis 17 Uhr, Freitags bis 16 Uhr. "Das ist wichtig, so können die Requisiteure spontan vorbeikommen." Zeitweise geht es zu wie im Taubenschlag. Es klingelt, ein kurzes Gespräch an der Gegensprechanlage, der Lastenaufzug rattert. Ein Requisiteur bringt Krankenbett, Beatmungsgerät, Patientenmonitor und Untersuchungslampe zurück. Mit einem Laborwägelchen fährt er anschließend durch die Gänge und sammelt neues Material ein. Am Ende wird in Sinais Büro genau Buch geführt. Ein Set Schnappdeckel-Gläschen kostet 50 Cent, die teuersten Requisiten einige hundert Euro, Beratung inklusive.

Hebammen-Koffer unbekannter Herkunft

Gerade bei historischen Filmen sind sein Fachwissen und seine Bibliothek gefragt. Er zeigt auf einen kleinen geflochtenen Koffer. "Ein Hebammen-Koffer. Keiner weiß, wie alt der wirklich ist. Aber ich habe ein Buch von 1889, in dem genau so ein Koffer abgebildet ist."

Alle Filme, in denen Stücke aus seiner Sammlung zum Einsatz kommen, schaut er sich an. Und wundert sich manchmal: "In fast jeder Arztpraxis, die im Film gezeigt wird, steht ein Skelett. Haben Sie schon einmal in einer richtigen Arztpraxis ein Skelett gesehen?" Manchmal entdeckt er auch Fehler. Einmal beispielsweise wurde bei ihm eine alte Waage ausgeliehen, deren Zeiger für den Transport sicherheitshalber fixiert wurden. Die Waage war in dem Film mehrmals in Großaufnahme zu sehen, und der Zeiger stand immer auf 120 Kilogramm. "Da hätte einfach mal jemand an der Schraube drehen müssen", sagt Sinai kopfschüttelnd. Und fügt hinzu: "Fehler fallen mir meistens dann auf, wenn der Film auch schlecht ist."

In seinem Büro hat er daher eine große Tafel aufgestellt - mit mahnenden Worten von Charlie Chaplin. "Filmemacher", lauten sie, "sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme vorspielen wird."

  • David Einsiedler
    KarriereSPIEGEL-Autorin Annick Eimer (Jahrgang  1975) ist freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
c.PAF 12.07.2013
Zitat von sysopAnnick EimerOb "Schwarzwaldklinik" oder "Tatort": Wer einen einzelnen Unterarm braucht oder eine Notarztzange, wird bei Shai Sinai fündig. Er verarztet Filmproduktionen mit Medizingeräten. Und kann auf Knopfdruck einen Herzstillstand auslösen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/krankenhaus-im-film-so-werden-medizin-drehs-ausgestattet-a-910606.html
Jetzt echt? Oder kann er damit doch nur ein Gerät einen Herzstillstand vortäuschen lassen?
2. Unterarm leuchtet ein,
tepnor 12.07.2013
aber bitte was ist eine Notarztzange?
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